Die neue MIZ ist erschienen – Gastbeitrag von Matthias Pöhl von FundiWatch
Bereits in der MIZ 2/24 veröffentlichte Matthias einen Artikel über die bereits damals umstrittene und gerade neu eröffnete Einrichtung für sexuell missbrauchte Minderjährige „Haus SeeNest“ im Allgäu des unter Vorsitz der Predigerin Gaby Wentland stehenden Vereins Mission Freedom.
Der damalige Artikel stand unter dem Titel „Die großen Pläne ‘Gottes’ … sind undurchschaubar“ und endete mit den durchaus deprimierten Zeilen:
„Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: ‘Werden hier sehenden Auges schwerst missbrauchte Minderjährige in die Obhut einer missionarisch ausgerichteten christlich-fundamentalistischen Organisation gegeben?’. Das kann anhand der Fakten wohl nur bejaht werden. Das einzige, das zynischerweise bisher für einen auch öffentlich wahrgenommenen Skandal ‘fehlt’: aussagewillige geschädigte Opfer.“
Nur zwei Jahre später scheint es nach dem, was bisher bekannt ist, zumindest Letzteres zu geben: Geschädigte Opfer. In der MIZ 01/26 erschien nun erneut ein Artikel von Matthias zum Haus SeeNest unter dem Titel „Vom ‚großen Plan Gottes‘ zur Kindeswohlgefährdung?“ Dieser Artikel endet mit einem Appell:
„Die großen Pläne Gottes mögen undurchschaubar sein. Staatliche Kontrolle und professioneller Kinderschutz dürfen es nicht sein.“
Denn vor einigen Wochen wurden alle sechs Kinder aus der Einrichtung von Mission Freedom in Obhut genommen. Gegen die Heimleitung ein Tätigkeitsverbot erlassen, das gerichtlich bestätigt wurde. Die Vorwürfe wiegen schwer: Kinder sollen beispielsweise im Polizeigriff zu Boden gedrückt, gegen ihren Willen unter die Dusche gestellt worden sein, ein Kind habe in vollurinierter Kleisung seinen Arbeitsdienst verbringen müssen, ein anderes habe einen BH mit Melonen befüllt tragen müssen.
Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die pädagogische Heimleitung und drei Mitarbeiterinnen wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener. Die Gesellschaft „Himmelsstürmer Deutschland gGmbH“, die als 100%-Tochtergesellschaft von Mission Freedom die Einrichtung betrieben hat, ist insolvent, das Heim geschlossen.
Geschäftsführerin Inga Gerckens, die seit über zehn Jahren auch die Schutzhäuser von Mission Freedom im Erwachsenenbereich geleitet hat, soll den Verein nun verlassen. Auf Druck schied Mission Freedom sowohl aus der Diakonie Hamburg als auch aus dem Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) aus. Mietverträge wurden gekündigt, Förderungen eingestellt, Verbandsmitgliedschaften hektisch beendet. Nun war es dann wohl doch ein Skandal zu viel, das eigene Image drohte Schaden zu nehmen. Überraschend kam all das hingegen nicht.
Und Mission Freedom bzw. deren Leiterin Gaby Wentland? Übrigens war Wentland langjähriges Mitglied im Vorstand der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD), deren langjähriger Vorsitzender Frank Heinrich (ehem. MdB, CDU) bis heute Vorstandsitzender von ggmh ist. Machen offenbar weiter wie bisher. Weiterhin betreibt Mission Freedom Einrichtungen für erwachsene Frauen in Frankfurt am Main und Hamburg. Gaby Wentland reist weiterhin mit ihren Predigten durch In- und Ausland, in denen sie auch von Dämonen-Befreiungen in ihren Schutzhäusern berichtet. Und ob der Austritt von Mission Freedom aus dem Verein ggmh mehr als eine Image-Rettungs-Kampagne ist, mag zumindest bezweifelt werden können.
Nach einer echten Aufklärung der Vorwürfe auch über eine strafrechtliche Verantwortlichkeit einzelner Personen hinaus, schaut es momentan nicht aus. Die Behörden legten sich schnell fest: Mit der religiös-weltanschaulichen Ausrichtung des Vereins hätten die aktuellen Vorkommnisse nichts zu tun. Auf Nachfrage begründen können die Behörden dies hingegen nicht. Die von Gaby Wentland seit mehr als zehn Jahren propagierte Ausrichtung und Arbeitsweise von Mission Freedom und dessen Einrichtungen dürfte einer solchen Einschätzung jedenfalls ebenso entgegen stehen, wie explizit auf das religiöse Bekenntnis abstellende Stellenausschreibungen, nach denen es in der Einrichtung offenbar mehr um „geistliche Gemeinschaft“ als um eine professionelle Arbeitsweise ging. Welchen Einfluss all dies auf die aktuellen Vorkommnisse hat scheint derzeit kaum jemanden zu interessieren.
Was es bräuchte? Unter anderem eine echte Debatte über das Verhältnis professioneller Sozialer Arbeit zu missionarischen diakonischen bzw. caritativen Aktivitäten sowie darüber, wann bei Hinweisen auf eine christlich-fundamentalistische Ausrichtung entsprechender Einrichtungen nicht mehr von einer Gewährleistung des Kindeswohls ausgegangen werden kann. Und ihnen schlichtwegs die Betriebserlaubnis zu versagen wäre.
Bereits den betroffenen Kindern aus dem Haus SeeNest wären wir eine solche Debatte schuldig. Doch in Zeiten klammer Haushaltskassen hat das Vordringen christlich-fundamentalistischer Akteur*innen in den Bereich der Sozialen Arbeit auch noch eine zusätzlich weitreichende Dimension. Eine Debatte darüber sucht man bisher – leider – vergebens.
Chronologie zu Misshandlungsvorwürfen gegen das Haus SeeNest von Mission Freedom
