„Jesus Army is rising up“

Aktionen von „Reviving the World“ dieses Wochenende in München

(Quelle Titelbild: Instagram / Revivg The World). Die international vernetzte und u.a. eng mit „Christus für alle Nationen“ (CfaN) vernetzte christlich-fundamentalistische Missionsorganisation Reviving the World veranstaltet im Nachgang zu ihrer Aktion beim CSD München (vgl. hier und hier) dieses Wochenende weitere Aktionen:

Am Freitag traf man sich am Stachus zum „Move of Hope“. Der Leiter David Rotärmel persönlich stand auf der Bühne und hetzte gegen queere Menschen. Am Samstag traf man sich dann zum Jesus-Marsch vom Fortuna-Brunnen zum Orleansplatz, wo dann erneut ein „Move of Hope“ stattfand, bevor man sich in der mit zahlreichen christlich-fundamentalistischen Gruppen verbundenen katholischen Heilig-Geist-Kirche traf.

Heute am Sonntag veranstaltet Reviving the World erneut einen Jesus-Marsch vom Friedensengel zum Marienplatz. Am Marienplatz findet dann von 14 bis 15 Uhr erneut ein „Move of Hope“ statt, bevor man sich Abends wiederum in der Heilig-Geist-Kirche trifft.

Quelle: Instagram / Reviving the World

 

Ein paar Beobachtungen:

Queerfeindliche Hetze am Stachus

Am Stachus fanden sich am Freitag im Publikum etwa 100 Personen vor einer aufgebauten Bühne ein. Begonnen wurde mit suggestiven Fragen, die man selbstverständlich bejahen muss. Die beiden jungen Prediger starten mit Fragen wie: „Fühlst du dich manchmal ängstlich? Findest du es gibt zu viele Kriege auf der Welt?“ usw. usw. Als Lösung, die all dies überwinden würde, wurde schnell „Jesus“ genannt, um den es heute gehen solle und von dem man sich heute (!) retten lassen könne.

Es folgt die typische Lobpreismusik. Ein älterer Herr fragt mich, was das denn sei und ob das heut modern sei. Ich antworte: „Naja, modern nur äußerlich. Ansonsten sicher nicht“.

Missionierungsversuche…

Neben mir redet eine ältere Dame mit zahlreichen Flyern von Reviving the World und weiteren Organisationen in der Hand auf ein Paar mit Kinderwagen ein, ob sie Jesus kennen.

Die beiden geben sich als Muslim*innen aus und betonen, dass Gott doch im Herzen sei, man eine persönliche Beziehung finden müsse und sie jeden Zwang ablehnen. Die ältere Dame lässt nicht locker, zückt einen Flyer nach dem anderen und versucht dann noch eine Bibel zu übergeben. Die Frau wirkt zunehmend genervt und ermahnt ihren Mann als er – wohl etwas überfordert von der Situation – zur dröhnenden Lobpreismusik anfängt mit den Händen zu wippen. Die beiden bleiben geduldig, verabschieden sich dann aber doch entschieden und ziehen weiter.

Eine Gruppe buddhistischer Mönche macht einige Selfies von sich vorm Karlstor. Sofort ist eine Person von Reviving the World bei ihnen, die ihnen Flyer aufdrängen will und ihnen – wie ich finde übergriffig – die Hände auf die Schutern legt. Die Gruppe reagiert irritiert und läuft etwas verschreckt weiter. Die Person von Reviving the World folgt ihnen und greift immer wieder an die Schultern. Doch die Mönche lassen sich nicht beirren und laufen weiter – ohne Flyer angenommen zu haben.

Von der Bühne aus werden nun Menschen aufgefordert, ihr Leben Gott zu übergeben und nach vorne zu kommen. Dort solle für sie gebetet werden. Einige wenige, vielleicht zehn Personen, folgen dem Aufruf und knien vor der Bühne nieder, wo für sie gebetet wird. Es folgt erneut Lobpreis. Zwei Frauen tanzen vor der Bühne und schwenken bunte Fahnen.

Leiter David Rotärmel tritt auf und hetzt am Stachus gegen LGBTIQ+

Dann kommt David Rotärmel, der Leiter von Reviving the World persönlich auf die Bühne. Mehr schreiend als sprechend ruft er zur Umkehr auf und brüllt, wie wichtig es sei, HEUTE sein Leben Gott zu übergeben.

Es dauert dann keine zehn Minuten bis er gegen queere Menschen hetzt:

Niemand schaffe es aus eigener Kraft frei zu werden aus dem „Gesetz der Sünde und dem Gesetz des Todes“. Er werde jetzt einfach mal sagen „wie es ist“: „LGBTQ sagt dir: Oh, wenn du dich leer oder kaputt fühlst, musst du an deinem Körper rumschnipseln„. Völlig aufgebracht schreit Rotärmel: „Doch wenn du das glaubst, lass es dir sagen, das ist die größte LÜGE! Ich hab keine Angst davor, auch wenn du hier einer bist und sagst, hey, wie kannst du nur sowas sagen. Das ist Hate Speech.“ „Hate Speech“ sei laut Rotärmel, wenn man transsexuelle Personen mit geschlechtsangleichenden Behandlungen unterstütze.

Am Ende brauche es laut Rotärmel keine Geschlechtsangleichung sondern ein neues Herz, das Jesus für einen bereithalte. Man müsse sich also nur bekehren, dann sei alles gut. Wie üblich auf entsprechenden Veranstaltungen, schlittert man haarscharf am Verbot für die Werbung von Konversionsbehandlungen vorbei. Die Botschaft wird dennoch deutlich. Widerspruch ist auf dem vielbelebten Stachus keiner zu hören.

„Gott“ ruft…

Rotärmel ruft dann eindringlich zur Umkehr, man solle nach vorne kommen und sein Leben Gott übergeben. Das geht bestimmt 10 Minuten so.

Rotärmel kommt von der Bühne herunter, rennt duch die Menschenmenge und schreit die einzelnen Personen geradezu an. Man solle auf seine innere Stimme hören, er wisse genau, hier sei noch wer, man solle seinen Nachbarn neben sich fragen usw. usw. Wieder findet sich eine Gruppe von Menschen vor der Bühne ein. Rotärmel spricht ein Übergabegebet um sein Leben Gott zu übergeben, dass man nachsprechen solle.

Eine junge Frau neben mir fragt mich freundlich, ob ich vielleicht auch nach vorne gehen möchte und sie mich begleiten soll. Ich lehne – zugegeben recht schroff – ab. Das akzeptiert sie, bleibt aber in meiner Nähe.

An einem Verkaufsstand neben mir bemerke ich einen Mann, dem die Tränen in die Augen schießen. Er betet mit. Die Reviving the World-Leute sind sofort bei ihm, beten mit ihm, nehmen ihn in den Arm. Und genau das ist eine der Situationen, die ich so pervers finde: Menschen mit Problemen, Sorgen und Nöten sowie in Krisensituationen welcher Art auch immer werden gezielt angesprochen. Zeigen sie Emotionen, lassen diese Gruppen nicht mehr locker und versprechen buchstäblich das Blaue vom Himmel. Was diese Gruppen an Ideologien und falschen Heilsversprechen dann noch so mit sich bringen, wir dann – völlig verständlich – häufig erst spät erkannt.

Jesus-Marsch am Samstag: „Alle anderen Götter sind Götzen“

Am Samstag folgte dann der Jesus Marsch vom Fortuna-Brunnen zum Orleansplatz. Dort waren ca. 80 Personen dabei.

Durch die Münchener Straßen mit „Jesus rettet“ und „Jesus reigns“ Bannern bewaffnet stimmt man dann auch zum in der Szene beliebten Lobpreis-Klassiker „Jeshua“ an. Das Lied wurde 2019 vom Glaubenszentrum Bad Gandersheim veröffentlicht, aus dem heraus auch die Outbreakband hervorgegangen ist und zu deren Mitglieder*innen auch Pala Friesen, Ehemann von Jasmin Friesen (Liebe zur Bibel), und die Predigerin Mia Friesen, gehören. In dem von zahlreichen „Lobpreis-Bands“ übernommen Song heißt es:

„Alle anderen Götter sind Götzen, aber mein Gott lebt!“

Die Zeile wird dann x-mal und fast mantra-artig wiederholt. So viel zu weltanschaulicher und religiöser Pluralität…

Und jetzt noch vom Friedensengel zum Marienplatz

Heute, am Sonntag, plant Reviving the World nun erneut einen Jesus-Marsch vom Friedensengel aus zum Marienplatz. Start ist um 13 Uhr am Friedensengel, ab 14 Uhr will man am Marienplatz sein, wo dann bis 15 Uhr wieder ein „Move of Hope“ stattfindet.

Ein bisschen mehr öffentlicher Widerspruch würde München eigentlich gut zu Gesicht stehen… Übrigens auch von christlichen Gläubigen, die sich ihren Glauben nicht von solchen Gruppen vereinnahmen lassen wollen und sich als Alternative zu solchen „Missionierungsversuchen“ vor Ort anbieten – leider ist davon bisher nichts bemerkbar…

City of Light – Hat dieses Event Berlin noch gefehlt?

Gastbeitrag zum „City of Light“-Festival von GODsPOWER mit Lukas Repert

(Bildquelle: cityoflight.de) An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Gastbeitrag von Robin Eschenbach. Robin hat die Missionsveranstaltung “City of Light” vom 21. bis 24.05.2026 in Berlin beobachtet. Veranstalter des Events war die Organisation “GODsPOWER” unter Leitung von Lukas Repert. Auch zahlreiche weitere Personen und Gruppen, die uns bei FundiWatch immer wieder begegnen, waren mit dabei. Selbst für die Kleinsten war im Bereich des “KidsFestival” “gesorgt”. Vielen Eltern dürfte zunächst nicht mal aufgefallen sein, um was für eine Veranstaltung es sich dort handelte…

Das City of Light-Festival findet regelmäßig an verschiedenen Orten in Deutschland statt. Bereits dieses Wochenende findet vom 19. bis 21.06.2026 das City of Light in Nürnberg statt.

Vielen Dank an Robin für den Bericht!


Techno oder Jesus? Diesmal: Jesus.

Gastbeitrag von Robin Eschenbach

Der Platz vor dem Brandenburger Tor zeigt sich an diesem Nachmittag in seinem üblichen Charme: jemand macht Riesenseifenblasen, Teenager spielen halbherzig Fußball, und ich werde auf dem Weg über den Pariser Platz innerhalb von fünf Minuten von drei Menschen – einem von diekreative, einem von Saddleback und einem von einer Gruppe, die er lieber nicht nennen wollte – zu einem Konzert eingeladen, das „gleich beginnt“. In Berlin bedeutet das entweder Techno oder Jesus. Diesmal: Jesus.

Quelle: https://www.cityoflight.de/

Schon der Auftakt macht klar, wie schwer der Job des modernen Evangelisten im Lausanner sehr gefürchteten “säkularen Gürtel Mitteleuropas” ist. Dieser ist spirituell betrachtet ungefähr das, was Brandenburg für mediterrane Weinbauern ist. Während frühere Missionare noch auf Menschen trafen, die Angst vor Hölle und Ernteausfällen hatten, steht man heute vor Berliner*innen mit Noise-Cancelling-Kopfhörern und einem tief verinnerlichten „Lass mich einfach in Ruhe“. Aus Sicht der Lausanner Bewegung gilt Europa inzwischen als eines der strategisch schwierigsten Missionsfelder überhaupt. Weil viele Menschen das Christentum nicht mehr als gute Nachricht, sondern als moralisch fragwürdig, intellektuell naiv und emotional irrelevant wahrnehmen (vgl. Lausanne Movement. Europe).

Gemeinsam “Seelen retten” – aber psssst…!

Die Bühne gehört „City of Light“, einem evangelistischen Straßenfestival von GODsPOWER rund um Lukas Repert. Dahinter steht ein Netzwerk freikirchlicher Organisationen, das in Berlin gut miteinander verbunden ist.

GODsPOWER veranstaltet neben „City of Light“ auch das „KidsFestival“ im Stadtpark Lichtenberg sowie die „Healing & Power Conference“- am 09.05.2026 erst als „Blessed to be a Blessing“ im ICF Berlin. Mitbeworben und unterstützt werden die Events von GODsPOWER neben ICF Berlin auch von Real Life Berlin, diekreative, Every Nation Berlin, “Neues Leben” u.v.a.

Ganz überraschend kommt das nicht: Seit Wochen wurde auf Plakaten und auf Spotify-Werbung „das Event, das Berlin noch fehlt“ angekündigt – mit „authentischen Geschichten“ und „mitreißender Musik“.

Der evangelikale Hintergrund blieb bei der Spotify-Werbung auffallend diskret. Als wolle man erst beim dritten Song erwähnen, dass es eigentlich um die Rettung unsterblicher Seelen geht.

Quelle: Instagram / City of Light

KidsFestival für die Jüngsten – Überraschungsgast Jesus?

Auf dem KidsFestival begegnet einem dieselbe Strategie von Intransparenz.

Man sieht Kinder in Zorb-Bällen über die Wiese rollen, auf Hüpfburgen, beim Kinderschminkstand oder einander mit Rasierschaum und Popcorn bewerfen. Bratwurst, Zuckerwatte und Getränke gibt es für lau. Kurz gesagt: Es wirkt wie jedes andere Berliner Familienfest – nur mit besserem Catering.

Was man dagegen nicht sieht, ist irgendein Hinweis darauf, dass es sich um eine “christliche” Veranstaltung handelt. Kein Banner, keine offensichtliche Einladung zum Glauben, kein Hinweis auf die Veranstalter. Erst im Bühnenprogramm wird zwischen Spielen und Animation plötzlich gebetet, gesungen und dazu eingeladen, Jesus in das Herz aufzunehmen. Man gewinnt den Eindruck, dass die Veranstalter das Konzept der Überraschungsparty konsequent zu Ende gedacht haben. Nur dass am Ende nicht der Clown aus der Torte springt, sondern die Evangelisation. Zu spät, um seine negative Religionsfreiheit bzw. die von Kindern – manche gerade einmal vier Jahre – ansatzweise zu schützen.

Die Anzahl der evangelisierten Kinder wird am nächsten Tag durchaus stolz in einer der Berliner Gemeinden als Erfolgskennzahl vor sich hergetragen. Man fragt sich, warum – bei aller Versammlungsfreiheit – die Berliner Versammlungsbehörde nicht zumindest auf eine klare Beschilderung gedrängt hat.

“Rettung” von Drogensucht, Spielsucht und “Perversion” im Dringlichkeitsmodus

Zurück vor dem Brandenburger Tor: bereits das Tanzteam erklärt dem spärlichen Publikum, dass Drogensucht, Spielsucht und Perversion (= Homosexualität, vgl. Sommer-Special 2024 von diekreative) Ausdruck desselben geistlichen Elends seien, aus dem man durch ein Leben mit Jesus gerettet werden könne.

Die Worship-Musik hallt über den Platz wider am Hotel Adlon, an der US-Botschaft und an der Akademie der Künste. Dort läuft zeitgleich eine Installation über verbotene Wörter unter der Trump-Administration – inklusive Aufrufen zu Meinungsfreiheit und dem Satz: „Wo Sprache zensiert wird, ist Demokratie in Gefahr.“ Man kann sich schwer des Eindrucks erwehren, dass hier versehentlich das perfekte Gegenprogramm entstanden ist: drüben die Warnung vor ideologischer Kontrolle, hier die Einladung zur totalen Hingabe. Berlin inszeniert seine Ironie zuverlässig selbst.

Dann übernimmt Lukas Repert selbst, der Initiator des Festivals. Der Platz füllt sich langsam, bis irgendwann vielleicht 200 oder 300 Menschen erreicht sind – die meisten davon mit „Follow-Up“-Schildern um den Hals oder im „City of Light“-Shirt.

Es folgt eine Dramaturgie, die weniger auf Diskussion als auf emotionale Überwältigung setzt: anschwellende Musik, immer gleiche Einladung, sich „ins Licht“ retten zu lassen und dazu Reperts Dringlichkeitsrufe wie „Yes, yes, yes!“ oder „Now, now, now!“. Einzelne Personen werden auf die Bühne gezogen, während jede*r den Nachbarn fragen soll, ob er „eigentlich jetzt dort oben stehen sollte“. Evangelisation wirkt hier weniger wie Glaubenssuche als wie spirituelles Gruppencoaching im permanenten Dringlichkeitsmodus.

Einige bekannte Gesichter aus der (ganz) rechten Ecke sind auch dabei…

In den Tagen des Festivals wird auch der rechtsextreme Christfluencer Leonard Jäger aka Ketzer der Neuzeit das Festival besuchen. Auf seinem Instagram-Kanal postet er über das Festival: “Ein großes Evangelisations-Event mitten in Berlin: Das waren gesegnete und und abenteuerliche Tage!”. Und: “And if our God is for us, then who could ever stop us”.

Quelle: Instagram / ketzerderneuzeit

Und auch von einem weiteren bekannten AfD-Unterstützer wird das Festival unterstützt: Der Prediger Markus Rapp, Leiter der Berliner Freikirche Neues Leben in Hohenschönhausen.

Rapp teilte auf seinem Youtube-Kanal (mit immerhin über 77.000 Abonennt*innen) – auf dem auch bereits mehrfach Lukas Repert zu Gast war – den Life-Stream der Abschlussveranstaltung zum City of Light. Rapp ist offener Unterstützer der AfD (zu Rapp vgl. Frontal v.24.6.2o25 ab Minute 6:10), deren Gruppe Christen in der AfD nach ihrer Abschlussveranstaltung in seiner Gemeinde zu Gast war.

Mit seinem Verein Christus für Europa betreibt Rapp den deutschen Ableger der Online-Bibelschule “International School of Ministry” (ISOM bzw. ISDD), in deren Programm auch Kurse zum sog. Seven Mountain Mandate angeboten werden. Nach dem “Seven Mountain Mandate” sollen Christ*innen auf die verschiedenen Gesellschaftsbereiche Einfluss nehmen, diese transformieren, um sie schließlich wieder mit “christlichen” Vorstellungen und Werten zu dominieren.

Mission Europa: Bootcamp für die Seelenrettung

Lukas Repert taucht als Gastredner bei Gemeinden wie ICF, Every Nation, diekreative oder der Gemeinde auf dem Weg auf. Vor einigen Jahren organisierte er sogar ein Evangelisations-Bootcamp in Tansania für Christ for all Nations – jene Missionsorganisation von Reinhard Bonnke, die jahrzehntelang Massenevangelisation perfektionierte.

Und tatsächlich endet just gleichzeitig mit City of Lights die sechswöchige School of Evangelism von Christ for all Nations in Berlin, für die Lukas Repert neben Gaby Wentland von Mission Freedom, Jean-Luc Trachsel und Ben Fitzgerald (der wiederum eine eigene Mission School, die School of Ministry der Awakening Church hat und sich von der US-Evangelikalen Trump-nahen Bethel Church aus mit seiner Organisation Awakening Europe aufgemacht, Europa zu erretten) als “Instructor” engagiert war.

Rund 30 angehende Berliner Missionar*innen wurden dort für schlappe 3.999 Euro Teilnahmegebühr darin geschult, Hemmungen zu überwinden, Fremde anzusprechen und aktiv Menschen für Jesus zu gewinnen. Seit Wochen wird entsprechend der Alexanderplatz bespielt: mal von amerikanischen Rappern, mal von Chris Schuller (Follow his Call Ministries / Encounter Nights) persönlich – der bereits am Tag 1 der City of Light aufgetreten ist – mal von jungen Missionar*innen in Ausbildung, die noch nicht gelernt haben, dass Berliner Gespräche üblicherweise nach drei ungefragten Sätzen enden.

In den USA, Brasilien oder Nigeria hätte Lukas Repert womöglich ganze Arenen gefüllt. Stattdessen wurde ihm ausgerechnet das Berliner Publikum auf das Herz gelegt: Menschen, die entweder gar kein Deutsch sprechen oder seit Jahren genug davon haben, ungefragt erklärt zu bekommen, wie sie zu leben haben. So zieht die durchschnittliche Berlinerin mit jener stoischen Gleichgültigkeit vorbei, die normalerweise nur Menschen entwickeln, die seit Jahren gleichzeitig mit Straßenmusiker*innen, Zeugen-Jehovas-Ständen, Junggesell*innen-Abschieden und BVG-Ersatzverkehr leben. Man schaut kurz hin, denkt „Aha, heute also Evangelikale“, und geht weiter zur U-Bahn.

Berlin bekehrt sich nicht? Dann eben nächste Woche wieder

Das entmutigt die Missionsbewegung allerdings kaum. Bereits am 13. Juli beginnt der zweiwöchige „Million Month“ der Awakening Church in Berlin. Frisch gestärkt vom „Empowerment Weekend“ werden erneut junge Missionar*innen mit beneidenswert schlechter Kenntnis der Berliner Mentalität auf den Alexanderplatz ausschwärmen, um Berlin zur „city of renewal, influence and hope for Germany and beyond“ zu machen.

Quelle: awakeningberlin.de

Der säkulare Gürtel Mitteleuropas gilt schließlich nicht deshalb als gefürchtet, weil man dort aufgibt, sondern weil man dort immer wieder glaubt, dass es diesmal bestimmt klappt.

Wachsam bleiben – Aufklärung tut Not!

Und dennoch: Auch wenn viele Berliner*innen schulterzuckend an diesem Event vorbeilaufen, sollten wir den Einfluss christlich-fundamentalistischer Organisationen in Deutschland nicht unterschätzen.

Auch in Berlin existiert mittlerweile ein breites Netzwerk entsprechender Gemeinden und Freikirchen mit lautstarker Social Media Präsenz. Dort geht es häufig nicht nur um einen selbstverständlich von der Religionsfreiheit geschützten persönlichen Glauben, sondern um Verbreitung anti-pluralistischer und radikal-konservativer Weltbilder. Gerade vor dem Hintergrund einer zunächst bunten und modern erscheinenden Außenfassade, ist dies für Außenstehende bzw. neu hinzutretende Personen oft kaum erkennbar. Treten dann erste Konflikte auf, ist der Ausstieg für viele alles andere als einfach.

Es heißt also: Wachsam bleiben und über diese Ideologien aufklären. Denn nicht überall, wo Hüpfburgen, Popcorn und Lobpreismusik draufstehen, ist am Ende nur ein harmloser Sonntagsausflug drin.


Mehr zum Thema:

Alarm um die Kinder- und Jugendarbeit in Bremen

Insolvenz von Petri & Eichen als Einfallstor christlich-fundamentalistischer Akteure in die Soziale Arbeit?

Zum Beispiel: Das Sozialwerk Bremen, die hoop Kirche und ihre Netzwerke

Die Zukunft großer Teile der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Bremen ist aktuell unsicher. Grund dafür sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des diakonischen Trägers Petri & Eichen, der sich nun aus weiten Teilen der Kinder- und Jugendsozialarbeit zurückzieht.

Um drohende Versorgungslücken möglichst zu vermeiden, will die Hansestadt Bremen in Kürze Ausschreibungen für neue Angebote auf den Weg bringen. Droht dabei ein weiteres Vordringen christlich-fundamentalistischer Organisationen in die Soziale Arbeit?

Die hier veröffentlichte Recherche geht auf entsprechende Gefahren ein und zeigt Verbindungen des Sozialwerks der Freien Christengemeinde Bremen – das zunächst eine der Kitas von Petri & Eichen übernehmen sollte – in christlich-fundamentalistische Netzwerke auf.

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Einleitung

Im Sommer startete der diakonische Träger Petri & Eichen ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, kümmerte sich also zunächst selbst um eine wirtschaftliche Stabilisierung.

Mittlerweile ist sicher: Petri & Eichen stellt sich neu auf. Ein neuer Träger steigt ein, für vier Kitas wurden neue Träger gesucht, die offene Kinder- und Jugendarbeit soll nicht mehr aktiv weiterbetrieben werden.

Laut Medienberichten droht ein Kahlschlag in der Kinder- und Jugendarbeit in Teilen von Bremen. Wie der Weser-Kurier erst gerade berichtete, wenden sich nun auch ehemalige Führungskräfte in einem offenen Brief an die beiden Noch-Gesellschafter und schlagen Alarm. Die Bremer Sozialbehörde will noch in diesem Jahr Ausschreibungen für neue Angebote auf den Weg bringen.

Immer wieder führen klamme Haushaltskassen dazu, dass christlich-fundamentalistische Träger die Situation nutzen, eigene Angebote weiter auszubauen.

Diesen Sommer erst veröffentlichte FundiWatch eine von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderte Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit. Das Fazit: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht! Auf Hilfe und Unterstützung angewiesene Menschen dürfen nicht denjenigen überlassen werden, die sich letztlich gegen die Grundwerte einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft wenden und fachliche Standards professioneller Sozialer Arbeit nicht einhalten.

Dennoch gelingt es immer wieder auch hochumstrittenen christlich-fundamentalistischen Organisationen in den Bereich der Sozialen Arbeit vorzudringen. Droht Entsprechendes nun auch in Bremen?

Das wird die Zukunft zeigen. Bei der bisherigen Kita „Weltenbummler“ von Petri & Eichen in Tenever sprachen allerdings zahlreiche Anzeichen zunächst dafür. Denn diese stand laut Medienberichten offenbar unmittelbar vor einer Übernahme durch das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen, das nach dem Ergebnis vorliegender Recherche auf vielfältige Weise in christlich-fundamentalistische Kreise vernetzt ist.

In Frage gestellt wurde die Übernahme der Kita durch das Sozialwerk zunächst offenbar dennoch nicht. Wohl erst in letzter Minute kam es dazu, dass stattdessen nun die städtische KiTa Bremen auch diese Kita übernehmen soll.

Der Vorgang wirft jedoch Fragen auf, insbesondere auch, ob in Bremen die notwendige Sensibilität besteht, die professionelle Soziale Arbeit vor Einflussnahme fraglicher Akteur*innen zu schützen. 

Vor diesem Hintergrund soll in dieser Recherche die Einbindung des Sozialwerks Bremen in christlich-evangelikale bis fundamentalistische Netzwerke näher beleuchtet werden. Im Ergebnis wird deutlich: Es ist wichtig, genau hinzusehen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Hansestadt Bremen bei den anstehenden Neuausschreibungen ihrer Verantwortung zum Schutz von auf Hilfe und Unterstützung angewiesener Personen nachkommt.


Abstract

Das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen gehört zu den größten Akteuren der Sozialen Arbeit in Bremen. Mit zahlreichen ambulanten und stationären Angeboten ist das Sozialwerk aus den Bremer Sozialraumangeboten wohl kaum mehr wegzudenken.

Mit seiner Tochtergesellschaft Menschenskinners! betreibt das Sozialwerk auch mehrere Kitas. Die ursprünglich offenbar angestrebte Übernahme der Kita „Weltenbummler“ von Petri & Eichen schien also naheliegend.

Selbstverständlich wollen wir hier nicht behaupten, sämtliche der vielen Mitarbeitenden des Sozialwerks seien „christliche Fundamentalist*innen“. Doch betrachtet man die Hintergründe, Netzwerke und Kooperationen des Sozialwerks näher, stößt man auf Verbindungen, die weit in christlich-fundamentalistische Netzwerke hineinreichen. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Und das sollte unseres Erachtens stärker im Blick behalten werden.

In Teil 1 dieses Beitrags sollen daher zunächst die aktuellen Entwicklungen rund um die Insolvenz von Petri & Eichen und die ursprünglich geplante Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk näher dargestellt werden.

Schließlich wird auf die Entstehungsgeschichte des Sozialwerks, dessen Organisationen und die Einbindung in evangelikale Netzwerke eingegangen:

Denn entstanden ist das Sozialwerk Bremen aus der Freien Christengemeinde Bremen – der heutigen hoop-Kirche. Die Verbundenheit ist auch heute noch in der Kirchenverfassung der hoop festgehalten.

Entsprechendes gilt für die ebenfalls verbundene Elterninitiative Nordlicht – Christliche Kitas e.V. (zuvor: CEKIS – Christliche Kitas e.V.) deren Ziel es ist, „eine christlich geprägte Erziehung in der Tagesbetreuung sicherzustellen“.

Mittlerweile gehört auch die ursprünglich als Christliche Eltern-Initiative e.V. (CEI) gegründete Elterninitiative Menschenskinners! zum Sozialwerk Bremen. Die Initiative war und bleibt umstritten, u.a. wegen ihrer Positionen als Anti-Abtreibungsverein und vermeintlichen Verbindungen mit evangelikalen Gruppen, die teilweise mit Konversionsbehandlungen („Homo-Heilung“) in Verbindung gebracht wurden.

Zudem bestehen insbesondere über Menschenskinners! auch Verbindungen zur Freien Evangelischen Bekenntnisschule Bremen (FEBB), gegen die in der Vergangenheit Mobbing-Vorwürfe u.a. eines trans Schülers erhoben wurden.

Schließlich übernahm das Sozialwerk Bremen im Jahr 1988 die Bremer Privatschule Mentor – bevor die Leitung nur zwei Jahre später versuchte, den Betriebsrat abzuschaffen und aus der Schule eine „christliche Bekenntnisschule“ zu machen.

Des Weiteren ist das Sozialwerk Bremen über Mitgliedschaften in diverse evangelikale Dachverbände eingebunden. So beispielsweise im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP) und der (Ortsallianz) der Evangelischen Allianz Bremen (EAD), die beide unter anderem wegen ihren Haltungen zu Homosexualität, Abtreibung und Missionierung in der Kritik stehen.

In Teil 2 dieses Beitrags gehen wir aufgrund der engen Verbundenheit näher auf die Ausrichtung der hoop Kirche ein:

Denn trotz modernem Außenauftritt erscheinen die vermittelten Ideologien der hoop erzkonservativ.

Schließlich wird dort auch das aus der kalifornischen Megakirche Bethel Church stammende „Befreiungsgebet“ SOZO angeboten, das laut seinen internationalen Leiter*innen u.a. zur „Befreiung“ von der „Sünde der Homosexualität“, von „dämonischen Belastungen“ und sogenanntem „Okkultismus“ eingesetzt werden soll.

Zudem lassen sich Verbindungen mit Akteur*innen, die herrschaftstheologische Ideologien verbreiten und den Bewegungen der sog. „New Apostolic Reformation“ bzw. „Kingdom-minded Network Christianity“ zugeordnet werden – u.a. beim dieses Jahr veranstalteten Evangelisierungsevent „Missio Dei“ – aufzeigen.


TEIL 1: Das Sozialwerk der Freien Christlichen Gemeinde Bremen und die Insolvenz von Petri & Euchen

Großer Träger der Kinder- und Jugendarbeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten

Mit rund 500 Mitarbeitenden zählt Petri & Eichen seit Jahren zu den größten Trägern der Kinder- und Jugendhilfe in der Hansestadt Bremen.

Nun stand der Träger vor gravierenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Im vergangenen Sommer beantragte Petri & Eichen die Einleitung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverantwortung, mit dem Ziel, die wirtschaftliche Stabilisierung des Unternehmens zunächst selbst zu organisieren.

Parallel wurde bekannt, dass auswärtige Interessenten bei Petri & Eichen einsteigen wollen. Für die vier Kitas sollten hingegen neue Träger gewonnen werden. Doch nach Medienberichten gelang das nicht wie ursprünglich geplant:

Zwar soll nun die überregional aktive KJSH-Stiftung bei Petri & Eichen einsteigen. Die Jugendförderung jedoch will der Träger laut Medienberichten künftig aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr weiter aktiv betreiben. Für den Bremer Stadtteil Osterholz droht damit laut Medienberichten ein „Kahlschlag in der Kinder- und Jugendarbeit“.

Das Sozialwerk Bremen als „Retter in der Not“?

Von den vier betroffenen Kitas konnte zunächst nur für die Kita „Weltenbummler“ in Tenever ein neuer freier Träger gefunden werden: das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen.

Für die anderen drei Kitas sollte kurzfristig die städtische KiTa Bremen einspringen. Wie in einer Sitzung der Bremischen Bürgerschaft entschieden wurde, sollte so eine ansonsten drohende Versorgungslücke im Kita-Bereich vermieden werden.

Die vorgesehene Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk Bremen wurde hingegen offenbar nicht in Frage gestellt. Das verwundert. Denn die Verbindungen des Sozialwerks in christlich-fundamentalistische Netzwerke scheinen durchaus vielfältig und bemerkenswert.

Bisher erlebten evangelikale Träger in Bremen durchaus Widerspruch

Bisher gab es in Bremen immer wieder deutlichen Widerstand gegen ähnlich ausgerichtete Organisationen in den Bereich der Sozialen Arbeit:

So wurde im Jahr 2020 ein Projekt des benachbarten Sozialwerks der Freien Christengemeinde Oldenburg (heute: Perspektive Oldenburg Sozialwerk gGmbH) an der Ermlandstraße vom Senat abgelehnt.

Hintergrund waren nach damaligen Berichten offenbar unter anderem auch die Mitgliedschaften des Sozialwerks Oldenburg bei der Evangelischen Allianz Deutschlands (EAD, früher: DEA) und im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP). Beide stehen, wie damals der Weser-Kurier berichtete, unter anderem wegen ihren Haltungen zu Homosexualität, Abtreibung und Missionierung in der Kritik.

Übernahme durch das Sozialwerk Bremen scheitert erst im letzten Moment

Doch auch das Sozialwerk Bremen ist sowohl bei der EAD als auch beim BfP als Mitgliedsorganisation gelistet. Laut Satzung soll bei einer Auflösung des Sozialwerks das verbleibende Vereinsvermögen an den BfP übertragen werden.

Bei der geplanten Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk erfuhr dieser Umstand hingegen zunächst offenbar keine besondere Aufmerksamkeit. Nach Medienberichten scheiterte die Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk Bremen erst im letzten Moment. Nun soll auch diese Kita von der städtischen KiTa Bremen übernommen werden.

Gleichzeitig bleibt das Sozialwerk Bremen einer der bedeutenden Akteure der Sozialen Arbeit in der Hansestadt. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass das Sozialwerk seine Aktivitäten auch weiterhin ausbauen wird – auch im Hinblick auf mögliche Lücken in der sozialen Landschaft, die durch den Rückzug von Petri & Eichen entstehen.

Wer ist das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen?

Auf der Homepage des Sozialwerks sowie in der dort abrufbaren Unternehmensbroschüre wird dessen Entstehungsgeschichte ausführlich dargestellt.

Sie beginnt im Jahr 1979 in der Mitgliederversammlung der Freien Christengemeinde Bremen, die seit 2017 unter dem Namen „hoop Kirche (norddeutsch für „Hoffnung“) auftritt. Damals wurde Heinz Bonkowski, zwischenzeitlich verstorben und Vater des heutigen Sozialwerk-Leiters Dr. Matthias Bonkowski, mit der Gründung und Leitung des Sozialwerks beauftragt.

Noch im selben Jahr nahm das Sozialwerk seine Arbeit auf. Über die folgenden Jahrzehnte wurden Tätigkeitsfelder und Einrichtungen stark ausgebaut. Heute zählt das Sozialwerk laut Medienberichten mit rund 750 Mitarbeitenden, etwa 70 Ehrenamtlichen und zahlreichen Einrichtungen zu den größten Akteuren der Sozialen Arbeit in Bremen.

Eine enge Verbindung besteht zudem zum Verein Nordlicht – Christliche Kitas e.V. (zuvor: CEKIS – Christliche Kitas e.V.), dessen Entstehung ebenfalls aus der heutigen hoop Kirche heraus erfolgte.

Nordlicht wurde im Jahr 1992 durch einen Elternverein gegründet, der nach eigenen Angaben von Beginn an das Ziel verfolgte, „eine christlich geprägte Erziehung in der Tagesbetreuung sicherzustellen“. Für fünf der sechs Nordlicht-Einrichtungen übernahm das Sozialwerk Planung, Bau oder Vermietung der Räumlichkeiten.

Die fortbestehende enge Verbindung zwischen der hoop, dem Sozialwerk und Nordlicht ist in der Verfassung der hoop-Kirche festgehalten und wird auf den entsprechenden Webseiten, zum Beispiel hier und hier, besonders betont.

Die hoop präsentiert sich in ihrem Internetauftritt als typisch evangelikal-charismatisch Gemeinde mit modernen Ausdrucksformen. Neben Bremen bestehen mittlerweile Standorte in Achim, Bremerhaven, Lübeck und eine Gruppe in Verden. Bereits auf der Homepage wird auch die Verbundenheit zu weiteren evangelikalen bzw. teils auch christlich-fundamentalistisch verorteten Akteur*innen sichtbar.

Im Sommer dieses Jahres wurde aus der hoop Kirche ein ZDF-Fernsehgottesdienst live übertragen. Auch dort wurde die Verbundenheit mit dem Sozialwerk betont, unter anderem durch den Auftritt des nach eigenen Angaben „längstjährigen Mitarbeiter“ Uli Schulte, der in dem Gottesdienst seine Bekehrungsgeschichte schilderte.

Tarifvertrag verhindert christlichen Geist?

In der Vergangenheit gab es nach Presseberichten Konflikte zwischen dem Sozialwerk Bremen und Mitarbeitenden der Bremer Privatschule Mentor. Die Schule war 1988 in finanzieller Schieflage vom Sozialwerk übernommen worden.

Bereits zwei Jahre später kam es laut Medienberichten zum Streit mit dem Betriebsrat. Als dessen turnusmäßige Neuwahl anstand wurde dies demnach durch die Geschäftsleitung untersagt und der Betriebsrat für abgeschafft erklärt. Als Begründung führte die Schulleitung nach damaligen Berichten der taz an, das Betriebsverfassungsgesetz gelte nicht für Religionsgemeinschaften.

Laut taz wollte der damalige Geschäftsführer der Schule Heinz Bonkowski – zugleich Leiter des Sozialwerks – aus der Mentor-Privatschule eine Christliche Schule machen. Die aus seiner Sicht nach „überstarke Mitbestimmung des Betriebsrats“ hätte dies jedoch verhindern können.

Gewerkschaftlich organisierte Lehrkräfte gingen dagegen juristisch vor und bekamen schließlich Recht. Die Schulleitung musste Betriebsratswahlen zulassen.

Auch später kam es zu Konflikten rund um Arbeitsbedingungen und Tarifverhandlungen. Die GEW berichtet am 10.02.2020, dass erst: „Nach langen und schwierigen Verhandlungen inklusive zweier Urabstimmungen und unbefristetem Erzwingungsstreik“ ein Tarifabschluss gelang.

Verbindung zu „Menschenskinners!“ – Anti-Abtreibungslobby und „Homo-Heilung“!?

Seit vielen Jahren besteht auch eine enge Verbindung zwischen dem Sozialwerk Bremen und der Christlichen Eltern-Initiative e.V. (CEI), die heute vollständig zum Sozialwerk gehört und inzwischen unter dem Namen Menschenskinners! Christen engagiert für Familien gGmbH firmiert.

Nach Angaben des Vereins initiierte die CEI 1985 die Aktion „Recht auf Leben“. Eine Gruppierung, die laut eigenen Angabenangesichts der vielen Abtreibungen in unserem Land Frauen und Familien in Konfliktsituationen helfen sowie das Leben von Kindern vor und nach der Geburt schützen will“.

Im Jahr 2020 benannte sich die CEI in Menschenskinners! Christen engagiert für Kinder und Eltern e.V. um, und veränderte ihren öffentlichen Auftritt. Während die Homepage zuvor von Bildern besorgter Frauen mit Schwangerschaftstests in den Händen geprägt wurde, zeigt sich der Internetauftritt heute in bunten Regenbogenfarben mit lachenden Kindern.

Die Ausrichtung blieb hingegen gleich. Laut einer noch auffindbaren Satzung aus dem Jahr 2020 besteht Menschenskinners! aus Menschen, „die auf der Grundlage des christlichen Glaubens diakonisch und volksmissionarisch [sic!] arbeiten wollen“.

Kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, als der Verein sich 2024 mit dem Sozialwerk Bremen zusammenschloss. Heute ist Menschenskinners! eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des Sozialwerks.

Die Positionen von Menschenskinners! zum Thema Abtreibung und der Verbreitung des in Erzählungen von Evangelikalen häufig behaupteten – in der Wissenschaft jedoch als nicht belegt geltenden – „Post Abortion Syndroms“ (PAS) (angebliche Traumatisierungen nach einer Abtreibung) wurden in der Vergangenheit bereits kritisiert.

Auch der Umstand, dass der Verein an Schulen „sexualpädagogische Aufklärung“ betreibt und sich Mitarbeitende laut Medienberichten bei evangelikalen Gruppen fortbildeten, die teilweise mit – inzwischen grundsätzlich verbotenen – Konversionsbehandlungen („Homo-Heilung“) in Verbindung gebracht wurden, führte zu öffentlicher Kritik in den Medien und war Thema in politischen Debatten der Bremer Bürgerschaft.

Aktuell betreibt Menschenskinners! ein Mutter/Vater-Kind-Haus, den Second-Hand-Laden „find.us“ und an mehreren Standorten die „Kita Regenbogen“. Im pädagogischem Leitbild heißt es, die Kindergruppen erfüllten „ihren Auftrag zur Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern auf der Grundlage des christlichen Glaubens“.

Einbindung des Sozialwerks Bremen in evangelikale Netzwerke

Neben der bereits erwähnten Mitgliedschaft des Sozialwerks im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP) bestehen nach öffentlich zugänglichen Informationen zahlreiche weitere Verbindungen in christlich-fundamentalistisch sowie evangelikal geprägte Netzwerke.

Dazu zählt unter anderem die Zugehörigkeit des Sozialwerks zur Ortsallianz der Evangelischen Allianz Deutschlands (EAD). Diese tritt seit einiger Zeit unter dem Namen „Gemeinsam für Bremen und umzu“ auf und hat ihren Sitz ebenfalls an der hoop-Kirche.

Ebenso wie für den BfP besteht auch für die EAD nach ihrem Glaubensverständnis eine Ehe einzig aus Frau und Mann. Gleichgeschlechtliche Hochzeiten lehnt sie ab.

Mit einem eigenen Leitfaden zum Konversionsbehandlungsschutzgesetz bietet die EAD eine „Handreichung für christliche Gemeinden“, wie im Rahmen der Seelsorge eine Strafbarkeit vermieden werden kann.

Eine weitere Broschüre mit dem Titel „Rede frei! Mit Recht über das Evangelium sprechen“ wurde von der EAD gemeinsam unter anderem mit der rechts-christlichen Anwalts-Lobby-Organisation Alliance Defending Freedom (ADF) veröffentlicht.

Auch eine gerade erst veröffentlichte „Handreichung für christliche Gemeinden“ zum Selbstbestimmungsgsetz erstellte die EAD mit inhaltlicher Unterstützung von Felix Böllmann von ADF. Weitere Unterstützung leistete Markus Hoffmann vom Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung e.V. (IdiSB e.V.), ehemals Wuestenstrom – ein Verein, der sich immer wieder für die „Heilung“ queerer Menschen einsetzte. Und schließlich der Theologe Christoph Raedel von der Freien Theologischen Hochschule Gießen, für den Homosexualität zu einer von vielen „Fehlprägungen“ gehört und für den das Selbstbestimmungsgesetz „die biologisch begründete, kulturell ausgestaltete und lebensweltliche Orientierung gebende binäre Ordnung der
Geschlechter [untergräbt]

Die mittlerweile auch zunehmend in Deutschland und Europa aktive ADF wird vom Southern Poverty Law Center in deren Publikationen als „Hate Group“ benannt. Das European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights (EPF) warnt bereits seit Jahren vor der zunehmenden Einflussnahme von ADF auch in Europa.

Nach öffentlich verfügbaren Informationen wirkte ADF maßgeblich daran mit, das in den USA das Recht auf Abtreibung (Grundsatzurteil Roe vs. Wade) gekippt wurde. Aktuell unterstützt ADF die christliche Beraterin Kaley Chiles vor dem Obersten Gerichtshof in den USA bei einer Beschwerde gegen das Verbot von Konversionsbehandlungen an Minderjährigen im US-Staat Colorado (vgl. Chiles vs. Salazar).

In Deutschland erreichte ADF erst vor kurzem einen Sieg vor Gericht, in dem Bannmeilen für Proteste von Abtreibungsgegner*innen vor Kliniken in Regensburg für unzulässig erklärt wurden. Erst Anfang November dieses Jahres veranstaltete u.a. die EAD einen Kongress unter dem Titel „Christenverfolgung heute“, bei dem mit Dr. Felix Böllmann der Leiter der europäischen Rechtsabteilung der ADF International als Referent eingeladen war.

Das Sozialwerk Bremen, die Freie Evangelische Bekenntnisschule Bremen (FEBB) und Vorwürfe wegen Mobbing und Transfeindlichkeit

Zur Bremer Evangelischen Allianz Gemeinsam für Bremen und umzu gehört auch die Freie Evangelische Bekenntnisschule Bremen (FEBB). Auf der Webseite wird deren Kooperation mit der „Kita Regenbogen“ von Menschenskinners! ausdrücklich hervorgehoben.

Im Jahr 2020 berichtete unter anderen die taz über Vorwürfe gegen die FEBB, nach denen ein trans Jugendlicher an der FEBB gemobbt worden und es Versuche gegeben haben soll, ihn „zu heilen“ und „Dämonen auszutreiben“.

Die taz zitierte in diesem Zusammenhang die damalige Gemeindemitarbeiterin Sabine Fäsenfeld – heute Assistenz der Geschäftsführung von Menschenskinners! – wie folgt:

‚Möglicherweise hat man in Gruppen mit Betroffenen gebetet‘, sagt Gemeindemitarbeiterin Sabine Fäsenfeld auf Nachfrage. ‚Wenn jemand Seelsorge braucht, wüssten wir, wohin wir ihn vermitteln können‘, teilt sie mit. Aber ein eigenes Programm, ‚nein, das kann nicht sein.‘

Es kam zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, die letztlich jedoch eingestellt wurden. Auch die Bremer Bürgerschaft befasste sich mit den Vorwürfen. Wie wiederum die taz berichtete kam es anschließend zu weiteren Vorwürfen betroffener Schüler*innen, die jedoch offenbar unaufgeklärt blieben.

Die FEBB ist Mitglied im „Verband Evangelischer Bekenntnisschulen“ (VEBS), dem nach eigenen Angaben bundesweit 214 Bildungseinrichtungen angehören. Auf seiner Webseite formuliert der Verband unter Berufung auf das deutsche Grundgesetz durchaus selbstbewusst (Hervorhebungen im Original jeweils durch Fettschrift):

Bekenntnisschulen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nur den staatlichen Lehrzielen, aber nicht den Lehrplänen/Bildungsplänen folgen müssen.

Und:

Bekenntnisschulen dürfen daher eigene Lehrpläne entwickeln und lehren – diese müssen von der Schulaufsicht des Landes genehmigt werden.

Der gesamte Schullalltag einer Bekenntnisschule (also auch alle Schulfächer) muss vom christlichen Bekenntnis durchdrungen/geprägt sein (so wie Waldorfschulen oder Montessorischulen von den jeweiligen pädagogischen Prinzipien geprägt sein müssen).

Wir nutzen diese Freiheit, unter Beachtung der staatlichen Lehrziele, um mit unseren eigenen, vom Bekenntnis geprägten Methoden und Unterrichtsinhalten Schule zu gestalten.

Doch welches „christliche Bekenntnis“ genau ist hier gemeint? Eines, das queere Menschen in der Hölle sieht, wenn sie entsprechend ihrer sexuellen Orientierung und Identität leben wollen, oder eines, das queere Menschen als Teil der Vielfalt unserer Menschheit mit gleicher Würde und gleichen Rechten ansieht?

Und welche christliche Glaubensrichtung vertritt das Sozialwerk Bremen bzw. dessen Gründungsgemeinde hoop?

Darum soll es in Teil 2 gehen.


TEIL 2: Gründungsgemeinde des Sozialwerks der Freien Christlichen Gemeinde Bremen: Die heutige hoop Kirche

Lange Historie und der „Mähdrescher Gottes“ zu Gast in Bremen

Wie bereits in Teil 1 dargestellt, ist das Sozialwerk Bremen aus der Freien Christengemeinde Bremen hervorgegangen, die seit 2017 unter dem Namen hoop Kirche auftritt. Die enge Verbundenheit besteht weiterhin.

Die Freikirche hoop blickt auf eine lange Geschichte zurück.

Gegründet wurde sie 1932 unter dem Namen „Christengemeinde Elim“. Später benannte sie sich in Freie Christengemeinde Bremen um und 2017 in hoop Kirche.

Auch im Verlauf ihrer jüngeren Geschichte traten immer wieder auch international bekannte – und umstrittene – Evangelikale in der hoop als Gastprediger auf.

Darunter auch der Missionar Reinhard Bonnke, der aufgrund seines Predigtstils in Massenevangelisationen auch als „Mähdrescher Gottes“ bezeichnet wurde. Bonnke leitete bis zu seinem Tod das Missionswerk Christus für alle Nationen (CfaN), das international, vorwiegend auf dem afrikanischen Kontinent aber auch in Deutschland, aktiv ist.

Im Mai 2008 war Bonnke – offenbar nach Einladung des Pastors Andreas Sommer, der auch heute noch in der hoop tätig ist – in der Christengemeinde zu Gast. Auf der Webseite von CfaN findet diese Veranstaltung weiterhin Erwähnung.

Die Journalist*innen Oda Lambrecht und Christian Baars beschreiben in ihrem Buch „Mission Gottesreich“ diesen Auftritt ausführlich. Demnach schrie Bonnke bei seinem Auftritt von der Bühne:

Tumore weicht in Jesu Namen! Krebs verschwinde in Jesu Namen! HIV-positiv werde HIV-negativ! In Jesu Namen! (…) Alle Infektionen, Neurosen, ich breche die Kette aller Depressionen, in Jesu Namen! Die Freude am Herrn wird deine Stärke sein und deine Medizin sein.

Auch Bonnkes Nachfolger bei CfaN, Daniel Kolenda, war laut Predigtarchiv bereits als Gastprediger in der hoop.

Außen bunt, innen erzkonservativ

Heutzutage wirkt die hoop – jedenfalls in ihrem Außenauftritt – deutlich anschlussfähiger, als es der damalige Auftritt von Reinhard Bonnke vermuten lässt: Prediger*innen in Jeans, lockere Sprache, viel Lobpreismusik, moderne Bildsprache und herzliches Auftreten. Dies war auch im bereits erwähnten ZDF-Fernsehgottesdienst aus der hoop sichtbar.

Bei näherem Blick in die Predigtarchive der hoop wird jedoch deutlich, dass weiterhin theologisch sehr konservative bis christlich-fundamentalistische Positionen vertreten werden. Dort auffindbare Predigtreihen und Titel wie „Bis zum Ende: Treu bleiben in der Endzeit“, „Teuflisches Verhalten“ oder „An Jesus glauben = mit Christus herrschen“ illustriere diese Ausrichtung.

Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass die hoop im Außenauftritt offenbar um ein möglichst anschlussfähiges Auftreten bemüht ist. Klassische Konfliktthemen inner- und außerhalb evangelikaler Diskurse erscheinen eher indirekt – eingebettet in Formate wie „Love is in the Air – Gottes guter Plan für deine Sexualität“ oder (schon erheblich deutlicher) „Freiheit von Porno“.

Bei inhaltlicher Auseinandersetzung mit diesen Formaten wird schnell deutlich, dass nach deren Inhalten Sexualität ausschließlich in einer Ehe zwischen „einem Mann und einer Frau“ gelebt werden soll. Eine Beantwortung der theologischen Einordnung von Homo- und Transsexualität scheint damit ebenfalls – jedenfalls für den Außenauftritt – ausreichend zum Ausdruck gebracht. Eine Predigt aus dem Jahr 2013 mit dem Titel „Gute Frage: Hat Gott ein Problem mit Homosexualität?“ ist im Predigtarchiv heute nicht mehr abrufbar.

Noch deutlicher scheint das Bild zu den religiösen Weltanschauungen der hoop zu werden, wenn man betrachtet, welche Inhalte sich hinter dem von der hoop angebotenen Befreiungsdienst „SOZObefinden.

Befreiungsdienst SOZO: „Befreiung von der Sünde der Homosexualität“ und „dämonischen Belastungen“?

Der Befreiungsdienst Bethel SOZO stammt aus der im kalifornischen Redding ansässigen und weltweit agierenden Megakirche Bethel Church. Der Begriff „SOZO“ stammt aus dem Altgriechischen und wird von Bethel SOZO selbst mit „retten, freisetzen, heilen, ganz sein“ übersetzt.

Die Bethel Church vertritt einen besonders ausgeprägten Glauben an übernatürliche Kräfte, Wunderheilungen und den Einfluss dämonischer Mächte.

Die (wohl auch bei deutschen Schüler*innen beliebte) Bethel-Jüngerschaftsschule trägt dafür den passenden Namen: Bethel School of Supernatural Ministries (kurz: BSSM). Gelegentlich wird die BSSM auch scherzhaft als „christliches Hogwarts“ bezeichnet. In Deutschland existiert mit der von ehemaligen BSSM-Schüler*innen gegründeten „Schule der Erweckung“ in Füssen eine „Quasi-Außenstelle“ in Deutschland.

Der internationale Befreiungsdienst Bethel SOZO wird durch die auch für die Bethel Church tätige Dawna De Silva verantwortet. In Deutschland wird das Angebot unter anderem über den Verein Bethel SOZO Deutschland e.V. verbreitet, vor allem auch durch Schulungen für Gemeindemitarbeitende, die den Dienst erlernen und in ihren Gemeinden schließlich selbst anbieten wollen.

Laut Webseite von Bethel SOZO Deutschland gibt es bundesweit rund 50 Standorte, an denen Bethel SOZO angeboten wird.

Recherchen von FundiWatch zeigen, dass der Dienst noch von deutlich mehr Gemeinden angeboten und sogar Eingang in die „christliche“ Soziale Arbeit gefunden hat. Zudem bietet Bethel SOZO auch eine „Fortgeschrittenen-Version“ („SOZO Shabar“) an, die auch bei schweren psychischen Diagnosen wie der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) Anwendung finden soll.

Auf der Webseite von Dawna De Silva wird Bethel SOZO unter anderem als Dienst beschrieben, der auch zur Befreiung von der „Sünde der Homosexualität“ beitragen könne. Dazu wird dort das „Werkzeug“ der „Vier Türen“ erläutert. Demnach stammen sämtliche Sünden aus den vier Bereichen Angst, Hass, sexuellen Sünden sowie Okkultismus & Hexerei, wofür sinnbildlich die vier Türen stehen sollen.

Hinter der „Tür der sexuellen Sünden“ stehen nach dortiger Beschreibung die „Sünden“ der Homosexualität ebenso wie Ehebruch, Pornographie, Unzucht, Lüsternheit, Belästigung, Vergewaltigung und Phantasien.

In einer SOZO-Sitzung – vor deren Beginn den Anbietern von SOZO die Einholung eines Haftungsausschlusses empfohlen wird – soll demnach gefragt werden, ob die das SOZO empfangende Person eine der vier Türen geöffnet hat und mit welchen der sich dahinter verbergenden Sünden sie in Berührung gekommen ist.

Daran anschließend empfiehlt De Silva den SOZO-Empfänger*innen folgendes Gebet:

Jesus, I ask You to forgive me for opening this door to… (fear, hatred, sexual sin, or the occult). I repent for partnering with this sin of… (worry, stress, jealousy, or control). I renounce this sin’s hold over my life and ask You, Lord, to cleanse me with Your righteousness blood [sic!]. Close this door, Jesus, and seal it shut. In Jesus’s Mighty Name, amen.

Nach Angaben De Silvas solle es darüber hinaus hilfreich sein, sich selber im Leben einige Grenzen zu setzen, also beispielsweise bestimmte Filme zu vermeiden, digitale Filter zu nutzen – oder auch den eigenen Freundeskreis zu verändern.

Wie sich die SOZO-Glaubensvorstellungen mit antifeministischen Ideologien vermengen, wird unter anderem in einem Blog-Beitrag von De Silva unter dem Titel „Identifying the Jezebel and Delilah Spirits“ deutlich:

Dort berichtet De Silva von Frauen, die die „die gesalbten Gottes“ zu sexuellen Handlungen verführten. Als Ursache stellte De Silva dann eine Beeinflussung durch den „Jezebel-Dämon“ fest. Damit referenziert sie offenbar auf biblische Erzählungen vor allem im neuen Testament (Offenbarung 2,20), nach denen die Prophetin Jezebel (in Deutsch: Isebel) Christen zu „Unzucht“ verführte und dazu brachte, Götzenopfer zu essen.

„Sieben Berge“ und „Die größte Bedrohung für unsere Demokratie, von der Sie noch nie gehört haben“…

Die Bethel Church, auf deren Angebote sich die hoop dem Angebot des Befreiungsdienst SOZO zumindest teilweise bezieht, wird in verschiedenen Analysen nicht nur mit als unseriös bis hin zu gesundheitsgefährdenden Praktiken sogenannter „Befreiungs-“ und „Heilungsdienste“ in Verbindung gesehen.

In wissenschaftlichen und medienjournalistischen Analysen wird Bethel zudem immer wieder als prägender Akteur bei der Verbreitung einer christlichen Herrschaftstheologie gesehen, die häufig unter dem Begriff „christlicher Dominionismus“ bzw. „dominion theology“ eingeordnet wird. Dieser liegt die Vorstellung zu Grunde, Christ*innen seien berufen, mit ihren Glaubensvorstellungen sämtliche Gesellschaftsbereiche zu beeinflussen, um sie zu transformieren und schließlich mit „christlichen Werten“ zu dominieren oder gar zu beherrschen.

Was bei der Bethel Church unter „christlichen Werten“ verstanden wird, lässt sich unter anderem an Aussagen des langjährigen Bethel-Leiters Bill Johnson erkennen: Seine damalige Wahlentscheidung für Donald Trump begründete Johnson damit, er sei gegen Abtreibung, offene Grenzen, das Wohlfahrtssystem, gleichgeschlechtliche Hochzeiten, Sozialismus, political correctness und Globalisierung, weil dies alles seiner Auffassung nach Gottes Willen widerspreche.

Zudem gilt Johnson als strikter Gegner gegen die Restriktion sog. „Konversionstherapien“ (also Behandlungen zur Unterdrückung oder Veränderung der sexuellen Orientierung oder Identität) und vertritt die Auffassung, Homosexualität sei eine Sünde und eine „Vergewaltigung des menschlichen Designs“ („violation of design“).

Im Sommer 2024 trat Johnson mit Unterstützung von etwa 80 christlichen Organisationen aus Deutschland auf der Glaubenskonferenz UNUM24 vor tausenden Gläubigen im Münchener Olympiastadion auf, was zu Diskussionen und Kritik führte (nähere Infos und Quellen im Linktree des Protestbündnisses #NoUNUM24).

Über die Organisation Awakening Europe unter Leitung des Predigers Ben Fitzgerald – der ebenfalls bereits als Gastprediger in der hoop auftrat – ist Bethel seit einigen Jahren auch zunehmend in Deutschland und Europa präsent.

Die Bethel Church wird in verschiedenen medienjournalistischen und wissenschaftlichen Beiträgen als einer der zentralen Akteure einer christlichen Bewegung gesehen, die in den USA vor allem unter der Bezeichnung „New Apostolic Reformation“ (kurz: NAR) diskutiert wird.

Deren Anhänger*innen beziehen sich unter anderem auf eine vermeintliche göttliche Vision, die bereits in den 70er Jahren den Evangelisten Loren Cunninghan (Youth with a Mission, in Deutschland als Jugend mit einer Mission bekannt), Bill Bright (Campus Crusade for Christ, heute Cru und in Deutschland als Campus für Christus bekannt) sowie Francis Schaeffer offenbart worden sein soll: Das sogenannte „Seven Mountain Mandate“.

Nach dieser Vorstellung sollen Christ*innen berufen sein, im Kampf gegen in der Welt real existierende böse und dämonische Mächte alle sieben Gesellschaftsbereiche (also Religion, Familie, Bildung, Medien, Kunst und Unterhaltung, Wirtschaft und Regierung) durch „geistliche Kriegsführung“ („spiritual warfare“) sowie aktive Einflussnahme zu transformieren und unter die Herrschaft des christlichen Glaubens zu bringen. So soll sukzessive das „Reich Gottes“ auf Erden ausgebreitet und die Wiederkehr Jesu vorbereitet werden.

Besondere Verbreitung erfuhr diese Ideologie, als Bill Johnson gemeinsam mit Lance Wallnau (der bei den letzten US-Wahlen den Wahlkampf von J.D. Vance unterstützte) im Jahr 2013 das Buch „Invading Babylon: The 7 Mountain Mandate veröffentlichte.

Die mit der Verbreitung dieser Ideologien einhergehenden gesamtgesellschaftlichen Gefahren, fanden – mit wenigen Ausnahmen – lange Zeit keine Beachtung. Jedenfalls in den USA änderte sich dies in den letzten Jahren zunehmend. Heute sieht das Southern Poverty Law Center die New Apostolic Reformation als „größte Bedrohung für die US-Demokratie, von der man noch nie gehört hat“.

Für den deutschsprachigen Raum liegen systematische Untersuchungen erst vereinzelt vor. Grundlagenarbeit leistete insoweit die Vikarin Dr. Maria Hinsenkamp, die in ihrer frei abrufbaren Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ für diese Glaubensrichtung den Begriff „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: „KiNC“) etablierte und deren bereits vorhandene Ausbreitung auch in Deutschland und Europa dokumentiert.

Christliche Dominionismus-Strömungen zu Gast in der hoop Kirche?

Vor dem zuvor beschriebenen Hintergrund scheint die Auswahl der Gastsprecher*innen beim von der hoop im vergangenen Sommer veranstalteten Evangelisationsevent „Visio Dei“ bemerkenswert. Denn als einer der Hauptgäste trat der Evangelist Glyn Barrett auf.

Barrett stammt ursprünglich aus dem Umfeld der bereits in mehrere Skandale verwickelten und umstrittenen Hillsong Church. Mit !Audacious gründete Barrett in den vergangenen Jahren eine Megakirche in Manchester.

Insbesondere die Seite „NAR Connections“ weist auf die vielfältigen Verbindungen Barretts mit der NAR hin. Besondere Erwähnung findet dabei auch Barretts Funktion in der Leitung des globalen Netzwerks Empowered21, auf die auch in der Programmankündigung der hoop für das Event „Visio Die“ hingewiesen wurde.

Hinsenkamp beschreibt Empowered21 gemeinsam mit der mit ihr verbundenen Global Evangelicalist Alliance (GEA) als größte internationale Netzwerke der Kingdom-minded Network Christianity (KiNC), welche das „Who’s Who der prominenten internationalen KiNC-Persönlichkeiten unter ihrem Dach vereinen“ [Hinsenkamp, aaO. S. 412].

Im Leitungsgremium von Empowered21, dem „Global Council“, finden sich unter anderem auch Bill Johnson und zahlreiche weitere führende Persönlichkeiten, die immer wieder im Kontext der NAR bzw. KiNC genannt werden. Auch aus Deutschland sind einzelne Personen dort vertreten, wie etwa Peter Wenz, Leiter des Gospel Forums in Stuttgart, oder Jürgen Bühler, Gründungsmitglied des christlich-zionistischen Dachverbands „Christliches Forum für Israel“ und Direktor der International Christian Embassy Jerusalem (ICEJ).

Auch im Leitungsgremium der Global Evangelicalist Alliance (GEA) tauchen wiederum bekannte Namen aus dem Umfeld der KiNC bzw. NAR auf – darunter auch Daniel Kolenda(Christus für alle Nationen) und Ben Fitzgerald (Bethel Church / Awakening Europe).

Auf der Webseite von Empowered21 führt der Menüpunkt „Termine“ direkt auf die Webseite der Awakening Church – eine Gemeinde in Eimeldingen, die zuvor als G5-Gemeinde bekannt war und im Jahr 2023 laut Medienberichten im Streit von Fitzgerald übernommen wurde (nunmehr Awakening Church).

Auf der Webseite von Empowered21 findet sich unter den Zielen des Netzwerks unter anderem folgender Satz:

FORM AND SERVE A GLOBAL NETWORK FOR NEXT GENERATION LEADERS

who are empowering future generations in every segment of society including church, family, government, business, education, arts/entertainment, sports and media.

Die Referenz auf das „Seven Mountains Mandate“ ist insoweit kaum zu übersehen.

Bei dem Evangelisationsevent „Visio Dei“ angebotene Workshops unter Titeln wie „Einfluss nehmen in der Welt: Wie lebe ich meine Berufung?“ könnten vor diesem Hintergrund weiteren Anlass geben, die ideologische Ausrichtung der hoop näher zu beleuchten.


FAZIT: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht!

Der Fall der fast erfolgten Übernahme einer Kita durch das Sozialwerk Bremen zeigt angesichts der hier beschrieben Netzwerke, ideologischen Bezüge und der dokumentierten Kontroversen in der Vergangenheit sehr deutlich: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht!

Auch in Zeiten angespannter Haushaltskassen darf Soziale Arbeit nicht denjenigen überlassen werden, deren Ideologien und Ziele mit demokratischem Pluralismus und Menschenrechten kollidieren und deren Arbeitsweisen berufsethischen und wissenschaftlichen Standards professioneller Sozialer Arbeit widersprechen. Dass es hierzu bisher kaum Bereitschaft oder zumindest zu wenig Problembewusstsein gibt, zeigen Recherchen von FundiWatch immer wieder (vgl. hierzu u.a. auch hier und hier).

Die Frage, inwieweit die Einbindung des Sozialwerks Bremen in die aufgezeigten Netzwerke tatsächlich Einfluss auf deren konkrete Arbeit vor Ort hat, kann bisher nicht abschließend beantwortet werden. Die dargestellten Verbindungen sollten jedoch Anlass bieten, dieser Frage weiter nachzugehen. Dazu sollte sich nicht nur die Hansestadt Bremen, sondern auch der Paritätische Wohlfahrtsverband veranlasst sehen, bei dem das Sozialwerk Bremen Mitglied ist.

Im Übrigen bleibt zu hoffen, dass sich die Hansestadt Bremen bei den nun anstehenden Ausschreibungen zur Schließung der von Petri & Eichen hinterlassenen Lücken in der Kinder- und Jugendarbeit ihrer Verantwortung für Qualität und Seriosität neuer Anbieter bewusst bleibt.

Soziale Arbeit darf weder zum „Missionierungsinstrument“ christlich-fundamentalistischer noch sonstiger extremistischer Akteur*innen werden.


Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit

Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit

An dieser Stelle veröffentlichen wir unsere Handreichung zur Sensibilisierung gegenüber christlich-fundamentalistischen Aktivitäten in der Sozialen Arbeit. In der durch die Freie und Hansestadt Hamburg geförderten Broschüre werden Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke des christlichen Fundamentalismus in Deutschland analysiert.

Die Broschüre umfasst die folgenden Abschnitte:

  • Begriffsdefinition Christlicher Fundamentalismus
  • Spannungsfelder mit der professionellen Sozialen Arbeit
  • Vorgehensweisen christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen
  • Beispiele christlich-fundamentalistischer Projekte
  • Recherchetipps für die Praxis

Im Anhang werden zudem Anlauf- und Beratungsstellen sowie Hilfsangebote aufgeführt. Die Broschüre kann hier frei heruntergeladen werden.

Hier kann die zur Veröffentlichung der Broschüre am 22.07.2025 herausgegebene Pressemitteilung aberufen werden.

Weiterlesen:

Das heterogene Spektrum des christlichen Fundamentalismus umfasst ein weitverzweigtes Netz unterschiedlicher Gemeinschaften, Gemeinden und Gruppierungen bis hin zu NGOs mit dezidiert christlicher Ausrichtung. Gleichwohl ist die Problematik des christlichen Fundamentalismus in der Radikalisierungs- und Extremismusforschung sowie in der zivilgesellschaftlichen und medialen Debatte bislang unterrepräsentiert.

Zeitgleich dringen christlich-fundamentalistische Akteurskonstellationen mehr und mehr (auch) auf Gebiete der Sozialen Arbeit und in Wohlfahrtsverbände vor. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen religiöser Zielsetzung und den Bedürfnissen von Klient*innen. Zunehmend verwischt die Grenze zwischen ergebnisoffener, klient*innenzentrierter Sozialer Arbeit und Mission, Glaube und „Rettung“. In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft entstehen dadurch Konflikte über Fragen reproduktiver, sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit und Minderheitenschutz.

Vor diesem Hintergrund zeigt die vorliegende Broschüre anhand mehrerer Beispiele – vorwiegend, aber nicht nur aus dem Raum Hamburg und Schleswig-Holstein – typische Strategien christlich-fundamentalistischer Gruppierungen auf. Sie benennt Handlungsfelder, Binnenthemen und Vorgehensweisen.

Auch wenn die Beispiele regional gewählt wurden, müssen sie im Kontext globaler christlich-fundamentalistischer Aktivitäten verstanden werden, deren regionale Ableger im diskursiven Austausch mit den übrigen Akteur*innen stehen und die, etwa durch Missionsprojekte, auch einen personellen Austausch organisieren.

Die Broschüre ist ein Appell für mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen.

Wir hoffen, mit dieser Broschüre eine Ressource für politische, zivilgesellschaftliche und behördliche Verantwortliche und Interessierte vorzulegen sowie einen – in unseren Augen überfälligen – Debattenbeitrag in der Auseinandersetzung mit erstarkendem christlichen Fundamentalismus.

In Kürze werden wir hier auch noch einen Termin zur Online-Vorstellung der Broschüre mitteilen. Weitere Infos folgen!

Gerne stellen wir unsere Rechercheergebnisse auch im Rahmen individueller Vorträge, Workshops o.ä. vor. Basierend auf unseren eigenen Rechercheerfahrungen geben wir dabei gerne auch Recherchetipps für die Praxis, die das Erkennen problematischer christlich-fundamentalistischer Ausrichtungen von Akteur*innen erleichtern sollen. Anfragen hierzu sowie Konditionen im Einzelfall können ebenfalls an vorgenannte E-Mailadresse gerichtet werden.

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