Hauptsache ‚machen‘ – Mission ohne Haftung?

Beim Macher Festival der Real Life Guys treffen Nachwuchswerbung fürs Handwerk, evangelikale Mission, riskante Selbstversuche und umstrittene Hilfe für wohnungslose Menschen aufeinander

Auf dem Ferropolis-Gelände in Gräfenhainichen wird geschweißt, geschraubt und ausprobiert. Das von den erfolgreichen Do-It-Yourself- und Abenteuer-YouTubern „The Real Life Guys“ initiierte und wesentlich geprägte Macher Festival präsentiert sich als riesiger Abenteuerspielplatz für Familien, Jugendliche und Menschen, die lieber anpacken als lange diskutieren. Vom 06. bis 09.08.2026 fand das Festival nun bereits zum dritten Mal statt.

Schon 2025 berichtete FundiWatch über die evangelikalen Verbindungen hinter dem Macher Festival. Auch 2026 waren Missionsorganisationen auf dem Gelände aktiv. Gleichzeitig arbeitet das Festival eng mit dem organisierten Handwerk zusammen und warb mit einer spektakulären Aktion in Kooperation mit dem Verein Little Home e.V.: Innerhalb von vier Tagen sollten 100 sogenannte „Little Homes“ (teils auch als „tiny homes“ bezeichnet) für wohnungslose Menschen entstehen.

Doch was wurde aus diesen Häusern? Warum lief die Spendenkampagne nach dem Festival weiter? Und weshalb sollen Besucher*innen bei einem Festival voller Werkzeuge, Maschinen und ungewöhnlicher Eigenbauten weitreichende Haftungsausschlüsse und -freistellungen unterschreiben?

Wir haben der Macher Festival GmbH und dem Little Home e.V. dazu ausführliche Fragen geschickt. Geantwortet hat keiner von beiden. Eine ausführliche Antwort erhielten wir hingegen von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, die das Konzept sogenannter tiny homes und von FundiWatch recherchierte Praktiken des Little Home e.V. kritisch beurteilt.

Los geht es mit Teil 1 unserer Beitragsreihe über das Festival…

Teil 1: Baugewerbe & Mission – „Es gibt immer was zu tun!“

Strategische Partnerschaft mit dem Baugewerbe

Das Macher Festival ist längst mehr als ein Fantreffen rund um die Real Life Guys, denen auf YouTube mehr als zwei Millionen Menschen folgen. Bereits 2025 ging der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) mit ihnen eine „strategische Partnerschaft“ ein. Dieses Jahr wurde sie fortgesetzt.

Quelle: zdb.de

Die Handwerkskammer Halle bezeichnete das Festival als „moderne Plattform des Handwerks“ und hob Nachwuchsgewinnung, Imagepflege und Unternehmenssichtbarkeit hervor. Hornbach warb in einer Pressemitteilung mit der „positiven Energie des Machermomentums“ und bezeichnete die Veranstaltung als größtes DIY- und Handwerksfestival Deutschlands.

Daran ist zunächst nichts auszusetzen – das Handwerk sucht dringend Nachwuchs, und ein Festival, auf dem Jugendliche Werkzeuge und Maschinen tatsächlich ausprobieren können, ist dafür eine naheliegende Plattform.

Die Unterstützung großer Verbände und Unternehmen verleiht dem Festival allerdings auch Seriosität. Bunte Werbebanner und Kooperationen fallen deutlich mehr auf als die missionarische Seite des Festivals. Absicht? Jedenfalls sollte diese Seite des Festivals ebenso wenig unberücksichtigt bleiben, wie weitere sich im Zusammenhang mit dem Festival aufdrängende Fragen.

Quelle: macherfestival.io

Weniger christliche Bands – weniger Mission?

Im Vergleich zum Vorjahr waren 2026 weniger Bands eindeutig dem christlichen Musik- und Gemeindemilieu zuzuordnen.

2025 waren noch unter anderem die O’Bros, Good Weather Forecast und Elijah Thomas Appel aus dem Umfeld der Outbreakband im Programm vertreten. Die Verbindungen hatten wir in unserem Artikel zum Festival 2025 dargestellt.

Quelle: https://www.macherfestival.io/talk-stages-collection/o-bros

Dieses Jahr standen auf der abendlichen Hauptbühne stattdessen eher „weltliche“ Künstler*innen wie die DJs Alle Farben und D.T.E. sowie der Saxophonist André Schnurra – begleitet von aufwendigen Feuer- und Lichtshows und abendlichen Feuerwerken.

Quelle: Instagram

Also weniger christliche Bands und damit auch weniger Mission? Bei genauerem Hinsehen eher nicht. Die evangelistischen Angebote verlagerten sich offenbar stärker auf persönliche Gespräche, Gottesdienste und niedrigschwellige Erlebnisangebote. Weniger offen christliche Bühnenkultur – dafür Mission mitten im allgemeinen Festivalbetrieb.

Mission als Teil des Festivalangebots – THE FOUR und Campus für Christus

In seiner Außendarstellung erscheint das Macher Festival nicht als christliche oder missionarische Veranstaltung. Ein Blick auf die beteiligten Organisationen ergibt jedoch – auch dieses Jahr – ein anderes Bild.

Erneut war THE FOUR auf dem Festival präsent. Dabei handelt es sich um ein Evangelisationskonzept der Missionsorganisation Campus für Christus. THE FOUR erklärt den christlichen Glauben anhand von vier Symbolen, die auch auf dem Festivalgelände an verschiedenen Stellen präsent waren und in einem von THE FOUR veröffentlichten Leseplan näher erläutert werden:

1. Das Herz: „Gott liebt mich“ 2. Trennzeichen: „Ich lebe getrennt von Gott.“ Gemeint ist die durch „Sünde“ verursachte Trennung. 3. Kreuz: „Jesus gab alles für mich.“ Jesu Tod und Auferstehung sollen diese Trennung überwinden. 4.  Fragezeichen: „Will ich mit Jesus leben?“ Das Fragezeichen fordert ausdrücklich zu einer persönlichen Glaubensentscheidung auf.

Quelle: Instagram

 

Und genau darum geht es bei Campus für Christus und THE FOUR: Menschen zu einer solchen Entscheidung zu führen. Auf einem DIY-Handwerkerfestival? Wer sich die Evangelisationsstrategie der Organisation näher anschaut, dürfte davon kaum überrascht sein. Sport, Kultur, Beziehungen, Bildung oder Freizeit werden von Campus für Christus oder auch THE FOUR immer wieder als Begegnungsräume (aus-)genutzt, um damit Zugänge für die eigenen Missionsanliegen zu schaffen.

Kreuzzug für Christus?

Campus für Christus ist der deutsche Ableger der aus den USA stammenden und von Bill Bright gegründeten Missionsorganisation „Campus Crusade for Christ“ (in etwa: „Campus Kreuzzug für Christus“). Bereits 1976 zitierte das Time Magazine evangelikale Kritiker mit der Einschätzung, Campus Crusade werde „wie eine Diktatur mit militärischem Stil“ geführt; das System drohe wichtiger zu werden als seine Botschaft. Mittlerweile hat die US-Organisation den militärischen Namen zumindest im Erscheinungsbild etwas entschärft – sie heißt nun seit 2011 schlicht „Cru“.

Der 2003 verstorbene Gründer Bill Bright gehörte zu den Akteuren, die zur dauerhaften Verbindung von konservativem Evangelikalismus und republikanischer Politik und dem Erstarken einer religiösen Rechten in den USA beitrugen. Zudem war Bright einer der Evangelisten denen – vermeintlich vom Heiligen Geist – das sogenannte „Seven Mountain Mandate“ offenbart wurde. Nach dieser „Vision“ sollen Christ*innen berufen sein, strategisch in zentrale gesellschaftliche Bereiche hineinzuwirken – darunter Politik, Bildung, Medien, Kunst und Unterhaltung, Wirtschaft, Religion und Familie.

Diese Vorstellung hat sich bis heute zu einer durchaus weit verbreiteten herrschaftstheologischen Ideologie entwickelt, über die wir bereits an verschiedenen Stellen berichtet haben. Umso bemerkenswerter, wie unkritisch genau diese Strategie auch heute noch auf der Webseite von Campus für Christus benannt wird:

„Im Jahr 1975 traf sich Bill Bright, der Gründer von Campus für Christus, mit Loren Cunningham, dem Gründer von „Jugend mit einer Mission“. Sie dachten gemeinsam darüber nach, wie Gesellschaft durch Gottes Liebe transformiert werden könnte. Sie teilten die Gesellschaft in sieben Schlüsselbereiche, wie Politik, Bildung, Kunst und Entertainment ein und betonten die Wichtigkeit, dass Christen in alle diese Bereiche strategisch hineinwirken. Gut 45 Jahre später sind wir als Campus für Christus in Deutschland weiterhin auf den Spuren dieser beiden Visionäre unterwegs und tragen Gottes Liebe durch unsere Ministries in immer mehr Zielgruppen und Bereiche der Gesellschaft hinein.“

Im Übrigen vertritt Campus für Christus national wie international im Wesentlichen „klassisch“ christlich-fundamentalistische und erzkonservative Ideologien. In Deutschland wurde Campus für Christus u.a. für seine Position zu Konversionsbehandlungen kritisiert, also Praktiken, die auf die (nach allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mögliche und potentiell lebensgefährdende) Versuche der Veränderung der sexuellen Orientierung oder Identität von Menschen abzielen.

„Living Bus“, „Camping Church“ & „THE FOUR Challenge“: „Wir bringen die Botschaft zu den Leuten“

Doch zurück zum Festival auf dem Ferropolis-Gelände: Für das Macher Festival 2026 beschrieb THE FOUR den eigenen Einsatz als „Outreach“. Auf der Aktionsseite wurden unter anderem ein „Living Bus“, eine „Camping Church“, Morgenandachten, Lobpreiszeiten, Gottesdienste und die „THE FOUR Challenge“ angekündigt. Wörtlich hieß es: „Wir bringen die Botschaft zu den Leuten“ (THE FOUR: Macherfestival 2026).

Quelle: Screenshot https://thefour.com/de-ch/einsaetze/macherfestival/

Bereits der Rückblick von THE FOUR auf einen früheren Festivaleinsatz zeigt, wie weit diese Präsenz über einen bloßen Informationsstand hinausging. Nach Angaben der Organisation waren die Beteiligten von den Real Life Guys eingeladen worden, „um mit den Menschen über Gott zu sprechen“. Im Living Bus und in einer Kapelle habe es Glaubensgespräche, „evangelistische Inputs“ und ein „Hingabegebet“ gegeben. THE FOUR bezeichnete das Festival rückblickend als „Jackpot“ für die Evangelisation (THE FOUR: Rückblick auf das Macher Festival). THE FOUR betreibt auf dem Festival also nicht einfach einen Informationsstand. Vielmehr handelt es sich um einen geplanten Missionseinsatz offenbar in enger Abstimmung mit den Veranstaltenden.

In der allgemeinen Werbung des Festivals erfährt man davon allerdings kaum etwas. FundiWatch wollte deshalb unter anderem wissen, welche Missionswerke 2026 beteiligt waren, ob THE FOUR ausdrücklich zu evangelistischen Aktivitäten eingeladen wurde, welche Regeln für Bekehrungsaufrufe und sogenannte Hingabegebete gelten und wie Minderjährige vor missionarischen Ansprachen ohne Wissen ihrer Sorgeberechtigten geschützt werden. Das Macher Festival ließ alle Fragen unbeantwortet.

„Planlos? Bau auf Jesus“ – und die Medien laufen vorbei

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Umgang regionaler Medien mit dem Festival. Mitteldeutsche Zeitung und Volksstimme kündigten für den 6. August einen gemeinsamen Livestream vom Gelände an.

Reporter Chris Luzio Schönburg sollte in seiner „Livezeit“ zeigen, „was hier alles entsteht“ (Ankündigung der Mitteldeutschen Zeitung; Ankündigung der Volksstimme). In dem von FundiWatch ausgewerteten Video wird ausführlich über Mitmachangebote, auf dem Festival von Teilnehmenden gebaute Konstruktionen und die Real Life Guys berichtet. Eine Einordnung des religiösen Hintergrunds der YouTuber oder der auf dem Gelände tätigen Missionsorganisationen erfolgte hingegen nicht.

Besonders deutlich wird diese Leerstelle, als der Reporter in seinem Stream an einer für THE FOUR errichteten kirchenartigen Konstruktion vorbeiläuft, auf der sich auch das Logo und die bereits erwähnten vier Symbole von THE FOUR befinden. Groß und deutlich lesbar steht darauf: „Planlos? Bau auf Jesus.“

Anlass für den Reporter, dieses wohl zumindest ungewöhnliche „Angebot“ auf einem Handwerkerfestival anzusprechen? Nein.

Quelle: Screenshot aus dem bei volksstimme.de veröffentlichten Video

Natürlich muss nicht jeder Festivalbesuch zur investigativen Recherche werden. Wenn eine Redaktion die Inszenierung des Veranstalters aber weitgehend übernimmt und einen wesentlichen Teil des Angebots selbst dann übersieht, wenn ihr Reporter im wörtlichen Sinn daran vorbeiläuft, wird es journalistisch – vorsichtig ausgedrückt – „dünn“.

Die Real Life Guys sind nicht nur reichweitenstarke Bastel-YouTuber. Ihr christlicher Glaube und die Einbindung evangelikaler Akteur*innen wurden bereits mehrfach thematisiert und sind öffentlich ohne weiteres nachvollziehbar. Und THE FOUR macht keinen Hehl daraus, dass es auf dem Macher Festival evangelisieren will. Wer das Festival ausführlich vorstellt, sollte diese Ebene zumindest benennen.

THE FOUR, Reach Mallorca und Rose de Jesus

Die Aktivitäten von THE FOUR beschränkten sich übrigens erneut nicht nur auf das Macher Festival. Auch dieses Jahr war die Organisation wieder am zeitgleich stattfindenden „Reach Mallorca“ beteiligt.

Die Kampagne will Tourist*innen und auf Mallorca lebende Menschen mit dem Evangelium erreichen. Auf ihrer Internetseite kündigt „Reach Mallorca“ Straßeneinsätze, Strandgottesdienste, Gespräche an der sogenannten Schinkenstraße und weitere evangelistische Aktivitäten an. Erklärtes Ziel ist, dass Menschen die christliche Botschaft hören (Reach Mallorca; Outreach 2026; THE FOUR: Reach Mallorca).

In Ankündigungen zu Reach Mallorca wurde unter anderem die Christfluencerin Rose de Jesus als „Special Act“ geführt (Instagram-Ankündigung). Rose de Jesus, die auch unter dem Namen Lorosa auftritt, war kurz zuvor eine der Protagonistinnen der ZDF-Dokumentation „Der Teufel in mir – Exorzismus heute“, wo sie bei der Durchführung eines äußerst irritierenden „Exorzismus“ gezeigt wurde.

Das heißt nicht, dass entsprechende Praktiken auch auf dem Macher Festival stattfanden. Es zeigt aber, in welchem missionarischen Umfeld THE FOUR aktiv ist. Fragen nach Inhalt, Grenzen und Schutzkonzepten der religiösen Angebote wären also keineswegs abwegig gewesen, weswegen wir genau damit den Veranstalter konfrontiert haben. Beantwortet hat die Macher Festival GmbH unsere Fragen hingegen nicht.

Evangelisationsteam e.V. auf dem Macher Festival: Evangelisation, während die Kinder bauen

Auch das „Evangelisationsteam“ führte das Macher Festival dieses Jahr erneut als Evangelisationstermin und warb für Unterstützung zur Mitarbeit auf dem Festival.

Quelle: Facebook

Der Evangelisationsteam e.V. entstand wesentlich aus dem Konflikt um Homosexualität innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. So beschloss die Landeskirche Anfang 2012 einen „Kompromiss“ zum Umgang mit homosexuellen Pfarrpersonen. In begründeten Einzelfällen sollten in einer eingetragenen gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft mit ihrem Partner lebende Pfarrpersonen im Pfarrhaus leben dürfen; Voraussetzung war unter anderem die Zustimmung des Kirchenvorstands. Zugleich hielt die Kirchenleitung am Leitbild der Ehe von Mann und Frau fest.

Im Kreis um die Jugendevangelisten und Pfarrer Lutz Scheffler und Theo Lehmann stieß dies auf erhebliche Kritik, die schließlich dazu führte, dass das Evangelisationsteam den „status confessionis“ – also den Bekenntnisfall – ausrief und erklärte, den Landesbischof, die Kirchenleitung und die Landessynode nicht mehr als geistliche Leitung der Landeskirche anzuerkennen. Scheffler wurde daraufhin vom Dienst suspendiert und Ende 2014 wurde das bereits zuvor als loser Zusammenschluss geführte Evangelisationsteam als Verein gegründet.

Eng verwoben ist das Evangelisationsteam auch mit dem Missions- & Gottesdienstnetzwerk „Frohe Botschaft für Deutschland e.V.“. Der mit beiden Organisationen eng verbundene Pfarrer Theo Lehmann trat am 04.11.2017 bei den „Dresdner Gesprächen“ der Jungen Alternative Dresden auf und suchte immer wieder die Nähe zu Pegida und der AfD. Eine wissenschaftliche Untersuchung des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts führt Lehmann entsprechend als Beispiel für die Überschneidungen zwischen christlichem Antifeminismus und extremer Rechter an und verweist auf seine regelmäßigen Auftritte bei CEGIDA („Chemnitz gegen die Islamisierung des Abendlandes“). Chrismon formulierte bereits 2020, Lehmann gehöre zu den „radikal-evangelikalen“ Vertretern, die „die Nähe zu AfD und Pegida“ suchten.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass das Evangelisationsteam auch enge Verbindungen zum  rechtschristliche Pastor Olaf Latzel aus der St. Martini Gemeinde in Bremen unterhält, der auch beim Chemnitzer Bibelseminar 2025 des Evangelisationsteams auftrat. Latzel fällt immer wieder mit queerfeindlichen Hasstiraden und Zusammenarbeit mit der christlichen Rechten auf.

Bereits zum Macher Festival 2025 hatte FundiWatch dokumentiert, dass das Evangelisationsteam plante, auf dem Festival Eltern anzusprechen, „während ihre Kinder bauen“. Dieses Jahr fragten wir bei den Veranstaltern nach, was sie von dieser Aktion halten und welche konkreten Absprachen mit dem Evangelisationsteam bestanden. Doch die Macher Festival GmbH beantwortete weder dies, noch, welche konkreten Absprachen mit dem Evangelisationsteam bestanden.

International Justice Mission beim „Macher Talk“

Beim Festival trat zudem die ebenfalls evangelikal geprägte International Justice Mission (IJM) im Rahmen eines „Macher-Talks“ – ein Talk-Format auf dem Festival – auf.

Quelle: Instagram

IJM beschreibt sich selbst als internationale Menschenrechtsorganisation, die gegen Menschenhandel, Sklaverei und Gewalt gegen Menschen in Armut vorgeht. Zugleich ist IJM Mitglied im evangelikal geprägten Bündnis Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) (Mitgliedsorganisationen von ggmh).

Zu den Mitgliedorganisationen von ggmh gehörte bis vor Kurzem auch noch der seit Langem umstrittene Verein Mission Freedom, aus dessen Einrichtung „Haus SeeNest“ im Allgäu erst vor Kurzem sämtliche Kinder wegen vermeintlich kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden in Obhut genommen wurden (worüber wir ausführlich berichten). Weiterhin Mitglied bei ggmh ist der Verein Hope e.V., über dessen ausgeprägten Dämonenglauben und Aktivitäten an Schulen wir hier bereits berichteten.

An IJM gibt es seit Jahren fachliche Kritik. Untersuchungen werfen Teilen der Organisation vor, stark auf Polizeieinsätze und sogenannte Rescue Operations zu setzen, deren Folgen für Sexarbeiter*innen und mutmaßliche Betroffene nicht immer ausreichend berücksichtigt würden. Kritisiert wurden unter anderem paternalistische Rettungsnarrative, eine unzureichende Unterscheidung zwischen freiwilliger Sexarbeit und Menschenhandel sowie die Gefahr, dass Razzien zu Festnahmen, Stigmatisierung oder erneuter Abhängigkeit führen können (Type Investigations; anti-trafficing review).

Eine BBC-Africa-Eye-Recherche dokumentierte 2023 Fälle in Ghana, in denen bei von IJM unterstützten „Rettungsaktionen“ Kinder von ihren Familien getrennt und Angehörige als Menschenhändler verfolgt wurden, obwohl sich der Verdacht später nicht bestätigte; Undercover-Aufnahmen warfen zudem Fragen nach einer internen Kultur quantitativer Zielvorgaben für „Rescues“ und Strafverfolgungen auf. IJM wies wesentliche Vorwürfe zurück, bestätigte aber, mit solchen Zielvorgaben zu arbeiten, und kündigte an, mögliche Verbesserungen seiner Verfahren zu prüfen – öffentlich dokumentierte Ergebnisse oder konkrete Konsequenzen dieser Überprüfung sind bislang nicht auffindbar. Bemerkenswert ist, dass IJM Deutschland die Stellungnahme zur BBC-Dokumentation bis heute auf seiner Ghana-Seite aufführt und dort zugleich weiterhin mit vermeintlich quantifizierten Erfolgen wirbt: mehr als 420 „befreite“ Betroffene und mehr als 150 Festnahmen.

FundiWatch fragte die Macher Festival GmbH, warum IJM zum Macher Talk eingeladen wurde. Auch diese Frage blieb unbeantwortet.

Teil 2 folgt bald…

In TEIL 2 schauen wir uns in Kürze das Netzwerk hinter dem Macher Festival einmal genauer an…

Popcorn, Hüpfburg, Evangelium (& die AfD?!): Wie eine Berliner Freikirche Kinder missioniert

Zwischen Spielplatz und Seelenrettung: Das Kids-Club-Konzept von Neues Leben Berlin

(Quelle Titelbild: YouTube – Markus Rapp). Auf dem Flyer zum neuen Kids Club ist von Jesus keine Rede: „Spiel, Spaß, Musik, Geschichten, Wettbewerbe“ steht da, dazu Hüpfburg, Bubble Balls und Popcorn. Nur ein kleines Logo verrät den Veranstalter: „Neues Leben – Evangelische Freikirche“. Was sich hinter „Geschichten“ verbirgt und welches Weltbild dahinter steht, erklärt Prediger Markus Rapp auf seinem eigenen YouTube-Kanal – und zeigt, dass der Kids Club Teil eines größeren Netzwerks ist.

Endzeit-Prediger mit AfD-Kontakten 

Markus Rapp gründete die Freikirche Neues Leben im August 2020, mitten in der Corona-Pandemie, zusammen mit seiner Frau Seong Soon (Suni) Rapp. Sonntags trifft man sich um 11 Uhr im Gemeindezentrum in der Warnitzer Straße 8 in Berlin-Hohenschönhausen.

Rapp ist zugleich Vorsitzender des Vereins Christus für Europa e.V., der zu den mit der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) „verbundenen Werken“ gehört. Die EAD ist einer der größten evangelikalen Netzwerkverbände in Deutschland.

Quelle: Screenshot ead.de

Christus für Europa betreibt die Bibelschule ISDD (Internationale Schule des Dienstes) als deutschen Ableger der International School of Ministry (ISOM), die nach Selbstauskunft mit Hunderttausenden Teilnehmenden in 143 Ländern arbeitet.

Ihr Lehrplan enthält neben allgemeinen Evangelisationskursen auch Module zum „Seven Mountain Mandate“ – der Vorstellung, Christ*innen müssten zentrale gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Bildung und Medien „zurückerobern“ und unter christliche Prägung bringen (vgl. ISDD BibelschuleDie Sieben Berge Strategie” und FundiWatch: „Christliche Fußballinfluencer*innen zur Missionierung“) – und startet gleich mit der konsequenten Umsetzung durch das Modul “Transformation der Wirtschaft”.

Der Lehrplan bietet aber auch für den Kids Club relevante Kurse wie “Eine neue Generation erreichen” und „Dienst an Kindern“ im “Associates Studium” (vgl. ISDD. Semester 5. Überblick). Der Kids Club lässt sich damit nicht als spontane Einzelinitiative lesen, sondern als praktische Anwendung eines Trainingskonzepts, was über Rapps Verein selbst gelehrt wird.

Quelle: Screenshot aus dem Katalog der ISDD Bibelschule: https://isddbibelschule.de/wp-content/uploads/2023/11/ISDD-Katalog-Deutsch-2024.pdf – Referent Lance Wallnau unterstützte übrigens bei den letzten US-Wahlen den Wahlkampf von J.D. Vance.

Rapp ist offener Unterstützer der AfD (vgl. Rapp, “Kann man als Christ die AfD wählen”). ZDF Frontal (ab ca. Minute 6:10) berichtete im Juni 2025 über ihn. Im November 2025 traf sich die Gruppe „Christen in der AfD“ nach einer Vereanstaltung im Bundestag in seiner Gemeinde (FundiWatch, „City of Light – Hat dieses Event Berlin noch gefehlt?“, 20.6.2026).

Quelle: ZDF Frontal – YouTube Markus Rapp

Erst die Hüpfburg, dann das Bekehrungsgebet 

Das Konzept des Kids Club stammt vom „KidsFestival“ der bundesweiten Großevangelisation „City of Light“, veranstaltet vom Frankfurter Verein GODsPOWER gUG unter Leitung von Lukas Repert, an der sich zahlreiche freikirchliche Gemeinden in mehreren deutschen Städten beteiligen.

FundiWatch hat dieses Format im Mai 2026 in Berlin beobachtet: Auf dem KidsFestival im Stadtpark Lichtenberg gab es keinen sichtbaren Hinweis auf einen religiösen Veranstalter. Bis im Bühnenprogramm mit den Kindern – getrennt von ihren Eltern -, zwischen Spielen und Animation überraschend gebetet, gesungen und dazu eingeladen wurde, Jesus „in das Herz aufzunehmen“. Genau dieses Muster scheint Rapp nun auf von der Gemeinde selbst veranstaltete Kids-Club-Termine zu übertragen.

Dafür sind drei Termine angesetzt: 8. August, 5. September und 3. Oktober, jeweils 15 bis 18 Uhr, auf einer öffentlichen Grünfläche direkt gegenüber dem Gemeindezentrum im Quartierspark Warnitzer Bogen (Vincent-van-Gogh-Straße/Falkenberger Chaussee/Warnitzer Straße), die in der Verantwortung des Bezirksamts Lichtenberg liegt.

Auf Anfrage von FundiWatch teilte das Bezirksamt Lichtenberg am 07.08.2026 mit, dem Straßen- und Grünflächenamt läge keine Sondernutzungserlaubnis für die Veranstaltung vor. Die Antwort auf eine Nachfrage von FundiWatch, ob für die Veranstaltung eine Versammlung angemeldet wurde, lag bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags ebenso noch nicht vor wie eine Antwort auf die Frage, welche Vorkehrungen von Seiten der zuständigen Behörden veranlasst werden, um Besucher*innen vor überwältigender politischer und / oder religiöser Indoktrination zu schützen.

Ein Werbeflyer, der öffentlich einsehbar an der Tür des Gemeindezentrums aushing, nennt als Programm „Spiel, Spaß, Musik“, „Geschichten“, „Basteln, Café“, „Spiele & Hüpfburg“, „Wettbewerbe“ und „Bubble Balls“.

Quelle: Eigene Aufnahme FundiWatch

In seinem bereits erwähnten YouTube-Video für die eigene Gemeinde beschreibt Rapp denselben Termin deutlich anders: Rapp nennt den Kids Club gleich zu Beginn ein „evangelistisches Projekt“, mit dem Kinder und Eltern „mit dem Evangelium Jesu Christi“ erreicht werden sollten.

Der Ablauf sei danach klar zweigeteilt – eine halbe Stunde „Kindergottesdienst“ mit einer kindgerecht aufbereiteten Evangeliums-Geschichte und gemeinsamem Gebet, gefolgt von 45 bis 60 Minuten Spiel und Spaß, das laut Rapp zugleich dem „Beziehungsaufbau“ zu den Eltern diene. Zur biblischen Begründung zitiert er zwei Stellen aus dem Matthäusevangelium, in denen Jesus Kinder als besonders aufnahmebereit für das „Reich der Himmel“ beschreibt (Mt. 19,14 f.; Mt. 18,3 f.).

Als Erfolgskennziffer erzählt Rapp vom KidsFestival im Mai, bei dem – nach seinen eigenen, nicht unabhängig verifizierten Angaben – ausnahmslos alle anwesenden Kinder sich bereit erklärt hätten, ein vorformuliertes Bekehrungsgebet mitzusprechen. Sein erklärtes Ziel: „hunderte von Kindern“ im Nordosten Berlins erreichen, unterstützt durch Poster- und Zeitungswerbung in einem Radius von fünf bis sechs Kilometern.

Ab Herbst soll der Kids Club, wenn es kälter wird, alle zwei Wochen in die eigenen Gemeinderäume verlegt werden.

Antichrist, Blutmond, Regenbogenfahne – Rapps Weltbild

Auf demselben YouTube- und Telegram-Kanal, über den Rapp den Kids Club bewirbt, kommentiert er regelmäßig „Endzeit, Gesellschaft und Politik“ und zeichnet dort ein deutlich schärferes Bild als der freundliche Kids-Club-Flyer.

Der Endzeitglaube zieht sich als roter Faden durch Rapps Kanal: Allein unter den zuletzt veröffentlichten Videos tragen mehrere Dutzend Titel wie „Letzte Tage der Endzeit – Der Anti-Christ, 3. Tempel, der Große Abfall„, „ENTRÜCKUNG 2025?“ oder „Was ist Donald Trumps Rolle in der ENDZEIT? Wegbereiter des ANTI-CHRISTEN?„. Rapp deutet darin aktuelle Kriege, Blutmonde und politische Entwicklungen als Erfüllung biblischer Prophetie – etwa den Krieg zwischen Israel und dem Iran 2025, den er direkt mit der Anti-Christ-Erwartung aus dem zweiten Thessalonicherbrief verknüpft, oder ein mögliches Entrückungsdatum am 23. September, das er selbst als womöglich überzogenen „Mega Hype“ einordnet, ohne die Naherwartung insgesamt infrage zu stellen. Seine eigene Gemeinde beschreibt er wiederholt als „Arche der Endzeit“ – ein Bild, das den Kids Club in ein Selbstverständnis einbettet, das von unmittelbar bevorstehendem Weltgericht, Verfolgung und dem baldigen Auftreten des Antichristen geprägt ist.

Quelle: YouTube – Markus Rapp

Den Christopher Street Day in Berlin nennt Rapp „brandgefährlich für unsere Gesellschaft“ und ordnet ihn einer „dämonischen Lehre von Freiheit, sexueller Unmoral“ zu. Als Angela Merkel und Ursula von der Leyen sich gegen Ungarns Gesetz gegen die Darstellung von Homosexualität in Schulfilmen aussprachen, bezeichnete er ihre Position als Teil “einer Erweckung des Antichristen“. In einer eigenen Lehreinheit bietet er den Kampf gegen „dämonische Mächte“ als geistliche Ausbildung für seine Zuhörer*innen an. In seiner Lehrreihe zum Epheserbrief predigt Rapp zudem, der Mann sei „die letzte Autorität … in der Familie“, Kinder „gehören niemals den Eltern“, sondern Gott, die Eltern seien nur „Verwalter“ sowie eine Sexual- und Familienethik, zu der FundiWatch bereits im Rahmen der „Purity Culture“ evangelikaler Milieus recherchiert hat.

Diese Videos zeigen das Weltbild, in dessen Rahmen der Gemeindeleiter seine Kinderarbeit versteht und in das Kinder hineinwachsen könnten, wenn aus einem Spielnachmittag eine dauerhafte Bindung an die Gemeinde wird.

Wenn alle Kinderhände gleichzeitig nach oben gehen

Kinder können religiöse, weltanschauliche und pädagogische Absichten Erwachsener in der Regel schwerer einschätzen als Erwachsene selbst. Sie sind zudem bis zum 14. Lebensjahr nach dem Gesetz über die religiöse Kindererziehung noch nicht religionsmündig (vgl. § 5 RelKErzG). Die Entscheidung über ihre religiöse Erziehung liegt bei den Eltern. Da Kinder dieses Alters ihre eigene, ihnen grundsätzlich ebenfalls zustehende negative Religionsfreiheit (Art. 4 Abs. 1, 2 GG) noch nicht selbst ausüben können, hängt deren Schutz vollständig davon ab, dass Eltern vorab wissen, worauf sie sich – stellvertretend für ihr Kind – einlassen.

Wenn ein als Spiel- und Familienfest beworbenes Angebot einen strukturierten religiösen Programmteil enthält, der nach außen lediglich als „Geschichten“ dargestellt wird, entsteht darüber hinaus ein Macht- und Wissensgefälle: Die Kinder erleben sich angeleitet von Erwachsenen in einer Situation kollektiver Gruppendynamik, in der laut Rapps eigener Schilderung auf dem KidsFestival alle anwesenden Kinder auf dieselbe Frage hin gleichermaßen reagierten. Eine solche Dynamik lässt wenig Raum für eine individuelle, freie Entscheidung einzelner Kinder, unabhängig davon, welche religiöse oder areligiöse Prägung sie aus ihrem Elternhaus mitbringen.

Für Kinder und Jugendliche, die selbst oder deren Freunde queer sind oder aus Familien kommen, die Rapps Weltbild nicht teilen, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Dieselben Erwachsenen, die sie beim gemeinsamen Spielen betreuen, bezeichnen ihre Lebensrealität an anderer Stelle öffentlich als „dämonisch“, als Ausdruck einer „Verirrung“ oder als Folge von „Missbrauch von Macht“. Das ist keine Aussage über eine konkrete Schädigung einzelner Kinder, aber es ist ein struktureller Befund über das Umfeld, in das Kinder eingeladen werden, ohne dass ihre Eltern davon notwendigerweise wissen.

Fazit: Informierte Entscheidung kaum möglich?

Beides – die missionarische Intention des Kids Clubs sowie das hinter “Neues Leben” stehende Weltbild – ist öffentlich zugänglich. Aber nicht im Werbematerial, sondern verstreut auf einem YouTube-Kanal, den Eltern erst gezielt suchen müssten. Wer sein Kind aufgrund von „Spiel, Spaß, Musik“ teilnehmen lässt, kann deshalb keine informierte Entscheidung treffen: weder darüber, dass ein Bekehrungsgebet Teil des Programms ist, noch darüber, in wessen ideologisches und politisches Umfeld das Kind damit eingeladen wird.

Gerade hier zeigt sich, wie wichtig unabhängige und sachliche Information über entsprechende Angebot ist – oder besser: wäre. Denn leider wird in Deutschland über Gefahren entsprechender Angebote kaum – jedenfalls nicht präventiv – informiert. Weltanschauungsbeauftragte Stellen sind mit entsprechenden Informationen oder gar Warnungen äußerst zurückhaltend.

In anderen Ländern bestehen deutlich weitergehende Angebote, bei denen Interessierte oder Betroffene nähere Informationen zu weltanschaulich-religiösen Angeboten abrufen können, wie bspw. das Angebot der Schweizer infosekta zeigt. Dass ein entsrechender Bedarf auch in Deutschland besteht, erleben wir bei unserer Arbeit mit FundiWatch tagtäglich.


Weitere Artikel zum Thema:

City of Light – Hat dieses Event Berlin noch gefehlt?

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein von @fundiwatch geteilter Beitrag

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein von @fundiwatch geteilter Beitrag

Alle Jahre wieder?

MAGA, internationale Rechte, evangelikale Netzwerke und fossile Energielobbyisten treffen sich erneut zur Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship (ARC) – von deutschen Medien wird das bisher ignoriert…

(Quelle Titelbild: ARC-Conference). Vor einem guten Jahr berichteten wir bereits über die Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship ARC25 in London. Es handelt sich dabei um eine der wohl größten (und wohl einflussreichsten) rechten Konferenzen in Europa. Aktuell findet die Konferenz vom 23. bis 25.06. nun erneut in London statt.

Die ARC ist ein rechtslibertärer Think Tank, der vor etwa vier Jahren vom umstrittenen kanadischen Psychologen Jordan B. Peterson ins Leben gerufen wurde. Mehrere Medien verorten Teile des Teilnehmerfelds ausdrücklich im Rechtsaußen- bzw. far-right-Spektrum, insbesondere Vertreter aus AfD- und Vox-nahen Milieus.

Besonders auffällig ist die dortige Vernetzung der christlichen Rechten mit der internationalen Rechten, Teilen der MAGA-Bewegung und fossiler Energielobby.

1. Heute startet mit der #ARC2025 Konferenz eine der größten (und wohl einflussreichsten) rechten Konferenzen in Europa. Neben ua Mike Johnson und Frauke Petry dabei auch zahlreiche Personen aus dem christlich-fundamentalistischen KiNC-Netzwerk. Deutsche Medien scheint das nicht zu interessieren…?!

FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2025-02-17T18:37:40.525Z

Rückblick: Die ARC25: Klassenfahrt „christlicher“ Influencer*innen

Bereits vergangenes Jahr wurde die Konferenz zunächst von deutschen Medien nicht aufgegriffen.

Das Blatt wendete sich etwas, als wir darüber berichteten, dass mehrere Christfluencer*innen wie u.a. Jasmin Friesen (damals noch Neubauer, liebezurbibel / „In Zeiten wie diesen„), Jana Hochhalter („In Zeiten wie diesen„), Tini Brüning (die tagespost), Lukas Furch (The Chosen) und auch der rechtsextreme Leonard Jäger aka „Ketzer der Neuzeit“ an der Konferenz teilnahmen und ihren Besuch intensiv auf Social Media als „gemeinsame Klassenfahrt“ verbreiteten. Johannes Hartl, Leiter des Gebetshaus Augsburg, trat als Redner auf.

Quelle: Instagram / Tini Brüning

Dabei traf die Gruppe der Christfluencer*innen auch auf Frauke Petry (ehem. AfD-Vorsitzende, jetzt „Team Freiheit“ – für die Lukas Furch tätig ist) sowie Fadi Krikor, einen der beiden Mitinitiatoren der umstrittenen Münchener Glaubenskonferenz UNUM24 und Betreiber des Father’s House of all Nation im ehemaligen Kloster Altenhohenau.

Erneut aufgegriffen wurde das Thema, als das christliche Rap-Duo O’Bros letztes Jahr Platz 1 der deutschen Albumstarts erreichte – auch Alexander Oberschelp von den O’Bros nahm an der „Klassenfahrt“ zur ARC25 teil. Übrigens nicht das erste Mal. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er an der ersten ARC-Konferenz teilgenommen – ebenfalls gemeinsam mit Jasmin Friesen und Leonard Jäger. Also eben kein „Zufall“ wie später häufig beschwichtigend verbreitet wurde.

Wohl das erste mal in der Geschichte steht mit den O'Bros eine rechts-christliche Lobpreisband auf Platz 1 der #Albumcharts. Dass es hier um viel mehr als "HipHop mit christlichen Botschaften" geht, wird von Medien bisher nicht wahrgenommen, in christlichen Kreisen oft verharmlost… 1/9

FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2025-04-06T18:28:57.230Z

Erneut „bemerkenswerte“ Teilnehmende: Johannes Hartl und Springer-CEO Dopfner sowie Rechtskatholikin Gudrun Kugler (OIDAC)

Vom 23. bis 26.06. findet nun die vierte ARC-Konferenz statt – die dritte Konferenz in London; 2024 traf man sich im australischen Sydney.

Und wieder scheint das Medieninteresse in Deutschland gering bzw. nicht vorhanden. Dabei finden sich unter den Teilnehmenden erneut auch zahlreiche Teilnehmende aus Deutschland und Österreich, auf die wir hier nicht alle eingehen können.

Kurz zu einigen besonders bemerkenswerten Personen:

Johannes Hartl

Darunter erneut der Theologe und Leiter des Gebetshaus Augsburg, Johannes Hartl, der bereits letztes Jahr auf der ARC25 als Redner auftrat. Zuletzt stand Hartl in der BR-Doku „Die hippen Missionare“ mit seinem Gebetshaus und der MEHR-Konferenz im Fokus kritischer Medienberichte. Anschließend verteidigte er sich gegen Kritik – ausgerechnet im rechtspopulistischen Portal NIUS, wo er im Podcast zu Gast war.

Quelle: Instagram / Johannes Hartl

Mathias Dopfner

Ein weiterer Redner auf der Konferenz sollte eigentlich ebenfalls die Öffentlichkeit besonders interessieren (und beunruhigen): Springer-CEO Mathias Dopfer findet sich ebenfalls auf der prominent besetzten Rednerliste.

Bildquellen: https://www.arc-conference.com/arc26-speakers

Ideologisch dürfte sich Dopfner auf der ARC26 sehr wohl fühlen

Dafür spricht auch ein erster Artikel des rechtskonservativen evangelikalen Idea-Magazins (Paywall). Demnach habe Dopfner auf der ARC26 kritisiert, dass zu viele Journalisten Aktivismus mit Journalismus verwechseln würden. Bei Springer sei das anders. Dort habe man sich eine „intellektuelle Verfassung“ gegeben, die sogenannten „Essentials“. Aha.

Gudrun Kugler

Mit dabei ist auch wieder Gudrun Kugler, österreichische Politikerin, Juristin sowie katholische Theologin und sogar im „Advisory-Board“ der ARC vertreten. Sie sitzt seit 2017 für die Österreichische Volkspartei im Nationalrat und ist seit 2024 Vizepräsidentin der Parlamentarischen Versammlung der OSZE.

2023 fand Kugler im Bereich Rechtskatholizismus Erwähnung im österreichischen Rechtsextremismusbericht des DÖW. Kugler wird zudem als zentrale Akteurin der „Agenda Europe“ gesehen, ein europaweites Netzwerk konservativ-christlicher Akteure, das sich für die Wiederherstellung einer „natürlichen Ordnung“ einsetzt und dabei insbesondere gegen Abtreibungs- und LGBTIQA+-Rechte mobilisiert.

Schließlich ist Gudrun Kugler Initiatorin des Observatoriums gegen Intoleranz und Diskriminierung von Christen in Europa (OIDAC), das über vermeintliche Fälle von Christenverfolgung berichtet. Executive Director des OIDAC ist Anja Tang, ehemalige Mitarbeiterin in Kuglers Büro. Der Ehemann von Kugler, Martin Kugler ist „President of the Board“ von OIDAC. Bis 2000 war Martin Kugler Pressesprecher der rechtskatholischen Gruppe Opus Dei für Zentraleuropa.

Die Seriosität der Zahlen und Falldarstellungen von OIDAC sind umstritten, dies auch hinsichtlich der Einordnung von Fällen als „christenfeindlich“. Beispielsweise listet das OIDAC auch den friedlichen Protest des Bündnisses #NoUNUM24, das gegen die christlich-fundamentalistische Glaubenskonferenz UNUM24 in der Münchener Olympiahlle protestiert hatte, als vermeintlichen Fall auf – obwohl der Protest, auch vor Ort, von zahlreichen christlichen Personen und Gruppen unterstützt wurde wie beispielsweise #OutInChurch oder der Evangelischen Jugend München. Gleichwohl greifen zahlreiche Medien gerade auch die vergangenen Wochen wieder die Zahlen von OIDAC völlig unkritisch auf (vgl. zB. erst jüngst die Welt aber auch der Deutschlandfunk).

„Anti-Woke-Davos“: Wirklich kein Thema für die Medien?

Es überrascht(?), dass insbesondere deutsche Medien die Vernetzung der internationalen Rechten, christlicher Fundamentalist*innen, Teilen der MAGA-Bewegung und Klimawandelleugner*innen offenbar nicht für berichtenswert halten. Aber vielleicht ändert sich das in den kommenden Tagen ja noch.

Besorgniserregend scheinen diese Vernetzungen allemal und sie sollten genau im Blick behalten werden. Nicht zuletzt auch, weil sich auf der ARC viel politischer Einfluss und viel Geld zu einer Agenda versammeln, die laut Guardian von einigen als „Anti-Woke-Davos“ bezeichnet wird. Zur ARC26 heißt es dort:

„Mehr als 4.000 Delegierte aus 85 Ländern – von der konservativen Führerin, Kemi Badenoch, bis hin zu US-amerikanischen Anti-Abtreibungs-Aktivisten und Vertretern europäischer rechtsextremer Parteien – nehmen an der diesjährigen Konferenz Alliance for Responsible Citizenship (ARC) in London teil.

Von manchen als „Anti-Woke-Davos“ bezeichnet, wurden auf der Bühne des Olympia-Konferenzzentrums Themen propagiert wie eine libertäre Ablehnung grüner Wirtschaftspolitik, sozialkonservative Anliegen wie die Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen sowie Widerstand gegen Multikulturalismus.“

(Original in Englisch, Übersetzung d. Verf.)

In Deutschland scheint das bisher kaum jemanden zu interessieren. Und so traten erst vergangenes Wochenende die O’Bros bei Hartls „Mission is possible“ Event in Augsburg auf. Mit dabei auch die Bischöfe Bertram Meier und Stefan Oster von der katholischen Kirche.

Rechtspopulisten ins neue EKD-Gesangbuch?

Achja, und ein von Johannes Hartl geschriebenes Lied steht übrigens aktuell auf einer vorläufigen Vorschlagsliste für das neue evangelische Gesangbuch der EKD. Als wenn es in der Vergangenheit nicht schon genug umstrittene Lieddichter in dem Gesangbuch gegeben hätte – einige wollen nun offenbar für „Nachschub“ sorgen…

Aber dazu an anderer Stelle einmal mehr.

Nach Kritik der ICF München: Spiegel-TV löscht Passage aus Doku

Gefährliches Einknicken mit Folgen?

Am 12.01.2026 strahlte Spiegel-TV die Reportage: „Radikale Christen: Hass im Namen des Herrn“ aus. Die ICF (International Christian Fellowship) München, eine große evangelikale Freikirche mit Hauptstandort in der Schweiz und zahlreichen Standorten in Deutschland, kritisierte die Sendung scharf. Unter anderem, da ihr dort „Hetze gegen Abtreibung“ vorgeworfen wurde.

Wie verschiedene evangelikale Medien und die ICF selbst berichten, wurden die entsprechenden Sequenzen zum ICF München nun nachträglich aus der Doku entfernt.

Ein Hinweis oder eine Stellungahme von Spiegel-TV dazu findet sich bisher nicht. Das könnte als Eingeständnis gewertet werden, dass die Vorwürfe unangebracht sind. Doch unsere Recherchen belegen eher das Gegenteil. Wie sonst sollten Vergleiche von Schwangerschaftsabbrüchen mit „Völkermord“, „Blutschuld“ und „Kinderopfern“ gemeint sein?

Edit: Am 06.02.2026 berichtete auch die taz über das Thema: Wenn radikale Christen den Schnitt diktieren


Um die International Christian Fellowhip (ICF) und deren herrschaftstheologische Ideologien geht es auch im Beitrag: Christliche Fußballinfluencer*innen zur Missionierung – Geistlicher Kampf mit Fußball?

Weiterlesen

Was ist passiert?

Die Spiegel-TV Doku beschäftigte sich mit der vom Verfassungsschutz beobachteten Gemeinde „FWBC Seelengewinnen“ aus Pforzheim (zuvor „Baptistenkirche Zuverlässiges Wort“), den Christfluencer*innen Jasmin Friesen und Leonard Jäger (aka „Ketzer der Neuzeit“) und im Zusammenhang mit der Anti-Abtreibungsbewegung „Marsch für das Leben“ mit der ICF München.

Die ICF München kritisierte die Berichterstattung scharf. Insbesondere sah sie den Vorwurf, gegen Abtreibung zu hetzen, als unbegründet an.

Kommentarlos wurden nun die die ICF München betreffenden Passagen aus der Doku entfernt. Eine Antwort auf eine Anfrage an Spiegel-TV über die Gründe hierzu blieb bis zur Veröffentlichung dieses Artikels unbeantwortet.

Mehrere Medien aus dem evangelikalen Umfeld (u.a. das rechtspopulistische Idea-Magazin und jesus.de) sowie die ICF München selbst berichten nun von einem Erfolg: Laut Idea wertete der ICF-Pressesprecher die Reaktion von Spiegel-TV als „Ermutigung, auch künftig entsprechend auf eine etwaige Berichterstattung zu reagieren, wenn es notwendig sei„.

Was wurde aus der Doku gelöscht?

Die bei Spiegel-TV gelöschten Sequenzen sind weiterhin in diversen Reaction-Videos evangelikaler Christfluencer*innen abrufbar.

So – wenig überraschend – beim ebenfalls in der Doku erwähnten Christfluencer Leonard Jäger. Jäger wird laut einer kürzlich veröffentlichten ZDF-Doku „Christliche Influencer mit rechter Agenda“ im Verfassungsschutzverbund als bekannter Extremist beurteilt und dem Bereich der „verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates“ zugeordnet. Er ist eng mit Jasmin Friesen befreundet und tritt immer wieder gemeinsam mit ihr auf.

Ursprünglich leitete der Spiegel-TV Bericht nach einer Sequenz über den Anti-Abtreibungs-„Marsch für das Leben“ zur ICF München über:

„Auch in der Freikirche ICF Church in München wird gegen Abtreibung gehetzt. Auf der Kanzel im lässigen Tarnhemd ein selbsternannter Moralapostel.“

Es folgte ein Ausschnitt aus einer Predigt von Jens Koslowski, bei der ICF München zuständig für den Bereich „Discipleship & Leadership„. Vor einem Monitor mit dem Bild eines Plakats mit der Aufschrift „My body, My choice“ sagt Koslowski:

„Da siehst du auch solche Sachen wie z.B. ‚Abortion ist Healthcare‘. Also Abtreibung ist sowas wie Gesundheitsfürsorge. Wäre in etwa so – ich muss es so ausdrücken – wenn du Sklaverei als Festanstellung betiteln würdest.“

und

„Aber Abtreibung wird jetzt nicht primär dazu führen, dass dein Schmerz, der dir zugefügt wurde jetzt heil wird, dass dein Herz heil wird.“

und

„Und das ist ein Punkt, vor dem ich dich einfach warnen möchte und dir zusprechen möchte: Gott ist der einzige, der deine Seele heilen kann.“

Die betreffende Predigt ist weiterhin in voller Länge unter dem Titel „Abtreibung – my body my choice?“ auf dem YouTube-Kanal der ICF München abrufbar.

Reaktionen der ICF München

In ihrer Stellungnahme zur Doku betont die ICF München:

„Die im Beitrag von Spiegel TV behauptete ICF-Position zu Abtreibung wird falsch und pauschal dargestellt. Im Beitrag wörtlich: ‚Auch in der Freikirche ICF Church in München wird gegen Abtreibung gehetzt.‘

Diese Aussage entbehrt jeder Grundlage und ist eine falsche Behauptung, von der sich ICF München klar distanziert.

Das Thema Abtreibung ist äußerst komplex. Wenn darüber in einer Predigt gesprochen wird, dann nach bestem Wissen und Gewissen sowohl aus der seelsorgerischen als auch aus der theologischen Perspektive, sowohl ausführlich als auch ausgewogen.

Diese Tiefe vermissen wir im Beitrag von Spiegel TV deutlich.“

Schon die in der Doku ursprünglich enthaltenen Passagen vermitteln kaum den Eindruck einer „ausgewogenen“ Thematisierung des Themas Abtreibung.

Auch „mehr Tiefe“ – unter Berücksichtigung der ganzen Predigt – ändert daran nichts. Eher im Gegenteil: Im weiteren Verlauf der Predigt empfiehlt Koslowski Personen in Schwangerschaftskonflikten, statt abzutreiben, besser anonym zu entbinden und das Kind in Obhut zu geben…

Die „ausgewogene seelische und theologische Perspektive“ der ICF auf das Thema Abtreibung: Götzenopfer, Völkermord, Blutschuld und Generationenflüche…

Und auf den Internetseiten der ICF München finden sich noch eine ganze Reihe weiterer Zitate, die den Vorwurf einer „Hetze“ gegen Abtreibung noch weiter nachvollziehbar, wohl eher sogar als zu harmlos erscheinen lassen.

So zum Beispiel Passagen aus einem veröffentlichten Paper vom 30.06.2019 von Tobias Teichen, dem Leiter der ICF München, unter dem Titel „Fighting for Truth„. Mit aus der Luft gegriffenen Behauptungen werden dort Abtreibungen mit „Götzenopfern“ verglichen:

„Abtreibung: Einige der Nachbarvölker Israels opferten damals ihre Kinder im Feuer, um von dem Götzen Moloch Wohlergehen, eine bessere Zukunft, Erleichterung, Freiheit, finanziellen oder beruflichen Segen zu erhalten. In erschreckender Weise sind dies dieselben Argumente, die hinter 96% der Abtreibungen heutzutage stehen (über die restlichen 4%, die mit Vergewaltigungen und medizinischen Notfällen zu tun haben, kann man diskutieren).“

In einem weiteren auf der Webseite abrufbaren Dokument zu einem ICF-Gottesdienst des evangelikalen Prof. Christian Raedel (u.a. bekannt aus dem Gerichtsverfahren gegen den Bremer Pfarrer Olaf Latzel wegen Volksverhetzung) vom 07.07.2024 heißt es unter dem Titel „Wie schön, dass du geboren bist“:

„Sag NEIN zu der Kultur des Todes. Durch den Heiligen Geist Kraft empfängst du die Kraft, JA zu sagen zu dem Kind, zu dem Gott bereits JA gesagt hat.“

In einem Dokument von Koslowskis Ehefrau, die bei der ICF München im gleichen Bereich wie er tätig ist, wird Abtreibung schließlich als „Geistliche Ursache für psychische Krankheiten“ bezeichnet, die sich nach ihrer Auffassung offenbar wie ein Generationenfluch auf folgende Generationen auswirken kann:

„Blutschuld: Deine Vorfahren tun etwas (z.B. Abtreibung), und du hast nun ‚Blut‘ an deinen Händen.“

Ähnlich problematische Äußerungen lassen sich auch an weiteren Standorten der ICF auffinden, wie beispielsweise bei der ICF Hamburg, wo Abtreibung mit „Völkermord“ (Archivlink, Original zwischenzeitlich entfernt; edit: 07.04.2026) verglichen wird:

„Wenn es Gott gibt und jedes menschliche Wesen von ihm gewollt und geliebt ist, dann ist Abtreibung eine Tötung und damit von der Schwere gleichzusetzen mit dem Töten eines Menschen der schon geboren ist. Die Abtreibe-Praktiken ähneln dann einem Völkermord, in welchem viele Menschen umgebracht werden, weil es einem eben gerade so passt.“

Die Problematik am „Rückzieher“ von Spiegel-TV

Die Ideologie der ICF beim Thema Abtreibung sollte aus den Zitaten bereits ablesbar sein. Ebenso, dass es wohl alles andere als fernliegend ist, diese als „Hetze gegen Abtreibung“ zu bezeichnen.

Warum also löschte SPIEGEL-TV die Sequenzen zur ICF München? Revidiert das Format so seine Wertung der ICF-Positionen oder hält sie gar doch nicht für so problematisch? Fakt ist: In einer Zeit, in der das Thema Abtreibung durch ultra-konservative bis extrem rechte Kampagnen zur Zielscheibe gemacht wurde und wird, besteht ein dringender Aufklärungsbedarf über Akteur*innen in diesem Umfeld.

Zudem verdeutlichen weitere Berichte über die ICF und Informationen von Weltanschauungsstellen immer wieder, dass die Positionen der ICF nicht nur beim Thema Abtreibung problematisch sind: Erst letztes Jahr deckte der Journalist Kevin Ebert in einer Undercover-ARD-Recherche im ICF Augsburg Praktiken von Konversionsbehandlungen auf, als er durch Handauflegen und Zungengebet von seiner Homosexualität „befreit“ werden sollte. Die Reportage „Inside Freikirche ICF“ ist weiterhin abrufbar.

Was Spiegel-TV konkret zur Löschung der Sequenzen bewogen hat, ist uns bisher nicht bekannt. Die ICF kritisierte zudem, die Doku habe sie mit der Pforzheimer Gemeinde “FWBC Seelengewinnen” in „einen Topf“ geworfen. Diese propagiere in der Tat ein mit einem „biblischen Anstrich“ „radikal verzerrtes Glaubensverständnis“ und predige tatsächlich Hass.

Diese Art der Argumentation begegnet uns bei Diskussionen um christlichen Fundamentalismus und spirituellen Missbrauch immer wieder: Die Verantwortung liegt immer bei anderen, eine Selbstreflexion findet nicht statt.

Tatsächlich schlägt Spiegel-TV in seiner Doku einen großen Bogen von der vom Verfassungsschutz beobachteten FWBC Seelengewinnen mit ihrem wegen Volksverhetzung verurteilten Prediger Anselm Urban über Christfluencer*innen bis zum „Marsch für das Leben“ und die ICF München.

Wir halten es für wichtig, aufzuzeigen, wo die ideologischen Verbindungen zwischen diesen Akteur*innen liegen, worin konkrete Gefahren für Radikalisierungen liegen und was dies für Betroffene bedeutet. Hier stellte die Doku einen mutigen Versuch dar, wies allerdings – insbesondere im Bezug auf ideologische Verbindungen zur „FWBC Seelengewinnen“ – tatsächlich einige Schwachstellen auf, die vermeidbar gewesen wären.

So thematisierte die Doku beispielsweise auch den Pforzheimer Prediger Lothar Gassmann. Gegen ihn richteten sich Mordaufrufe aus der „FWBC Seelengewinnen“ bzw. der „Baptistengemeinde Zuverlässiges Wort“. Gassmann wird in der Doku lediglich als „erzkonservativer Christ“ vorgestellt. Hier fehlen wichtige Einordnungen.

Denn Gassmann steht der Werteunion und der AfD nahe, für deren Wahl er sich mehrfach aussprach. Das wird ebenso wenig erwähnt wie seine ebenfalls radikal queerfeindlichen Positionen.

Bereits im Lutherjahr 1996 und aktualisiert im Jahr 2017 verfasste Gassmann mit weitreichender Unterstützung aus dem christlich-fundamentalistischen Umfeld „95 Thesen zur Situation von Kirche und Gesellschaft„, die seine Radikalität belegen. Unter anderem wird dort die Aufhebung gesetzlicher Verfolgung „homosexueller Praktiken“ bedauert und prophezeit, dass dies zu einem Zerfall der Gesellschaftssysteme führen werde (Thesen 3 – 6):

„3. In vielen Staaten sind die Gesetze aufgeweicht oder abgeschafft worden, die Gotteslästerung, Pornographie, Abtreibung, Euthanasie, homosexuelle Praktiken, Drogenmißbrauch und ähnliches verboten haben.

4. Eine Gesellschaft, die Handlungen duldet oder sogar öffentlich fördert, welche die Heilige Schrift als „Sünde“ und „Greuel“ in den Augen Gottes bezeichnet, gräbt sich ihr eigenes Grab. Sie wird gerichtsreif. „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben“ (Sprüche 14,34).

5. Viele Staaten gleichen heute dem Römischen Reich vor seinem Untergang: Die innere Ursache seines Zerfalls war die sittliche Dekadenz.

6. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch heute Staats- und Gesellschaftssysteme, die sich gegen Gottes Gebote stellen, zerfallen.

Die Unterschiede zu den Forderungen der „FWBC Seelengewinnen“ nach Todesstrafen für queere Menschen erscheinen allenfalls graduell.

Die Äußerungen zeigen, dass fundamentalistische Glaubensvorstellungen nahezu immer mit der Abwertung von marginalisierten Gruppen einhergehen, denen häufig zudem die Verantwortung für (vermeintliche) gesellschaftliche Problemlagen zugeschrieben wird. Hier gäbe es auch noch weitere Anknüpfungspunkte zu anderen Protagonist*innen der Spiegel-TV Doku.

Fazit

Im Ergebnis ist die Spiegel-TV Doku trotz ihrer Leerstellen weiterhin ein Beitrag zur dringend nötigen Aufklärung über christlich-fundamentalistische Ideologien und Akteur*innen.

Besonders wichtig erscheinen die Ausführungen von Daniela-Marlin Jakobi, die in der Doku ebenfalls zur Sprache kommt. Seit ihrem Ausstieg aus einer freikirchlichen Gemeinde leistet Jacobi durch ihre persönlichen Erfahrungen einen Beitrag zur Aufklärung über die gesellschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen entsprechend christlich-fundamentalistischer Ideologien.

Wir finden, die Doku schöpft nicht das gesamte Potential bei der Darstellung von Zusammenhängen und Netzwerken aus. Auf die ideologischen Verbindungen zur „FWBC Seelengewinnen“ wird kaum eingegangen.

Insbesondere kritisieren wir die kommentarlose nachträgliche Löschung der Sequenzen zum ICF München. Hier wäre eine öffentliche Erläuterung seitens Spiegel-TV das Mindeste.

Instagram
Fundiwatch at Bluesky
Bluesky
WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner