Gerichtsentscheidung: Misshandlungsvorwürfe und Kindeswohlgefährdung im „Haus SeeNest“ von Mission Freedom

Beschluss des Verwaltungsgericht Augsburg dokumentiert Erschütterndes

FundiWatch forderte die entsprechende Entscheidung beim Verwaltungsgericht Augsburg an. Der Inhalt des nun vorliegenden Beschlusses des Verwaltungsgerichts Augsburg vom 13.04.2026 (Az. Au 3 S 26.987) schockiert uns zutiefst.

Deshalb beginnen wir diesen Text auch mit einer Triggerwarnung: Der Artikel behandelt schwere Vorwürfe der Misshandlung und Kindeswohlgefährdung in einer Einrichtung für traumatisierte Minderjährige, also an Kindern, die ohnehin bereits schwere Missbrauchs- und Gewalterfahrungen erlitten haben.

Tätigkeitsverbot gegen die Heimleitung, Kinder in Obhut genommen – was sind die konkreten Vorwürfe?

Vor vier Wochen wurde bekannt, dass gegen die Heimaufsicht für die pädagogische Leitung des Haus Seenest im Allgäu ein Tätigkeitsverbot erlassen wurde. Die Einrichtung selbst wurde von der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH betrieben, einer Tochtergesellschaft des bereits seit vielen Jahren umstrittenen Vereins Mission Freedom aus Hamburg.

Obwohl die Heimleitung nach dem Tätigkeitsverbot nicht weiter in der Einrichtung tätig sein durfte, wurden kurze Zeit später alle dort untergebrachten sechs Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren vom Jugendamt Oberallgäu in Obhut genommen.

Als Grund geben die Behörden „kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden“, insbesondere einen „unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen“ an. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Heimleitung aufgrund des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener.

Was konkret vorgefallen sein soll, war bisher hingegen nicht bekannt.

Die Einrichtung ging gerichtlich gegen das Tätigkeitsverbot vor

Bekannt war lediglich, dass der sofortige Vollzug des Tätigkeitsverbots in einem Eilrechtsverfahren gerichtlich bestätigt wurde. Zunächst hieß es, die Entscheidung sei noch nicht rechtskräftig, weswegen die Behörden hierzu keine weiteren Angaben machten.

Mission Freedom selbst veröffentlichte am 02.05.2026 zu den Vorfällen eine Stellungnahme auf seiner Homepage. Darin werden die Vorwürfe bestritten und das Vorgehen der Behörden und ehemaliger Mitarbeitende – die die Vorfälle den Behörden meldeten – kritisiert. Laut Update vom 05.05.2026 wurde der Betrieb der Einrichtung aufgrund der „weiteren Entwicklungen“ eingestellt. Die Homepage der Himmelsstürmer Deutschland ist mittlerweile offline.

Wir haben daraufhin die Entscheidung bei Gericht angefordert. Deren Inhalt ist erschütternd.

Süddeutsche Zeitung und Bayerischer Rundfunk berichten über Gerichtsentscheidung: Waschlappen in den Mund, Chilipaste auf die Lippen, eingesperrt

Nun berichten auch die Süddeutsche Zeitung (Paywall) und der Bayerische Rundfunk (BR24) über die Entscheidung des Verwaltungsgerichts.

Demnach sollen Kinder teils gegen ihren Willen eingesperrt, festgehalten und – teils unter Anwendung des schmerzhaften Polizeigriffs – zu Boden gedrückt worden sein. Sie hätten sich Waschlappen in den Mund stopfen müssen, um nicht laut zu summen, sie seien in die Dusche gezerrt worden – ein Kind habe einen BH mit zwei Melonen darin tragen und ein Kind habe mit vollurinierter Kleidung seinen Arbeitsdienst verrichten müssen. Das Gericht spreche von teils „stigmatisierenden“, „demütigenden“ und „gesundheitsschädlichen“ Behandlungen.

Laut Süddeutsche Zeitung habe der Verein die Vorwürfe laut der Entscheidung teils pauschal bestritten, teils entgegnet, es handele sich um sogenannte „Skills“ zur traumapädagogischen Stabilisierung, die mit den Kindern erarbeitet worden seien. Das Gericht hätte diese Argumente allerdings nicht überzeugt. Die sofortige Vollziehbarkeit des Tätigkeitsverbots wurde bestätigt.

BR24 weist in seinem Bericht darauf hin, dass das ortsansässige Jugendamt Oberallgäu ihm gegenüber bereits bestätigt hatte, dass es in der Traumapädagogik tatsächlich Methoden gäbe, bei denen Betroffenen in Extremsituationen mit starken Reizen geholfen werden solle. Im Fall des Haus SeeNest sei „der schmale Grat zwischen dem, was einem Kind helfe und dem, was ihm schade“, aus Sicht des Jugendamts jedoch in etlichen Fällen überschritten worden.

Tatsächlich kein Zusammenhang mit christlich-fundamentalistischer Ausrichtung von Mission Freedom?

Bislang teilten die Behörden mit, die weltanschauliche Ausrichtung des Trägers habe keinen Bezug auf die Inobhutnahmen gehabt.

Matthias Pöhl von FundiWatch hatte bereits während des damaligen Genehmigungsverfahrens für das Haus SeeNest in einer Recherche die Frage aufgeworfen, ob angesichts der erkennbar christlich-fundamentalistischen Ausrichtung von Mission Freedom sowie deren Gründerin und Vorsitzenden Gaby Wentland tatsächlich von einer Gewährleistung des Kindeswohls in der Einrichtung ausgegangen werden konnte.

Matthias gab der Süddeutschen Zeitung für den oben erwähnten Artikel ein Statement ab, die dort in Auszügen zitiert werden. Wir veröffentlichen es hier in voller Länge (mit nachträglich ergänzten weiterführenden Verlinkungen):

„Gründerin und Vorsitzende von Mission Freedom Gaby Wentland* betrachtet sich in ihrer Arbeit als unmittelbar von Gott beauftragt und geleitet. Darin erkennt sie das Wirken übernatürlicher – auch dämonischer – Mächte. 

Welche Auswirkungen diese Vorstellungen auf den erschreckenden Umgang mit den Kindern im Haus SeeNest hatte, muss – wie es auch der Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) fordert – konkret und transparent aufgeklärt werden.

Das Haus SeeNest war für Wentland jedenfalls ein ‚Plan Gottes‘. Als die ersten Kinder aufgenommen wurden, beschrieb sie, dies sei so, als habe Gott ihr drei neue Babys geschenkt. Kritik am Verein und Wentland persönlich perlte in der Vergangenheit stets ab und geriet schnell in Vergessenheit. Wentland selbst sah im Nachgang öffentlicher Kritik den Satan am Werk, der ihre Arbeit zerstören wolle. Solche Aussagen zeigen, dass es Wentland an professioneller Distanz fehlt und das kann Auswirkungen auf die Arbeitsweise nach sich ziehen.

So verlangten die Stellenausschreibungen für Haus SeeNest Bewerber*innen eine ‚persönliche Identifikation mit biblischen Glaubensgrundlagen‘ ab. Man warb um Mitarbeitende mit Begriffen wie ‚geistlicher Gemeinschaft‘. Zur Förderung kritischer Selbstreflexion ist aber gerade eine Diversität im Mitarbeitendenkreis hilfreich.  Vor der Eröffnung des Haus SeeNest schilderte Wentland, wie wichtig das gemeinsame Gebet der Mitarbeitenden in den Einrichtungen sei, denn wer zusammen bete, bleibe zusammen. Daher werde in den Einrichtungen auch ’nur Gutes‘, ’nur Heiliges‘, nur was ‚auferbauend‘ ist, gesprochen.

Wenn Mission Freedom nun Vorwürfe gegen Whistleblower unter den Mitarbeitenden erhebt und kritisiert, dass diese nicht zuvor das Gespräch mit der Leitung gesucht haben, dann passt das genau in ein solches Denken und Handeln.“

*EDIT (23.05.26): Wir haben den Namen von Gaby Wentland im Nachhinein korrigiert.

Viele Fragen offen

Derzeit bleiben viele Fragen zum Haus SeeNest und der grundsätzlichen Bedeutung der Vorfälle dort für den Schutz des Kindeswohls in entsprechenden Einrichtungen noch offen.

Abgesehen davon, ob sich der Verdacht strafbarer Handlungen bestätigt, scheint derzeit (mehr denn je) fraglich, ob die Betriebserlaubnis für die Einrichtung tatsächlich hätte erteilt werden dürfen und ob die Vorfälle ordnungsgemäß gemeldet und gewürdigt wurden. Wie konnte es zwei Jahre dauern, bis es zur Schließung des Hauses kam?

Abzuwarten bleibt auch, ob die Vorgänge endlich Folgen für die Mitgliedschaft von Mission Freedom in der Diakonie Hamburg sowie im Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) haben.

Festzuhalten ist, es sieht nicht danach aus: Gaby Wentland leitete jüngst zusammen mit Frank Heinrich von ggmh den Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick, über den wir hier in einer Beitragsreihe berichten. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn es existieren zahlreiche weitere Verflechtungen Wentlands mit dem Gebetshaus Hamburg, Gemeinsam für Hamburg und vielen weiteren charismatischen Gemeinden in Deutschland.Wir bleiben dran!

Jugendamt nimmt alle Kinder aus christlich-fundamentalistischer Einrichung im Allgäu in Obhut

„SeeNest“ der Himmelsstürmer Deutschland von Mission Freedom stand bereits in Kritik

Mehrere Medien berichten über Inobhutnahmen von sechs Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren aus einem Heim in Immenstadt (Allgäu) – vgl. hier, hier und hier.

Bisher nicht genannt wird der Name der Einrichtung. Es handelt sich jedoch offensichtlich um das erst 2023 eröffnete „Haus SeeNest“ der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH – einer 100%-Tochtergesellschaft des bereits lange in Kritik stehenden christlich-fundamentalistischen Vereins Mission Freedom.

So tragisch der Vorgang ist: Überrascht sind wir nicht. Wir hatten bereits kritisch über die Erteilung der Betriebserlaubnis und Zweifeln an einer dortigen Gewährleistung des Kindeswohls berichtet.

Update (28.04.2026): Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH) hat zu dem Fall am 25.04.2026 eine Pressemitteilung veröffentlicht: „Kindeswohl ist unverhandelbar: Berufsverband warnt vor ideologischen Einflüssen in der stationären Jugendhilfe“

Update (30.04.2026): Jetzt berichtet auch die Süddeutsche Zeitung über den Fall und ordnet diesen dem SeeNest zu.

Update (03.05.2026): Auch die taz berichtet nun über den Fall. Demnach handelte es sich bei den kindeswohlgefähredenden Erziehungsmethoden offenbar auch um einen „unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen“.

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„Kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden“

Grund für die Inobhutnahme seien laut Regierung von Schwaben „kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden“ gewesen. Die gute Nachricht: Stand jetzt befinden sich keine Kinder mehr in der Einrichtung. Für uns ist klar: Der gesamte Fall muss umfassend und insoweit mit den Persönlichkeitsrechten der betroffenen Minderjährigen vereinbar transparent aufgeklärt werden.

Die Regierung von Schwaben teilt laut Berichterstattung mit: „Die weltanschauliche Ausrichtung des Trägers hatte keinen Bezug zu den Inobhutnahmen“. Das ist schwer vorstellbar und sehr viel spricht dafür, dass das nicht zutrifft.

Die Einrichtung und ihre Träger stehen schon lange in Kritik

Auch wenn der Name der Einrichtung bisher nicht genannt wird: Der Vorgang lässt sich klar zuordnen.

So wird in den Berichten u.a. erwähnt, dass es sich um die Einrichtung eines „religiös ausgerichteten“ Betreibers aus Hamburg handelt. Mission Freedom und – an gleicher Adresse – die Himmelsstürmer Deutschland haben dort ihren Sitz: In der Freien Gemeinde Neugraben in Hamburg, zu der auch Gaby Wentland gehört. Wentland ist Gründerin und Vorsitzende von Mission Freedom e.V. und teilte bereits Anfang 2023 auf Facebook mit: „Im Allgäu hat Gott große Pläne vor 23!“

Quelle: Facebook – Gaby Wentland

Hamburger Behörden und Opferschutzverbände distanzierten sich übrigens bereits vor Jahren von Mission Freedom. Das Hamburger Landeskriminalamt teilte mit, es halte den Verein für „nicht seriös„.

Bereits Erteilung der Betriebserlaubnis sorgte für Kritik

Zudem wird in den Berichten auf bereits öffentliche Kritik an der Einrichtung und eine Anfrage der Abgeordneten Gabriele Triebel im Bayerischen Landtag aus dem Jahr 2024 hingewiesen.

Schon zu diesem Zeitpunkt berichteten damals bereits unter anderem die Süddeutsche Zeitung (Paywall) und Panorama über das „SeeNest“:

Quelle: sueddeutsche.de
Quelle: ndr.de

Eine ausführliche Recherche – die bereits vor Erteilung der Betriebserlaubnis erstellt wurde und auch der Genehmigungsbehörde vorlag – haben wir letztes Jahr hier veröffentlicht.

Quelle: fundiwatch.org

Auch in der 2025 mit Förderung der Freien und Hansestadt Hamburg veröffentlichen Handreichung zu Christlichem Fundamentalismus & Sozialer Arbeit gingen wir auf Mission Freedom und das SeeNest ein. Die Handreichung thematisiert Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit und ist hier frei abrufbar.

Quelle: fundiwatch.org

Die Verantwortlichen schweigen zum Vorgang – und tagen ab Sonntag auf dem „Freiheit-Kongress“ in Schwäbisch-Gmünd

Die Verantwortlichen der Einrichtung haben sich bisher öffentlich nicht geäußert.

Stattdessen tagen sie – darunter auch die Vereinsvoritzende von Mission Freedom, Gaby Wentland, sowie die Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland, Inga Gerckens – ab Sonntag gemeinsam mit zahlreichen weiteren Organisationen auf dem „Freiheit-Kongress“ im evangelikal ausgerichteten Kongresszentrum „Schönblick“ in Schwäbisch-Gmünd:

Quelle: Instagram, Freiheit_Kongress
Quelle: freiheit-kongress.de

Mission Freedom ist u.a. neben der Evangelischen Allianz Deutschland und dem Netzwerkverein „Gemeinsam gegen Menachenhandel“ sogar Mitveranstalter dieses Events.

Bereits Programm und Mitwirkende des Kongresses mit einem besonderen Schwerpunkt zum Thema „Rituelle Gewalt“ – darunter auch die Regisseurin Liz Wieskerstrauch mit ihrem Film „Blinder Fleck“ – lassen aufhorchen. Auch be idiesem Thema stand Mission Freedom bereits mehrfach in der Kritik, Verschwörungsideologien zu verbreiten.

Auch die Zeit berichtete kritisch über den Film „Blinder Fleck“ und einem darin vermeintlich falsch dargestellten Fall angeblich „ritueller Gewalt“ an einer Minderjährigen. Aktuell befindet sich unter der Überschrift des Artikels allerdings lediglich ein Hinweis, der Beitrag sei „aus rechtlichen Gründen depubliziert“. Wir haben bereits nachgefragt, was es damit auf sich hat.

Unser Kollektivmitglied Matthias hat für den Kongress übrigens ein Hausverbot erteilt bekommen, Zoé und Ruby haben von vorneherein eine Beobachtung der Veranstaltung aus Sicherheitsgründen für sich ausgeschlossen.

Selbstverständlich bleiben wir dran, an Mission Freedom und an vergleichbaren Organisationen. Mehr dazu bald!

Mehr zum Thema:

    Christliche Fundamentalist*innen in der Sozialen Arbeit

    Recherche zum Verein Mission Freedom e.V., dessen Gesellschaft Himmelsstürmer Deutschland gGmbH und deren Einrichtung „SeeNest“ für sexuell missbrauchte Minderjährige 

    An dieser Stelle veröffentlichen wir eine von mir bereits vor dem Start von FundiWatch verfasste Recherche zur christlich-fundamentalistischen und missionarischen Ausrichtung des Vereins Mission Freedom e.V. Denn leider ist das Thema immer noch sehr aktuell, der Verein immer noch aktiv.

    Und außerdem hat die Recherche auch einiges mit dem Entstehen von FundiWatch – und meinem persönlichen Weg dorthin – zu tun…


    Mehr zum Thema „Christlichem Fundamentalismus & Soziale Arbeit“ auch in unserer von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderten Broschüre hier.


    Zu aktuellen Inobhutnahmen aller Kinder aus dem „Haus SeeNest“ vgl. unseren Bericht vom 26.04.2026 hier!


    Weiterlesen

    Die Recherche zu Mission Freedom habe ich bereits 2023 verfasst. Damals hätte ich mir nie vorstellen können, was das alles auslösen würde. Wie viele neue wunderbare und engagierte Menschen ich darüber kennen lernen würde, dass ich darüber auf die christlich-fundamentalistische Glaubenskonferenz „UNUM24“ in der Münchener Olympiahalle aufmerksam werden würde (Mission Freedom hatte dort einen Stand), dass ich daraufhin mit einigen Mitstreiter*innen das Protestbündnis #NoUNUM24 initiieren würde. Und dass einige von diesen neu kennengelernten Menschen nun Ende vergangenen Jahres mit mir gemeinsam FundiWatch starten werden…

    Als ich von all dem noch nichts ahnte, erfuhr ich im Sommer 2023 von Diskussionen in der Profession der Sozialen Arbeit. Diese befassten sich mit der Frage, wie sich die Soziale Arbeit zu religiösen und spirituellen Bedürfnissen ihrer Klient*innen verhalten und damit umgehen sollte. Dabei ging es auch darum, ob bzw. wie Religion bzw. der „christliche Glaube“ für Klient*innen – gerade solche, die aus religiösen Kontexten stammen – als hilfreiche Ressource genutzt werden könne.

    Ich war skeptisch. Natürlich mag Religion und Spiritualität für manche Menschen eine wichtige Ressource darstellen. Für andere aber auch nicht. Und vor allem: Leider werden insbesondere Lebenskrisen nicht selten ausgenutzt, um Menschen eigene religiöse Vorstellungen (teils sehr subtil) aufzudrängen.

    Ich halte es nach wie vor für wichtig, dass professionell Sozialarbeitende religiöse Hintergründe ihrer Klient*innen verstehen und nachvollziehen ggf. auch vermitteln können. Bereits die vom DBSH veröffentlichte Berufsethik würde jedoch einer Vermischung von Missionierung und Sozialer Arbeit ebenso entgegenstehen, wie die Anwendung unwissenschaftlicher Methoden, wie beispielsweise die Vermittlung eines Glaubens an „Dämonen“, Befreiungsgebete, Wunderheilungen etc.

    Was steckte also dahinter? Von wem ging diese Diskussion aus? Sollte es etwa doch um Missionierung gehen?

    Also stieg ich in die Thematik ein und schaute mich um, welche Gruppen diese Diskussion (jedenfalls teilweise) mit angestoßen hatten. Schnell stieß ich auf diverse Organisationen, die sich als Hilfen zum „Ausstieg aus der Prostitution“ (die Selbstbezeichnung „Sexarbeit“ wird von diesen explizit abgelehnt) für eine „Welt ohne Prostitution“ engagieren. An ersterem fand ich zunächst nichts Verwerfliches: Wer nicht (mehr) in der Sexarbeit tätig sein möchte, sollte Unterstützung finden.

    Skeptisch wurde ich, als ich feststellte, dass viele dieser Organisationen sich für ihr Engagement explizit auf ihren christlichen Glauben berufen. Und dieser offenbar in ihrer Arbeit eine zentrale Rolle spielt, auch wenn dies auf deren Internetseiten teils nicht auf den ersten Blick erkennbar war.

    Viele dieser Organisationen sind in dem nahezu ausschließlich christlich-evangelikal ausgerichteten Netzwerkverein „Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V.“ (GGMH) verbunden. Darunter auch der Verein „Mission Freedom e.V.“ aus Hamburg, dessen Vorsitzende Gaby Wentland auch im Vorstand von GGMH vertreten ist. Ich wurde hellhörig.

    Denn bereits 2013 stand Mission Freedom unter massiver öffentlicher Kritik, u.a. auch wegen öffentlichen Äußerungen von Gaby Wentland (vorehelichen Geschlechtsverkehr bezeichnete sie als „die erste große Sünde vor Gott“, Homosexualität als „Greuelsünde“).

    Das Hamburger LKA beurteilte den Verein als „nicht seriös“. Der Hamburger Senat und dortige Opferschutzverbände bewerteten das Konzept von Mission Freedom als nicht den fachlichen Qualitätsanforderungen entsprechend und lehnten jede Zusammenarbeit ab. Kritisch wurde insbesondere die „spezifisch religiöse Ausrichtung im Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs gesehen („Heilung vom sexuellen Missbrauch“ […])“ gesehen.

    Selbst die Diakonie Hamburg, bei der Mission Freedom – bis heute – Mitglied ist, hegte „starke Zweifel“, ob Mission Freedom im geforderten Maß zwischen Sozialarbeit auf der Basis des christlichen Glaubens und dem eigenen Missionierungsauftrag unterscheiden könne.

    Und dann fiel mir eine Nachricht auf dem Facebook-Profil der Vorsitzenden von Mission Freedom, Gaby Wentland, auf:

    „Im Allgäu hat Gott große Pläne vor 23!“

    Bitte was?! Ich schaute weiter und stellte fest, dass Mission Freedom im bayerischen Allgäu eine vollstationäre Schutzeinrichtung für sexuell missbrauchte Minderjährige plante.

    Ein Verein, den ein LKA für unseriös hält, von dem sich Opferschutzverbände distanzieren, dessen Vorsitzende mit menschenfeindlichen Äußerungen auffällt und der sexuellen Missbrauch „heilen“ will soll sich um sexuell missbrauchte Minderjährige kümmern?! In der Einrichtung eines solchen Vereins soll das „Kindeswohl“ gewährleistet sein? Denn genau das wäre die gesetzliche Voraussetzung für die Erteilung einer Betriebserlaubnis für so eine Einrichtung (vgl. § 45 SGB VIII).

    Ich suchte also nach weiteren, v.a. neueren Erkenntnissen über Mission Freedom. Unter anderem in zahlreichen online abrufbaren Predigten und Vorträgen von Wentland wurde ich fündig – und war alarmiert. Ich trug also alles zusammen und letztlich entstand daraus die nun hier veröffentlichte Recherche. Wir haben diese bewusst auf dem damaligen Stand vom 15.11.2023 mit Aktualisierungen bis zum 15.04.2024 belassen.

    Die weiteren Entwicklungen seither daher noch einmal im Folgenden kurz zusammengefasst:

    Mit der Recherche wendete ich mich ab Herbst 2023 an diverse weltanschauungsbeauftragte Stellen, Verbände, Behörden, Politiker*innen und Medien. Die Recherche bekam „Beine“ und verbreitete sich erstaunlich schnell.

    Das bekam ich auch zu spüren, als ich zu Recherchezwecken im Frühjahr 2024 auf der u.a. von GGMH und Mission Freedom alle zwei Jahre im „Schönblick“ veranstalteten „Konferenz gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ teilnahm (ja, genau an dem Ort, an dem derzeit deutsche radikale Abtreibungsgegner*innen ihren Vernetzungskongress abhalten). Gaby Wentland und Inga Gerckens (die heutige Geschäftsführerin der Einrichtung im Allgäu) erkannten mich und stellten mich recht verärgert zur Rede.

    Immerhin, rausgeworfen haben sie mich nicht. Ich durfte noch zwei weitere erkenntnisreiche Tage auf der Konferenz mit zahlreichen skurrilen Erlebnissen verbringen. Und an einem Vortrag zum sogenannten BethelSOZO Befreiungsgebet teilnehmen, das laut Beschreibung der internationalen Leiterin Dawna de Silva auch zur „Befreiung“ von Homosexualität eingesetzt werden kann. Ein Bild im Internet zeigt Wentland und Gerckens, wie sie mit weiteren Mitarbeitenden von Mission Freedom ein Seminar von de Silva besuchen…

    Die Erlaubnis für die Einrichtung von Mission Freedom, die nun seit Anfang 2024 unter der „Himmelsstürmer Deutschland gGmbH“ das „SeeNest“ betreibt, wurde trotz alledem erteilt. Um die Verbindung zu Mission Freedom zu erkennen, ohne das Handelsregister zu bemühen, muss man schon ganz genau ins Impressum sehen – dort findet man dann den Namen von Inga Gerckens. Und eine Postfachadresse, die auch von Mission Freedom genutzt wird.

    Der Bedarf entsprechender Einrichtungen in Deutschland ist grundsätzlich groß. Wenn dann ein Verein daher kommt, der für die Eröffnung keine Fördermittel in Anspruch nimmt und gestützt vom  „Gütesiegel Diakonie“ als christlich auftritt, kommt das nicht ungelegen. Auch ein Jugendamt, dem ich explizit meine Recherche zusendete und Gespräche anbot, ließ sich letztlich nicht davon abbringen, Kinder in der Einrichtung unterzubringen.

    Gaby Wentland selbst begrüßte die Unterbringung erster Kinder im „SeeNest“ in einem Video schließlich mit den Worten:

    „Das ist so, als wenn Gott mir drei neue Babys geschenkt hat.“

    Ein Bericht von Panorama3, eine Anfrage im Bayerischen Landtag, weitere Medienberichte hier und hier (PW) änderten bisher nichts: In der Einrichtung befinden sich weiterhin schwerst traumatisierte Minderjährige in Obhut eines christlich-fundamentalistischen Vereins.

    In einem eigenen Artikel in der MIZ kam ich zu dem – leider für mich auch heute noch so gesehenen – bitteren Fazit:

    „Das einzige, das zynischer Weise bisher für einen auch öffentlich wahrgenommenen Skandal ‚fehlt‘: Aussagewillige geschädigte Opfer.“

    Ich hoffe weiterhin inständig, dass es auch anders geht. Zumal selbst solche Aussagen von Opfern in der Vergangenheit leider immer wieder folgenlos blieben.

    Über die Recherche zu Mission Freedom und weiterer sich für ein sog. „Sexkaufverbot“ einsetzender Organisationen habe ich einen mir völlig neuen Einblick in eine auf den ersten Blick seltsam anmutende Allianz christlich-fundamentalistischer, radikal-feministischer und rechter Akteur*innen erhalten.

    Maßgeblich dazu beigetragen hat Ruby Rebelde, eine Person, die ich im Zuge meiner Recherchen kennen lernen und mit ihr und weiteren Personen FundiWatch starten durfte. Ruby ist selbst in der Sexarbeit tätig, Autor*in und in der politischen Bildungsarbeit engagiert. Ich habe zuvor – und auch bisher – keine andere Person getroffen, die sich so umfassend und professionell mit den Verbindungen christlich-fundamentalistischer Akteur*innen in Anti-Sexarbeits-Allianzen und deren ideologischen Schnittstellen und Hintergründen befasst hat.

    Gerade erst ist Rubys Buch „Warum sie uns hassen“ über Sexarbeitsfeindlichkeit erschienen. Eine absolut empfehlenswerte Lektüre – sei es nun als Alternative oder Ergänzung zu der Recherche zu Mission Freedom…


    P.S.: Von Mission Freedom und weiteren nahestehenden Organisationen und Gruppen werden übrigens auch krude Verschwörungserzählungen rund um das Thema „Rituelle Gewalt“ und „Mind Control“ verbreitet (zu Mission Freedom vgl. die Recherche ab Seite 19). So wundert es auch kaum, dass der aktuelle Dokumentarfilm „Blinder Fleck“ von mehreren Mitgliedsorgansiationen von GGMH mit finanziert wurde. Zu der Doku hat Nephthys Morgenstern von FundiWatch gerade einen Gastbeitrag bei belltower.news veröffentlicht, der auch auf die Rollen von Antisemitismus und Verschwörungserzählungen in diesem Zusammenhang eingeht.


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