
Dämonen im Klassenzimmer
Der Verein Hope e.V. sowie dessen erste Vorsitzende und Gründerin Katja Ryzak praktizieren einen Glauben an den Teufel, Dämonen und sexuell unreine Geister. Hauptsächlich missioniert der Verein mit einem Heilsversprechen unter Sexarbeiter*innen. Doch das zweite Standbein des Vereins bilden vermeintliche Präventionsworkshops an Schulen, die vorgeblich über Loverboys und Pornografie aufklären. Aktuell wiegelt Hope e.V. Menschen durch verstörende Clips in den Sozialen Medien mittels Desinformation und Ragebait auf, freilich ohne Belege oder Quellen zu liefern. Hope e.V. richtet seine Präventions-Workshops an Schulen bereits an Kinder ab der 4. Klasse.
Wir fordern insbesondere Behörden, Schulen und Eltern auf, sich mit dem hier vorliegenden Material zu beschäftigen. In unseren Augen arbeitet Hope e.V. unseriös und bringt seine Zielgruppe auf vielerlei Hinsicht in Gefahren.
Alles begann mit der folgenden Botschaft von Jesus an Katja Ryzak: „Jesus sagte einfach random zu mir im Gebet, geh` ins Internet und informiere dich über Menschenhandel.“ So sagt sie es im Videopodcast „Furchtloses Zeugnis“ von Michael Neumann, um den es später noch einmal gehen wird. Ryzak glaubt im Auftrag Gottes zu handeln. Der von ihr gegründete Verein Hope e.V. ist ein christliches Missions-Projekt, fest verankert in einer baden-württembergischen Freikirche.
Wer ist Hope e.V.?
Gegründet wurde Hope e.V. mit heutigem Sitz in Bretzfeld (Baden-Württemberg) nach eigenen Angaben 2013 und agiert seit 2017 als eingetragener Verein, bestehend heute aus zwei Vorständen und 19 Mitgliedern. Der Verein betreibt u.a. Streetwork im „Rotlichtmilieu“ und begleitet beim „Ausstieg aus der Prostitution“. Zudem ist Hope e.V. Mitglied im hier schon mehrfach erwähnten Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. (ggmh) und dem European Freedom Network. Als (offenbar besonders eng) kooperierende Organisationen werden auf der Homepage neben ggmh die Vereine Mission Freedom, Perlentor, Freiheits-Stil und light-up Germany genannt – abgesehen von light-up alle ebenfalls Mitglied bei ggmh. Im Netzwerk werden regelmäßig die „Walks for freedom“ durchgeführt, an dem sich auch Teamangehörige von Hope e.V. beteiligen.
In den letzten Wochen erzielte Hope e.V. durch stark zugespitzte und aufwiegelnde Video-Clips große Reichweiten auf den Plattformen YouTube, TikTok und Instagram. Zeitgleich wurde bekannt, dass der SWR den Verein vor Kurzem besuchte und mit ihm drehte. Also ist absehbar, dass Ryzak und Hope e.V. demnächst medial präsent sein werden. Leider befürchten wir, dass somit ein neuer Tiefpunkt unkritischer Berichterstattung über christlichen Fundamentalismus bevorsteht. Bevor wichtige Informationen ungesagt bleiben, berichten wir also selbst über Hope e.V. und sein Netzwerk.
Wer ist also Katja Ryzak und der von ihr gegründete Verein Hope? Was hat der Verein mit dem Glauben an Wunder und Dämonen oder den „Geist des Todes“ zu tun? Und warum beurteilen wir das als tendenziell gruppenbezogen menschenfeindlich?

Als wir in die Recherche eingestiegen sind, war uns bei FundiWatch nicht klar, welches haarsträubende Geflecht aus Dämonenaustreibungen, „Mentoring“ und „Prävention für Schulkinder“ wir aufdecken würden. Mehrere Personen aus dem Verein Hope e.V. konnten wir in direkte Verbindung mit sog. Befreiungsdiensten und „Mentoring“ bringen. Darüber hinaus mussten wir feststellen, dass Hope e.V. ernüchternde Ansichten über Therapie und zivilgesellschaftlicher Intervention gegen patriarchale und sexualisierte Gewalt verbreitet. Hope e.V.’s Inhalte strotzen nur so von Sexarbeitsfeindlichkeit, Transfeindlichkeit und immenser Einseitigkeit.
An dieser Stelle eine Triggerwarnung: Wenn Du selbst betroffen von sexualisierter Gewalt bist, überleg‘ Dir bitte gut, ob dieser Text gerade die richtige Lektüre für Dich ist. Ebenso weisen wir daraufhin, dass Hope‘s Schilderungen teilweise explizit und gewaltvoll sind und Deine Gefühle verletzen können. Falls Du spirituellen Missbrauch erlebt hast, pass‘ bitte besonders auf Dich auf.
Die eigene Biografie als Beleg für „normal“
Katja Ryzak betont, wie eng verbunden ihre persönliche Missbrauchsgeschichte mit Hope e.V. ist. Sie äußert das, oft wortgleich, in den allermeisten Formaten, die von ihr bekannt sind. Sie sei als Kind über Jahre betroffen von sexualisierter Gewalt im Umkreis der eigenen Familie, genauer gesagt im freundschaftlichen Umfeld der Eltern gewesen. Ryzak rutschte nach eigener Aussage als Jugendliche ins „Punk-Milieu“ ab. Ihr Zustand verschlechterte sich immer weiter, Therapien und ein Klinikaufenthalt folgten.
Ryzaks anschauliche Schilderungen enthalten Wertungen wie „ungesund“ oder „abrutschen“ – ein Grundrezept, das uns in christlich-fundamentalistischen Milieus immer wieder begegnet. Begriffe wie diese stehen für einen fest etablierten Wertekanon, der aber in der Regel nicht für die Zielgruppe transparent gemacht wird. Stilmittel wie diese sind ein Grund unter vielen, weswegen wir Hope e.V. als Missions-Projekt und nicht als sozialarbeiterisches oder pädagogisches Angebot beurteilen.
Während die professionelle Soziale Arbeit nur selten einzelne Beratungsfälle in der Öffentlichkeit diskutiert und Verallgemeinerungen und persönliche Wertungen aus berufsethischen Gründen eher vermeidet, tut Hope e.V. das exakte Gegenteil.
Religiös wiedererweckt
Anekdotische und biografische Episoden werden bei Ryzak zum Normalfall. Sie verknüpft sie darüber hinaus mit einem umfassenden Heilsversprechen. In Katja Ryzaks Biografie war das so: Während des Klinik-Aufenthalt erhält sie Besuch von Jugendlichen aus ihrer Gemeinde, der JES-Kirche in der Nähe von Heilbronn in Baden-Württemberg. Dieser Besuch führt zur religiösen Wiedererweckung der jungen Erwachsenen. Infolgedessen kehrt Ryzak der „ungesunden“ Punk-Szene den Rücken und kehrt in den heimeligen Schoß der Gemeinde ihrer Kindheit zurück. Das mag Ryzak genau so erlebt haben, doch viele Menschen betrachten auch Subkulturen oder Communities als emotionales Zuhause und daran ist per se erst einmal nichts auszusetzen.
Ryzak spricht nie absichtslos über sich oder ihre Biografie, sondern thematisiert stattdessen Hope e.V., und damit verbundene Werte und Anliegen. Darin zeigt sich ein typischer Dualismus aus falsch – richtig, gesund – krank, heil(ig) – dämonisch. Derartiger Dualismus kann auch ein Marker für Verschwörungserzählungen und religiösen Extremismus sein.
Katja Ryzak glaubt an das Konzept eines rettenden, sprechenden und eingreifenden Gottes. Und sie hält sich für ein Instrument dieses Gottes. Durchaus dubiose Praktiken, wie Dämonenbefreiung, geschlossene, nur aus ultra-religiösen Organisationen bestehende Netzwerke sowie moralische Überwältigung können die Folge solcher Überzeugungen sein. Daraus können leicht gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Ressentiments entstehen.
„Tief in die Scheiße“ als Bekehrung
Hope e.V. eignet sich hervorragend um eine wachsende Szene aus christlich-fundamentalistischen Missionar*innen zu illustrieren. Diese Szene nutzt mitunter professionelle Soziale Arbeit oder pädagogische Intervention als Vehikel für Raumnahme in einer säkularen Gesellschaft.
Ultrakonservative Sexualmoral, Missionierung und Autoritarismus beherrschen die Einstellungen solcher Projekte, Vereine und Organisationen. Krasse Gewalt und Unrecht werden dort oft als (notwendige) Lernkurve einer Rettung inszeniert: „Aber ich weiß, manche Frauen müssen noch mal so tief in die Scheiße, müssen noch mal leider so richtig Kacke erleben (bevor sie das Angebot von Hope e.V. annehmen, Anm. d. A.)“, so Ryzak in einem Interview kürzlich.
Dieser Satz formuliert alternativlose Zwangsläufigkeit, präsentiert Ausstieg im christlich-fundamentalistischem Schutzhaus als einzige Lösung. Nur eine Frage der Zeit, bis alle das erkennen (/s).
Stimmen im Kopf
Gewalt und Missbrauch werden als Kulisse für das Erkennen von Jesus und Rechtgläubigkeit vorgestellt – und normalisiert. Sexarbeit, sowohl als aktives Angebot oder als passive Nutzung, ist Ryzaks Überzeugung zufolge eine Einflüsterung dämonischer Mächte oder des Teufels, also des „Feindes“. Eine freie Entscheidung dazu – ausgeschlossen.
Die Implikationen solcher Konzepte machen nicht bei sexueller Zwangsarbeit, Menschenhandel oder freiwilliger Sexarbeit Halt. Im Grunde kann so jede (sexualisierte) Grenzüberschreitung als Versuchung des Teufels umgedeutet werden – und ein rechter Glauben kann Abhilfe schaffen.
Kein Wunder, dass Autor*innen mit christlich-fundamentalistischer Biografie, wie z.B. Nana Myrrhe, von einer tief verwurzelten rape culture in entsprechenden Gemeinden sprechen. Eine „aufreizend“ gekleidete Person, die sich „unkeusch“ verhält oder Pornos konsumiert erliegt in dieser Lesart dämonischer Versuchungen, also dem „Geist des Todes“. Mündiger Umgang mit diesen Themen? Unmöglich!
Täterpersonen begehen demnach zwar den Übergriff, aber der Übergriff selbst kommt vom Teufel, und stellt eine Einflüsterung sexuell unreiner Mächte dar. Daraus entsteht eine Verantwortungsverschiebung von mündigen Menschen hin zu einem allmächtigen Gott im Widerstreit mit finsteren dämonischen Mächten. An den Platz menschengemachter gesellschaftlicher Veränderung und dem Abbau von Ungleichheit, Hierarchien, Gewalt und Ausbeutung tritt der Kampf zwischen Satan und Gott. Statt umfassende Veränderungen vorzunehmen, reicht es, persönlich „lebendig“ zu glauben und „Jesus zu kennen“. Kein Wunder, dass Projekte, wie Hope e.V., Mission Freedom e.V. oder auch ihr Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. keinerlei Interesse an echter struktureller gesellschaftlicher Veränderung haben, sondern sich auf „Rettung“ beschränken. Frauen aus der „Prostitution“ retten, Kinder vor Pornografie bewahren ist deren Alternative für den Abbau patriarchaler Gewalt durch Gleichstellung, Beteiligung und gleiche Rechte aller Menschen. Bevormundung und moralische Überwältigung ersetzt den informierten Umgang mit Medien und das Erlernen von konsensueller Intimität.

„Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“
Welche weitreichende Folgen über die Themenkomplexe Sexarbeit und Menschenhandel hinaus solche Ansichten haben können, zeigt sich, wenn Ryzak, Nelli G.-W. oder deren Tochter Delia dieses Konzept auch auf Vergewaltigungen oder tiefe persönliche Krisen übertragen.
Nelli G.-W. und Delia W. sind mutmaßlich beide bei Hope e.V. aktiv. Nelli G.-W. spricht in einigen der jüngsten Kurz-Videos über Schulbesuche, die sie seit Kurzem als „Lehrerin und Referentin für Präventionsarbeit“ bei Hope e.V. unternimmt. Nelli G.-W. wurde laut eigenen Schilderungen infolge einer Vergewaltigung schwanger. Tochter Delia litt in der Folge unter psychischen Problemen, wurde suizidal. Durch den „wahren Glauben“ besiegten beide die Dämonen und sind nun als Botschafterinnen einer Heilung im charismatischen Spektrum unterwegs. Auf ihrem Instagram-Kanal teilt Nelli G.-W. äußerst verstörende Videos, von vor laufender Kamera durchgeführten Exorzismen – eine junge Frau wird von ihr auf dem Boden festgehalten und schreit. Erneut: Diese Person tritt für Hope e.V. „als Lehrerin und Referentin“ an Schulen auf.
Welche Risiken beinhaltet solche als Präventionsarbeit maskierte Missionsarbeit?
Nelli und Delia G. sind auch Ryzaks Gemeinde, der JES-Kirche verbunden. Nelli trat dort erst kürzlich im Rahmen der „Kokon-Nights“ auf, einem an Frauen gerichteten Event der Haupt-Pastorin Svenja Gerasch (ebenfalls bei Hope e.V. aktiv). Auch der christliche Sender ERF hat Mutter und Tochter schon interviewt. Zu zweit offerieren sie das Mentoringprogramm „Metanoia“, Kostenpunkt 2000 € für 9 Monate- Das Programm umfasst eine 2-stündige Gruppenvideokonferenz pro Woche. Jesus und der Heilige Geist spielen in diesem Mentoringprogramm die zentrale Rolle. Auf der Homepage heißt es: „METANOIA ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Dieses Mentoring befähigt dich, in Eigenverantwortung zu wachsen und aus der Führung des Heiligen Geistes heraus deinen Weg zu gehen – ohne Abhängigkeit, sondern nachhaltig und selbstständig.“ Zusätzliche 1:1 Betreuung kann jederzeit hinzugebucht werden. Ein Impressum suchten wir auf der Homepage vergeblich. By the way, Delias Fotos auf der Metanoia Homepage kamen uns bekannt vor, dazu später mehr.
Dämonen im Klassenzimmer?
Wenn Katja Ryzak immer wieder wiederholt: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“ – dann meint sie das wörtlich. Ist die sogenannte Präventionsarbeit von Hope e.V. also im Grunde Mission? Wenn dies zutrifft, dann wäre dies ein grundlegend anderes Verständnis von sexueller Bildung, Prävention und Medienkompetenz, als gemeinhin an Schulen vermittelt wird.

Hope e.V. besucht nach eigenen Angaben regelmäßig Schulklassen ab der 4. Jahrgangsstufe. Es ist davon auszugehen, dass das Hope-Team dabei nicht in den Religionsunterricht eingeladen wird, als Beispiel für pfingstlich-charismatische Mission. Stattdessen nimmt das Team für sich in Anspruch relevante Präventionsarbeit zu wichtigen Themen wie Sexualität, Loverboys und Pornografie durchzuführen.
Wir fragen uns und Euch, kann das zutreffen? Nochmal: Hope e.V. zufolge entsteht Heilung aufgrund von rechtem, lebendigem Glauben. Welche Konsequenzen hat diese Sichtweise für nicht-christliche Schüler*innen? Ryzak sagt in einem Interview vor wenigen Wochen, Gott heile mehr, als Menschen es vermögen. Heißt das im Umkehrschluss, ohne Glauben keine „wahre“ Heilung?
Der Glauben an einen „Geist des Todes“, Jezebel oder den „Feind“ überstrahlt in Ryzaks Ausführungen alle gängigen Methoden, wie z.B. Therapien, gesellschaftliche Veränderungen oder soziale Interventionen gegen Gewalt. Patriarchale Gewalt würde demnach nicht durch Gleichstellung überwunden, sondern durch Befreiung von dämonischen Geistern, Hexerei und Okkultismus. Nochmal die Frage: Was daran ist Prävention oder Aufklärung?
Der Kampf gegen Porno ist ein Kampf gegen „unreine sexuelle Geister“
Jezebel wirkt, Ryzaks Überzeugungen nach, als „unreiner sexueller Geist“ in Pornografie, Verführung, „Sexsucht“ und „perversen“ Sexpraktiken. Der Konsum von Pornografie „kläre Kinder auf“ und mache aus ihnen später im Leben Sexkäufer. Was für ein Verständnis von Aufklärung postuliert Ryzak da?

Hope e.V. kämpft nicht allein gegen Pornografie. Beispielsweise Ingeborg Kraus, umtriebige Aktivistin gegen das Selbstbestimmungsgesetz und Sexarbeit, begreift Pornografie als „gefilmte Prostitution“ und äußert, Menschen würden „pornifiziert“. Pornografie wird so als übertragbare Krankheit begriffen, „Prostitution“ und Pornos unmittelbar miteinander verbunden. Ryzaks und Kraus‘ Auffassung der Wirkweise beider „Übel“ liegt also gar nicht weit auseinander. Ryzak steht für eine ultrareligiöse charismatisch-pfingstlerische Perspektive, Kraus für einen beträchtlichen Teil der Frauen-RECHTS-Bewegung. Für beide ist Pornografie „Zerbruch“ und das „Wirken des Feinds“. Nur wer der „Feind“ ist, darüber mögen die Ansichten auseinandergehen. Auf diese Weise erklärt sich, wieso Frauen-RECHTS-Bewegung und hochreligiöse christliche Fundis bei Themen wie Sexarbeit, Menschenhandel und Porno oft Hand in Hand zusammenarbeiten.
„Neulich im Bordell“ … es war einmal
Auf Facebook unterhielt Hope e.V. bereits erfolglos die Beitragsreihe „Neulich im Rotlichtmilieu“. Seit einigen Wochen flutet der Verein nun die Sozialen Medien und YouTube mit verstörenden Kurzfilmen. Diese Filmchen erhalten viele Likes und Aufrufe, auch von Leuten, die sich einiges auf skeptische Wissenschaftlichkeit einbilden.
Hope e.V. gibt in diesen Clips vermeintliche Geschichten aus dem „Rotlichtmilieu“ zum Besten. Dort verleihen Ryzak und Team unverhohlen ihrem Ekel und Verachtung für Sexarbeit, Bordelle und Pornografie Ausdruck. Sie schwingen sich zum Sprachrohr angeblicher Betroffener auf, von denen aber in den Videos – abgesehen stummer (KI-animierte?) Einblendungen – nichts zu sehen ist. Plattformalgorithmen lieben und belohnen krasse Emotionen, Empörung und Wut. Und gerade deswegen müssen wir über Hope e.V. sprechen.
Plattformlogiken & Krise in Journalismus und Politik
Diese Clips erregen neben viel Zustimmung auch Widerspruch. Die Aneignung von Betroffenen, unseriöse Praktiken sowie der Seenest-Skandal im Netzwerk von Hope e.V. werden diskutiert. Doch Hope e.V. nutzt leider die durch Fälle wie Epstein und Collien Fernandes aufgewühlte Stimmung aus, um Reichweite zu erzielen.
Sexarbeit und sexuelle Zwangsarbeit unterliegen komplexen sozialen, politischen und moralischen Bedingungen. Sowohl Journalismus als auch Politik sind angesichts der Komplexität dieser Themen überfordert. Je tiefer die gesellschaftliche Krise, je höher die Komplexität, desto besser verfangen Hörensagen, gefühlte Wahrheiten und Skandalisierung, gerade bei leicht verhetzbaren Themen. Leider.
Das Publikum auf den genannten Plattformen konsumiert den Content von Hope e.V. bereitwillig, denn er erlöst es von Komplexität und Widersprüchlichkeit. Dieser Clickbait verfängt, weil viele denken mögen: Endlich redet mal jemand offen, wir haben es doch schon immer geahnt. Für all jene: Die Situation ist weitaus komplizierter als die Hope-Schreihälse behaupten.
Doch in einem Feld, in dem kriminalitätsbezogene Medienbeiträge und stürmische Meinungsbeiträge dominieren sind die Folgen solcher Filmchen verheerend. Dies gilt umso mehr in einer Situation, in der Medienschaffende seit Jahren versäumen, die Hintergründe derer zu recherchieren, die von Skandalen, Moralpaniken und Empörungsspiralen profitieren. Wenn diese Organisationen dann als „Expert*innen“ in Formaten sitzen, schließt sich ein Kreis aus Desinformation, Vereinfachung und Clickbait. Wenn es nur so einfach wäre: Alles Gewalt im „Rotlicht“, also „weg damit“. Und genau das fordern dann unseriöse und selbstgerechte Missionar*innen und andere Eiferer.
Noch eine letzte Frage: Wäre es vorstellbar, Mitarbeitende aus professionellen Beratungsstellen in solchen Clips zu sehen? Wohl kaum!
Hope e.V. und andere betrachten sich also als von Gott installierte Retter*innen. Das bedeutet, die komplette Zurückweisung anderer Sichtweisen und Auffassungen, auch wenn diese wissenschaftlich gut belegt sind. Wer ihnen nicht zustimmt, den hat der „Feind“ (Teufel/Patriarchat/das Böse) ergriffen.

Schreiende Kalendergirls
Nun ein harter Cut. Eine dunkelhaarige Person mit langen dunklen Haaren und markanter Ponyfrisur sitzt auf einem Stuhl und schreit mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera:
„Freiwillig. Keiner macht das freiwillig. Und wenn andere Frauen Dir das erzählen, dann glaub ihnen nicht. (…) Sie lügen.“

Wer da so schreit? Das ist Anna Klein. Sie tritt regelmäßig in den Videos von Hope e.V. auf. Die Machart der Video-Clips ist immer gleich. Es liegt nahe, dass sie aus einer Hand nach einem festen Konzept zumindest semi-professionell produziert wurden. Wieviel KI drinsteckt, darüber können wir bisher nur spekulieren.
Die aufgewühlt Schreiende aus dem Clip, Anna Klein, leitet auch die Gruppe „Mädelsarbeit“ (Mädels = gleich Frauen ab 20 Jahren!) der JES-Gemeinde und sucht ebenfalls im Rahmen der Präventionsworkshops Schulen auf. Ja, wirklich. Im Bunde mit einer Exorzistin und einer die denkt, dass Missbrauch nur die Vorstufe von was Brauchbarem sei.
Kornfelder, Blumenkränze und Geborgenheit

Zwischen diesen Clips und dem Marketing von JES Kirche, Ryzak und Hope e.V. liegen eigentlich Welten. Eigentlich dominieren darin Kornfelder, Worshipbands, weiße Gewänder, Kerzenlicht, schwingende Röcke, im Wind wehende Haare. Mich persönlich erinnert manches Bild dort ja an die Ästhetik des rechtsextremen Frauenbundes Lukreta (z.B. https://www.instagram.com/p/DMQS7U4s5yx/ oder https://www.instagram.com/p/DZxciDxjTCt5BpT4lzIdGD9Jx7a7NXxY1tcPWE0/ ), aber das nur als persönliche Randbemerkung. Die Fotos von Delia auf der Metanoia-Mentoringseite könnten sehr gut im Rahmen des Kornfeld-Fotoshooting für Hope e.V. entstanden sein.
Anna Klein tritt bei Facebook auch als Hope e.V. Kalendergirl (s.o.) in Erscheinung. Eine Person – zwei Gesichter
Anna, Katja und Nelli erzählen aus dem „Wohnzimmer des Teufels“
Anna Klein, Katja Ryzak, Nelli G.-W. oder Carina Scheifele schildern in den Filmchen angebliche Begebenheiten ihrer Bordellbesuche. In diese Erzählungen hineinmontiert sind klischeehafte Filmsequenzen: Kamerafahrten über nasse, in bunte Lichter getauchte, nächtliche Straßenzüge, rot beleuchtete Innenräume mit sexualisierten Bildern junger cis-Frauen, die mutmaßlich Szenen aus Pornos oder Bordellen wiedergeben sollen. Solche Clips sollen offenbar dazu dienen, eine moralische Panik zu schüren und die Zielgruppe aufwiegeln.
Die Argumente von Hope e.V. sind im Grunde schwach und äußerst subjektiv, daher setzen sie umso mehr auf Emotionen. Je finsterer die Geschichten aus dem Rotlicht, desto strahlender diejenigen, die sich auf der richtigen Seite wähnen.
Abgleiche mit Instagram-Profile und ein Screening der Homepage der JES Kirche lieferten uns weitere Anhaltspunkte, wer da alles aktiv ist. Denn aus der Homepage von Hope e.V. geht das nicht hervor. Dort zeigt zwar ein Bild mehrere Menschen von hinten vor einem reifen Kornfeld (!), aber mehr auch nicht.
Die JES Kirche und die charismatisch-pfingstlerische Szene in Baden-Württemberg

Die JES Kirche ist eine Freikirche im Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden e.V. Letzterer ist Mitglied in der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF). Bei FundiWatch beschäftigen uns Gemeinden des Mülheimer Verbands immer wieder, zum Beispiel bei den Recherchen zu „Gemeinsam für Hamburg“ und Kneipenchrist Daniel Schmidt. Die JES Kirche erlebte seit den 1990ern neuen Aufschwung und unterhält mehrere Standorte im Umkreis von Heilbronn. Neben der Mitgliedschaft im Mülheimer Verband ist sie auch Teil des Arbeitskreis Christlicher Kirchen (ACK). „Die Gemeinden des Mülheimer Verbund“ beschreibt die JES Kirche auf der Homepage „basieren auf einer evangelikal-charismatischen Theologie“. Weiterhin steht dort:
„Wir glauben, dass Gemeinde durch ihre Liebe die Gesellschaft im Sinne des Evangeliums verändern kann.“
Ihre Vision hat die JES Kirche auch in einem Imagefilm (Kornfelder!) veröffentlicht. Auch Katja Ryzak hat darin einen kurzen Auftritt. Dort heißt es unter Anderem:
Man träume „von einer Kirche
… in der das Wirken des Heiligen Geistes im täglichen Leben erfahrbar ist
… in der Gottes Wort praktisch und alltagsrelevant gelehrt und als Maßstab gelebt wird
(…)
… die Gesellschaft prägt“
Träumen ist erlaubt und von der Religionsfreiheit gedeckt. Was flapsig klingt, ist aber mehr als ein Spruch, sondern die Grundlage unserer Arbeit. Wir suchen nicht nach Fundi-Nerds, oder machen uns lustig, verfolgen keine Christ*innen. FundiWatch interveniert dort,
– wo Menschen unfreiwillig missioniert werden,
– sich nicht frei und aus eigenem Willen entscheiden können, weil sie in Zwangslagen sind,
– wenn Menschen durch einen verbindlich gesetzten Wertekatalog moralisch überwältigt werden, statt in Kenntnis unterschiedlicher Ansichten frei entscheiden zu dürfen
– wo Soziale Arbeit zur Waffe ultrakonservativer Glaubenspraxis wird und
– Konversionen stattfinden, aufgrund vager oder konkreter, jedoch nicht einlösbarer Heilsversprechen.
(Frei-)Kirche in Gesellschaft
Die JES Kirche ist eine evangelikale Freikirche wie viele andere auch. Alpha-Kurse, geschlechtergetrennte Freizeitangebote, das Angebot zumindest vordergründig modern und Pastellfarben präsentiert. Uns fällt die Ausrichtung auf Minderjährige und das Netzwerk, zum Beispiel mit der International Christian Fellowship (ICF) auf. Vor Kurzem haben wir über die geplante Anerkennung der ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe berichtet. Karlsruhe ist kein Einzelfall. In der JES Kiche existiert ein Angebot namens „Empower – Mit Freude und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung“. Dort wird das gleichnamige Buch von ICF-Pastor Tobias Teichen (ICF München) gelesen. Auch Teichen befasst sich mit Sexualerziehung und unterstellt, dass Pornografie beziehungsunfähig mache.
Hope e.V., als Teil der JES Kirche, schwärmt zur Mission im Rotlicht in Künzelsau, Reutlingen (auch dort gibt es eine ICF) und Heilbronn aus. Netzwerk, das zählt in freikirchlichen, evangelikalen Gemeinden. Zeit für einen Blick auf das Netzwerk von Hope e.V.
JES und Hope e.V.
Katja Ryzak hat in der JES Kirche ihre „geistige Heimat“. Sie und Anna Klein, sowie Nelli und Delia tauchen in unterschiedlichen Funktionen auf der Homepage und den anderen Präsenzen der JES Kirche auf.
In Hope e.V. fließen auch der größte Anteil der Spendeneinnahmen der JES-Kirche, stolze 22,4% (Jahresbericht 2025: Gesamtspendenaufkommen ca. 676.000 €). Davon lässt sich schon einiges an aufwühlenden Filmchen produzieren. Auf der JES-Homepage steht, dass Katja Ryzak Hope e.V. „aus der JES heraus“ gründete. Auch Svenja Gerasch, die Ehefrau des Hauptpastoren Daniel Gerasch taucht immer wieder auf Bildern des Vereins auf.
Fall Sarah: Von Solwodi zu Mission Freedom und schließlich zu Hope e.V.
2022 erzählte eine „Sarah“ ihre Geschichte im Format Life Lion. In zwei Teilen erschien damals der Videopodcast mit „Sarah“ und kurz darauf ein „Faktencheck“ mit Katja Ryzak von Hope e.V. Aus diesem Format und einem Artikel auf idea geht hervor, dass SOLWODI Braunschweig „Sarah“ damals zunächst in ein Schutzhaus aufnahm, sie dann aber an Mission Freedom weitervermittelte. Nach mehreren misslungenen Umorientierungsversuchen landet Sarah schließlich bei Hope. Wer genau hinhört, lernt aus diesen beiden Berichten vieles über die Vorgehensweise von Fundis im Rotlichtmilieu. Kontakt halten, auch wenn die Person Abstand sucht, Weiterverweisung im eigenen Netzwerk, religiöse Heilsversprechen, Umdeutung von Erlebtem im Rahmen des charismatisch-pfingstlerischem Wertekatalog der Projekte. Dieses System aus Weiterleitung erinnert an geschlossene Systeme, in denen die darin befindlichen Personen nicht mehr mit anderen Ansichten in Berührung kommen. Die genannten Vereine waren bis vor Kurzem bei Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. aktiv und bestreiten regelmäßig, dass freiwillige Sexarbeit mehr als eine Randerscheinung sei(n dürfe). Mission Freedom e.V. wird seit Neuestem nicht mehr unter den Mitgliedsorganisationen von ggmh gelistet. In jüngster Zeit tun sich diese Vereine durch Wissenschaftsfeindlichkeit hervor, indem sie den umfangreichen Evaluationsbericht des Prostituiertenschutzgesetz in Zweifel ziehen. Dessen Ergebnisse zeigen ein anderes Bild, als diesen Organisationen gefällt.
Trigger me hardly: Schweiß & Gestank
In einem besonders stark geklickten Short auf YouTube spricht Ryzak über stinkende Sexkäufer, die schwitzen und eklige Sachen verlangen. Solcher Ragebait (emotionalisierende Tiraden) funktioniert nicht erst seit dem Fall Collien Fernandes und der Veröffentlichung der Epstein Files. Doch seitdem schwappt eine besonders hohe Welle der gerechtfertigten Wut über sexualisierte, patriarchale Gewalt durchs Land. Hope e.V. hat sich anscheinend dazu entschieden, sich diese Welle zunutze zu machen. Perfiderweise streben sie danach, die Wucht dieser Emotionen gegen Andersdenkende zu richten, die sich für mehr Rechte für Sexarbeiter*innen einsetzen. Ihnen könne man nicht glauben, Freiwilligkeit existiere nahezu nicht. Daher findet Ryzak krasse Worte des Ekels für Schweiß, Körpergerüche und Penetration. Das soll verstören und genau das ist auch das das Prinzip der Wirkweise. Diese Clips sollen triggern.
Der Feind – Hope’s Netzwerk?
Flankiert werden die besagten Kurz-Videos von längeren Formaten. Wie eingangs schon kurz erwähnt, trat Katja Ryzak vor Kurzem zum Beispiel bei Markus Neumann („Furchtloses Zeugnis“ auf YouTube) auf. Mit glänzenden Augen lauscht dieser andächtig Ryzaks gewohnt auf Verstörung angelegten Schilderungen. Anderthalb Stunden tauschen die beiden sich über den „Feind“, den „Geist des Todes“ und über Befreiung aus. Auch von diesen längeren Video-Podcasts existieren kurze Zusammenschnitte, die ebenfalls derzeit die Plattformen fluten. Für ihre Ragebait-Offensive schreckt Hope e.V. auch vor Populismus, Desinformation und heftigen Anschuldigungen gegenüber Sexarbeitenden nicht zurück, wie wir gleich noch sehen werden.
Markus Neumann ist ein besonderer Fall. Sein Kanal “Furchtloses Zeugnis” kreist um Themen wie Okkultismus, Hexerei, Dämonen, den Teufel. Der Podcast mit Ryzak trägt den Titel “Im Wohnzimmer des Teufels”. In den Shownotes verlinkt er den “Miracle Club”, wo er auch schon selbst aufgetreten ist. Der Miracle Club ist kein Puff mit fragwürdigem Namen, sondern ein Ort für Exorzismen, mitten in Baden-Württemberg.
„Wir sind eine freie christliche Gemeinde in Stuttgart, Bad Cannstatt. Und wir glauben an Wunder.“
„Wir verstehen uns als Trainingscenter in dem jeder seine geistigen Gaben erkennen und trainieren darf.“
„Wir glauben an geistliche Kampfführung und an Heilung und Befreiung in Jesu Namen.”
Sätze wie diese, garniert mit reichlich Bibelversen, und KI-erzeugten Bildern rahmen, um welche Art von Wundern es in Stuttgart-Bad Cannstatt geht: die Abwehr von „Angriffen des Feindes“, zum Beispiel.
Ryzak spart im Talk mit Neumann nicht mit kruden Aussagen, die sehr viel über die „Arbeitsweise“ von Hope e.V. verraten. Und die Anlass sein sollten, zu reflektieren, ob Personen, die sowas äußern, tatsächlich Workshops für Kinder ab der 4. Klasse geben sollten? Ryzak bezeichnet das Rotlichtmilieu als „Wohnzimmer des Teufels“ (50:58) und begründet das mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie Hexerei und Okkultismus. Dazu käme dann der „Geist des Todes“ (51:27). „Geistig tot“ zu sein, wird dort immer wieder mit Sündhaftigkeit verknüpft, mit Einflüsterungen dämonischer Mächte. Ryzak bringt dies mit „sexuell unreinen Geistern“ sowie mit Suizidalität in Verbindung. Kurz darauf spricht sie dann von Verführung und münzt das auf den Kontakt mit der Kundschaft. Ryzak erwähnt, dass sie selbst „Befreiungsdienste“ durchgeführt hat:
„Und wenn wir Frauen hatten, die dann Befreiung erleben wollten, das waren schon krasse Sitzungen und es hat oft auch lange gedauert und oft auch über mehrere Befreiungsgebete. Das hat Zeit gedauert, auch, dass die Frauen dafür bereit waren, das selber verstanden und gemerkt haben. Frauen, die z.B. aus einem satanischen Hintergrund kommen, ähm weil sie aus der Familie kommen, wo satanische Rituale waren oder auch rituellen Missbrauch, was du vorhin erzählt hast. Ähm die öffnen sich eher dafür für ein Befragungsgebet. (…)“ (52:46)
„als unprofessionell abgestempelt“
Neumann fragt nach: „Wie macht ihr das?“
Ryzak erzählt bereitwillig von ihrer Vorgehensweise: Nach dem Anhören von belastenden Situationen oder Herausforderungen sei ein guter Moment, um ein Gebet anzubieten. Sich nicht so einfach abwimmeln lassen, sondern sich den Klient*innen als „Gebetserhörung“ präsentieren. Sie helfe zwar auch Frauen ohne christlichen Hintergrund, aber bei den christlichen sei es „einfacher“, denn da werde ein „Heilungsprozess in Gang gesetzt, der menschlich nicht möglich ist“ (58:12). Soso. Ryzak weiß offenbar, das was sie sagt, ist heikel und schiebt nach:
„Ähm und mir ist vollkommen klar, ich weiß, dass viele Organisationen, die einfach nur einen christlichen Hintergrund haben, direkt als unprofessionell abgestempelt werden, was völliger Quatsch ist, weil ich stelle genauso Sozialarbeiter an wie alle anderen. Ja, ich habe genauso gelerntes, geschultes Personal. Ähm, wir arbeiten auch mit Polizei, Behörden und allem zusammen. Ähm, außer dass bei uns eben der Glaube unser Fundament ist.“
Fakt ist: Ryzak glaubt fest an böse Mächte, Geister und Dämonen und die gottgewollte und religiös erzielte „Befreiung“. Sie vergleicht sich in dem Podcast dann noch mit Keppler und Newton – aber lassen wir das… es ist auch so schon wild genug. Neumann insistiert: „Inwiefern erlebt ihr auch bei eurer Arbeit so die Führung z.B. des Heiligen Geistes?“ Und Ryzak antwortet:
„Ja, ich kann nicht ohne, wir können nicht ohne, das kann ich nicht ausklammern. Ähm äh wir sind angewiesen auf den Heiligen Geist. Es ist Jesus ist der Grund, warum wir diese Arbeit machen. Er hat mich beauftragt zu den Frauen zu gehen und bis heute ist und bleibt er mein Chef und er ist derjenige, der uns Türen aufmacht und der Türen wieder schließt und uns auch zeigen muss, wann ist es Zeit, zu welcher Frau zu gehen.“ (59:43)
„Jesus ist mein Chef“
Sie malt das aus, spricht von Drang und Auftrag, wenn der Heilige Geist sie ruft. Ryzak berichtet von Wundern, z.B. wie Gott das Auto eines Zuhälters gestoppt habe. Dazu gibt es sogar ein eigenes Video. Sie erwähnt im gleichen Atemzug, dass Hope e.V. gerade mit dem SWR gedreht haben.
Egal ob Team Recherche, SWR oder sonstige Medienschaffende: Was ist los mit Euch? Ihr dreht mit diesen Menschen, die ihren teils fanatisch anmutenden Glauben überhaupt nicht verheimlichen, sich aber Euch als die wahren Experten präsentieren. Was ist das für Journalismus, in dem Esoteriker*innen, Fundis oder Personen aus radikalisierten Vereinen ohne Einorndung Fehl- und Desinformationen verbreiten dürfen? Sind Euch Sexarbeitende und Opfer sexueller Ausbeutung wirklich so egal oder kennt ihr den Unterschied zwischen professioneller Sozialer Arbeit und unseriösen Missionsangeboten nicht? Wollt ihr spirituellen Missbrauch, unseriöse Befreiungsdienste und – man kann es wohl nicht anders bezeichnen – „Freaks“, wie Neumann oder den Miracle Club Legitimation und Spenden verschaffen?
Schließen wir für einen Moment unsere Augen und überlassen uns der Vorstellung, Ryzak und ihr Team wären keine (radikalen) Christ*innen, sondern Muslim*innen. Was da los wäre… anderes Thema.
Fundamentalistische Raumnahme bedeutet mehr gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit


Vor Kurzem gingen bei FundiWatch mehrere Hinweise auf Hope e.V. ein. Ein mittlerweile depubliziertes Video, das uns aber vorliegt, zeigt Ryzak, die in der bereits erwähnten Machart über eine mutmaßliche „Transgender-Umwandlungsfabrik“ in Brasilien spricht.
Ryzak erörtert im Video, ob es auch männliche „Prostituierte“ gäbe und malt den unserer Ansicht nach nicht belegten Fall der erzwungenen Transition eines Minderjährigen zum Zwecke des Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung aus, der danach angeblich in die „Prostitution“ verkauft worden wäre.
Das ganze Video hindurch spricht Ryzak konsequent von einem Mann. Zur Bebilderung von „Brasilien“ wird ein Schwarz-Weiß-Bild eingeblendet, das einen beliebigen Straßenzug irgendwo auf der Welt zeigt. Zur Illustration von „Transgender“ erfolgt die Einblendung einer Szene, in der eine mutmaßliche Drag-Queen sich schminkt. Eindrücklich malt Ryzak aus, wie sehr „der Mann“ unter den billigen Silikonimplantaten gelitten habe. Transition unter Zwang, ein „krass gebrochener Mann“, eine „Umwandlungsfabrik“, über die wir keinerlei Belege finden konnten: Sollte Hope e.V. für alle von ihnen geschilderten Fälle so wenig Belege haben, würde das -wieder einmal- ein Schlaglicht auf den Umgang dieser Bewegung mit Fakten und Wahrheit werfen.
Wir haben bei Verbänden und Einzelpersonen nachgefragt, die sich für die Rechte von trans Menschen einsetzen, um uns dort nach ähnlichen Erzählungen zu erkundigen. Uns erreichte dieses Statement, das wir aus Datenschutzgründen anonymisiert haben:
„Im Clip wird auf jeden Fall deutlich, dass es Katja Ryzak wichtig ist zu betonen, dass es sich um „Männer“ handelt, „die wie Frauen aussehen“, was eine komplett schwammige Bezeichnung für trans Frauen ist. (…)
Das nächste ist dann das Beispiel der Industriesilikon-Injektionen, welches sie anführt. Es hat ja eine reale Bewandtnis. Solche Injektionen sind in ganz Lateinamerika dokumentiert und zwar besonders unter trans Frauen, oft wegen Ausschluss aus sicherer medizinischer Versorgung. Auch können sich trans Frauen den sicheren Zugang zu Kliniken nicht leisten, auch auf der Straße ist es so, dass du sicherer bist, sobald dein Erscheinungsbild einfach mehr cis passing ist. Zumal du auch besser zahlende Kunden bekommst. Statt das patriarchale System und die latente trans Misogynie und Sexarbeiter*innenfeindlichkeit anzuprangern schlägt Ryzak zwei Fliegen mit einer ideologischen Klappe, sie verschiebt die Schuld auf „Transgender“ als System.
Solche propagandistischen Schuldverschiebungen haben meist das Ziel Gewalt gegen diejenigen auszuführen, die vom System am meisten gebeutelt werden, trans Frauen leben gerade in Brasilien in Gemeinschaften und unterstützen sich so. Meist gibt es auch Häuser, die von „Müttern“ geführt werden, die sich um diejenigen kümmern, die vom Land in die Stadt fliehen, weil sie dort nicht transitionieren können. Der Ausdruck „transgender Fabriken“ begünstigt Gewalt eben gegen diese Frauen, haben wieder einmal das Ziel, die Transition für junge Mädchen so schwer wie möglich zu machen.“
Der Clip fiel also auch anderen als ausgesprochen transfeindlich auf, da er zahlreiche Desinformationen, wie sie von der extremen Rechten und Teilen des rechten Christentums vertreten werden, bedient. Uns erreichten mehrere Bitten um Intervention und Einordnung.
Uns erreichten mehrere Bitten um Intervention und Einordnung. Kaum jemand kannte diesen kleinen Verein namens „Hope e.V.“ Viele waren entsetzt und fragten bei uns nach, was wir denn über dieses Projekt wüssten.
Wir konfrontierten Hope e.V. mit Nachfragen zu den Schilderungen im Video. Die Reaktion: Das Video, das zuvor über 5.500 Likes erhielt und über 650 Mal geteilt wurde wurde kommentarlos gelöscht. Schließlich erhielten wir noch eine Mail von Katja Rycak: Man bedauere, dass man unser „Vertrauen nicht gewinnen“ konnte. „Gegenseitiges Vertrauen“ sehe man „als wichtige Grundlage für eine konstruktive Kommunikation“. Vor diesem Hintergrund bitte man um Verständnis, „dass wir derzeit keine Veranlassung sehen, auf weitere Fragen dieser Art einzugehen“. Aha. Also besser blind die abstrusesten Dinge glauben statt kritisch nachzufragen. Das wundert nach alldem nicht.
How it started and how it’s going
Ich (Ruby) verfolge Hope e.V. schon ein paar Jahre. An meine erste Irritation über Katja Ryzak erinnere ich mich gut. Auf einer Social Media Kachel las ich damals den bereits erwähnten Satz: „Gott macht aus Missbrauch etwas Brauchbares“.
Konsterniert speicherte ich diese haarsträubende Aussage in meiner Anti-Sexarbeits-Übersicht unter „Fundis“ ab. 2024 nahm ich Hope e.V. und Katja Ryzak in mein 2025 erschienenes Buch auf. Schon damals habe ich mir einen Mitschnitt eines Auftritts von Ryzak in einer freikirchlichen Gemeinde in Rosenheim angesehen, wo sie 45 Minuten über Pornografie und Prostitution schwadroniert. „Fanatisch“, so mein Eindruck, voller religiösem Eifer.
Von heute betrachtet, fehlt im Buch der Hinweis, dass Hope e.V. auch schon damals an Schulen „Workshops“ erteilte. Im Buch bette ich den Fall Ryzak und Hope in den Komplex PorNO ein. Richtig ist, die Mobilisation gegen Pornografie und Sexarbeit weist starke personelle und strukturelle Übereinstimmungen auf, wie die Beispiele Ingeborg Kraus oder Alice Schwarzer zeigen. Mich hat stets besonders der Diskurs über die Sexualität erwachsener Menschen interessiert. Aus dieser Perspektive behandele ich in „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ die Überschneidungen zwischen trans- und queerfeindlicher, sexarbeitsfeindlicher und armutsfeindlicher Gewalt, gehe aber nur am Rande auf Sexualerziehung oder Präventionsarbeit für minderjährige Zielgruppen ein. Das ist eine Leerstelle, die FundiWatch versucht zu füllen. Denn die Raumnahme christlich-fundamentalistischer Vereine, Projekte und Einrichtungen schloss und schließt Kinder und Jugendliche schon immer ein. Wie sich am Beispiel von Mission Freedom zeigt, fühlen sich Menschen wie Inga Gerckens oder Gaby Wentland sowohl vom „Rotlicht“ angezogen, als auch von der Aussicht Minderjährige unter ihre Fittiche zu nehmen. Frauen und Kinder, das zieht als Spendenaufruf und fördert die Selbstinszenierung als selbstlos Helfende in der Not. Wohin das führen kann, verdeutlicht der Fall „Haus SeeNest“ wohl eindrücklich.
Unmöglich über Gewalt zu sprechen
Als Person, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit und als erwachsene Person erlebt hat, möchte ich heute etwas dazu sagen. Ich spreche selten über diese Erlebnisse, obwohl ich durchaus etwas zum Thema zu sagen hätte. Aber in Deutschland tobt seit Jahren eine durch die Anti-Sexarbeitsbewegung angeheizte Debatte über Freiwilligkeit und Gewalt, die das verhindert.
In dieser Debatte schwingen Personen wie Ingeborg Kraus, Inge Bell, Alice Schwarzer, Gaby Wentland oder Katja Ryzak sich zur Stimme der Betroffenen auf. Sie stehlen dabei unsere Erlebnisse, Geschichten und unseren Schmerz und machen sich das alles zu eigen. Betroffene haben ihrer Sichtweise zu dienen, indem sie pauschalisieren, anderen Erfahrungen absprechen oder Umkehr symbolisieren. Sie liefern Storylines, Bilder und Identifikationsfiguren für die lauten Forderungen der Anti-Sexarbeits- und Anti-Porno-Szene. Nur ambivalent dürfen sie nicht sein.
In all diesem Geschrei ist kein Raum für abweichende Schilderungen von Gewalt, solche, die da nicht hineinpassen. Ich habe sexualisierte Gewalt in der Grundschule, im engen Umkreis, an der Uni, bei meiner Tätigkeit in der Reiseleitung erfahren. Mehrere Jahre Therapie, eine Selbsthilfegruppe und die Sexarbeit haben mir geholfen damit umzugehen.
Ich, anders als eine Katja Ryzak zum Beispiel, maße mir nicht an zu beurteilen, ob mein Fall die Regel ist. Ich habe gelernt, dass sexualisierte Gewalt so unterschiedlich ist, wie die Verhältnisse der Menschen, die sie erleben. Was mich gestärkt hat? Von anderen Sexarbeiter*innen oder aus der Kundschaft zu hören, die Ähnliches erlebt haben. Manches war vergleichbar, vieles ganz anders als meine Erfahrungen. Und doch, ich war nicht allein.
Unmündige Opfer sind mir keine begegnet, dafür einiges an esoterischen, ultra-religiösen Heilsversprechen. Mich verstörten Leute, die sich selbst mit Rettung und Heldentum gleichsetzen. Geholfen dagegen hat mir die Einsicht in strukturellen Sexismus und Trans-Misogynie, verbunden mit der Intervention dagegen.
Vor einigen Jahren habe ich einen zaghaften Versuch unternommen, über meine Gewalterfahrungen zu sprechen. Gleich waren Menschen aus der Anti-Sexarbeits-Bewegung zur Stelle: „Da schau, das ist der Grund, du spaltest ab, deswegen glaubst Du, DAS freiwillig zu machen.“ „Du bildest Dir die Freiwilligkeit nur ein“. „Du bist Opfer und krank.“ Sie versuchten meine Erfahrungen auszunutzen, um meine Argumente für mehr Rechte von Sexarbeiter*innen zu unterlaufen, nutzten meine Erlebnisse als Waffe gegen Gründe, die ihnen nicht gefielen. Was blieb ist die Einsicht: Wenn Du Dich nicht zum Token dieser Leute machen lässt, betrachten sie Dich als Feind und bekämpfen Dich mit allen Mitteln.
Auch deswegen ist es unerlässlich, dass wir über Hope e.V. sprechen, und zwar als christlich-fundamentalistisches Rettungsprojekt, das Betroffene von sexualisierter Gewalt und Minderjährige gefährdet. Um es mit Anna Klein zu sagen: „Glaub ihnen nicht.“
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Nachbemerkungen:
1. Wir haben übrigens eine KI gefragt, uns Bildmaterial zum „Geist des Todes“ zu erstellen. Das Ergebnis enthalten wir Euch nicht vor…, auch wenn wir uns anders entschieden haben. 😉
2. Wir bitten um Zusendung aller schlechten Timmy-Hope-Walwitze, die Euch einfallen.











