Gastbeitrag zum „City of Light“-Festival von GODsPOWER mit Lukas Repert
(Bildquelle: cityoflight.de) An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Gastbeitrag von Robin Eschenbach. Robin hat die Missionsveranstaltung “City of Light” vom 21. bis 24.05.2026 in Berlin beobachtet. Veranstalter des Events war die Organisation “GODsPOWER” unter Leitung von Lukas Repert. Auch zahlreiche weitere Personen und Gruppen, die uns bei FundiWatch immer wieder begegnen, waren mit dabei. Selbst für die Kleinsten war im Bereich des “KidsFestival” “gesorgt”. Vielen Eltern dürfte zunächst nicht mal aufgefallen sein, um was für eine Veranstaltung es sich dort handelte…
Das City of Light-Festival findet regelmäßig an verschiedenen Orten in Deutschland statt. Bereits dieses Wochenende findet vom 19. bis 21.06.2026 das City of Light in Nürnberg statt.
Vielen Dank an Robin für den Bericht!
Techno oder Jesus? Diesmal: Jesus.
Gastbeitrag von Robin Eschenbach
Der Platz vor dem Brandenburger Tor zeigt sich an diesem Nachmittag in seinem üblichen Charme: jemand macht Riesenseifenblasen, Teenager spielen halbherzig Fußball, und ich werde auf dem Weg über den Pariser Platz innerhalb von fünf Minuten von drei Menschen – einem von diekreative, einem von Saddleback und einem von einer Gruppe, die er lieber nicht nennen wollte – zu einem Konzert eingeladen, das „gleich beginnt“. In Berlin bedeutet das entweder Techno oder Jesus. Diesmal: Jesus.
Quelle: https://www.cityoflight.de/
Schon der Auftakt macht klar, wie schwer der Job des modernen Evangelisten im Lausanner sehr gefürchteten “säkularen Gürtel Mitteleuropas” ist. Dieser ist spirituell betrachtet ungefähr das, was Brandenburg für mediterrane Weinbauern ist. Während frühere Missionare noch auf Menschen trafen, die Angst vor Hölle und Ernteausfällen hatten, steht man heute vor Berliner*innen mit Noise-Cancelling-Kopfhörern und einem tief verinnerlichten „Lass mich einfach in Ruhe“. Aus Sicht der Lausanner Bewegung gilt Europa inzwischen als eines der strategisch schwierigsten Missionsfelder überhaupt. Weil viele Menschen das Christentum nicht mehr als gute Nachricht, sondern als moralisch fragwürdig, intellektuell naiv und emotional irrelevant wahrnehmen (vgl. Lausanne Movement. Europe).
Gemeinsam “Seelen retten” – aber psssst…!
Die Bühne gehört „City of Light“, einem evangelistischen Straßenfestival von GODsPOWER rund um Lukas Repert. Dahinter steht ein Netzwerk freikirchlicher Organisationen, das in Berlin gut miteinander verbunden ist.
Ganz überraschend kommt das nicht: Seit Wochen wurde auf Plakaten und auf Spotify-Werbung „das Event, das Berlin noch fehlt“ angekündigt – mit „authentischen Geschichten“ und „mitreißender Musik“.
Der evangelikale Hintergrund blieb bei der Spotify-Werbung auffallend diskret. Als wolle man erst beim dritten Song erwähnen, dass es eigentlich um die Rettung unsterblicher Seelen geht.
Quelle: Instagram / City of Light
KidsFestival für die Jüngsten – Überraschungsgast Jesus?
Auf dem KidsFestival begegnet einem dieselbe Strategie von Intransparenz.
Man sieht Kinder in Zorb-Bällen über die Wiese rollen, auf Hüpfburgen, beim Kinderschminkstand oder einander mit Rasierschaum und Popcorn bewerfen. Bratwurst, Zuckerwatte und Getränke gibt es für lau. Kurz gesagt: Es wirkt wie jedes andere Berliner Familienfest – nur mit besserem Catering.
Was man dagegen nicht sieht, ist irgendein Hinweis darauf, dass es sich um eine “christliche” Veranstaltung handelt. Kein Banner, keine offensichtliche Einladung zum Glauben, kein Hinweis auf die Veranstalter. Erst im Bühnenprogramm wird zwischen Spielen und Animation plötzlich gebetet, gesungen und dazu eingeladen, Jesus in das Herz aufzunehmen. Man gewinnt den Eindruck, dass die Veranstalter das Konzept der Überraschungsparty konsequent zu Ende gedacht haben. Nur dass am Ende nicht der Clown aus der Torte springt, sondern die Evangelisation. Zu spät, um seine negative Religionsfreiheit bzw. die von Kindern – manche gerade einmal vier Jahre – ansatzweise zu schützen.
Die Anzahl der evangelisierten Kinder wird am nächsten Tag durchaus stolz in einer der Berliner Gemeinden als Erfolgskennzahl vor sich hergetragen. Man fragt sich, warum – bei aller Versammlungsfreiheit – die Berliner Versammlungsbehörde nicht zumindest auf eine klare Beschilderung gedrängt hat.
“Rettung” von Drogensucht, Spielsucht und “Perversion” im Dringlichkeitsmodus
Zurück vor dem Brandenburger Tor: bereits das Tanzteam erklärt dem spärlichen Publikum, dass Drogensucht, Spielsucht und Perversion (= Homosexualität, vgl. Sommer-Special 2024 von diekreative) Ausdruck desselben geistlichen Elends seien, aus dem man durch ein Leben mit Jesus gerettet werden könne.
Die Worship-Musik hallt über den Platz wider am Hotel Adlon, an der US-Botschaft und an der Akademie der Künste. Dort läuft zeitgleich eine Installation über verbotene Wörter unter der Trump-Administration – inklusive Aufrufen zu Meinungsfreiheit und dem Satz: „Wo Sprache zensiert wird, ist Demokratie in Gefahr.“ Man kann sich schwer des Eindrucks erwehren, dass hier versehentlich das perfekte Gegenprogramm entstanden ist: drüben die Warnung vor ideologischer Kontrolle, hier die Einladung zur totalen Hingabe. Berlin inszeniert seine Ironie zuverlässig selbst.
Dann übernimmt Lukas Repert selbst, der Initiator des Festivals. Der Platz füllt sich langsam, bis irgendwann vielleicht 200 oder 300 Menschen erreicht sind – die meisten davon mit „Follow-Up“-Schildern um den Hals oder im „City of Light“-Shirt.
Es folgt eine Dramaturgie, die weniger auf Diskussion als auf emotionale Überwältigung setzt: anschwellende Musik, immer gleiche Einladung, sich „ins Licht“ retten zu lassen und dazu Reperts Dringlichkeitsrufe wie „Yes, yes, yes!“ oder „Now, now, now!“. Einzelne Personen werden auf die Bühne gezogen, während jede*r den Nachbarn fragen soll, ob er „eigentlich jetzt dort oben stehen sollte“. Evangelisation wirkt hier weniger wie Glaubenssuche als wie spirituelles Gruppencoaching im permanenten Dringlichkeitsmodus.
Einige bekannte Gesichter aus der (ganz) rechten Ecke sind auch dabei…
In den Tagen des Festivals wird auch der rechtsextreme Christfluencer Leonard Jäger aka Ketzer der Neuzeit das Festival besuchen. Auf seinem Instagram-Kanal postet er über das Festival: “Ein großes Evangelisations-Event mitten in Berlin: Das waren gesegnete und und abenteuerliche Tage!”. Und: “And if our God is for us, then who could ever stop us”.
Quelle: Instagram / ketzerderneuzeit
Und auch von einem weiteren bekannten AfD-Unterstützer wird das Festival unterstützt: Der Prediger Markus Rapp, Leiter der Berliner Freikirche Neues Leben in Hohenschönhausen.
Rapp teilte auf seinem Youtube-Kanal (mit immerhin über 77.000 Abonennt*innen) – auf dem auch bereits mehrfach Lukas Repert zu Gast war – den Life-Stream der Abschlussveranstaltung zum City of Light. Rapp ist offener Unterstützer der AfD (zu Rapp vgl. Frontal v.24.6.2o25 ab Minute 6:10), deren Gruppe Christen in der AfD nach ihrer Abschlussveranstaltung in seiner Gemeinde zu Gast war.
Mit seinem Verein Christus für Europa betreibt Rapp den deutschen Ableger der Online-Bibelschule “International School of Ministry” (ISOM bzw. ISDD), in deren Programm auch Kurse zum sog. Seven Mountain Mandate angeboten werden. Nach dem “Seven Mountain Mandate” sollen Christ*innen auf die verschiedenen Gesellschaftsbereiche Einfluss nehmen, diese transformieren, um sie schließlich wieder mit “christlichen” Vorstellungen und Werten zu dominieren.
Mission Europa: Bootcamp für die Seelenrettung
Lukas Repert taucht als Gastredner bei Gemeinden wie ICF, Every Nation, diekreative oder der Gemeinde auf dem Weg auf. Vor einigen Jahren organisierte er sogar ein Evangelisations-Bootcamp in Tansania für Christ for all Nations – jene Missionsorganisation von Reinhard Bonnke, die jahrzehntelang Massenevangelisation perfektionierte.
Und tatsächlich endet just gleichzeitig mit City of Lights die sechswöchige School of Evangelism von Christ for all Nations in Berlin, für die Lukas Repert neben Gaby Wentland von Mission Freedom, Jean-Luc Trachsel und Ben Fitzgerald (der wiederum eine eigene Mission School, die School of Ministry der Awakening Church hat und sich von der US-Evangelikalen Trump-nahen Bethel Church aus mit seiner Organisation Awakening Europe aufgemacht, Europa zu erretten) als “Instructor” engagiert war.
Rund 30 angehende Berliner Missionar*innen wurden dort für schlappe 3.999 Euro Teilnahmegebühr darin geschult, Hemmungen zu überwinden, Fremde anzusprechen und aktiv Menschen für Jesus zu gewinnen. Seit Wochen wird entsprechend der Alexanderplatz bespielt: mal von amerikanischen Rappern, mal von Chris Schuller (Follow his Call Ministries / Encounter Nights) persönlich – der bereits am Tag 1 der City of Light aufgetreten ist – mal von jungen Missionar*innen in Ausbildung, die noch nicht gelernt haben, dass Berliner Gespräche üblicherweise nach drei ungefragten Sätzen enden.
In den USA, Brasilien oder Nigeria hätte Lukas Repert womöglich ganze Arenen gefüllt. Stattdessen wurde ihm ausgerechnet das Berliner Publikum auf das Herz gelegt: Menschen, die entweder gar kein Deutsch sprechen oder seit Jahren genug davon haben, ungefragt erklärt zu bekommen, wie sie zu leben haben. So zieht die durchschnittliche Berlinerin mit jener stoischen Gleichgültigkeit vorbei, die normalerweise nur Menschen entwickeln, die seit Jahren gleichzeitig mit Straßenmusiker*innen, Zeugen-Jehovas-Ständen, Junggesell*innen-Abschieden und BVG-Ersatzverkehr leben. Man schaut kurz hin, denkt „Aha, heute also Evangelikale“, und geht weiter zur U-Bahn.
Berlin bekehrt sich nicht? Dann eben nächste Woche wieder
Der säkulare Gürtel Mitteleuropas gilt schließlich nicht deshalb als gefürchtet, weil man dort aufgibt, sondern weil man dort immer wieder glaubt, dass es diesmal bestimmt klappt.
Auch in Berlin existiert mittlerweile ein breites Netzwerk entsprechender Gemeinden und Freikirchen mit lautstarker Social Media Präsenz. Dort geht es häufig nicht nur um einen selbstverständlich von der Religionsfreiheit geschützten persönlichen Glauben, sondern um Verbreitung anti-pluralistischer und radikal-konservativer Weltbilder. Gerade vor dem Hintergrund einer zunächst bunten und modern erscheinenden Außenfassade, ist dies für Außenstehende bzw. neu hinzutretende Personen oft kaum erkennbar. Treten dann erste Konflikte auf, ist der Ausstieg für viele alles andere als einfach.
Es heißt also: Wachsam bleiben und über diese Ideologien aufklären. Denn nicht überall, wo Hüpfburgen, Popcorn und Lobpreismusik draufstehen, ist am Ende nur ein harmloser Sonntagsausflug drin.
(Bildquellen: ICF Movement; Stadt Karlsruhe). Wie bereits berichtet, beabsichtigt der Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe bereits am 19.06.2026 über die Anerkennung des International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. (ICF Karlsruhe) als Träger der freien Jugendhilfe zu entscheiden.
Die Stadtverwaltung empfiehlt eine Anerkennung des Vereins. In einem heute veröffentlichten Offenen Brief fordern wir, die Entscheidung zunächst zurückzustellen. Unseres Erachtens bleiben wesentliche Fragen zu den gesetzlichen Anerkennungsvoraussetzungen, zur weltanschaulichen Ausrichtung des Vereins sowie zum Schutz der Rechte junger Menschen bislang ungeklärt.
Im Folgenden veröffentlichen wir den vollständigen Offenen Brief. Dieser kann auch hier heruntergeladen werden. Eine Pressemitteilung vom heutigen Tage findet sich hier.
UPDATE [kurz nach Veröffentlichung]: Kurz nach Versand des Offenen Briefs erfuhren wir, dass der morgige Tagesordnungspunkt für die Beschlussfassung wohl abgesetzt wurde. Im öffentlich einsehbaren Situngskalender ist der TOP hingegen weiterhin aufgeführt.
Offener Brief an die Stadtverwaltung der Stadt Karlsruhe und die Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses
Geplante Anerkennung des International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. als Träger der freien Jugendhilfe
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Mentrup, sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Melchien, sehr geehrte Mitglieder des Jugendhilfeausschusses,
Die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe ist mehr als ein formaler Verwaltungsakt. Sie ist gleichbedeutend mit einem Vertrauensvorschuss des Staates und setzt voraus, dass ein Träger dauerhaft Gewähr dafür bietet, die gesetzlichen Anforderungen der Kinder- und Jugendhilfe zu erfüllen. Dies gilt insbesondere für die Achtung der Rechte junger Menschen, für fachliche Standards, für Schutz- und Beschwerdestrukturen sowie für eine Arbeit, die den Zielen des Grundgesetzes förderlich ist.
Vor diesem Hintergrund halten wir die geplante Anerkennung des International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. (ICF Karlsruhe) gemäß § 75 SGB VIII für hoch problematisch und fordern den Jugendhilfeausschuss auf, die Beschlussfassung zurückzustellen, bis die Anerkennungsvoraussetzungen sorgfältig, öffentlich nachvollziehbar und unter Einbeziehung unabhängiger fachlicher Expertise geprüft wurden.
Das ehrenamtliche und unabhängige Recherchekollektiv FundiWatch beobachtet und dokumentiert Entwicklungen im Bereich des christlichen Fundamentalismus und dessen Auswirkungen auf Gesellschaft, Bildung, Soziale Arbeit und Menschenrechte. Ziel unserer Arbeit ist eine sachliche, quellenbasierte Aufklärung über christlich-fundamentalistische Strömungen und ihre gesellschaftliche Bedeutung.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um die Frage, ob religiöse oder christliche Organisationen grundsätzlich Träger der freien Jugendhilfe sein können. Dies ist selbstverständlich möglich und in Deutschland vielfach gelebte Praxis. Unsere Sorge richtet sich vielmehr auf die konkrete Frage, ob die ideologische Ausrichtung, das Selbstverständnis und die tatsächliche Tätigkeit des ICF Karlsruhe mit den Voraussetzungen einer Anerkennung vereinbar sind und ob die Verwaltung diese Fragen ausreichend geprüft hat.
Überraschend ist dies insbesondere vor dem Hintergrund erheblicher öffentlicher und langjähriger Kritik an der ideologischen Ausrichtung der ICF-Bewegung, die in der Vorlage nicht erkennbar berücksichtigt wird. Im Folgenden möchten wir unsere Sorgen näher begründen und damit eine rechtmäßige, sachliche und dem Schutzauftrag der Kinder- und Jugendhilfe entsprechende Entscheidung des Jugendhilfeausschusses unterstützen.
Wer ist das ICF Karlsruhe?
Das ICF Karlsruhe ist nicht nur eine lokale Freikirche, sondern Teil einer überregionalen, internationalen Bewegung mit gemeinsamer theologischer (Grund-)Ausrichtung und gemeinsamen geistlichen Konzepten.
Als ICF-Standort ist das ICF Karlsruhe Teil der internationalen evangelikal-charismatischen Kirchenbewegung ICF Movement mit Ursprung in Zürich. Die ICF-Bewegung umfasst zahlreiche Standorte im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus. Die einzelnen Gemeinden verstehen sich nicht als voneinander unabhängige Organisationen, sondern als Teil einer gemeinsamen Bewegung („Movement“) mit gemeinsamen theologischen Grundlagen, Leitungsstrukturen, Schulungsangeboten, Konferenzen und einem regelmäßigen Austausch von Prediger*innen. Darüber hinaus ist ICF Karlsruhe selbst Träger weiterer Standorte. So werden auch die Standorte ICF Kraichgau, Rhein-Neckar und Südpfalz rechtlich über den Verein ICF Karlsruhe e.V. geführt.
Zu den prägenden Persönlichkeiten der Bewegung gehören insbesondere der ICF-Gründer Leo Bigger (ICF Zürich) sowie weitere einflussreiche Leiter wie Tobias Teichen (ICF München), die ebenfalls wiederholt das ICF Karlsruhe aufsuchten. Darüber hinaus treten weitere führende Vertreter der Bewegung regelmäßig standortübergreifend auf und prägen so die theologische Ausrichtung der einzelnen Gemeinden.
Das ICF Karlsruhe ist eng in diese Strukturen eingebunden. Das zeigt sich bereits auf der Webseite, die zahlreiche Verlinkungen auf die Seite des ICF-Movement enthält. Solche Vernetzungen zeigen sich auch auf gemeinsamen Events, für die auch das ICF Karlsruhe wirbt, wie beispielsweise der für Mai 2027 in Zürich geplanten „ICF Conference“. Auf dieser sind neben den bereits erwähnten ICF-Pastoren weitere umstrittene Akteur*innen der evangelikalen Bewegung als Speaker angekündigt, wie beispielsweise der teils rechtspopulistisch auftretende Leiter des Augsburger Gebetshauses Johannes Hartl oder auch Dr. Stefan Vatter, auf dessen Konferenzen mit seinem „Apostolischen Konvent“ auch die rechtskatholische und im österreichischen Rechtsextremismusbericht des DÖW erwähnte österreichische Politikerin Gudrun Kugler auftritt.
Geleitet wird das ICF Karlsruhe durch das Ehepaar Steffen und Sybille Beck. Steffen Beck ist zugleich Co-Vorsitzender der Evangelischen Allianz Karlsruhe, der Ortsallianz des evangelikalen Netzwerks Evangelische Allianz Deutschland (EAD). Sybille Beck leitet den Verein Kinder und Jugend Arche Karlsruhe e.V., der ebenfalls eng mit dem ICF Karlsruhe verbunden ist und seinen Sitz an derselben Adresse hat. Aus diversen Predigten zum Thema Sexualität ergibt sich deutlich eine radikal konservative und heteronormative Sexualethik. Sybille Beck vertritt öffentlich die Auffassung, Scheidung in der Ehe solle grundsätzlich „keine Option“ sein und berichtet davon, wie Gott sie von „dämonischen Belastungen“ geheilt habe.
Das ICF Karlsruhe versteht sich ausdrücklich als Kirche und missionarische Glaubensgemeinschaft. Laut Verwaltungsvorlage gehören gemäß Satzung unter anderem die Verbreitung der biblischen Botschaft, missionarische Veranstaltungen, christliche Seelsorge und Schulungen zum christlichen Leben zu den Vereinszwecken. Die Kinder- und Jugendarbeit wird auf der Webseite des ICF Karlsruhe ausdrücklich mit dem Ziel verbunden, Kinder und Jugendliche an den christlichen Glauben heranzuführen und sie in ihrer Beziehung zu Jesus Christus zu fördern. „ICF Kids“ richtet sich an Kinder von 0 bis 15 Jahren; Ziel ist ausdrücklich, dass Kinder „Jesus Christus als ihren besten Freund kennenlernen“. Auch Kleinkinder sollen einen „Schöpfergott“ und „Vater im Himmel“ kennenlernen. Zudem ist auf der Seite eine Broschüre zum Thema „Mit Kindern über Sexualität reden“ des Vereins Weißes Kreuz verlinkt – eines evangelikalen Beratungswerks, das homosexuelle Beziehungen theologisch nicht als gleichwertig zur Ehe zwischen Mann und Frau anerkennt und eine konservative Sexualethik vertritt. „ICF Youth“ richtet sich an 13- bis 19-Jährige; Ziel ist, „Jesus ähnlicher“ zu werden, Gott zu erleben, das eigene Umfeld positiv zu beeinflussen und Bibel/Inputs/Worship zu haben.
Für Personen ab 14 Jahren bietet ICF Karlsruhe das Seminar „Gottes Stimme hören“ mit Prophetie, hörendem Gebet und praktischen Übungen an. Paarangebote beschreibt ICF Karlsruhe ausdrücklich als Suche nach dem „Platz als Mann und Frau“ und formuliert: „Gott hat die Ehe zwischen Mann und Frau … geschaffen“.
Vor diesem Hintergrund stellt sich unseres Erachtens die Frage, ob die Kinder- und Jugendarbeit des ICF Karlsruhe überhaupt einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit bildet oder ob sie überwiegend Bestandteil der kirchlichen und missionarischen Arbeit der Gemeinde ist. Gerade diese Abgrenzung ist für eine Anerkennung nach § 75 SGB VIII wesentlich.
Ergänzend sei auf die Veröffentlichungen des Bayerischen Landesjugendamts zu Gefährdungen des Kindeswohls in konfliktträchtigen religiösen / weltanschaulichen Gruppen hingewiesen, die sich teils auch ausdrücklich mit (christlich-)fundamentalistischen Ideologien befassen. Solche Hinweise machen eine vertiefte Prüfung nicht entbehrlich, sondern umso notwendiger – wofür im Übrigen die erst kürzlich erfolgte behördliche Schließung eines Kinder- und Jugendheims einer christlich-fundamentalistischen Organisation im Allgäu aufgrund des Verdachts kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden ein mahnendes Beispiel sein dürfte.
Kritik an der ICF-Bewegung und Stellungnahmen von Fachstellen
Die ICF-Bewegung ist seit vielen Jahren Gegenstand religionswissenschaftlicher Beobachtung sowie der Auseinandersetzung durch Fach- und Beratungsstellen zu religiösen Gemeinschaften. Wiederholt wurden Kritikpunkte ehemaliger Mitglieder und externer Fachleute dokumentiert. Diese betreffen unter anderem Fragen des Umgangs mit Autorität und Macht, Gruppenbindung, religiösem Anpassungsdruck, Geschlechterrollen sowie den Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt.
Auch die Schweizer Fachstelle InfoSekta hat sich wiederholt mit der ICF-Bewegung befasst. In Veröffentlichungen der Fachstelle sowie in öffentlichen Stellungnahmen werden unter anderem ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken sowie Berichte ehemaliger Mitglieder über sozialen und religiösen Anpassungsdruck und eine strikte „Purity Culture“ (Keuschheitskultur) thematisiert. Zusammenfassend hält InfoSekta in einer Stellungnahme fest:
„Bei näherer Betrachtung der ICF zeigt sich, dass hinter der glitzernden und gewinnenden Oberfläche eine problematische Gruppe steht, die mittels einer dualistisch angelegten Lehre und subtilen Druckmitteln die Gläubigen an sich bindet.“
Das ICF Karlsruhe versteht sich primär als Kirche
Das ICF Karlsruhe beschreibt sich selbst als evangelische Freikirche und Teil der internationalen ICF-Kirchenbewegung.
Laut Verwaltungsvorlage umfassen die Satzungszwecke unter anderem:
die Verbreitung der biblischen Botschaft,
missionarische Veranstaltungen,
christliche Seelsorge,
Schulungen zum christlichen Leben.
Auch die Kinder- und Jugendarbeit wird ausdrücklich mit dem Ziel verbunden, Kinder und Jugendliche an den christlichen Glauben und dessen Weiterverbreitung heranzuführen.
Damit geht es nicht lediglich um eine wertgebundene pädagogische Arbeit, sondern um die Frage, ob Jugendhilfe hier eigenständiger Vereinszweck oder Bestandteil kirchlicher Missions- und Gemeindearbeit ist. Nach Ziffer 2.1.5 der bereits erwähnten AGOLJB-Grundsätze können Vereinigungen, „die überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dienen“, nicht als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt werden. Diese Grundsätze sind keine Rechtsnorm, werden jedoch vom KVJS als fachliche Orientierung für Anerkennungsverfahren in Baden-Württemberg bereitgestellt. Gerade bei einem Verein, der sich selbst in erster Linie als Kirche versteht und auch seine Jugendarbeit in erster Linie religiös-missionarisch ausrichtet, hätte diese Frage unseres Erachtens einer besonders sorgfältigen und nachvollziehbaren Prüfung bedurft.
Konservative Sexualethik und Umgang mit Vielfalt
ICF Karlsruhe vertritt öffentlich ein Eheverständnis, wonach die Ehe von Gott als Verbindung zwischen Mann und Frau geschaffen wurde.
Zugleich ist die Gemeinde in internationale evangelikal-charismatische Netzwerke eingebunden, in denen vielfach konservative Positionen zu Geschlechterrollen, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Vielfalt vertreten werden.
Zu den bei ICF Karlsruhe aufgetretenen Referent*innen gehören unter anderem umstrittene Evangelikale wie beispielsweise:
Leo Bigger (ICF Zürich),
Tobias Teichen (ICF München),
Jana Hochhalter aka „Jana Highholder“ (u.a. liebezurbibel),
Johannes Hartl (u.a. Gebetshaus Augsburg),
Maria Prean (österreichische Missionarin)
u.v.m.
Darüber hinaus bestehen weitere Zusammenarbeiten und Verbindungen auch mit Akteur*innen aus dem US-Evangelikalen Umfeld. So trat 2019 das „Ministry Team“ der kalifornischen Trump-nahen Bethel Church in der ICF Karlsruhe auf. Ein Auftritt des Leiters Bill Johnson der Bethel Church 2024 auf der UNUM24 in München sorgte für erhebliche Kritik (weitere Infos zur UNUM24, die auch vom ICF München unterstützt wurde, auch hier).
Mehrere dieser Personen haben sich öffentlich ablehnend gegenüber queeren Lebensweisen, modernen Genderkonzepten oder gleichgeschlechtlichen Beziehungen geäußert oder stehen für Milieus, in denen entsprechende Positionen verbreitet sind. Dies begründet keine automatische Gleichsetzung mit sämtlichen Positionen des ICF Karlsruhe. Es verdeutlicht jedoch, in welchem theologischen und weltanschaulichen Umfeld sich die Gemeinde bewegt.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage angebracht, wie ICF Karlsruhe die Rechte und Bedürfnisse queerer Jugendlicher berücksichtigt und welche konkreten Konzepte bestehen, um Vielfalt, Diskriminierungsfreiheit, sexuelle Selbstbestimmung und den Schutz vulnerabler junger Menschen zu gewährleisten.
Diese Angebote beruhen auf der Vorstellung übernatürlicher, auchdämonischer Mächte und werden von verschiedenen Fachstellen und kirchlichen Beratungsstellen kritisch diskutiert, da sie sich außerhalb professioneller psychologischer, sozialpädagogischer und seelsorgerlicher Standards bewegen.
Aus der internationalen Webseite von De Silva geht hervor, dass der „Befreiungsdienst“ im Modell der „Vier Türen“ auch zur „Befreiung von der Sünde der Homosexualität“, also eine Veränderung bzw. Unterdrückung der sexuellen Orientierung angewendet wird. Die verschiedenen „Türen“ stehen demnach für verschiedene Sündenbereiche, wobei zu den sexuellen Sünden neben beispielsweise Ehebruch und Vergewaltigung auch Homosexualität gehören soll. In Deutschland sind auf die Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung gerichtete Praktiken bei Minderjährigen sowie die Bewerbung entsprechender Angebote nach dem Konversionsbehandlungsschutzgesetz verboten. So wundert es nicht, dass die explizite Erwähnung dieses „Einsatzgebietes“ auf deutschen Webseiten nicht erwähnt wird, das sogenannte „Modell der vier Türen“ aber durchaus.
Vorkommnisse von Konversionsbehandlungen in der ICF sind in der PULS-Doku „Inside Freikirche ICF“ in der ICF Augsburg dokumentiert: An einem Journalisten, der sich dort als homosexuell empfindend ausgab, wurde eine Art „Exorzismus“ durchgeführt, um ihn von Dämonen zu befreien.
Für ein Anerkennungsverfahren nach § 75 SGB VIII stellt sich daher die Frage, ob die Verwaltung geprüft hat, welche Rolle solche Angebote im Umfeld der Kinder- und Jugendarbeit spielen und wie junge Menschen auch vor geistlichem Druck, Grenzüberschreitungen, einer Vermischung von Seelsorge und Beratung und verbotenen Konversionsbehandlungen geschützt werden.
Dualistisches und antipluralistisches Weltbild
Im Hinblick auf die Anerkennungsvoraussetzung des § 75 Abs. 1 Nr. 4 SGB VIII ist zudem die gesellschaftspolitische Ausrichtung des ICF Movement relevant. Danach muss ein Träger Gewähr für eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit bieten. Vor diesem Hintergrund ist zu prüfen, ob im Umfeld des ICF verbreitete theologische und gesellschaftspolitische Konzepte mit Pluralismus, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und den Rechten junger Menschen vereinbar sind.
Besondere Bedeutung hat insoweit eine u.a. in Bezug genommenen Vision eines sogenannten „Seven Mountain Mandate“. Demnach seien Christ*innen berufen, die zentralen Gesellschaftsbereiche Regierung, Medien, Wirtschaft, Bildung, Kunst & Unterhaltung, Familie und Religion zu transformieren um auf diese Weise das „Reich Gottes“ auf der Erde auszubreiten. Leo Bigger predigte Ende 2025 in der ICF Zürich über genau diese Ideologie.
Die Theologin Dr. Maria Hinsenkamp bezeichnet diese stark von einem dualistischen Weltbild geprägte religiöse Bewegung in ihrer Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ als „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: KiNC, vgl. dazu auch hier). Die ICF sieht Hinsenkamp als einen der zentralen Akteure der KiNC im deutschsprachigen Raum. Solche Analysen machen deutlich, dass die Verwaltung prüfen und offenlegen müsste, ob und inwiefern entsprechende weltanschauliche Konzepte in der Kinder- und Jugendarbeit des ICF Karlsruhe eine Rolle spielen.
Unzureichende Auseinandersetzung mit den Anerkennungsvoraussetzungen durch die Verwaltung der Stadt Karlsruhe
Vor diesem Hintergrund ist für uns nicht erkennbar, dass sich die Verwaltungsvorlage mit den aufgeworfenen Fragen in der erforderlichen Tiefe auseinandergesetzt hat. Sie beschränkt sich im Wesentlichen auf eine formale Darstellung der Vereinsstruktur und der angebotenen Tätigkeiten. Eine vertiefte Würdigung des kirchlich-missionarischen Selbstverständnisses, der ideologischen Einbindung des ICF Karlsruhe in das ICF Movement, der konservativen Sexualethik, der spirituellen Beratungsangebote sowie der möglichen Konflikte mit den Zielen der Kinder- und Jugendhilfe erfolgt nicht.
Ebenso wenig ist aus der Vorlage ersichtlich, ob die Verwaltung geprüft hat, ob die Kinder- und Jugendarbeit tatsächlich einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit bildet oder ob sie überwiegend Bestandteil der Lehre und Verbreitung einer Religionsgemeinschaft ist. Gerade dieser Punkt liegt angesichts der Satzungszwecke und der Selbstdarstellung des ICF Karlsruhe besonders nahe.
Nicht erkennbar gewürdigt werden insbesondere folgende Fragen:
ob die Jugendhilfe tatsächlich einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit darstellt,
ob die tatsächliche Arbeit den Zielen des Grundgesetzes förderlich ist,
wie Kinder- und Jugendrechte sichergestellt werden,
welche Bedeutung religiöse Einflussnahme in der Arbeit mit jungen Menschen besitzt,
wie der Schutz queerer Jugendlicher gewährleistet wird,
wie spirituelle Seelsorge-, Heilungs- und Befreiungsangebote von professioneller Beratung und pädagogischer Arbeit getrennt werden.
Unsere Forderungen an Verwaltung und Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe
Vor diesem Hintergrund fordern wir Verwaltung und Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe auf, die bereits für kommenden Freitag, den 19.06.2026 vorgesehene Beschlussfassung über die Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe zurückzustellen.
Vor einer Beschlussfassung sollte zunächst eine sorgfältige und öffentlich nachvollziehbare Prüfung des Bestehens der gesetzlichen Anerkennungsvoraussetzungen unter Einbeziehung der Expertise u.a. von queerpolitischen Verbänden und weltanschauungsbeauftragten Stellen erfolgen.
Schließlich bitten wir die Verwaltung der Stadt Karlsruhe um die Beantwortung folgender Fragen:
Wie wurde geprüft, ob ICF Karlsruhe nicht unter die in den AGOLJB-Grundsätzen beschriebene Fallgruppe fällt, wonach Vereinigungen, die überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religionsgemeinschaft dienen, nicht als Träger der freien Jugendhilfe anzuerkennen sind?
Welche konkreten Tatsachen haben die Verwaltung zu der Einschätzung veranlasst, dass Jugendhilfe einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit bildet?
Welche Konzepte bestehen zum Umgang mit queeren Jugendlichen sowie Jugendlichen mit unterschiedlichen geschlechtlichen Identitäten?
Welche Maßnahmen gewährleisten die Achtung der Persönlichkeitsrechte und der sexuellen Selbstbestimmung junger Menschen?
Welche Rolle spielen missionarische Aktivitäten innerhalb der Kinder- und Jugendarbeit des ICF Karlsruhe?
Welche Schutzkonzepte, Beschwerdewege und unabhängigen Ansprechstellen bestehen für Kinder und Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit der ICF Karlsruhe?
Wie wird sichergestellt, dass religiöse Seelsorgeangebote bis hin zu fraglichen „Heilungs-“ und „Befreiungs-“Angeboten nicht mit professioneller Beratung oder pädagogischer Arbeit vermischt werden?
Welche Prüfung hat die Verwaltung im Hinblick auf die Voraussetzung vorgenommen, dass der Träger Gewähr für eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit bietet (§ 75 Abs. 1 Nr. 4 SGB VIII)?
Wurde im Anerkennungsverfahren die Stellungnahme einer Weltanschauungsbeauftragten Stelle / Sekteninformation o.ä. eingeholt?
Wurde die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe bei der Erstellung der Beschlussempfehlung einbezogen?
Schlussbemerkung
Die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe ist keine bloße Formalie, sondern ein besonderer Vertrauensbeweis des Staates gegenüber einem freien Träger. Deshalb halten wir es für geboten, dass die seit Jahren dokumentierten Kritikpunkte zum ICF Movement, die kirchlich-missionarische Ausrichtung des ICF Karlsruhe sowie die konkreten Beratungs- und Jugendangebote im Rahmen der Prüfung einer Anerkennung berücksichtigt und transparent bewertet werden.
Abschließend möchten wir betonen, dass es für die zu treffende Entscheidung nicht darauf ankommt, ob die von ICF vertretenen religiösen Positionen unter den Schutz der Religionsfreiheit fallen. Selbst soweit dies der Fall ist – was im Übrigen Kritik daran nicht ausschließt – ist für die Anerkennungsentscheidung allein maßgeblich, ob die Voraussetzungen zur Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe gemäß § 75 SGB VIII tatsächlich vorliegen.
Für Rückfragen sowie falls gewünscht für einen persönlichen Austausch stehen wir gerne zur Verfügung.
Christlicher Fundamentalismus in Hamburg: Vom Elbschlosskeller über Mission Freedom ins Gebetshaus Hamburg und zurück
„Ich werde Dich zu Tode lieben“– diesen Satz schleudert Daniel Schmidt jedem entgegen, der ihm aufs Maul hauen will. Diese und viele weitere Geschichten erzählt er in seinem jüngsten Buch „Löwengrube“. Schmidt ist Ausdruck des wieder erstarkenden Einfluss von christlich-fundamentalistischen Einflüssen auf Stadtteile wie St. Georg und St. Pauli. Dort wo die Kontraste zwischen der heilen Welt christlicher Rettungsversprechen und Armut, Ausbeutung und Ausgrenzung besonders groß sind, haben wir recherchiert.
Quelle Instagram danielkellerkind
Intro: Der „Kneipenchrist“
Wer ist Daniel Schmidt? Hauptberuflich Selbstdarsteller, Wirt des „Elbschlosskellers“ und weiterer kieznaher Szenekneipen auf Hamburg-St. Pauli und einer, der überall auf St. Pauli seine Finger mit im Spiel hat. Seit einigen Jahren stellt er dafür seinen neu erweckten Glauben ins Schaufenster. Schmidt hat einige Bücher veröffentlicht und ist sicher das, was man gern Multiplikator nennt: Kieztouren, Kneipen, ein Verein und dazwischen immer wieder sein Glauben.
Diesen Glauben lebt er in ziemlich konservativen Kirchen und Gemeinden aus. Warum dieser Aspekt nie thematisiert wird, fragen wir uns. Denn hinter „Jesus“ hier, „Gott“ da, stecken eng miteinander verbundene Aktivitäten, Personen und Anliegen.
Schmidts große Reichweite in den (Sozialen) Medien, ein auf den ersten Blick selbstloses soziales Engagement und seine zunehmende Präsenz in öffentlich-rechtlichen Formaten machen aus ihm einen weiteren Christfluencer. Weniger pastell ist Schmidts Mikrokosmos sicherlich: Anders als bei Jana Hochhalter & Leonard Jäger – zwei wichtige Sprachrohre eines „bibeltreuen“, konservativen bis rechtschrichstlichen Christentums – begegnet uns hier eine Ästhetik aus Schmutz, Gestank und Scheitern. Für Medienschaffende ist das attraktiv. Solche Stories, wie die von Schmidt clicken: 2024 war Schmidt sogar Protagonist der NDR-Doku: „Im Auftrag Gottes auf der Reeperbahn“. Dass dieser Titel ganz ohne Fragezeichen daherkommt, wundert bisher anscheinend nur uns. Denn wie gesagt: kritische Einordnung ist bei diesem Thema Mangelware.
Fundis? – Wir doch nicht!
Schmidts Umkreis, Gemeinden, die er besucht, die Prediger*innen mit denen er verkehrt – sie begegnen uns in den Recherchen von FundiWatch immer wieder.
Das evangelikale rechts-konservative Medium Idea widmete Schmidt nicht ohne Grund 2025 ein Porträt. Die ZEIT-Beilage „Christ und Welt“ war damit zwei Jahre früher dran. Der Tenor 2025 ist – also nach Trump II, dem Project 2025 und Paula Whites exzessiven Gebeten im Oval Office – weiterhin der Gleiche: Schmidt wird medial als Lichtblick im Schmutz von St. Pauli inszeniert. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Fundis, das sind die Anderen – wird doch nicht!
Frohe und nächstenliebende Botschaften begegnen uns während der Recherche Seite an Seite mit rücksichtloser Vermarktung von Tod, Gewalt und Schicksal. Sei es das Jubiläum „400 Jahre Reeperbahn“ – die neueste Marketingkampagne für St. Pauli – oder der Totschlag an einem Mitarbeiter aus dem Elbschlosskeller. Schmidt zieht aus diesen Ereignissen Stoff für neue, von maskulinem Ego nur so strotzende Reels. In einem spendiert er, unterm „Jesus lebt“ Schriftzug am Gebäude der Heilsarmee in der Talstraße stehend, jemandem einen Haarschnitt. Der Beschenkte drückt sich im Hintergrund unsicher und etwas beschämt aus dem Fokus der Kamera. Schmidt dagegen voller Inbrunst und frei von Selbstzweifeln über dieses ich-bezogene Zurschaustellen seiner „Geschenke“. So ist die Rezeptur vieler solcher Filmchen. Das ist die „Daniel Schmidt Show“ in der die eigentlichen Protagonisten der Geschichte zur Kulisse verblassen.
In der bereits erwähnten NDR-Doku lässt sich Schmidt, umringt von Kameras, den Slogan „Jesus is King“ in den Nacken tätowieren. So leibt und lebt Schmidt: Religiöse Überzeugungen werden öffentlichkeitswirksam ausgeschlachtet. Seine Bücher ventilieren die immer gleichen Geschichten aus unterschiedlichen Blickwinkeln, seiner Popularität tut Wiederholung aber keinen Abbruch.
Die „Daniel Schmidt Show“
Schmidts Glaube: An sich Privatsache – oder? Doch die berechnende Inszenierung machte uns stutzig. Hyper-Moral, Drama und Selbstgerechtigkeit fließen in der Figur des „Löwengruben-Daniel“ zusammen. Der „Elbschlosskeller“ als Vorhof der Hölle, Daniel als Retter mittendrin. Exakt diese Vermengung von Selbsterzählung und gesellschaftlichen Anliegen zeichnet auch jene Prediger*innen und Missionar*innen aus, denen wir große Teile der Aufklärungsarbeit von FundiWatch widmen.
Spoiler: Schmidts Elbschlosskeller-Mikrokosmos und sein – nicht ganz selbstloses und nicht immer ganz glaubwürdiges – Engagement passen perfekt in das Setting Hamburg. Nicht nur auf St. Pauli und der Reeperbahn, aber dort besonders, nimmt die christlich-fundamentalistische Mission seit einiger Zeit wieder Fahrt auf.
Unsere bisherigen Recherchen zu Hamburg und Norddeutschland kreisten um Missionsdienste, wie Operation Mobilisation (OM) – deren Schiff „Logos Hope“ in wenigen Tagen im Hamburger Hafen anlanden wird (dazu bald mehr!) – Gottesdiensten im Strip Club und Pastorengattinnen auf „Prostituierten-Rettungstour“.
Quelle: Instagram kiezkirche_sanktpauli
Biotop St. Pauli
Nun „feiern“ wir einige Wiedersehen, zum Beispiel mit dem Ehepaar Häsler sowie dem “Kiezpastor“ Frank Hoffmann, und werfen einen Blick auf die auch Gemeinden innerhalb der Evangelischen Ortsallianz Hamburg.
Das Biotop rund um Reeperbahn und Partymeile – also dem, wie Madeleine Häsler es ausdrückt: „Tummelplatz der Dämonen“ – hat uns bereits vor einem Jahr intensiv beschäftigt. Nachzulesen sind unsere damaligen Ergebnisse in der Handreichung „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit“.
Nehmen Medienschaffende Bezug auf St. Pauli, fallen Attribute wie Rotlichtviertel, Ausgehkiez oder „Sündige Meile“. Für Menschen wie Schmidt, Häsler oder Hoffmann werden St. Pauli oder St. Georg, so beobachten wir es, zu einer Blaupause. Kiezpastoren und selbsternannte missionierende Heilsbringer finden in diesen verruchten Herzkammern der Versuchung den für sie idealen Einsatzort, andere verklären den Kiez zum Sehnsuchtsort. St. Pauli ist aber auch eine Marke und eine Business Opportunity. Und die geht einher mit einer Verkaufsstrategie, einer Erzählung, die immer weiter gesponnen werden muss. Eine Konstante dieser Erzählungen sind „Randständige“, Bedürftige und marginalisierte Communities. Sie werden zu einer Kulisse für die sich selbst überhöhende Selbstdarstellung der genannten Personen aus dem freikirchlichen, evangelikalen Spektrum bis in die Amtskirchen hinein.
Wie verwoben und verbunden die genannten Personen untereinander sind, war neu für uns. Wir sind darauf über das Buch von Daniel Schmidt gestoßen. Nebenbei haben wir beim Verfolgen der gemeinsamen Aktivitäten und Auftritte auch mehr Aufschluss darüber erhalten, wie lange sie bereits still und leise ankommen und immer mehr Raum einnehmen. Wieso lässt dieser erzkonservative Roll-Back die eigentlich lebendige und wachsame Hamburger Zivilgesellschaft so kalt? Worin unterscheidet sich Selbstverharmlosung der Fundis eigentlich von der extremen Rechten – oder sind beide füreinander anschlussfähig?
Feuer und Flamme für eine konservative religiöse Wende
Kurze Stippvisite in Bayern:
Anfang des Jahres 2026 berichteten zahlreiche Medien über das mehrtägige Glaubensevent „MEHR – Konferenz“ des Gebetshaus Augsburg. Die unter der Leitung des katholischen Theologen Johannes Hartls stehende „Konferenz“ rückte noch einmal besonders in den zivilgesellschaftlichen und medialen Fokus, weil sich dort zum Beispiel Ellen Kositza samt Familie blicken ließ. Kositza ist eine zentrale Figur der Neuen Rechten.
Die Berichterstattung rund um die „MEHR“ passte überwiegend in ein eingeübtes Schema. Populismus und Sehnsucht nach der Antimoderne werden dabei als Ausnahmen oder Ausrutscher innerhalb einer an sich harmlosen Spiritualität dargestellt. So verfahren Teile des Journalismus seit langem auch mit menschenfeindlichem Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft. Nicht nur im Journalismus, aber dort mit großer Reichweite werden zusätzlich sehr konservative bis reaktionäre Ansichten regelmäßig als legitime Äußerungen innerhalb eines demokratischen Meinungsspektrums definiert. Die Landeskirchen beteiligen sich daran, mal mehr – mal weniger, indem sie ultra-konservative Vertreter einladen und hofieren. Da geht es dann mal um „Ökumene“, mal um ein zunehmend verzweifelt klingendes „gemeinsam gegen den Faschismus“. Parallelen zum Versagen beim „politischen Stellen“ der extremen Rechten durch radikalisierte Konservative, wie es die CDU/CSU seit 15 Jahren gebetsmühlenartig proklamiert, sind – natürlich – rein zufällig?
Rechtes Christentum – bei „uns“ doch nicht!
Was meinen wir bei FundiWatch, wenn wir die Zusammenhänge zwischen sehr konservativen bis reaktionären Ansichten, menschenfeindlichem Gedankengut und die Verbindungen ins rechte Christentum oder den christlichen Fundamentalismus thematisieren?
Beispielsweise vielfaltsfeindliche Haltungen gegenüber sexueller Selbstbestimmung, emanzipierter Lebensführung sowie die ausgesprochen skeptische bis offen feindselige Einstellung gegenüber Muslim*innen. Aber auch Rollenbilder aus dem letzten Jahrhundert, Moralpaniken und als Rettung getarnte Bekehrungsabsichten unter vulnerablen Personengruppen. Wir erkennen darin Einfallstore für die Ausweitung von Einfluss der angesprochenen Kräfte. Gleichzeitig sehen wir, weite Teile der Gesellschaft verfügen über (zu) wenig Wissen und Informationen, um diese Strategien zu erkennen und dort, wo nötig zu intervenieren.
…und in Hamburg doch erst recht nicht!
Manchmal reicht schon der Hinweis auf die geografische Lage eines Orts, um sich zu entlasten, statt zu intervenieren. Ein Beispiel? Die Stadt Augsburg liegt bekanntlich in Bayern und ist der Standort von Johannes Hartls „Gebetshaus“. Allein die Lage der Stadt dient manchen Menschen bereits als Ausflucht, indem sie sagen: Christlicher Fundamentalismus ist kein gesamtdeutsches oder europäisches Problem. Das ist eben Bayern… oder mit Blick auf die sog. Lebensschutzbewegung: Annaberg-Buchholz… oder… Neumünster.
Zurück nach Hamburg: Gerade das norddeutsche – zumal das hanseatische – Selbstverständnis ist eines, das sich ziemlich säkular und weitgehend erhaben über christlichen Fundamentalismus empfindet. Fundis, die gibt es im Süden, in Baden-Württemberg oder in Bayern. Bei „uns“ doch nicht.
Aber stimmt das? In Hamburg gibt es seit mehr als einem Jahrzehnt auch ein Gebetshaus, ähnlich wie das von Hartl in Augsburg. Und zwar eines, das in vielerlei Hinsicht viel näher dran am Augsburger ist, als viele sich eingestehen möchten. Der Zweck des Gebetshauses klingt erstmal unbedenklich: 24h täglich – 7 Tage die Woche – 365 Tag Gebet.
Verfolgte Christen?
Wofür gebetet wird, ist dann schon interessanter: Verfolgte Christen zum Beispiel. Damit hätten wir ein weiteres Leitmotiv erwähnt, das FundiWatch immer und immer wieder begegnet: Kritik und Einwände gegen ein sehr selbstbewusstes Auftreten oder Vordringen solcher Gemeinden, werden mit Hass und Verfolgung gleichgesetzt.
Berichten wir kritisch über Olaf Latzels Auftritte in Bremen, wird uns per Leserbrief[i] Hass unterstellt. Thematisieren wir den Skandal um Kindeswohlgefährdung im SeeNest unter dem Podcastauftritt eines ehemaligen Salutisten und Vorstandmitglied der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) und langjährigem Vorstandsmitglied von Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), der nicht nur einmal oder zufällig das Anliegen von Gaby Wentlands Verein Mission Freedom in der Öffentlichkeit vertreten hat, wird uns geantwortet, dass es ja um was anderes („gemeinsam gegen den Faschismus“) ginge und wir nur unsere Arbeit „platzieren“ (aka unbezahlte Werbung) wollten.
Die Selbstvergessenheit solcher Abwehrbewegungen von Kritik ist enorm. Für solches harmonisches Beisammensein werden die (Selbstbestimmungs-)Rechte bestimmter Personen gern selbstgefällig beiseitegeschoben. Und wieder ist die Selbstverharmlosung gelungen.
Hartl und das Gebetshaus Hamburg
Johannes Hartl selbst ist als Person durchaus eng mit der Entstehungsgeschichte des Gebetshaus Hamburg verbunden. 2014 und 2015 lud Gemeinsam für Hamburg, also die Ortsallianz der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD)in Hamburg, ihn als Hauptsprecher zu Gebetstagen und einer Jahreskonferenz ein. Über die Jahreskonferenz 2015 heißt es heute auf der Homepage des Gebetshaus Hamburg:
„Viele Leute wurden durch diese Konferenz geprägt. Sie trug maßgeblich dazu bei, dass schließlich die Entscheidung getroffen wurde, das Gebetshaus Hamburg zu gründen.“
Aber was wäre eine gute Fundi-Geschichte ohne ein bisschen Vision und Prophezeiung?
„Es begann mit einem Pastor, dessen Herz für die Stadt Hamburg brannte. Er war gut vernetzt (…) 2011 wurde ein prophetisches Bild an den Pastor herangetragen: In der Stadt brannten viele kleine Flammen. Von hoch oben sah es aus, als wäre die ganze Stadt erleuchtet und die vielen kleinen Flammen sahen zusammen aus wie ein großes Feuer. (…) Ein paar Wochen später kam eine Frau auf ihn zu. Sie erzählte ihm davon, dass sie mit einer kleinen Gruppe an Leuten schon mehrere Jahre wöchentlich für die Entstehung eines Gebetshauses in Hamburg betete. Nun hatte sie den Eindruck, dass die Zeit gekommen sei und das Gebetshaus in Existenz kommen sollte. Auch sie hatten von dem Eindruck mit den vielen kleinen Flammen, die von oben wie ein großes Feuer aussahen, gehört und bezogen ihn konkret auf das Thema Gebet in Hamburg. Mutig und entschlossen im Glauben, erstellte die Frau mit ihren Mitbetern ein Logo. Auch schrieben sie schon eine mögliche Vereinssatzung, um die Sache ins Rollen zu bringen. Bei ihrem Gespräch mit dem Pastor gab sie ihm all das vorbereitete Material mit den Worten, dass sie vom Heiligen Geist gehört habe, dass es an ihm sei, sich nun darum zu kümmern und die Verantwortung für die Gründung zu übernehmen.“
Das oben abgebildete alte Logo des Gebetshaus Hamburg lässt sich durchaus als Verbildlichung dieses „prophetischen Bilds“ verstehen. Kürzlich wurde es dennoch durch ein neues ersetzt.
Bei Johannes Hartl hören die Anknüpfungspunkte zu christlich-fundamentalistischen Netzwerkkonstellationen aber nicht auf. Personen wie Hartl sind Bindeglieder, die uns immer wieder in unserer Recherche begegnen. Was in den Medien regelmäßig wie zufällig erscheint und kontextlos berichtet wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen nicht selten als Verflechtung. Und solche Geflechte sind keine Ausnahme, sondern die absolute Regel.
Auch Gaby Wentland vom umstrittenen Verein Mission Freedom e.V. tritt ab und an im Gebetshaus Hamburg auf. Zuletzt ist von ihr eine Predigt von vor rund einem Jahr auf Spotify abrufbar. Neben Gerede über ein vermeintlich „falsches Geschlecht“:
„…wenn dann irgend so ein Idiot, wollte ich gerade sagen, kommt und ihnen erklären will, dass sie im falschen Geschlecht sind, dass sie sagen: ‚nein, nein, nein, nein, mein Jesus hat gesagt: ich bin ein Junge und ich weiß, ich bin ein Junge‘. So stark sollen sie werden“
(ca. min 12:30, Satzzeichen für Lesbarkeit ergänzt)
…geht es dort bald auch um Wentlands Herzensthema: Die Errettung von Menschen aus der „Prostitution“:
„Ich wollte in Hamburg im Rotlicht nicht nur den Mädchen von Jesus erzählen, was wir ja viele Jahre gemacht haben, wir waren jede Woche unterwegs, über viele Jahre in Sankt Georg (s. Exkurs Hansaplatz, Anm. FundiWatch) und haben den Mädchen von Jesus erzählt, haben für sie gebetet. Ich wollte den schweren Jungs, den Zuhältern, den Bandidos und den Hells Angels und wie sie alle so heißen, wollte ich von Jesus erzählen. Und dann hab ich gesagt: ‚Herr, kannst du mir helfen, wie kann ich das machen?‘“
(ca. min 14:30, s.o.)
Ja, wie? Was dann 2019 geschah, erzählen wir am Ende dieses Artikels – also dranbleiben!
Skandale perlen an Wentland ab – wie lange noch?
Die umstrittene Predigerin Gaby Wentland von Mission Freedom e.V., Predigerin in der Freien Christengemeinde Hamburg-Neugraben, gehörte schon früh zum Leiterteam von Gemeinsam für Hamburg.
Im November 2014 veranstalteten sie und Gemeinsam für Hamburg einen Kongress unter dem Titel „Aufstehen gegen Menschenhandel“ – und zwar an illustrem Ort, dem Hamburger Michel. Bis heute sind sie und ihre Organisation unter „Werken“ auf der Homepage von GfH gelistet.
Wentland stand nur wenige Monate vor dem Kongress im Mittelpunkt kritischer Berichterstattung rund um ihren Verein Mission Freedom. Vorwürfe der religiösen Indoktrinierung vulnerabler Personen, Lügengeschichten über vermeintliche Opfer von Kindesmissbrauch und queerphobe sowie erzkonservative Predigtinhalte wurden gegenüber Wentland und Mission Freedom erhoben, geprüft und beschäftigten neben dem Landeskriminalamt auch die Hamburger Bürgerschaft. Offiziell gibt es bis heute keinerlei Kooperation mit Mission Freedom, obwohl der Verein anstrebte, ins offizielle Hilfenetzwerk der Stadt aufgenommen zu werden.
Die Evangelische Allianz Hamburg jedenfalls haben die Vorwürfe und die Kritik gegen Wentland keineswegs von der Veranstaltung im Michel abgehalten.
Dass gerade Mission Freedom – wenn auch oberflächlich durch die Trägerschaft seiner 100% Tochter Himmelsstürmer Deutschland gGmbH getarnt – weniger als 10 Jahre später das Haus SeeNest als vollstationäre Einrichtung für von sexueller Gewalt und Missbrauch betroffene Kinder und Jugendliche in Immenstadt im bayerischen Allgäu eröffnen konnte, ist ein Skandal.
Im März dieses Jahres nahm das ortsansässige Jugendamt alle Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren aus der besagten Einrichtung wegen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung und einem unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen in Obhut.
Was die Kinder mutmaßlich im Haus SeeNest erlebten, illustriert eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Augsburg, die uns vorliegt und auf die mittlerweile mehrere Medien Bezug nehmen: Freiheitsberaubung, Chillipaste auf die Lippen, sexualisierende Kleidung, Arbeitsdienst in vollurinierter Kleidung sind nur einige, erschreckende Beispiele, die die Gerichtsentscheidung benennt. Auch wenn die Vorwürfe vom Träger teils pauschal bestritten wurden, lassen einem bereits die unstreitigen Geschehnisse fassungslos zurück. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Doch auch fällt auf: in den seltensten Fällen werden Mission Freedom oder Wentland in der Berichterstattung überhaupt namentlich genannt. Im weitesten Sinne aus dem Hamburger Raum, berichtete bisher lediglich einmal die taz über den Fall [Edit: 31.05,2026: Mittlerweile gibt es einen weiteren Artikel der taz hier]. Und das, obwohl 2013 über die Vorwürfe gegen Mission Freedom und Gaby Wentland sogar in bundesweiten Medien berichtet wurde.
Das Versagen gleich mehrerer Behörden und Organisationen, das mit der Erteilung der Betriebserlaubnis beginnt, muss transparent aufgearbeitet werden. Die Räumlichkeiten des Haus SeeNest wurden von der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg an Mission Freedom vermietet, die sich dabei offenbar vor allem auch von der weiterhin bestehenden Mitgliedschaft von Mission Freedom bei der Diakonie Hamburg als vermeintliches „Seriositätsmerkmal“ beeindrucken ließ. Zu diesem Versagen gehört auch die mangelnde Problematisierung von christlich-fundamentalistischen Weltbildern in der Sozialen Arbeit, oder vielmehr von Mission, die als (vermeintlich) „Soziale Arbeit“ im Auftrag Gottes ausgeübt wird.
Wirt Daniel Schmidt erwähnt Gaby Wentland, in seinem Buch nicht. Nicht ausgeschlossen, dass sich das in Zukunft ändert, denn enge Weggefährt*innen von Wentland nennt Schmidt in „Löwengrube“ sehr wohl.
Alte Bekannte und neue Beter
Da wäre zum Beispiel der„Kiezpastor“ Frank Hoffmann. Dieser feiert immer wieder Gottesdienste in Suzis Show Bar, einer Tabledance Bar am Beatles Platz.
Auf Social Media Schnipseln identifizierten wir 2025 im Rahmen unserer bereits erwähnten Recherche zur Handreichung „Soziale Arbeit und Christlicher Fundamentalismus“ bereits einige zentrale Figuren der Anti-Sexarbeits-Bewegung, die zu Gospel-Abenden oder Gottesdiensten in Suzis Show Bar ein und aus gingen. Darunter die oben erwähnte Gaby Wentland oder Madeleine „Tummelplatz der Dämonen“ Häsler, die regelmäßig in streng religiösen Formaten wie ERF, Bibel-TV und Co. Auskunft über ihre Rotlicht-Rettungsaktionen erteilt. Madeleine Häsler und ihr Ehemann Gabriel erachten sich als von Gott nach Hamburg-St. Pauli berufen. Gabriel Häsler predigt regelmäßig deutschlandweit in unterschiedlichen Freikirchen, unter Anderem immer wieder bei ELIM Hamburg. Seine Predigten anzuhören ist mühsam und zeitintensiv, denn der Schweizer verfügt über die „Gabe der Länge“. In der Musical-Reihe „Life on Stage“ verquirlen die Häslers regelmäßig individuelle Schicksale mit religiösen Botschaften und tingeln damit durch Deutschland. Wie bei Schmidt verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Popkultur und Evangelisation.
Gemeinsam die Stadt verändern?
Elim ist eine charismatische Gemeinde in Hamburg, mit dem üblichen freshen Auftritt, den wir schon oft thematisiert haben.
Der Hauptpastor von Elim Hamburg ist übrigens auch Leiter bei „Gemeinsam für Hamburg“ (GfH). Die Rede ist von Matthias C. Wolff. Er ist bei GfH auch verantwortlich für den dortigen „Arbeitskreis Politik“.
Wir berichten bei FundiWatch regelmäßig über die Strategie der erzkonservativen, christlich-fundamentalistischen Durchdringung aller gesellschaftlicher Sphären (wie beim 7 Mountain Mandate). Häufig geschieht dies auch mit Bezug auf den Bibelvers Jeremia 29, Vers 7 „Suchet der Stadt Bestes“. Auch über die Stadtreformer oder das City Changer Movement haben wir bei FundiWatch schon berichtet.
Anmerkung FundiWatch: An dieser Stelle haben wir den ursprünglichen Beitrag editiert. Wir haben nach unserer Erwähnung eines Co-Working-Space Kritik und Anmerkungen erhalten. Uns ist Kritik willkommen. Um darauf angemessen zu reagieren, haben wir die Stelle vorerst entfernt. Wir halten Euch auf dem Laufenden.
Üblicherweise sammeln sich, ganz im Einklang mit dem Transformationsauftrag vom 7 Mountain Mandate denn auch sehr unterschiedliche Akteure, verbunden mit dem Auftrag in ihre Bereiche hineinzuwirken – oder gar Gesellschaftsbereiche zu transformieren, um „christlichen Werten“ wieder zur Dominanz zu verhelfen. Entsprechende Transformationsabsichten werden oft nicht transparent kommuniziert, nicht selten sogar verunklart.
Gemeinsam für Hamburg selbst ist ebenfalls sehr heterogen. Neben Mission Freedom werden dort auch Faktor C (Christen in der Wirtschaft), die Arche, Elim, Kirche des Nazareners und viele weitere konservative und christlich-fundamentalistische Gemeinden erwähnt. Auf einer Unterseite erwähnt GfH explizit das Soziale Engagement der Netzwerkpartner*innen unter Verweis auf Verantwortungsbewusstsein und Hilfsbedürftigkeit. Das mag als Absichtserklärung zutreffen. Jedoch stellt soziales Engagement, wie wir bei FundiWatch regelmäßig aufzeigen, auch eine Möglichkeit dar, Einfluss auf bestimmte gesellschaftliche Themenfelder, wie beispielsweise sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung sowie Geschlechterrollen zu nehmen. Darüber hinaus dienen Soziale Werke, Diakonie und Nächstenliebe oft auch der selbstverharmlosenden Imagepflege bestimmter Akteure.
Hilfsangebote?
Für Opfer von Menschenhandel listet GfH – auch nach dem jüngsten Skandal um Haus SeeNest – weiterhin Mission Freedom sowie die Broken Hearts-Stiftung auf. Über die Stiftung Broken Hearts finden Interessierte auf Anhieb kaum etwas im Internet. Die Domain steht zum Verkauf, die Wayback Machine findet die letzte Aktualisierung im September 2021. Hinter der Broken Hearts Stiftung steht Cinderella von Dungern aus der norddeutschen Adelsfamilie von Dungern. Cinderella heiratete 2012 Jörgen Hemme, den vielleicht manche von der Hemme Molkerei kennen, und nahm auch dessen Nachnamen an. Erste Anzeichen deuten auf Verflechtungen mit der Herzschlag Stiftung. Genug Stoff für weitere Recherchen also. Nur ein explizites Hilfsangebot können wir hinter Broken Hearts nicht finden.
Elim: Sexualisierung oder „Göttlicher Sex“?!
Zurück zur Elim Hamburg. Sie feiern dort dieses Jahr 100-jähriges Bestehen.
Ganz entgegen der modernen Aufmachung der Homepage lassen sich auf dem Youtube-Kanal von Elim Hamburg explizit konservative Predigten über Sexualmoral und „Sexualisierung“ finden, z. B. vom bereits genannten Matthias C. Wolff („Pastor Matthias“), aber auch über „Göttlichen Sex“ von Tim Sukowski.
Ein anderes Beispiel ist Pastor Andy Nothnagel, heute bei der Christus – Gemeinde Bremen. Er saß 2022 im ZDF-Youtube-Format unbubble zusammen mit Robin Solf und berichtete über sein Verständnis von Ehebruch und Homosexualität. Rechtfertigend sagt Nothnagel dann Sätze, wie „ich als Christ“ oder „Wir als Christen“ – die deutlich belegen, wie Glauben und Überzeugung als Rechtfertigung für homophobes Gedankengut herhalten muss.
Hoffmanns Kiez-Kirche
Quelle: Webauftrtt Kiez-Kirche
Beruflich war Frank Hoffmann in der Werbebranche, bevor er seine religiöse Berufung spürte. Bis 2022 war Hoffmann in der Freien evangelischen Gemeinde Mölln tätig. Zuvor absolvierte er ein Vikariat in der Anskar-Kirche Hamburg. 2022 zog es ihn nach Hamburg und nach St. Pauli zurück. Auch ihn porträtierte der NDR 2025 für das Hamburg Journal. Auch in diesem Beitrag fehlen wieder einmal sämtliche journalistischen Einordnungen oder kritische Rückfragen. Hoffmann wird als tolerant und weltoffen inszeniert, hat erkennbar keine Berührungsängste mit dem liederlichen Schmutz des „Rotlichtviertels“.
Hoffmann selbst versteht sich als von Wolfram Kopfermann geprägt. Die Älteren unter Euch erinnern sich vielleicht? Wolfram Kopfermann war bis 1988 Pfarrer an der Hamburger Hauptkirche St. Petri und gründete nach seinem Abgang aus der evangelischen Landeskirche die Anskar-Freikirche, eine weitere einflussreiche Freikirche in Hamburg, ebenfalls bei GfH.
Warum Arne Kopfermann kein Charismatiker mehr ist
Kopfermanns Sohn, Arne Kopfermann, setzte sich zuletzt kritisch mit dem charismatischen Christentum auseinander. Zentrale Aspekte seiner Kritik enthalten Schlagworte wie Autorität, geistige Kriegsführung, „Alpha-Männchen“ und Hierarchie. Das entspricht auch unserer Wahrnehmung und ist im Zuge eines in heftige Krisen und Kriege eingebetteten markanten gesellschaftlichen Rechtsrucks ziemlich besorgniserregend. Im Hamburg der 1980er führte Kopfermanns Gründung der Anskar-Kirche zu einer Jahre andauernden intensiven, konflikthaften Auseinandersetzung, die aber mittlerweile unter dem Schlagwort „Ökumene“ weitgehend ruht.
Hoffmann jedenfalls gründete das Projekt „Kiez-Kirche“, das angeblich zu einem „Christlichen Glaubenswerk“ in Wedel gehört, über das sich aber keine weiteren Details herausfinden lassen.
Auch das ist eher normal, wenn wir recherchieren. Vieles bleibt nebulös, oft scheint es, als ob Namen und Begebenheiten bewusst uneindeutig gehalten werden. Das war ja auch in der Entstehungsgeschichte des Gebetshaus Hamburg deutlich zu spüren, wo nur „von einem Pastor“ und „einer Frau“ die Rede ist. Vielleicht sind das Reminiszenzen an den Tonfall von Bibelgeschichten? Aber vielleicht ist auch einfach unerwünscht, dass allzu klar wird, wer mit wem und zu welchem Zweck kooperiert? Ob mystische Folklore oder Geheimniskrämerei … allzuoft wird nicht klar, wer eigentlich „dahinter“ steckt.
Im Podcast „Kiezmenschen“ der Hamburger Morgenpost erzählt Hoffmann allerdings ziemlich bereitwillig über seinen Werdegang. Lieben wir.
Hoffmann ist ein Kirchenhopper, er nimmt sich von allem etwas mit und bastelt daraus sein eigenes Image. Werber halt? Ob Trauung in der „Ritze“, Gottesdienst mit Tanzeinlage („alles bedeckt“) in Susis Showbar oder Gottes Wirken in „einem Kneipenwirt“. „Sogar die Transvestiten aus der Schmuckstraßen“ könnten zu Gott finden, sagt er da. Lieben wir nicht, solche Sätze.
„So tauchte ein Kneipenwirt in den öffentlichen Gottesdiensten des Projekts Kiezkirche auf. Im Nachhinein weiß ich, dass zu der Zeit schon einige Christen für ihn beteten. Hin und wieder begegnete ich ihm in der Folge des Gottesdienstbesuches scheinbar zufällig auf dem Kiez. Auch in diesen Begegnungen bildete sich Vertrauen. Ich bemerkte, dass der Heilige Geist an ihm arbeitete und er offen für Christus war. Gleichzeitig hatte ich den Gedanken, den Prozess zum konkreten Glauben an Christus nicht „pushen“ zu sollen.
Den genauen Zeitraum habe ich nicht mehr parat, ich denke, es war ein Prozess von zwei bis drei Jahren. Schließlich schrieb er mir eine WhatsApp Message und wollte beten. Wir trafen uns und er war so weit, Jesus Christus als Herrn in sein Leben zu lassen und dabei auch Dinge an diesen sozusagen abzugeben.
Seitdem ist um diesen Mann herum weiteres geistliches Leben – auch mitten auf dem Kiez St. Pauli – gewachsen. Weitere Personen gewinnen Glauben, interessieren sich für den Glauben und werden in vorhandenem Glauben stärker. Mittlerweile ist in diesem Umfeld die christliche Gemeinde Barmbek Süd am Geschehen beteiligt.“
Auch Hoffmann hat Großes vor: Die Kiez-Kirche soll ein „Pionierprojekt“ sein, wer unterstützt wird gar zum „St. Pauli Glaubenspate“.
Ein letzter Exkurs: An den Hansaplatz
Wie sehr Mission Freedom, Gaby Wentland und auch die „operative Leitung“ von Mission Freedom, Inga Gerckens (zugleich Geschäftsführerin des erwähnten Haus SeeNest im Allgäu), überall in Hamburg seit Jahren mitmischen, zeigt auch der Blick zurück. Nicht nur die Reeperbahn, Herbertstraße und St. Pauli werden immer wieder zum Sehnsuchtsort christlich-fundamentalistisch motivierter Rettungs- und Missionsarbeit. Auch im Umfeld des Hamburger Hauptbahnhofs, genauer gesagt am Hansaplatz, sind solche Aktivitäten dokumentiert.
Seit 2009 „überschüttet“ die Freie Christus Gemeinde Barmbek Süd(FCGB Süd) Sexarbeiter*innen mitten im heutigen Kontaktverbotsgebiet – wo die Anbahnung und die Nachfrage von sexuellen Dienstleistungen untersagt ist – mit „der Liebe Jesu“ und zeigt ihnen so „einen Weg zu Gott“. Auf der Gemeinde-Homepage wird diese „Arbeit unter den Prostituierten in St. Georg“ vorgestellt. Der Text schließt mit dem Satz: „Dafür wollen wir verstärkt ein Netzwerk zu anderen Hilfsorganisationen aufbauen.“
Netz – werken!
Dieses Netz hält bis heute. Und wächst gerade wieder. Zufällig entdeckten wir Inga Gerckens – obgleich nicht namentlich erwähnt – auf Fotos des Instagram-Profils der FCGB Süd. Sucht man genauer, finden sich dort zwischen 2021 und heute immer wieder Bilder von ihr.[i] Wir graben also tiefer: Bingo. 2022 ist Gerckens ehrenamtlich im Leitungsteam der FCGB Süd engagiert. Übrigens: Das ist diese Gemeinde, die Daniel Schmidt in Hamburg aufsucht – in der bereits genannten ARD Doku unterhält er sich mit deren Pastor Philipp Quast.
Und es gibt ein weiteres Bindeglied, das sowohl in Schmidts Buch „Löwengrube“ als auch in der FCGB auftaucht und zusätzlich den Bogen zu Ehrenamtlichem Engagement schlägt: Annikka Möller bietet in den Gemeinden der Freien Christus Gemeinde Hamburg Kinderfreizeiten an. Gleichzeitig leitet sie das Büro von Schmidts Verein: Wer wenn nicht wir e.V.
Christus für alle Nationen & der Mähdrescher Gottes
Nun kommen wir zur bereits angekündigten letzten Begebenheit (zumindest für heute 😊) rund um Mission Freedom und Gemeinsam für Hamburg:
Gaby Wentlands Ehemann Winfried, Evangelist und Pastor, arbeitet neben seiner Tätigkeit in der Freien Gemeinde Neugraben auch heute noch für das Missionswerk „Christus für alle Nationen“ (CfaN). Der Dienst ist insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent mit Massenevangelisationen und (vermeintlichen) „Massenheilungen“ bekannt. Zu Zeiten des mittlerweile verstorbenen ehemaligen Leiters Reinhard Bonnke, der aufgrund seines Predigtstils auch „Mähdrescher Gottes“ genannt wurde, waren die Wentlands noch beide gemeinsam für CfaN tätig. Auch in Deutschland ist CfaN aktiv – mittlerweile auch mit diversen Ablegern, wie gerade erst beim „City of Lights“-Event mit Kinderfest in Berlin.
Oda Lambrecht und Christian Baars schildern in ihrem bereits 2009 erschienenen Buch „Mission Gottesreich“ einen Auftritt Bonnkes in der Freien Christengemeinde Bremen (heute: hoop Kirche) im Mai 2008. Dort betete Bonnke für Kranke:
„Tumore weicht in Jesu Namen! Krebs verschwinde in Jesu Namen! HIV-positiv werde HIV-negativ! In Jesu Namen! (…) Alle Infektionen, Neurosen, ich breche die Kette aller Depressionen, in Jesu Namen! Die Freude am Herrn wird deine Stärke sein und deine Medizin sein.“
Doch zurück zu den Wentlands: 2019 hat Winfried Wentland angeblich diesen Truck herumstehen, auf dem Grundstück in Neugraben (?). Gaby Wentland erzählt das so:
„‚Brauchst du den?‘ hab ich gesagt. ‚Den brauch ich sofort‘.‚OK‘, hat er gesagt. ‚Gut dann hast du ihn, kannst ihn haben.‘ Und dann hab ich gesagt:
‚Herr, ich brauch jetzt richtig gesalbte Männer. Eigentlich wünschte ich mir den Reinhard Bonnke. Das war 2019. Ich wünschte mir den Reinhard Bonnke, weil den kenn ich persönlich, ne, ich bin mit ihm viele viele Jahre zusammen im Dienst gewesen oder fast die meiste Zeit meines Lebens und dann ruft er mich doch glatt an.
Der Reinhard Bonke ruft mich an und sagt: ‚Gabi, der Herr hat noch einmal zu mir gesprochen, ich soll noch einmal nach Hamburg kommen.‘ Sag ich: ‚Reinhard, ja, das ist richtig, das ist vom Herrn.‘ Und in dem Moment fiel mir aber ein, dass er körperlich nicht mehr fit war. Also er war körperlich nicht mehr fit, geistlich war er beste, beste Sahne, also ging gar nicht besser und (…)“
Wentland fragt Bonnke:
„‘Reinhard, hast du jemanden, den du mitbringst aus Amerika?‘
‚Ja, ich bringe Todd White mit.‘
Und Todd White (gehört zu Lifestyle Christianity, Anm. FundiWatch), das ist so der gesalbteste Mann für die Straße, mehr geht nicht, der ist mehr im Gefängnis gewesen als jemals woanders, und der liebt Jesus von ganzem Herzen und jeder, der ihm begegnet, der muss Jesus annehmen, also wirklich (…)“
Und so geht es minutenlang weiter: Ambassadors for Christ als Gaby Wentlands Bodyguards, die Polizei befürchtet einen Krieg, Wentland stellt die Behörden ruhig, indem sie vorgibt, es ginge nur um Musik („Die haben gar nicht gemerkt, um was es ging.“) und so weiter… Und schließlich gewinnt sie noch einen weiteren „Stargast“ für ihr Event:
„Ein ganz krasser Typ aus Amerika“
„Dann bin ich in die Bordelle und dann habe ich zu den Jungs in den Bordellen gesagt: ‚Ey, ich bringe euch den besten Musiker der Welt und einen ganz krassen Typ aus Amerika. (…) Jake Hamilton, der ist bei Bethel (Bethel Church aus Redding, Anm. FundiWatch) angestellt. Jake hab ich erlebt in Nürnberg, da haben wir im Stadion eine große Konferenz gehabt, da waren 26.000 Menschen und der Jake kam auf die Bühne, und er hat es so gemacht, und Jesus war in der Halle.“
Wentlands Rock & Gospel stieg am 18.05.2019 mit Repräsentant*innen von Christ for all Nations, Lifestyle Christianity und Bethel Church. Im Abspann: Gemeinsam für Hamburg.
Frei nach dem Motto: „Wer, wenn nicht wir?“ wachsen und gedeihen fragwürdige Netzwerke mit noch fragwürdigeren Absichten. Hinschauen lohnt sich, meinen wir!
EDIT (31.05.2026): Redaktionelle Ausbesserungen und Ergänzung Links.
ARD löschte nach Programmbeschwerde Reel und passte Bericht an -Was steckt dahinter und welche Rolle spielten Verbindungen von „Fußball mit Vision“ in die Politik?
Es folgte viel Aufregung und eine Programmbeschwerde des CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Volkmann (Enkelsohn von Helmut Kohl). Laut Volkmann beinhalte der Artikel eine „Missachtung religiöser Überzeugungen“, da dieser „gezielt christliche Bekenntnisse mit einem negativen Werturteil versieht und dabei Grundsätze journalistischer Sachlichkeit oder Ausgewogenheit außen vorlässt“.
Eine inhaltliche Debatte zu den von den thematisierten Organisationen verbreiteten christlich-fundamentalistischen Ideologien und deren aufgezeigten Verbindungen blieb hingegen zunächst nahezu vollständig aus.
Dabei hätten die gut recherchierten Kritikpunkte dazu allen Anlass geboten: Ein Glaube an Dämonen, Exorzismen, Prophezeiuungen und Wunderheilungen, mit dem zunächst Fußballer*innen missioniert werden, die dann als Fußballstars wiederum insbesondere junge Menschen auch an Schulen missionieren sollen?
Und das durch Organisationen, die wie z.B. die Trump-nahe Bethel Church oder ihr deutscher „Ableger“ Awakening Church interntional bestens vernetzt sind und dafür stehen, ihr eigenes christlich-fundamentalistisches und antipluralistisches Glaubensverständnis in allen Gesellschaftsbereichen zur Vorherrschaft bringen zu wollen? Was ist da los?
Stattdessen fokussierte sich die Debatte auf die vermeintliche Diskriminierung „christlicher Glaubensüberzeugungen“. Die Webseite „Dokumentieren gegen Rechts“ hat den Vorgang bereits ausführlich dargestellt.
Mittlerweile hat das Thema zu weiterer kritischer Berichterstattung geführt: Unter anderen die Journalist*innen Dina Falken und Felix Michaelis widmeten sich bei Belltower News in zwei Teilen hier und hier den missionierenden Fußballer*innen, ihren Netzwerken und ideologischen Hintergründen.
Wir gehen in diesem Beitrag noch einmal explizit auf das Netzwerk Fußball mit Vision, dem dahinter stehenden Verein Sporler ruft Sportler (SRS) und deren Verbindungen in die Politik ein. Denn dies lässt die Programmbeschwerde des CDU-Abgeordneten Johannes Volkmann durchaus noch einmal in einem „besonderen“ Licht erscheinen…
Alles bleibt wie es ist – die rechtspopulistischen Eiferer jubeln dennoch…
Zunächst vorab: Die Programmbeschwerde von MdB Volkmann wurde abgewiesen.
Dennoch hat Tagesschau den Bericht angepasst, das auf Social Media geteilte Reel wurde gelöscht. Zur Begründung heißt es laut Welt:
„Der Sender habe sich aber dennoch entschlossen, den Artikel auf „tagesschau.de“ zu überarbeiten, da durch „einzelne Formulierungen der Eindruck entstehen könnte, wir würden Missionsarbeit generell einen Vorwurf machen“. Da sich das Instagram-Video nicht nachträglich bearbeiten lasse, habe man es entfernt.“
Insbesondere auf rechtspopulistischen Seiten wie Nius und der Jungen Freiheit sowie auf Accounts der „üblichen“ Influencer*innen der christlich-fundamentalistischen rechtschristlichen Szene wie Jasmin Friesen oder Johannes Hartl herrschte großer Jubel.
Doch tatsächlich wurde NICHTS im überarbeiteten Artikel zurückgenommen – allenfalls wurden Präzisierungen vorgenommen, wie dieser Dokumentenvergleich zeigt.
Harmlose Glaubensverkündung oder antipluralistische Gesellschaftstransformation?
Die Kritik der Tagesschau an den hinter der Missionsarbeit der thematisierten Vereine stehenden christlich-fundamentalistischen Ideologien und deren Zielen ist hinter der Debatte um vermeintlich „religionsfeindliche“ Berichtertstattung zunächst völlig in den Hintergrund getreten. Dabei wäre eine Debatte darüber tatsächlich dringend geboten.
Die Tagesschau wies darauf hin, sie habe Missionsarbeit „nicht generell einen Vorwurf machen“ wollen.
Kritik an einer Missionsarbeit, die auf christlich-fundamentalistische Ideologien beruht, die sich letztlich auch gegen unsere pluralistische Gesellschaft insgesamt richtet, also vorrangig eine Ausgrenzung anderer betreibt, ist jedoch völlig berechtigt und dringend geboten. Gerade auch Christ*innen sollten sich aufgerufen fühlen, sich zu derartigen Glaubensvorstellungen klar zu positionieren.
Ein empfehlenswerter Artikel von Mascolo et al. in „The Christian Right in Europe“ beschäftigt sich mit der christlichen Rechten. Dort werden Ideologien und Strategien beschrieben, die wir bei Fußball mit Vision wiederfinden. Besorgniserregend: Diese Entwicklungen vollziehen sich weitgehend unbemerkt und doch manipulieren und beeinflussen sie den gesellschaftlichen Diskurs bewusst.
Nach den Vorstellungen dieser KiNC sollen die verschiedenen Gesellschaftsbereiche – darunter auch der Gesellschaftsbereich „Kunst und Unterhaltung“ (also auch „Sport“) – wieder unter christliche Vorherrschaft gebracht und im Sinne des „Reichs Gottes“ transformiert werden. Es geht also explizit nicht um die Einbringung einer Meinung in den demokratischen Diskurs, sondern um eine Vorherrschaft bzw. Dominanz der eigenen Überzeugungen.
Das „Reich Gottes“ soll sich somit immer weiter ausbreiten, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Jesus auf die Erde zurückkehrt. Die Idee dieser Strategie geht zurück auf eine vermeintlich vom „Heiligen Geist“ offenbarte Vision, das sogenannte „Seven Mountain Mandate„ (vgl. auch hier).
Wie real und präsent diese Ideologie bereits auch in Europa ist, zeigt u.a. auch eine aktuelle Predigt von Leo Bigger aus der v.a. in der Schweiz und Deutschland massiv gewachsenen Megakirche ICF (International Christian Fellowhip) zum „geistlichen Kampf“:
Quelle: Screenshot Screenshot Predigt aus der ICF Zürich mit Leo Bigger vom 26.10.2025, Youtube-Kanal ICF.
Ganz offen wird sich in der mit Kampfesrhetorik durchsetzten Predigt stattdessen zur Ideoligie des „Seven Mountain Mandate“ bekannt:
Quelle: Screenshot Screenshot Predigt aus der ICF Zürich mit Leo Bigger vom 26.10.2025, Youtube-Kanal ICF.
Die Geschichte von „Sportler ruft Sportler“ und „Fußball mit Vision“
Fußball mit Vision ist um 2022 als Projekt aus dem Verein Sportler ruft Sportler (SRS) unter Leitung von Manuel Bühler, ehemaliger Fußballprofi beim 1. FC Nürnberg und 1860 München, gestartet worden.
Bühler selbst kam laut eigenen Angaben über Kontakte mit Zé Roberto zum Glauben. Denn SRS und Fußball mit Vision sind nicht nur nach außen missionarisch aktiv. Sie bieten auch Profifußballer*innen, die regelmäßig unter hohem Leistungsdruck stehen, mit Gebetskreisen u.v.m. – vermeintlich – eine „geistliche Heimat“ und freundschaftliche Beziehungen, die im Profisport sicher nicht einfach zu finden sind.
Profifußballer*innen eignen sich aber auch als Identifkationsfiguren zur Missionierung besonders gut. Gerade auch zum Missionieren unter jungen Menschen.
Und dessen ist sich die christlich-fundamentalistische „Szene“ durchaus bewusst: Das evangelikale christlich-fundamentalistische Schweizer Magazin jesus.ch – das auf seiner Webseite auch Geschichten von Personen bewirbt, die ihre Homosexualität nicht ausleben und daran glauben, dass „die Bibel ihnen Heteronormativität vermittelt“ – hat gleich ein ganzes Dossier zu „Fußball und Glaube“ veröffentlicht. Mit zahlreichen Bekehrungs- und „Erfolgsgeschichten“…
Es wundert kaum – beunruhigt indes umso mehr -, dass Fußball mit Vision sich besonders (und scheinbar durchaus erfolgreich) um Auftritte in Schulen bemüht. Entsprechendes gilt für SRS, wobei die Auftritte an Schulen häufig vermeintlich „neutral“ als „Sozialkompetenztraining“ vermarktet werden, wie hier am Landesmusik-Gymnasium Rheinland-Pfalz.
Gesellschaftstransformation durch Mission?
Dass es bei SRS und Fußball mit Vision um Mission geht, ist offensichtlich. SRS ist auf seiner Webseite hierzu sehr deutlich:
„Sport bietet Christen eine kraftvolle Möglichkeit, den Glauben in die Gesellschaft zu bringen.“
Wer den Vereinen SRS und Fußball mit Vision nachgeht findet diese vorwiegend im christlich-fundamentalistischen Umfeld, worauf der ARD-Bericht bereits eingeht. Und das zeigt eben auf, dass dort hochproblematische Ideologien vermittelt werden – sowohl gegenüber Fußballer*innen als auch deren Fans.
Auch die von SRS gestartete „Werteoffensive“ (Archivlink, Original zwischenzeitlich entfernt) macht hellhörig:
„Der christliche Glaube an Gott als Schöpfer, an Jesus Christus als Erlöser und den Heiligen Geist als Motivator, ist Ausgangspunkt und Wertemaßstab unseres Handelns.“
Und so wundert es eigentlich kaum, dass Lohs Wertestarter auch den Verein SRS unterstützen, der – übrigens ebenso wie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – offiziell zu den Kooperationspartnern der Wertestarter gehört.
„Der christliche Glaube hat in vielen gesellschaftlichen Bereichen seine prägende Kraft verloren. Die nachwachsende Generation erfährt auch in ihren Familien keine, am christlichen Glauben orientierte, Wertebildung. Dies hat mich, Friedhelm Loh veranlasst, die Stiftung für Christliche Wertebildung zu gründen. Sie will helfen, dass einerseits in Kindergärten, Schulen und in der außerschulischen Jugendbildung und andererseits in der Qualifizierung von Mitarbeitenden in den pädagogischen Handlungsfeldern, Bildungsräume zu einer am christlichen Menschenbild orientierten Wertebildung eröffnet werden.“
Das „gesellschaftstransformatorische“ Engagement der Wertestarter wird fortlaufend evaluiert, wie hier im Evaluationsbericht (S. 10) ersichtlich: Die 7 Stufen der Wirkungstreppe: „Aktivitäten finden wie geplant statt“ bis „Die Gesellschaft verändert sich“ (Quelle: https://wertestarter.de/media/downloads/A4-Wirkungsanalyse-022024.pdf, S. 10):
Gute Verbindungen in die Politik
Im Kuratorium der Wertestarter sitzt ein alter „Politik-Bekannter“: der ehemalige MdB Volker Kauder, CDU, ebenfalls eng verbunden mit der evangelikalen Szene. Und Parteikollege der Person, die gegen den ARD-Bericht Programmbeschwerde einlegte: Nämlich Johannes Volkmann, CDU, MdB & Enkel von Helmut Kohl und gewählt über den Wahlkreis Lahn-Dill – in dem übrigens auch die Stadt Haiger, der Wohnort von Friedhelm Loh, liegt.
In Haiger hat des Weiteren auch die Firma „Franz Hof GmbH“ ihren Sitz. Geschäftsführerin Katja Hof, die erst dieses Jahr auch auf dem dem Kongress Christlicher Führungskräfte des rechtspopulistischen idea-Magazins – dessen Gründung ebenfalls aus der Familie Loh unterstützt wurde – aufgetreten ist, ist Schwägerin von Gerhard Kehl aus der Kemptener Alpen Church.
Kehl ist wichtiges Bindeglied zur US-evangelikalen Bethel Church. Die Organisation Awakening Europe vom Bethel-Prediger ben Fitzgerald hat weiterhin ihr Impressum an Kehl’s Alpenchruch, von wo aus er schließlich die G5 Gemeinde Eimeldingen übernahm und die Awakening Church gründete.
Gibt es Zusammenhänge zwischen den Verbindungen von MdB Johannes Volkmann zum Verein SRS und Fußball mit Vision und der Programmbeschwerde? Es gibt Anzeichen, aber wir können es derzeit nicht konkret(er) belegen.
Hinter scheinbar harmlos ihren Glauben bekundenden Fußballer*innen scheint jedoch offenbar deutlich mehr zu stehen, als eine persöniche Glaubensüberzeugung. Und die Glaubensüberzeugungen, die in dem beschriebenen Umfeld vorherrschen, geben Grund zur Sorge und zu Widerspruch. Gerade WEIL wir Religions- UND Weltanschauungsfreiheit in unserer pluralistischen Geselschaft einen hohen Stellenwert einräumen.
Schließlich sind die bisher thematisierten Vereine Ballers in God, Sportler ruft Sportler und Fußball mit Vision auch kein Einzelfall. Auch die internationale evangelikale City Changer Movement, die in Deutschland v.a. als Die Stadtreformer unterwegs ist und zahlreiche niederschwellige lokale Angebote (häufig unter dem Namen „Gemeinsam für…“ und dem jeweiligen Städtenamen) unterstützt, setzt u.a. mit Unterstützung von Organisationen wie dem Christlichen Fußballernetzwerk (CFN) auf Sport als Missionierungsintsrument (dazu in Kürze mehr…).
Es wäre wünschenswert, wenn Medien diesen Anzeichen einer (letztlich antidemokratischen) christlich-fundamentalistischen Bewegung im Deutschland mehr nachgehen würden.
Insolvenz von Petri & Eichen als Einfallstor christlich-fundamentalistischer Akteure in die Soziale Arbeit?
Zum Beispiel: Das Sozialwerk Bremen, die hoop Kirche und ihre Netzwerke
Die Zukunft großer Teile der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Bremen ist aktuell unsicher. Grund dafür sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des diakonischen Trägers Petri & Eichen, der sich nun aus weiten Teilen der Kinder- und Jugendsozialarbeit zurückzieht.
Um drohende Versorgungslücken möglichst zu vermeiden, will die Hansestadt Bremen in Kürze Ausschreibungen für neue Angebote auf den Weg bringen. Droht dabei ein weiteres Vordringen christlich-fundamentalistischer Organisationen in die Soziale Arbeit?
Die hier veröffentlichte Recherche geht auf entsprechende Gefahren ein und zeigt Verbindungen des Sozialwerks der Freien Christengemeinde Bremen – das zunächst eine der Kitas von Petri & Eichen übernehmen sollte – in christlich-fundamentalistische Netzwerke auf.
Im Sommer startete der diakonische Träger Petri & Eichen ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, kümmerte sich also zunächst selbst um eine wirtschaftliche Stabilisierung.
Mittlerweile ist sicher: Petri & Eichen stellt sich neu auf. Ein neuer Träger steigt ein, für vier Kitas wurden neue Träger gesucht, die offene Kinder- und Jugendarbeit soll nicht mehr aktiv weiterbetrieben werden.
Immer wieder führen klamme Haushaltskassen dazu, dass christlich-fundamentalistische Träger die Situation nutzen, eigene Angebote weiter auszubauen.
Diesen Sommer erst veröffentlichte FundiWatch eine von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderte Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit. Das Fazit: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht! Auf Hilfe und Unterstützung angewiesene Menschen dürfen nicht denjenigen überlassen werden, die sich letztlich gegen die Grundwerte einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft wenden und fachliche Standards professioneller Sozialer Arbeit nicht einhalten.
Das wird die Zukunft zeigen. Bei der bisherigen Kita „Weltenbummler“ von Petri & Eichen in Tenever sprachen allerdings zahlreiche Anzeichen zunächst dafür. Denn diese stand laut Medienberichten offenbar unmittelbar vor einer Übernahme durch das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen, das nach dem Ergebnis vorliegender Recherche auf vielfältige Weise in christlich-fundamentalistische Kreise vernetzt ist.
In Frage gestellt wurde die Übernahme der Kita durch das Sozialwerk zunächst offenbar dennoch nicht. Wohl erst in letzter Minute kam es dazu, dass stattdessen nun die städtische KiTa Bremen auch diese Kita übernehmen soll.
Der Vorgang wirft jedoch Fragen auf, insbesondere auch, ob in Bremen die notwendige Sensibilität besteht, die professionelle Soziale Arbeit vor Einflussnahme fraglicher Akteur*innen zu schützen.
Vor diesem Hintergrund soll in dieser Recherche die Einbindung des Sozialwerks Bremen in christlich-evangelikale bis fundamentalistische Netzwerke näher beleuchtet werden. Im Ergebnis wird deutlich: Es ist wichtig, genau hinzusehen.
Es bleibt zu hoffen, dass die Hansestadt Bremen bei den anstehenden Neuausschreibungen ihrer Verantwortung zum Schutz von auf Hilfe und Unterstützung angewiesener Personen nachkommt.
Abstract
Das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen gehört zu den größten Akteuren der Sozialen Arbeit in Bremen. Mit zahlreichen ambulanten und stationären Angeboten ist das Sozialwerk aus den Bremer Sozialraumangeboten wohl kaum mehr wegzudenken.
Mit seiner Tochtergesellschaft Menschenskinners! betreibt das Sozialwerk auch mehrere Kitas. Die ursprünglich offenbar angestrebte Übernahme der Kita „Weltenbummler“ von Petri & Eichen schien also naheliegend.
Selbstverständlich wollen wir hier nicht behaupten, sämtliche der vielen Mitarbeitenden des Sozialwerks seien „christliche Fundamentalist*innen“. Doch betrachtet man die Hintergründe, Netzwerke und Kooperationen des Sozialwerks näher, stößt man auf Verbindungen, die weit in christlich-fundamentalistische Netzwerke hineinreichen. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Und das sollte unseres Erachtens stärker im Blick behalten werden.
In Teil 1 dieses Beitrags sollen daher zunächst die aktuellen Entwicklungen rund um die Insolvenz von Petri & Eichen und die ursprünglich geplante Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk näher dargestellt werden.
Schließlich wird auf die Entstehungsgeschichte des Sozialwerks, dessen Organisationen und die Einbindung in evangelikale Netzwerke eingegangen:
Denn entstanden ist das Sozialwerk Bremen aus der Freien Christengemeinde Bremen– der heutigen hoop-Kirche. Die Verbundenheit ist auch heute noch in der Kirchenverfassung der hoop festgehalten.
Entsprechendes gilt für die ebenfalls verbundene Elterninitiative Nordlicht – Christliche Kitas e.V. (zuvor: CEKIS – Christliche Kitas e.V.) deren Ziel es ist, „eine christlich geprägte Erziehung in der Tagesbetreuung sicherzustellen“.
Mittlerweile gehört auch die ursprünglich als Christliche Eltern-Initiative e.V. (CEI) gegründete ElterninitiativeMenschenskinners! zum Sozialwerk Bremen. Die Initiative war und bleibt umstritten, u.a. wegen ihrer Positionen als Anti-Abtreibungsverein und vermeintlichen Verbindungen mit evangelikalen Gruppen, die teilweise mit Konversionsbehandlungen („Homo-Heilung“) in Verbindung gebracht wurden.
Zudem bestehen insbesondere über Menschenskinners! auch Verbindungen zur Freien Evangelischen Bekenntnisschule Bremen (FEBB), gegen die in der Vergangenheit Mobbing-Vorwürfe u.a. eines trans Schülers erhoben wurden.
Schließlich übernahm das Sozialwerk Bremen im Jahr 1988 die Bremer Privatschule Mentor – bevor die Leitung nur zwei Jahre später versuchte, den Betriebsrat abzuschaffen und aus der Schule eine „christliche Bekenntnisschule“ zu machen.
Des Weiteren ist das Sozialwerk Bremen über Mitgliedschaften in diverse evangelikale Dachverbände eingebunden. So beispielsweise im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP) und der (Ortsallianz) der Evangelischen Allianz Bremen (EAD), die beide unter anderem wegen ihren Haltungen zu Homosexualität, Abtreibung und Missionierung in der Kritik stehen.
In Teil 2 dieses Beitrags gehen wir aufgrund der engen Verbundenheit näher auf die Ausrichtung der hoop Kirche ein:
Denn trotz modernem Außenauftritt erscheinen die vermittelten Ideologien der hoop erzkonservativ.
Schließlich wird dort auch das aus der kalifornischen Megakirche Bethel Churchstammende „Befreiungsgebet“ SOZO angeboten, das laut seinen internationalen Leiter*innen u.a. zur „Befreiung“ von der „Sünde der Homosexualität“, von „dämonischen Belastungen“ und sogenanntem „Okkultismus“ eingesetzt werden soll.
Zudem lassen sich Verbindungen mit Akteur*innen, die herrschaftstheologische Ideologien verbreiten und den Bewegungen der sog. „New Apostolic Reformation“ bzw. „Kingdom-minded Network Christianity“ zugeordnet werden – u.a. beim dieses Jahr veranstalteten Evangelisierungsevent „Missio Dei“ – aufzeigen.
TEIL 1: Das Sozialwerk der Freien Christlichen Gemeinde Bremen und die Insolvenz von Petri & Euchen
Großer Träger der Kinder- und Jugendarbeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten
Mit rund 500 Mitarbeitenden zählt Petri & Eichen seit Jahren zu den größten Trägern der Kinder- und Jugendhilfe in der Hansestadt Bremen.
Parallel wurde bekannt, dass auswärtige Interessenten bei Petri & Eichen einsteigen wollen. Für die vier Kitas sollten hingegen neue Träger gewonnen werden. Doch nach Medienberichten gelang das nicht wie ursprünglich geplant:
Von den vier betroffenen Kitas konnte zunächst nur für die Kita „Weltenbummler“ in Tenever ein neuer freier Träger gefunden werden: das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen.
Für die anderen drei Kitas sollte kurzfristig die städtische KiTa Bremen einspringen. Wie in einer Sitzung der Bremischen Bürgerschaft entschieden wurde, sollte so eine ansonsten drohende Versorgungslücke im Kita-Bereich vermieden werden.
Die vorgesehene Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk Bremen wurde hingegen offenbar nicht in Frage gestellt. Das verwundert. Denn die Verbindungen des Sozialwerks in christlich-fundamentalistische Netzwerke scheinen durchaus vielfältig und bemerkenswert.
Bisher erlebten evangelikale Träger in Bremen durchaus Widerspruch
Bisher gab es in Bremen immer wieder deutlichen Widerstand gegen ähnlich ausgerichtete Organisationen in den Bereich der Sozialen Arbeit:
So wurde im Jahr 2020 ein Projekt des benachbarten Sozialwerks der Freien Christengemeinde Oldenburg (heute: Perspektive Oldenburg Sozialwerk gGmbH) an der Ermlandstraße vom Senat abgelehnt.
Hintergrund waren nach damaligen Berichten offenbar unter anderem auch die Mitgliedschaften des Sozialwerks Oldenburg bei der Evangelischen Allianz Deutschlands(EAD, früher: DEA) und im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP). Beide stehen, wie damals der Weser-Kurier berichtete, unter anderem wegen ihren Haltungen zu Homosexualität, Abtreibung und Missionierung in der Kritik.
Übernahme durch das Sozialwerk Bremen scheitert erst im letzten Moment
Doch auch das Sozialwerk Bremen ist sowohl bei der EAD als auch beim BfP als Mitgliedsorganisation gelistet. Laut Satzung soll bei einer Auflösung des Sozialwerks das verbleibende Vereinsvermögen an den BfP übertragen werden.
Gleichzeitig bleibt das Sozialwerk Bremen einer der bedeutenden Akteure der Sozialen Arbeit in der Hansestadt. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass das Sozialwerk seine Aktivitäten auch weiterhin ausbauen wird – auch im Hinblick auf mögliche Lücken in der sozialen Landschaft, die durch den Rückzug von Petri & Eichen entstehen.
Wer ist das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen?
Auf der Homepage des Sozialwerks sowie in der dort abrufbaren Unternehmensbroschüre wird dessen Entstehungsgeschichte ausführlich dargestellt.
Sie beginnt im Jahr 1979 in der Mitgliederversammlung der Freien Christengemeinde Bremen, die seit 2017 unter dem Namen „hoopKirche“ (norddeutsch für „Hoffnung“) auftritt. Damals wurde Heinz Bonkowski, zwischenzeitlich verstorben und Vater des heutigen Sozialwerk-Leiters Dr. Matthias Bonkowski, mit der Gründung und Leitung des Sozialwerks beauftragt.
Die fortbestehende enge Verbindung zwischen der hoop, dem Sozialwerk und Nordlicht ist in der Verfassung der hoop-Kirche festgehalten und wird auf den entsprechenden Webseiten, zum Beispiel hier und hier, besonders betont.
In der Vergangenheit gab es nach Presseberichten Konflikte zwischen dem Sozialwerk Bremen und Mitarbeitenden der Bremer Privatschule Mentor. Die Schule war 1988 in finanzieller Schieflage vom Sozialwerk übernommen worden.
Bereits zwei Jahre später kam es laut Medienberichten zum Streit mit dem Betriebsrat. Als dessen turnusmäßige Neuwahl anstand wurde dies demnach durch die Geschäftsleitung untersagt und der Betriebsrat für abgeschafft erklärt. Als Begründung führte die Schulleitung nach damaligen Berichten der taz an, das Betriebsverfassungsgesetz gelte nicht für Religionsgemeinschaften.
Laut taz wollte der damalige Geschäftsführer der Schule Heinz Bonkowski – zugleich Leiter des Sozialwerks – aus der Mentor-Privatschule eine Christliche Schule machen. Die aus seiner Sicht nach „überstarke Mitbestimmung des Betriebsrats“ hätte dies jedoch verhindern können.
Gewerkschaftlich organisierte Lehrkräfte gingen dagegen juristisch vor und bekamen schließlich Recht. Die Schulleitung musste Betriebsratswahlen zulassen.
Auch später kam es zu Konflikten rund um Arbeitsbedingungen und Tarifverhandlungen. Die GEW berichtet am 10.02.2020, dass erst: „Nach langen und schwierigen Verhandlungen inklusive zweier Urabstimmungen und unbefristetem Erzwingungsstreik“ ein Tarifabschluss gelang.
Verbindung zu „Menschenskinners!“ – Anti-Abtreibungslobby und „Homo-Heilung“!?
Seit vielen Jahren besteht auch eine enge Verbindung zwischen dem Sozialwerk Bremen und der Christlichen Eltern-Initiative e.V. (CEI), die heute vollständig zum Sozialwerk gehört und inzwischen unter dem Namen Menschenskinners! Christen engagiert für Familien gGmbH firmiert.
Nach Angaben des Vereins initiierte die CEI 1985 die Aktion „Recht auf Leben“. Eine Gruppierung, die laut eigenen Angaben „angesichts der vielen Abtreibungen in unserem Land Frauen und Familien in Konfliktsituationen helfen sowie das Leben von Kindern vor und nach der Geburt schützen will“.
Im Jahr 2020 benannte sich die CEI in Menschenskinners! Christen engagiert für Kinder und Eltern e.V. um, und veränderte ihren öffentlichen Auftritt. Während die Homepage zuvor von Bildern besorgter Frauen mit Schwangerschaftstests in den Händen geprägt wurde, zeigt sich der Internetauftritt heute in bunten Regenbogenfarben mit lachenden Kindern.
Die Ausrichtung blieb hingegen gleich. Laut einer noch auffindbaren Satzung aus dem Jahr 2020 besteht Menschenskinners! aus Menschen, „die auf der Grundlage des christlichen Glaubens diakonisch und volksmissionarisch [sic!] arbeiten wollen“.
Kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, als der Verein sich 2024 mit dem Sozialwerk Bremen zusammenschloss. Heute ist Menschenskinners! eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des Sozialwerks.
Auch der Umstand, dass der Verein an Schulen „sexualpädagogische Aufklärung“ betreibt und sich Mitarbeitende laut Medienberichten bei evangelikalen Gruppen fortbildeten, die teilweise mit – inzwischen grundsätzlich verbotenen – Konversionsbehandlungen („Homo-Heilung“) in Verbindung gebracht wurden, führte zu öffentlicher Kritik in den Medien und war Thema in politischen Debatten der Bremer Bürgerschaft.
Aktuell betreibt Menschenskinners! ein Mutter/Vater-Kind-Haus, den Second-Hand-Laden „find.us“ und an mehreren Standorten die „Kita Regenbogen“. Im pädagogischem Leitbild heißt es, die Kindergruppen erfüllten „ihren Auftrag zur Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern auf der Grundlage des christlichen Glaubens“.
Einbindung des Sozialwerks Bremen in evangelikale Netzwerke
Neben der bereits erwähnten Mitgliedschaft des Sozialwerks im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP) bestehen nach öffentlich zugänglichen Informationen zahlreiche weitere Verbindungen in christlich-fundamentalistisch sowie evangelikal geprägte Netzwerke.
Nach öffentlich verfügbaren Informationen wirkte ADF maßgeblich daran mit, das in den USA das Recht auf Abtreibung (Grundsatzurteil Roe vs. Wade) gekippt wurde. Aktuell unterstützt ADF die christliche Beraterin Kaley Chiles vor dem Obersten Gerichtshof in den USA bei einer Beschwerde gegen das Verbot von Konversionsbehandlungen an Minderjährigen im US-Staat Colorado (vgl. Chiles vs. Salazar).
Die taz zitierte in diesem Zusammenhang die damalige Gemeindemitarbeiterin Sabine Fäsenfeld – heute Assistenz der Geschäftsführung von Menschenskinners! – wie folgt:
‚Möglicherweise hat man in Gruppen mit Betroffenen gebetet‘, sagt Gemeindemitarbeiterin Sabine Fäsenfeld auf Nachfrage. ‚Wenn jemand Seelsorge braucht, wüssten wir, wohin wir ihn vermitteln können‘, teilt sie mit. Aber ein eigenes Programm, ‚nein, das kann nicht sein.‘
Die FEBB ist Mitglied im „Verband Evangelischer Bekenntnisschulen“ (VEBS), dem nach eigenen Angaben bundesweit 214 Bildungseinrichtungen angehören. Auf seiner Webseite formuliert der Verband unter Berufung auf das deutsche Grundgesetz durchaus selbstbewusst (Hervorhebungen im Original jeweils durch Fettschrift):
Bekenntnisschulen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nur den staatlichen Lehrzielen, aber nicht den Lehrplänen/Bildungsplänen folgen müssen.
Und:
Bekenntnisschulen dürfen daher eigene Lehrpläne entwickeln und lehren – diese müssen von der Schulaufsicht des Landes genehmigt werden.
Der gesamte Schullalltag einer Bekenntnisschule (also auch alle Schulfächer) muss vom christlichen Bekenntnis durchdrungen/geprägt sein (so wie Waldorfschulen oder Montessorischulen von den jeweiligen pädagogischen Prinzipien geprägt sein müssen).
Wir nutzen diese Freiheit, unter Beachtung der staatlichen Lehrziele, um mit unseren eigenen, vom Bekenntnis geprägten Methoden und Unterrichtsinhalten Schule zu gestalten.
Doch welches „christliche Bekenntnis“ genau ist hier gemeint? Eines, das queere Menschen in der Hölle sieht, wenn sie entsprechend ihrer sexuellen Orientierung und Identität leben wollen, oder eines, das queere Menschen als Teil der Vielfalt unserer Menschheit mit gleicher Würde und gleichen Rechten ansieht?
Und welche christliche Glaubensrichtung vertritt das Sozialwerk Bremen bzw. dessen Gründungsgemeinde hoop?
Darum soll es in Teil 2 gehen.
TEIL 2: Gründungsgemeinde des Sozialwerks der Freien Christlichen Gemeinde Bremen: Die heutige hoop Kirche
Lange Historie und der „Mähdrescher Gottes“ zu Gast in Bremen
Wie bereits in Teil 1 dargestellt, ist das Sozialwerk Bremen aus der Freien Christengemeinde Bremen hervorgegangen, die seit 2017 unter dem Namen hoop Kirche auftritt. Die enge Verbundenheit besteht weiterhin.
Die Freikirche hoop blickt auf eine lange Geschichte zurück.
Gegründet wurde sie 1932 unter dem Namen „Christengemeinde Elim“. Später benannte sie sich in Freie Christengemeinde Bremen um und 2017 in hoop Kirche.
Auch im Verlauf ihrer jüngeren Geschichte traten immer wieder auch international bekannte – und umstrittene – Evangelikale in der hoop als Gastprediger auf.
Darunter auch der Missionar Reinhard Bonnke, der aufgrund seines Predigtstils in Massenevangelisationen auch als „Mähdrescher Gottes“ bezeichnet wurde. Bonnke leitete bis zu seinem Tod das Missionswerk Christus für alle Nationen (CfaN), das international, vorwiegend auf dem afrikanischen Kontinent aber auch in Deutschland, aktiv ist.
Die Journalist*innen Oda Lambrecht und Christian Baars beschreiben in ihrem Buch „Mission Gottesreich“ diesen Auftritt ausführlich. Demnach schrie Bonnke bei seinem Auftritt von der Bühne:
Tumore weicht in Jesu Namen! Krebs verschwinde in Jesu Namen! HIV-positiv werde HIV-negativ! In Jesu Namen! (…) Alle Infektionen, Neurosen, ich breche die Kette aller Depressionen, in Jesu Namen! Die Freude am Herrn wird deine Stärke sein und deine Medizin sein.
Auch Bonnkes Nachfolger bei CfaN, Daniel Kolenda, war laut Predigtarchiv bereits als Gastprediger in der hoop.
Außen bunt, innen erzkonservativ
Heutzutage wirkt die hoop – jedenfalls in ihrem Außenauftritt – deutlich anschlussfähiger, als es der damalige Auftritt von Reinhard Bonnke vermuten lässt: Prediger*innen in Jeans, lockere Sprache, viel Lobpreismusik, moderne Bildsprache und herzliches Auftreten. Dies war auch im bereits erwähnten ZDF-Fernsehgottesdienst aus der hoop sichtbar.
Bei näherem Blick in die Predigtarchive der hoop wird jedoch deutlich, dass weiterhin theologisch sehr konservative bis christlich-fundamentalistische Positionen vertreten werden. Dort auffindbare Predigtreihen und Titel wie „Bis zum Ende: Treu bleiben in der Endzeit“, „Teuflisches Verhalten“ oder „An Jesus glauben = mit Christus herrschen“ illustriere diese Ausrichtung.
Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass die hoop im Außenauftritt offenbar um ein möglichst anschlussfähiges Auftreten bemüht ist. Klassische Konfliktthemen inner- und außerhalb evangelikaler Diskurse erscheinen eher indirekt – eingebettet in Formate wie „Love is in the Air – Gottes guter Plan für deine Sexualität“ oder (schon erheblich deutlicher) „Freiheit von Porno“.
Bei inhaltlicher Auseinandersetzung mit diesen Formaten wird schnell deutlich, dass nach deren Inhalten Sexualität ausschließlich in einer Ehe zwischen „einem Mann und einer Frau“ gelebt werden soll. Eine Beantwortung der theologischen Einordnung von Homo- und Transsexualität scheint damit ebenfalls – jedenfalls für den Außenauftritt – ausreichend zum Ausdruck gebracht. Eine Predigt aus dem Jahr 2013 mit dem Titel „Gute Frage: Hat Gott ein Problem mit Homosexualität?“ ist im Predigtarchiv heute nicht mehr abrufbar.
Noch deutlicher scheint das Bild zu den religiösen Weltanschauungen der hoop zu werden, wenn man betrachtet, welche Inhalte sich hinter dem von der hoop angebotenen Befreiungsdienst „SOZO“ befinden.
Befreiungsdienst SOZO: „Befreiung von der Sünde der Homosexualität“ und „dämonischen Belastungen“?
Der Befreiungsdienst BethelSOZO stammt aus der im kalifornischen Redding ansässigen und weltweit agierenden Megakirche Bethel Church. Der Begriff „SOZO“ stammt aus dem Altgriechischen und wird von BethelSOZO selbst mit „retten, freisetzen, heilen, ganz sein“ übersetzt.
Die Bethel Church vertritt einen besonders ausgeprägten Glauben an übernatürliche Kräfte, Wunderheilungen und den Einfluss dämonischer Mächte.
Die (wohl auch bei deutschen Schüler*innen beliebte) Bethel-Jüngerschaftsschule trägt dafür den passenden Namen: Bethel School of Supernatural Ministries (kurz: BSSM). Gelegentlich wird die BSSM auch scherzhaft als „christliches Hogwarts“ bezeichnet. In Deutschland existiert mit der von ehemaligen BSSM-Schüler*innen gegründeten „Schule der Erweckung“ in Füssen eine „Quasi-Außenstelle“ in Deutschland.
Der internationale Befreiungsdienst BethelSOZO wird durch die auch für die Bethel Church tätige Dawna De Silva verantwortet. In Deutschland wird das Angebot unter anderem über den Verein Bethel SOZO Deutschland e.V. verbreitet, vor allem auch durch Schulungen für Gemeindemitarbeitende, die den Dienst erlernen und in ihren Gemeinden schließlich selbst anbieten wollen.
Laut Webseite von Bethel SOZO Deutschland gibt es bundesweit rund 50 Standorte, an denen Bethel SOZO angeboten wird.
Auf der Webseite von Dawna De Silva wird Bethel SOZO unter anderem als Dienst beschrieben, der auch zur Befreiung von der „Sünde der Homosexualität“ beitragen könne. Dazu wird dort das „Werkzeug“ der „Vier Türen“ erläutert. Demnach stammen sämtliche Sünden aus den vier Bereichen Angst, Hass, sexuellen Sünden sowie Okkultismus & Hexerei, wofür sinnbildlich die vier Türen stehen sollen.
Hinter der „Tür der sexuellen Sünden“ stehen nach dortiger Beschreibung die „Sünden“ der Homosexualität ebenso wie Ehebruch, Pornographie, Unzucht, Lüsternheit, Belästigung, Vergewaltigung und Phantasien.
In einer SOZO-Sitzung – vor deren Beginn den Anbietern von SOZO die Einholung eines Haftungsausschlusses empfohlen wird – soll demnach gefragt werden, ob die das SOZO empfangende Person eine der vier Türen geöffnet hat und mit welchen der sich dahinter verbergenden Sünden sie in Berührung gekommen ist.
Daran anschließend empfiehlt De Silva den SOZO-Empfänger*innen folgendes Gebet:
Jesus, I ask You to forgive me for opening this door to… (fear, hatred, sexual sin, or the occult). I repent for partnering with this sin of… (worry, stress, jealousy, or control). I renounce this sin’s hold over my life and ask You, Lord, to cleanse me with Your righteousness blood [sic!]. Close this door, Jesus, and seal it shut. In Jesus’s Mighty Name, amen.
Nach Angaben De Silvas solle es darüber hinaus hilfreich sein, sich selber im Leben einige Grenzen zu setzen, also beispielsweise bestimmte Filme zu vermeiden, digitale Filter zu nutzen – oder auch den eigenen Freundeskreis zu verändern.
Wie sich die SOZO-Glaubensvorstellungen mit antifeministischen Ideologien vermengen, wird unter anderem in einem Blog-Beitrag von De Silva unter dem Titel „Identifying the Jezebel and Delilah Spirits“ deutlich:
Dort berichtet De Silva von Frauen, die die „die gesalbten Gottes“ zu sexuellen Handlungen verführten. Als Ursache stellte De Silva dann eine Beeinflussung durch den „Jezebel-Dämon“ fest. Damit referenziert sie offenbar auf biblische Erzählungen vor allem im neuen Testament (Offenbarung 2,20), nach denen die Prophetin Jezebel (in Deutsch: Isebel) Christen zu „Unzucht“ verführte und dazu brachte, Götzenopfer zu essen.
„Sieben Berge“ und „Die größte Bedrohung für unsere Demokratie, von der Sie noch nie gehört haben“…
Die Bethel Church, auf deren Angebote sich die hoop dem Angebot des Befreiungsdienst SOZO zumindest teilweise bezieht, wird in verschiedenen Analysen nicht nur mit als unseriös bis hin zu gesundheitsgefährdenden Praktiken sogenannter „Befreiungs-“ und „Heilungsdienste“ in Verbindung gesehen.
In wissenschaftlichen und medienjournalistischen Analysen wird Bethel zudem immer wieder als prägender Akteur bei der Verbreitung einer christlichen Herrschaftstheologie gesehen, die häufig unter dem Begriff „christlicher Dominionismus“ bzw. „dominion theology“ eingeordnet wird. Dieser liegt die Vorstellung zu Grunde, Christ*innen seien berufen, mit ihren Glaubensvorstellungen sämtliche Gesellschaftsbereiche zu beeinflussen, um sie zu transformieren und schließlich mit „christlichen Werten“ zu dominieren oder gar zu beherrschen.
Was bei der Bethel Church unter „christlichen Werten“ verstanden wird, lässt sich unter anderem an Aussagen des langjährigen Bethel-Leiters Bill Johnson erkennen: Seine damalige Wahlentscheidung für Donald Trump begründete Johnson damit, er sei gegen Abtreibung, offene Grenzen, das Wohlfahrtssystem, gleichgeschlechtliche Hochzeiten, Sozialismus, political correctness und Globalisierung, weil dies alles seiner Auffassung nach Gottes Willen widerspreche.
Zudem gilt Johnson als strikter Gegner gegen die Restriktion sog. „Konversionstherapien“ (also Behandlungen zur Unterdrückung oder Veränderung der sexuellen Orientierung oder Identität) und vertritt die Auffassung, Homosexualität sei eine Sünde und eine „Vergewaltigung des menschlichen Designs“ („violation of design“).
Im Sommer 2024 trat Johnson mit Unterstützung von etwa 80 christlichen Organisationen aus Deutschland auf der Glaubenskonferenz UNUM24 vor tausenden Gläubigen im Münchener Olympiastadion auf, was zu Diskussionen und Kritik führte (nähere Infos und Quellen im Linktree des Protestbündnisses #NoUNUM24).
Die Bethel Church wird in verschiedenen medienjournalistischen und wissenschaftlichen Beiträgen als einer der zentralen Akteure einer christlichen Bewegung gesehen, die in den USA vor allem unter der Bezeichnung „New Apostolic Reformation“ (kurz: NAR) diskutiert wird.
Deren Anhänger*innen beziehen sich unter anderem auf eine vermeintliche göttliche Vision, die bereits in den 70er Jahren den Evangelisten Loren Cunninghan (Youth with a Mission, in Deutschland als Jugend mit einer Mission bekannt), Bill Bright (Campus Crusade for Christ, heute Cru und in Deutschland als Campus für Christus bekannt) sowie Francis Schaeffer offenbart worden sein soll: Das sogenannte „Seven Mountain Mandate“.
Nach dieser Vorstellung sollen Christ*innen berufen sein, im Kampf gegen in der Welt real existierende böse und dämonische Mächte alle sieben Gesellschaftsbereiche (also Religion, Familie, Bildung, Medien, Kunst und Unterhaltung, Wirtschaft und Regierung) durch „geistliche Kriegsführung“ („spiritual warfare“) sowie aktive Einflussnahme zu transformieren und unter die Herrschaft des christlichen Glaubens zu bringen. So soll sukzessive das „Reich Gottes“ auf Erden ausgebreitet und die Wiederkehr Jesu vorbereitet werden.
Die mit der Verbreitung dieser Ideologien einhergehenden gesamtgesellschaftlichen Gefahren, fanden – mit wenigen Ausnahmen – lange Zeit keine Beachtung. Jedenfalls in den USA änderte sich dies in den letzten Jahren zunehmend. Heute sieht das Southern Poverty Law Center die New Apostolic Reformation als „größte Bedrohung für die US-Demokratie, von der man noch nie gehört hat“.
Für den deutschsprachigen Raum liegen systematische Untersuchungen erst vereinzelt vor. Grundlagenarbeit leistete insoweit die Vikarin Dr. Maria Hinsenkamp, die in ihrer frei abrufbaren Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ für diese Glaubensrichtung den Begriff „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: „KiNC“) etablierte und deren bereits vorhandene Ausbreitung auch in Deutschland und Europa dokumentiert.
Christliche Dominionismus-Strömungen zu Gast in der hoop Kirche?
Vor dem zuvor beschriebenen Hintergrund scheint die Auswahl der Gastsprecher*innen beim von der hoop im vergangenen Sommer veranstalteten Evangelisationsevent „Visio Dei“ bemerkenswert. Denn als einer der Hauptgäste trat der Evangelist Glyn Barrett auf.
Insbesondere die Seite „NAR Connections“ weist auf die vielfältigen Verbindungen Barretts mit der NAR hin. Besondere Erwähnung findet dabei auch Barretts Funktion in der Leitung des globalen Netzwerks Empowered21, auf die auch in der Programmankündigung der hoop für das Event „Visio Die“ hingewiesen wurde.
Hinsenkamp beschreibt Empowered21 gemeinsam mit der mit ihr verbundenen Global Evangelicalist Alliance (GEA) als größte internationale Netzwerke der Kingdom-minded Network Christianity (KiNC), welche das „Who’s Whoder prominenten internationalen KiNC-Persönlichkeiten unter ihrem Dach vereinen“ [Hinsenkamp, aaO. S. 412].
Im Leitungsgremium von Empowered21, dem „Global Council“, finden sich unter anderem auch Bill Johnson und zahlreiche weitere führende Persönlichkeiten, die immer wieder im Kontext der NAR bzw. KiNC genannt werden. Auch aus Deutschland sind einzelne Personen dort vertreten, wie etwa Peter Wenz, Leiter des Gospel Forums in Stuttgart, oder Jürgen Bühler, Gründungsmitglied des christlich-zionistischen Dachverbands „Christliches Forum für Israel“ und Direktor der International Christian Embassy Jerusalem (ICEJ).
Auch im Leitungsgremium der Global Evangelicalist Alliance (GEA) tauchen wiederum bekannte Namen aus dem Umfeld der KiNC bzw. NAR auf – darunter auch Daniel Kolenda(Christus für alle Nationen) und Ben Fitzgerald (Bethel Church / Awakening Europe).
Auf der Webseite von Empowered21 findet sich unter den Zielen des Netzwerks unter anderem folgender Satz:
FORM AND SERVE A GLOBAL NETWORK FOR NEXT GENERATION LEADERS
who are empowering future generations in every segment of society including church, family, government, business, education, arts/entertainment, sports and media.
Die Referenz auf das „Seven Mountains Mandate“ ist insoweit kaum zu übersehen.
Bei dem Evangelisationsevent „Visio Dei“ angebotene Workshops unter Titeln wie „Einfluss nehmen in der Welt: Wie lebe ich meine Berufung?“ könnten vor diesem Hintergrund weiteren Anlass geben, die ideologische Ausrichtung der hoop näher zu beleuchten.
FAZIT: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht!
Der Fall der fast erfolgten Übernahme einer Kita durch das Sozialwerk Bremen zeigt angesichts der hier beschrieben Netzwerke, ideologischen Bezüge und der dokumentierten Kontroversen in der Vergangenheit sehr deutlich: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht!
Auch in Zeiten angespannter Haushaltskassen darf Soziale Arbeit nicht denjenigen überlassen werden, deren Ideologien und Ziele mit demokratischem Pluralismus und Menschenrechten kollidieren und deren Arbeitsweisen berufsethischen und wissenschaftlichen Standards professioneller Sozialer Arbeit widersprechen. Dass es hierzu bisher kaum Bereitschaft oder zumindest zu wenig Problembewusstsein gibt, zeigen Recherchen von FundiWatch immer wieder (vgl. hierzu u.a. auch hier und hier).
Die Frage, inwieweit die Einbindung des Sozialwerks Bremen in die aufgezeigten Netzwerke tatsächlich Einfluss auf deren konkrete Arbeit vor Ort hat, kann bisher nicht abschließend beantwortet werden. Die dargestellten Verbindungen sollten jedoch Anlass bieten, dieser Frage weiter nachzugehen. Dazu sollte sich nicht nur die Hansestadt Bremen, sondern auch der Paritätische Wohlfahrtsverband veranlasst sehen, bei dem das Sozialwerk Bremen Mitglied ist.
Im Übrigen bleibt zu hoffen, dass sich die Hansestadt Bremen bei den nun anstehenden Ausschreibungen zur Schließung der von Petri & Eichen hinterlassenen Lücken in der Kinder- und Jugendarbeit ihrer Verantwortung für Qualität und Seriosität neuer Anbieter bewusst bleibt.
Soziale Arbeit darf weder zum „Missionierungsinstrument“ christlich-fundamentalistischer noch sonstiger extremistischer Akteur*innen werden.