Update „Haus SeeNest“: Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungsverfahren ein

Homepage der „Himmelsstürmer“ seit Kurzem offline

Aus Medienberichten war bereits bekannt, dass die Staatsanwaltschaft zu den Vorgängen im Haus Seenest im Allgäu (Himmelsstürmer Deutschland / Mission Freedom) Vorermittlungen eingeleitet hat.

Auf FundiWatch-Anfrage teilte die Staatsanwaltschaft Kempten heute mit, dass nun ein Ermittlungsverfahren gegen die Heimleitung wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen eingeleitet wurde.

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Was bisher geschah

Über die aktuellen Vorgänge in der vollstationären Kinder- und Jugendeinrichtung Haus SeeNest in Immenstadt (Allgäu) hatten wir hier bereits ausführlich berichtet. Betreiber der Einrichtung ist die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des umstrittenen Vereins Mission Freedom, auf den die Betriebserlaubnis zunächst ausgestellt wurde. Bereits die Erteilung der Betriebserlaubnis vor gut zwei Jahren hatte für Kritik gesorgt und war auch Gegenstand einer Landtagsanfrage der Abgeordneten Gabriele Triebel.

Vor Kurzem wurde bekannt, dass vor wenigen Wochen gegen die pädagogische Heimleitung des Haus SeeNest ein Tätigkeitsverbot erlassen wurde. Kurz darauf wurden alle sechs untergebrachten Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren durch das Jugendamt Oberallgäu in Obhut genommen. Die Vorwürfe beziehen sich auf kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden, worunter offenbar insbesondere ein unangemessener Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen fallen soll. Die Heimaufsicht prüft derzeit den Widerruf der Betriebserlaubnis.

Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst Vorermittlungen eingeleitet, ob auch strafrechtliche Vorwürfe im Raum stehen könnten.

Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen

Dies scheint seitens der Staatsanwaltschaft Kempten nun bejaht zu werden. Ob tatsächlich strafbare Handlungen vorliegen, ist damit zwar noch nicht geklärt. Allerdings wurde nun offiziell ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Wie uns die Staatsanwaltschaft mitteilte, richtet sich das Ermittlungsverfahren gegen die Heimleitung wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen.

„Aktuell wird gegen eine Person ermittelt. Gegenstand der Ermittlungen ist, ob in der Einrichtung angewandte Erziehungsmethoden den Tatbestand strafbaren Handeln erfüllen.   Das Ermittlungsverfahren wurde auf Grund des Ergebnisses geführter Vorermittlungen eingeleitet,  welches im Zusammenhang mit der Presseberichterstattung über die Inobhutnahme von Kindern der erwähnten Einrichtung geführt wurde.“

Weitere Auskünfte könnten wegen der laufenden Ermittlungen derzeit nicht erteilt werden.

Homepage der Himmelsstürmer verschwunden

Die Homepage der Einrichtung unter himmelsstuermer.org ist seit Kurzem offline. Dort erscheint nun lediglich noch eine Mitteilung „Server nicht gefunden“.

Auf der Homepage von Mission Freedom heißt es hingegen weiterhin stolz:

„2023 haben wir in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt an einem dritten Standort eine spezialisierte Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung aufgebaut. Diese hat eine Schwerpunktausrichtung für minderjährige Betroffene von sexueller Ausbeutung. In zwei vollstationären heilpädagogisch-therapeutischen Wohngruppen können Betroffene Kinder und Jugendliche langfristig stabilisiert und begleitet werden.“

Bis vor wenigen Tagen war die Seite der Himmelsstürmer noch unverändert online. Einschließlich des Namens und einer Mobilnummer der pädagogischen Heimleitung, gegen die bereits vor Wochen ein vorläufig gerichtlich bestätigtes Tätigkeitsverbot erlassen wurde.

Die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, deren Geschäftsführerin die auch für Mission Freedom tätige Inga Gerckens ist, äußert sich weiterhin nicht zu den Vorwürfen. Mission Freedom selbst erhebt Vorwürfe gegen Behörden und ehemalige Mitarbeitende, die die vermeintlichen Missstände bei den Behörden anzeigten.

Jugendamt nimmt alle Kinder aus christlich-fundamentalistischer Einrichung im Allgäu in Obhut

„SeeNest“ der Himmelsstürmer Deutschland von Mission Freedom stand bereits in Kritik

Mehrere Medien berichten über Inobhutnahmen von sechs Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren aus einem Heim in Immenstadt (Allgäu) – vgl. hier, hier und hier.

Bisher nicht genannt wird der Name der Einrichtung. Es handelt sich jedoch offensichtlich um das erst 2023 eröffnete „Haus SeeNest“ der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH – einer 100%-Tochtergesellschaft des bereits lange in Kritik stehenden christlich-fundamentalistischen Vereins Mission Freedom.

So tragisch der Vorgang ist: Überrascht sind wir nicht. Wir hatten bereits kritisch über die Erteilung der Betriebserlaubnis und Zweifeln an einer dortigen Gewährleistung des Kindeswohls berichtet.

Update (28.04.2026): Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH) hat zu dem Fall am 25.04.2026 eine Pressemitteilung veröffentlicht: „Kindeswohl ist unverhandelbar: Berufsverband warnt vor ideologischen Einflüssen in der stationären Jugendhilfe“

Update (30.04.2026): Jetzt berichtet auch die Süddeutsche Zeitung über den Fall und ordnet diesen dem SeeNest zu.

Update (03.05.2026): Auch die taz berichtet nun über den Fall. Demnach handelte es sich bei den kindeswohlgefähredenden Erziehungsmethoden offenbar auch um einen „unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen“.

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„Kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden“

Grund für die Inobhutnahme seien laut Regierung von Schwaben „kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden“ gewesen. Die gute Nachricht: Stand jetzt befinden sich keine Kinder mehr in der Einrichtung. Für uns ist klar: Der gesamte Fall muss umfassend und insoweit mit den Persönlichkeitsrechten der betroffenen Minderjährigen vereinbar transparent aufgeklärt werden.

Die Regierung von Schwaben teilt laut Berichterstattung mit: „Die weltanschauliche Ausrichtung des Trägers hatte keinen Bezug zu den Inobhutnahmen“. Das ist schwer vorstellbar und sehr viel spricht dafür, dass das nicht zutrifft.

Die Einrichtung und ihre Träger stehen schon lange in Kritik

Auch wenn der Name der Einrichtung bisher nicht genannt wird: Der Vorgang lässt sich klar zuordnen.

So wird in den Berichten u.a. erwähnt, dass es sich um die Einrichtung eines „religiös ausgerichteten“ Betreibers aus Hamburg handelt. Mission Freedom und – an gleicher Adresse – die Himmelsstürmer Deutschland haben dort ihren Sitz: In der Freien Gemeinde Neugraben in Hamburg, zu der auch Gaby Wentland gehört. Wentland ist Gründerin und Vorsitzende von Mission Freedom e.V. und teilte bereits Anfang 2023 auf Facebook mit: „Im Allgäu hat Gott große Pläne vor 23!“

Quelle: Facebook – Gaby Wentland

Hamburger Behörden und Opferschutzverbände distanzierten sich übrigens bereits vor Jahren von Mission Freedom. Das Hamburger Landeskriminalamt teilte mit, es halte den Verein für „nicht seriös„.

Bereits Erteilung der Betriebserlaubnis sorgte für Kritik

Zudem wird in den Berichten auf bereits öffentliche Kritik an der Einrichtung und eine Anfrage der Abgeordneten Gabriele Triebel im Bayerischen Landtag aus dem Jahr 2024 hingewiesen.

Schon zu diesem Zeitpunkt berichteten damals bereits unter anderem die Süddeutsche Zeitung (Paywall) und Panorama über das „SeeNest“:

Quelle: sueddeutsche.de
Quelle: ndr.de

Eine ausführliche Recherche – die bereits vor Erteilung der Betriebserlaubnis erstellt wurde und auch der Genehmigungsbehörde vorlag – haben wir letztes Jahr hier veröffentlicht.

Quelle: fundiwatch.org

Auch in der 2025 mit Förderung der Freien und Hansestadt Hamburg veröffentlichen Handreichung zu Christlichem Fundamentalismus & Sozialer Arbeit gingen wir auf Mission Freedom und das SeeNest ein. Die Handreichung thematisiert Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit und ist hier frei abrufbar.

Quelle: fundiwatch.org

Die Verantwortlichen schweigen zum Vorgang – und tagen ab Sonntag auf dem „Freiheit-Kongress“ in Schwäbisch-Gmünd

Die Verantwortlichen der Einrichtung haben sich bisher öffentlich nicht geäußert.

Stattdessen tagen sie – darunter auch die Vereinsvoritzende von Mission Freedom, Gaby Wentland, sowie die Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland, Inga Gerckens – ab Sonntag gemeinsam mit zahlreichen weiteren Organisationen auf dem „Freiheit-Kongress“ im evangelikal ausgerichteten Kongresszentrum „Schönblick“ in Schwäbisch-Gmünd:

Quelle: Instagram, Freiheit_Kongress
Quelle: freiheit-kongress.de

Mission Freedom ist u.a. neben der Evangelischen Allianz Deutschland und dem Netzwerkverein „Gemeinsam gegen Menachenhandel“ sogar Mitveranstalter dieses Events.

Bereits Programm und Mitwirkende des Kongresses mit einem besonderen Schwerpunkt zum Thema „Rituelle Gewalt“ – darunter auch die Regisseurin Liz Wieskerstrauch mit ihrem Film „Blinder Fleck“ – lassen aufhorchen. Auch be idiesem Thema stand Mission Freedom bereits mehrfach in der Kritik, Verschwörungsideologien zu verbreiten.

Auch die Zeit berichtete kritisch über den Film „Blinder Fleck“ und einem darin vermeintlich falsch dargestellten Fall angeblich „ritueller Gewalt“ an einer Minderjährigen. Aktuell befindet sich unter der Überschrift des Artikels allerdings lediglich ein Hinweis, der Beitrag sei „aus rechtlichen Gründen depubliziert“. Wir haben bereits nachgefragt, was es damit auf sich hat.

Unser Kollektivmitglied Matthias hat für den Kongress übrigens ein Hausverbot erteilt bekommen, Zoé und Ruby haben von vorneherein eine Beobachtung der Veranstaltung aus Sicherheitsgründen für sich ausgeschlossen.

Selbstverständlich bleiben wir dran, an Mission Freedom und an vergleichbaren Organisationen. Mehr dazu bald!

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