Update Haus SeeNest von Mission Freedom: Insolvenz & Rausschmiss aller Orten sowie staatsanwaltschaftliche Ermittlungen

(Bildquelle: Newsletter Mission Freedom) Die Ereignisse rund um die Misshandlungsvorwürfe entwickeln sich weiter. Im Einzelnen sind diese auch in unserer Chronologie und Medienspiegel zu dem Fall nachvollziehbar.

Insolvenz und Verlust der Betriebserlaubnis

Mittlerweile wurde bekannt, dass die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, Träger des Haus SeeNest und hundertprozentige Tochtergesellschaft von Mission Freedom, Insolvenz beantragt hat.

Zudem ist die Betriebserlaubnis für die Einrichtung mittlerweile erloschen, da die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg den Mietvertrag für das Haus SeeNest fristlos gekündigt hat (wir berichteten). Die Regierung von Schwaben teilte gegenüber FundiWatch mit, am 03.06.2026 einen Feststellungsbescheid über das Erlöschen der Betriebserlaubnis gegenüber der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH erlassen zu haben.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern an – neue Anzeigen

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kempten wegen des Anfangsverdachts der Misshandlung Schutzbefohlener laufen indes weiter. Bisher werden die Ermittlungen weiterhin ausschließlich gegen die (ehemalige) pädagogische Heimleitung geführt. Auf Grund der bereits vorliegenden Ermittlungsergebnisse, Angaben von Zeugen und unter Berücksichtigung, dass die Heimleitung zum Zeitpunkt der Inobhutnahmen bereits nicht mehr in der Einrichtung tätig war, werde geprüft, ob die Ermittlungen gegen weitere Personen wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen von Amts wegen ausgeweitet werden müssen.

Zudem teilte die Staatsanwaltschaft gegenüber FundiWatch mit, auf Grund einer Anzeigeerstattung zu prüfen, „ob gegen angezeigte Personen ein Anfangsverdacht strafbaren Handelns besteht und ob Ermittlungen einzuleiten sind„.

Die Staatsanwaltschaft selbst erfuhr offenbar aus der Presse über die Vorfälle im Haus SeeNest. Eine Nachfrage von FundiWatch, ob sich die Staatsanwaltschaft gewünscht habe, direkt von den Behörden über die Vorfälle informiert zu werden, wollte man nicht kommentieren.

Unterstützer ziehen sich zurück – reichlich spät? – Dem Rausschmiss aus der Diakonie Hamburg kommt Mission Freedom zuvor

Auch diverse Organisationen, die bisher Mission Freedom bzw. die Himmelsstürmer unterstützt oder als Mitgliedsorganisation geführt haben, distanzieren sich nun – reichlich spät – deutlich:

Die Diakonie Hamburg, die nach Kritik an Mission Freedom bereits 2013 – allerdings ohne sichtbare Konsequenzen – angekündigt hatte, die Ausrichtung von Mission Freedom näher überprüfen zu wollen, teilte gegenüber FundiWatch nun mit, dass man ein Verfahren zum Ausschluss des Vereins eingeleitet habe. Allerdings sei Mission Freedom einem Ausschluss zuvor gekommen und habe selbst um Beendigung der Mitgliedschaft gebeten, die nun zum 01.07. in Kraft treten soll. Auf Fragen von FundiWatch zu etwaigen Konsequenzen seitens der Diakonie Hamburg insbesondere im Hinblick auf die Voraussetzunge der Mitgliedschaft liegt bisher noch keine Rückmeldung der Diakonie vor.

Die Aktion Mensch, die die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH finanziell unterstützt hatte, teilte auf Anfrage von FundiWatch mit, dass nicht ausgezahlte Mittel derzeit nicht weiter ausgezahlt werden. Der Träger sei gesperrt worden, und etwaige weitere Schritte – einschließlich möglicher Rückforderungen – würden aktuell rechtlich geprüft. Bereits nach Kritik zur Erteilung der Betriebserlaubnis 2024 hatte Aktion Mensch eine Vor-Ort-Besichtigung der Einrichtung durchgeführt. Dabei seien „einzelne Aspekte vertieft betrachtet und im weiteren Verlauf aufmerksam begleitet“ worden. Zum damaligen Zeitpunkt hätten jedoch keine belastbaren Erkenntnisse vorgelegen, „die eine Beendigung der Förderung auf rechtlich tragfähiger Grundlage gerechtfertigt hätten„. Gleichwohl hatte sich Aktion Mensch im Anschluss mit der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH darauf verständigt, dass Fördersiegel der Aktion Mensch von der Homepage der Himmelsstürmer zu entfernen. Die Förderung selbst wurde jedoch fortgeführt.

Die beiden Verbände Fachverband Traumapädagogik e.V. und die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexualisierter Gewalt e.V. (DGfPI) teilten auf FundiWatch-Anfrage mit, dass die Mitgliedschaft der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH vor dem Hintergrund der Vorkommnisse beendet wurde. Zu den Hintergründen, wie es zu einer Mitgliedschaft kam und welche Konsequenzen insoweit aus den Vorkommnissen resultieren, gingen die Verbände bislang nicht näher ein.

RTL sucht Gaby Wentland & „Gott“ leitet Mission Freedom – und nimmt einige Veränderungen vor…

Mission Freedom selbst scheint derweil intensiv bemüht, möglichst schnell jegliche Aufmerksamkeit zu den Vorkommnissen abebben zu lassen.

Offiziell äußert sich der Verein mit Ausnahme einer Stellungnahme auf seiner Homepage weiterhin nicht und ließ auch mehrere Anfragen von FundiWatch unbeantwortet.

Ihre Vorstandstätigkeit beim Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) hat Gaby Wentland laut Informationen des Hamburger Abendblatts (Paywall) mittlerweile niedergelegt. Mission Freedom selbst wird hingegen weiterhin als Mitgliedsorganisation von ggmh geführt. RTL hatte sich bemüht, Gaby Wentland persönlich mit den Vorwürfen zu konfrontieren und versucht, sie an ihrer Gemeinde in Hamburg Neugraben aufzusuchen. Dort hieß es, sie befände sich auf einer längeren Reise.

In einem aktuellen Newsletter teilt Mission Freedom nüchtern und ohne erkennbare Selbstkritik mit, man habe einige „Veränderungen vorgenommen“. Gaby Wentland haben im Januar 2026 Rückmeldungen ehemaliger Mitarbeitender zur pädagogischen Leitung im Haus SeeNest erreicht. Diese seien „verantwortungsvoll an die Regierung von Schwaben weitergegeben“ worden. Anschließend seien verschiedene behördliche Schritte eingeleitet worden. Trotz des eigenen „Einsatzes“ und eines eingelegten Widerspruchs seien die Entscheidungen der Regierung von Schwaben bestehen geblieben. Schließlich seien die Inobhutnahmen erfolgt und kurz darauf die Genehmigung zum Betrieb der Einrichtung „entzogen“ worden. Die Entwicklung bewege Mission Freedom sehr. Gleichzeitig blicke man „dankbar auf alles, was im Haus SeeNest mit Herz, Einsatz und Hingabe aufgebaut wurde“.

Schließlich wird in dem Newsletter mitgeteilt, dass Inga Gerckens, die Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH und langjährige Leiterin der „Schutzhäuser“ von Mission Freedom, sich Ende Juli „neuen beruflichen Wegen widmen“ werde. Mission Freedom wünsche Gerckens, deren Arbeit Mission Freedomnachhaltig geprägt“ habe, „alles Gute und viel Segen für Ihre Zukunft„. Mit Mission Freedom erlebe man seit 15 Jahren, wie „Gott Mission Freedom leitet„. Man vertraue darauf, „dass Gottes Wirken weitergeht„. Gaby Wentland wolle künftig „besonders in die Ausbildung neuer Mitarbeiterinnen investieren, damit noch mehr betroffene Frauen kompetent, liebevoll und hoffnungsvoll begleitet werden können„. Es ist zu erwarten (und/oder zu befürchten…), dass Gerckens sich nun noch intensiver ihren Aktivitäten in der Christusgemeinde Barmbek Süd und ihrer „Arbeit unter Prostitutierten“ widmen wird…

Nicht nur, dass die Betriebserlaubnis von der Behörde nicht entzogen wurde (wie von Mission Freedom in dem Newsletter behauptet), sondern – erst nach Versand des Newsletters – festgestellt wurde, dass die Erlaubnis augrund des gekündigten Mietvertrags erloschen ist: Die Aussage, Gaby Wentland selbst sei im Januar von ehemaligen Mitarbeitenden auf Vorfälle hingewiesen worden und habe die Behörden informiert, widerspricht den bisherigen Äußerungen der Regierung von Schwaben und der eigenen Stellungnahme von Mission Freedom. In der Stellungnahme [Edit (16.06.2026): Mittlerweile hat Mission Freedom die Stellungnahme von der Homepage entfernt – wir haben hier nun die archivierte Seite verlinkt] von Mission Freedom auf dessen Webseite heißt es: „Anfang Februar meldeten ehemalige Mitarbeitende angebliche Missstände direkt an die Aufsichtsbehörde, ohne zuvor das Gespräch mit der Einrichtungsleitung zu suchen.“

Aber mit der „Wahrheit“ haben Gaby Wentland bzw. Mission Freedom es entgegen eigenem Bekunden ja noch nie so streng genommen

Zum aktuellen Stand der Entwicklungen siehe auch unsere Chronologie zu dem Fall, die immer wieder aktualisiert wird:

Chronologie zu Misshandlungsvorwürfen gegen das Haus SeeNest von Mission Freedom

Letze Aktualiserung am 14.06.2026

(Quelle Titelbild: BR24) Über die aktuellen Vorwürfe gegen das zum umstrittenen christlich-fundamentalistischen Verein Mission Freedom gehörenden Haus SeeNest berichten wir bereits seit dem 26.04.2026. An dieser Stelle veröffentlichen wir eine Chronologie der aktuellen Entwicklungen zu Misshandlungsvorwürfen gegen die Kinder- und Jugendeinrichtung im Allgäu. Mission Freedom e.V. und die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH haben sich auf mehrfache Anfragen von FundiWatch nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Auf Anfragen von FundiWatch an Mission Freedom e.V. und die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH mit der Bitte um Stellungnahme zu den Vorwürfen erhielten wir keine Antwort.

Die Seite wird immer wieder aktualisiert. Hinweise auf weitere Erkenntnisse und Berichte zu den Vorgängen nehmen wir gerne – sofern gewünscht auch vertraulich – entgegen!

Direkt zur Chronologie gehts hier.

Vorbemerkung

Bereits vor Bekanntwerden der aktuellen Vorwürfe berichteten wir wiederholt über die Einrichtung Haus SeeNest, den Verein Mission Freedom e.V. sowie dessen Vorsitzende, die evangelikale Predigerin Gaby Wentland.

Mission Freedom stand im Zuge einer Preisverleihung des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) bereits 2013 in erheblicher Kritik. In Folge dessen distanzierten sich Hamburger Stellen unter anderem wegen der Verbreitung von Falschdarstellungen, mangelnder fachlicher Standards und Zweifeln an der Seriosität des Vereins. Gleichwohl blieb die Kritik weitgehend folgenlos: Gaby Wentland blieb (selbst nachdem sie den US-Präsident Donald Trump als von Gott eingesetzt pries) über Jahre Mitglied im Vorstand der Evangelischen Allianz, Mission Freedom war weiterhin in zahlreiche Netzwerke eingebunden – unter anderem als Mitglied der Diakonie Hamburg sowie über weitere Organisationen, u.a. innerhalb des Netzwerkvereins Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), zu dem nahezu 40 Mitgliedsorganisationen – teils auch aus dem US-evangelikalen Umfeld – gehören.

Nachdem Matthias (heute Gründungsmitglied von FundiWatch) im Sommer 2023 erfuhr, dass Mission Freedom im Allgäu eine vollstationäre Einrichtung für sexuell missbrauchte Minderjährige plante, begannen umfangreiche Recherchen zu Träger, Netzwerken und Konzept der Einrichtung. Die Recherche und weitere Hintergründe dazu haben wir mittlerweile auch auf unserer Webseite im Volltext veröffentlicht.

Nachdem die Erteilung der Betriebserlaubnis im Sommer 2024 kurzfristig mediale und politische Aufmerksamkeit erzeugte, geschah erst mal – nichts.

Ende April 2026 erschienen schließlich erste Medienberichte, wonach alle Kinder aufgrund von Vorwürfen kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden aus der Einrichtung in Obhut genommen wurden. Seitdem werden schrittweise weitere Details zu den Vorgängen im Haus SeeNest bekannt; inzwischen berichten zahlreiche regionale und überregionale Medien über den Fall.

Das Jugendamt Oberallgäu und die zuständige Heimaufsicht bei der Regierung von Schwaben erklärten öffentlich, die bekannt gewordenen Vorfälle stünden nicht im Zusammenhang mit der bereits zuvor kritisierten weltanschaulichen Ausrichtung des Trägers. Auf Nachfrage von FundiWatch erklärte die Heimaufsicht, man sei den bekannt gewordenen Vorfällen „im einzelnen nachgegangen“. Dabei habe sich gezeigt, dass diese „jeweils nicht im Zusammenhang mit der spezifisch-religiösen Ausrichtung des Trägers standen“. Das Jugendamt Oberallgäu verwies mit Blick auf laufende Ermittlungen darauf, sich hierzu nicht weiter äußern zu können.

Auf Grundlage der uns vorliegenden Informationen zu Ausrichtung, Konzeption, Netzwerken und Arbeitsweise von Mission Freedom bestehen aus unserer Sicht erhebliche Zweifel daran, dass mögliche Zusammenhänge zwischen religiös-weltanschaulicher Ausrichtung und den aktuellen Vorgängen bereits abschließend bewertet werden können. Deshalb halten wir es für absolut notwendig, nicht nur die konkreten Vorwürfe selbst aufzuklären, sondern auch die Fragen, ob die Betriebserlaubnis überhaupt hätte erteilt werden dürfen, ob bestehende Warnsignale ausreichend berücksichtigt wurden und inwieweit weltanschauliche Prägungen, Organisationskultur oder Netzwerkstrukturen problematische Entwicklungen möglicherweise begünstigt haben.

Unseres Erachtens reichen die Vorgänge deutlich über einen Einzelfall hinaus. Sie werfen grundsätzliche Fragen zum zunehmenden Engagement christlich-fundamentalistisch geprägter Organisationen im Bereich Sozialer Arbeit (auch im Erwachsenenbereich!), zu staatlicher Aufsicht sowie zu Qualitäts- und Schutzstandards auf. FundiWatch veröffentlichte hierzu bereits im Sommer 2025 die von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderte Broschüre „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit – Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit“, in der wir bereits auf Mission Freedom, das Haus SeeNest und relevante Netzwerke eingingen.

Wichtig ist uns abschließend: Im Mittelpunkt der hiesigen Kritik stehen nicht individuelle religiöse Überzeugungen einzelner Personen – auch wenn diese selbstverständlich ebenfalls Gegenstand von Kritik sein dürfen. Im Fokus steht vielmehr die Frage, wie weltanschaulich geprägte Organisationsformen, Arbeitsweisen und Machtstrukturen im Bereich Sozialer Arbeit wirken – insbesondere dort, wo Menschen in Abhängigkeits- oder Schutzverhältnissen leben und nach Unterstützung suchen.

Chronologie der Ereignisse

(Stand: 13.06.2026)

09.02.2026:
Meldungen ehemaliger Mitarbeitender der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH über Missstände im Haus SeeNest erreichen die Regierung von Schwaben als zuständige Heimaufsicht. Die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH und die pädagogische Heimleitung werden von der Heimaufsicht angehört.

05.03.2026:
Die Heimaufsicht erlässt ein Tätigkeitsverbot für die bisherige pädagogische Leitung des SeeNest und ordnet den Sofortvollzug der Maßnahme an.

12./24.03.2026:
Die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH legt Widerspruch gegen das Tätigkeitsverbot ein. Kurz darauf geht sie im Wege eines Eilverfahrens vor dem Verwaltungsgericht Augsburg gegen den Sofortvollzug des Tätigkeitsverbots vor.

13.04.2026:
Das Verwaltungsgericht Augsburg weist den Antrag der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH in einem Beschluss (Az. Au 3 S 26.987) zurück. Das Tätigkeitsverbot gegen die pädagogische Leitung bleibt in Kraft.

15.04.2026:
Auf der Webseite christliche-jobboerse.de veröffentlicht die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH eine Stellenausschreibung für die pädagogische Leitung einer heilpädagogisch-therapeutische Wohngruppe im Allgäu. Die Position sei zunächst als „Interimsfunktion“ vorgesehen. Sie „könne – je nach Entwicklung – perspektivisch in eine längerfristige Zusammenarbeit übergehen„. Laut Profilbeschreibung wird u.a. erwartet: „Bereitschaft, die Arbeit auf Grundlage eines christlichen Menschenbildes mitzutragen„.

17.04.2026:
Das ortsansässige Jugendamt Oberallgäu nimmt alle sechs in der Einrichtung untergebrachten Kinder im Alter von 5 bis 11 Jahren in Obhut. Die Kinder werden anderweitig untergebracht.

24. – 26.04.2026:
Die Vorfälle werden durch diverse Medienberichte öffentlich: BR24 berichtet über die Inobhutnahmen von sechs Kindern in einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche im Oberallgäu. Auch die Allgäuer Zeitung und Antenne Bayern berichten über die Vorgänge und bereits in der Vergangenheit bestehende Kritik an der Einrichtung.

Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH) nimmt in einer Pressemitteilung auf die Vorgänge Bezug und warnt vor ideologischen Einflüssen auf die stationäre Jugendhilfe. Der DBSH fordert eine vollumfassende Aufklärung, strenge Aufsicht über entsprechende Einrichtungen und besseren Schutz vor Pseudowissenschaften in der Kinder- und Jugendhilfe.

Namen und Träger der Einrichtung werden in den Berichten nicht genannt. Aus den erwähnten Details ergibt sich jedoch eindeutig dass es sich um das Haus SeeNest in Immenstadt handelt. FundiWatch macht am 26.04. öffentlich, dass es sich bei der fraglichen Einrichtung um das zu Mission Freedom gehörende Haus SeeNest handelt, dessen Träger die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH ist.

Als Grund der Inobhutnahme nennen Heimaufsicht und Jugendamt auf Anfragen von FundiWatch „gewichtige Anhaltspunkte für eine mögliche Gefährdung des Kindeswohls“. Hierunter zählten laut Jugendamt „u.a. fragwürdige Erziehungsmaßnahmen, wie beispielswiese ein unangemessener Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen gegenüber den betreuten Kindern.

Auf spätere Anfrage von FundiWatch, warum die Inobhutnahmen erfolgten, obwohl die Heimleitung aufgrund des Tätigkeitsverbots bereits nicht mehr im SeeNest tätig sein durfte, teilt das Jugendamt mit, dass es aus Sicht des Jugendamtes Anhaltspunkte dafür gab, dass die Anwendung der fragwürdigen Erziehungsmaßnahmen gegenüber den betreuten Kindern nicht nur auf die Leitung beschränkt war.“ (Hervorhebung d.d.Verf.)

26.-29.04.2026:
Bereits zum dritten Mal findet der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt. Zu den Veranstaltern gehören neben Mission Freedom des Weiteren die Evangelische Allianz Deutschland (EAD), Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), return gGmbH, Aktion Hoffnungsland gGmbH und die Schönblick gGmbH. In einer Artikelserie berichten wir über den Kongress, an dem auch mehrere Politiker*innen teilnahmen.

Beobachter*innen berichten FundiWatch, dass die Vorgänge um das Haus SeeNest auf dem Kongress nicht öffentlich thematisiert wurden. Die Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH war zur Moderation des Films „Blinder Fleck“ vorgesehen, dem u.a. die Verbreitung verschwörungsideologischer Narrative über vermeintliche Fälle sog. ritueller Gewalt vorgeworfen wird (vgl. unseren Artikel hier).

30.04.2026:
Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Vorgänge und stellt ebenfalls den Bezug zum Haus SeeNest, der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH und Mission Freedom her.

Der BR berichtet erneut über den Fall und berichtet von 29 Polizeieinsätzen seit Eröffnung der Einrichtung. Ein Kind habe sich von einem Balkon abgeseilt, Nachbarn hätten immer wieder Hilferufe aus dem Heim gehört. [Edit: Ergänzung kurz nach Veröffentlichung:] Auf spätere Nachfrage von FundiWatch teilt die Heimaufsicht mit, ihr sei nur ein Polizeieinsatz wegen eines abgängigen Kindes bekannt. Angebliche weitere Einsätze seien der Behörde von keiner Seite gemeldet worden. Das ortsansässige Jugendamt teilt mit, ihr seien nur Meldungen aus dem Jahr 2024 bekannt, die eine einzelne Jugendliche betrafen. Die Polizei teilt auf Anfrage mit, alle Einsätze ordnungsgemäß gemeldet zu haben.

Gaby Wentland, die sich nicht öffentlich zu den Vorwürfen äußert, veröffentlicht auf ihrem Youtube-Kanal ein Predigtvideo unter dem Titel „Widerstände überwinden„.

02.05.2026:
Mission Freedom veröffentlicht zu den Vorgängen eine Stellungnahme auf seiner Homepage. Ehemalige Mitarbeitende hätten angebliche Missstände direkt an die Aufsichtsbehörde gemeldet, ohne zuvor das Gespräch mit der Einrichtungsleitung zu suchen. Eine von Mission Freedom im März beauftragte „externe Kinderschutzfachkraft“ habe nach Prüfung festgestellt, dass keine aktuelle Kindeswohlgefährdung vorliege. Durch die Inobhutnahmen seitens der Behörden seien die Kinder „retraumatisiert“ worden. Man bedaure die Entwicklungen und prüfe weitere Schritte.

03.05.2026:
Die taz berichtet über die Vorfälle. Die Regierung von Schwaben prüfe den Widerruf der Betriebserlaubnis für das Haus SeeNest. Zudem weist die taz auf eigene frühere Recherchen zu Zuständen in „Schutzhäusern“ von Mission Freedom für Betroffene von Menschenhandel und „Zwangsprostitution“ hin: Demnach hätten die Frauen nach Recherchen der taz keine weltliche Musik mehr hören dürfen, ihr Handy abgeben müssen und nicht ohne Begleitung das „Schutzhaus“ verlassen dürfen.

04.05.2026:
In einer Anfrage zum Plenum im Bayerischen Landtag richtet die Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel (Bündnis 90 / Die Grünen) Fragen an die Bayerische Staatsregierung zu den aktuellen Vorkommnissen im Haus SeeNest.

Unter anderem fragt Triebel, ob beabsichtigt sei, die Betriebserlaubnis zu widerrufen und wie die Grundkonzeption des Trägers Mission Freedom nach den Vorfällen neu bewertet werde, auch im Hinlick auf Forderungen des DBSH, eine Trennung von missionarischem Eifer und professioneller Unterstützung zu gewährleisten.

Die Staatsregierung verweist in ihrer Antwort auf das laufende Verfahren, dessen Ergebnis abgewartet werden müsse. Die Vorfälle stünden laut Rückmeldung der Heimaufsicht „wohl in keinem Zusammenhang mit der religiösen Ausrichtung des Trägers„.

04./05.05.2026:
Erstmals greifen Medien aus dem christlichen Umfeld die Vorgänge auf: Die evangelikalen Magazine pro und Idea (hier und hier) berichten über die Vorgänge und die Kritik von Mission Freedom an dem behördlichen Vorgehen.

Gegenüber Idea teilt der Verein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) – einem Bündnis von knapp 40 Organisationen, bei dem auch Mission Freedom Mitglied und in dessem Vorstand Gaby Wentland vertreten ist – mit, Wentland lasse ihr Vorstandstätigkeit bei ggmh bis zur Klärung der aktuellen Vorwürfe ruhen.

Der Bericht von Idea wird auch im Newsletter des Arbeitskreis Religionsfreiheit – Menschenrechte – Verfolgte Christen der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) wiedergegeben.

05.05.2026:
Mission Freedom ergänzt auf seiner Webseite die Stellungnahme zum Haus SeeNest durch ein knappes Update: „Aufgrund der weiteren Entwicklungen wurde der Betrieb eingestellt. Der Träger wird zudem keine weiteren rechtlichen Schritte mehr verfolgen.

10.05.2026:
Durch Beschluss des Amtsgerichts Hamburg (67c IN 195/26) wird für die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt.

11.05.2026:
Auf Anfrage bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Kempten erfährt FundiWatch, dass diese ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener eingeleitet hat. Aktuell werde gegen eine Person ermittelt. Das Ermittlungsverfahren wurde laut Staatsanwaltschaft „auf Grund des Ergebnisses geführter Vorermittlungen eingeleitet, welches im Zusammenhang mit der Presseberichterstattung über die Inobhutnahme von Kindern im Haus SeeNest geführt wurde.“

12.05.2026:
Eine dpa-Mitteilung, die u.a. von der Zeit und weiteren Medien wiedergegeben wird berichtet über die Vorgänge im Haus SeeNest und die Einleitung des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens gegen die Heimleitung. Die Wohnung einer beschuldigten Person sowie die Einrichtung selbst seien durchsucht worden.

Am gleichen Tag teilt die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg (KJF) gegenüber FundiWatch mit, dass die KJF den mit Mission Freedom bestehenden Mietvertrag über das Haus SeeNest nach den Inobhutnahmen fristlos gekündigt habe.

21.05.2026:
Auf Anforderung beim Verwaltungsgericht Augsburg erhält FundiWatch die bereits erwähnte Gerichtsentscheidung vom 13.04.2026 zum Sofortvollzug des Tätigkeitsverbots gegen die Heimleitung übersendet. In der Entscheidung werden erschütternde Behandlungsmethoden geschildert. Aus der Entscheidung geht zudem hervor, dass die Handlungen offenbar unter Mitwirkung verschiedener Mitarbeitender vorgenommen wurden und sich offenbar über einen längeren Zeitraum zugetragen haben.

FundiWatch weist verschiedene Medien auf die Gerichtsentscheidung hin, was in den nächsten Tagen u.a. von der Süddeutschen Zeitung, dem Bayerischen Rundfunk und der Allgäuer Zeitung in Berichten über den Inhalt des Gerichtsbeschlusses aufgegriffen wird.

28.05.2026:
Das Hamburger Abendblatt berichtet, dass die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH Insolvenz angemeldet habe und geht ausführlich auf die Hintergründe der Vorgänge ein. Die Regierung von Schwaben habe gegenüber der Zeitung mitgeteilt, einen etwaigen Widerruf der Betriebserlaubnis für das Haus SeeNest nun abschließend geprüft zu haben und jetzt zu beabsichtigen, die Erlaubnis zu widerrufen. Die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH habe angekündigt, die Erlaubnis „zurückzugeben“. Eine Sprecherin von Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) habe mitgeteilt, dass Gaby Wentland ihr dortiges Vorstandsamt niedergelegt habe.

Nach Recherchen von FundiWatch wird Gaby Wentland auf der Webseite von ggmh tatsächlich nicht mehr als Mitglied des Vorstands gelistet. Mission Freedom selbst wird hingegen weiterhin als Mitgliedorganisation von ggmh geführt. Das Titelbild der Seite zeigt Wentland weiterhin gemeinsam mit den weiteren Vorstandsmitgliedern Frank Heinrich (ehem. MdB, CDU), Gerhard Schönborn (Neustart e.V.), Heike Menzel-Kötz (Blickfeld Menschenhandel e.V.), Klaus Engelmohr (Augsburger / innen [sic!] gegen Menschenhandel) und Angela Fischer (Heilsarmee Deutschland).

29.05.2026:
Die taz veröffentlicht zu den Vorgängen um das Haus SeeNest einen Kommentar der Redakteurin Eiken Bruhn unter dem Titel „Glaube an Jesus reicht nicht, um ein Kinderheim zu betreiben“. In dem Kommentar kritisiert Bruhn die Erteilung der Betriebserlaubnis für das Haus SeeNest im Hinblick auf bereits seit Jahren bekannte Kritik. Hierzu weist sie auch auf eine öffentliche Distanzierung von Mission Freedom seitens Hamburger Stellen hin und verweist dazu auf Berichte der taz bereits aus dem Jahr 2013.

01.06.2026:
Der Fachverband Traumapädagogik e.V. teilt auf Anfrage von FundiWatch mit, man habe den Vorstandsbeschluss gefassst, die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH mit sofortiger Wirkung aus dem Fachverband auszuschließen. Zu unseren Nachfragen unter welchen Voraussetzungen eine Organisation aus dem Verband ausgeschlossen werden könne geht der Verband nicht näher ein, teilt jedoch mit, dass man zu internen Prozesse „in ständiger Reflexion und Weiterentwicklung und in dieser Hinsicht auch im Austausch im kooperierenden Fachgesellschaften“ sei.

03.06.2026:
Die Webseite 2mind.org mit christlichem Hintergrund berichtet unter Bezugnahme auf einen aktuellen Newsletter von Mission Freedom: Mission Freedom habe darin mitgeteilt, einige „Veränderungen vorgenommen“ zu haben. So sei dem Haus SeeNest die Betriebserlaubnis entzogen worden und die pädagogische Leitung des Hauses sei freigestellt worden. Die verantwortliche Geschäftsführerin verlasse den Verein.

FundiWatch konnte diese Angaben bisher noch nicht überprüfen. Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH ist Inga Gerckens, die nach eigenen Angaben bereits seit 10 Jahren für Mission Freedom tätig ist und die dortigen „Schutzhäuser“ leitet.

Edit (13.06.): Der erwähnte Newsletter von Mission Freedom vom 31.05.2025 liegt FundiWatch mittlerweile vor. Tatsächlich heißt es in dem Newsletter – in dem auch über den Freiheit Kongress berichtet wird – unter der Überschrift „Wir nehmen einige Veränderungen vor“: Gaby Wentland habe im Januar 2026 Rückmeldungen ehemaliger Mitarbeitender zur pädagogischen Leitung im Haus SeeNest erreicht. Diese seien „verantwortungsvoll an die Regierung von
Schwaben weitergegeben“ worden. Anschließend seien verschiedene behördliche Schritte eingeleitet worden. Trotz des eigenen „Einsatzes“ und eines eingelegten Widerspruchs seien die Entscheidungen der Regierung von Schwaben bestehen geblieben. Schließlich seien die Inobhutnahmen erfolgt und kurz darauf die Genehmigung zum Betrieb der Einrichtung „entzogen“ worden. Die Entwicklung bewege Mission Freedom sehr. Gleichzeitig blicke man „dankbar auf alles, was im Haus SeeNest mit Herz, Einsatz und Hingabe aufgebaut wurde“. Schließlich wird mitgeteilt, dass Inga Gerckens, die Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH und langjährige Leiterin der „Schutzhäuser“ von Mission Freedom sich Ende Juli „neuen beruflichen Wegen widmen“ werde.
Mission Freedom wünsche Gerckens, deren Arbeit Mission Freedom „nachhaltig geprägt“ habe „alles Gute und viel Segen für Ihre Zukunft„. Mit Mission Freedom erlebe man seit 15 Jahren, wie „Gott Mission Freedom und leitet„. Man vertraue darauf, „dass Gottes Wirken weitergeht„. Gaby Wentland wolle künftig „besonders in die Ausbildung neuer Mitarbeiterinnen investieren, damit noch mehr betroffene Frauen kompetent, liebevoll und hoffnungsvoll begleitet werden können„.

Die Aussage, Gaby Wentland selbst sei im Januar von ehemaligen Mitarbeitenden auf Vorfälle hingewiesen worden und habe die Behörden informiert, widerspricht den bisherigen Äußerungen der Regierung von Schwaben und der eigenen Stellungnahme von Mission Freedom. In der Stellungnahme von Mission Freedom auf dessen Webseite heißt es: „Anfang Februar meldeten ehemalige Mitarbeitende angebliche Missstände direkt an die Aufsichtsbehörde, ohne zuvor das Gespräch mit der Einrichtungsleitung zu suchen.“

Auf Anfrage von FundiWatch bei der Regierung von Schwaben teilte diese mit, die Betriebserlaubnis sei nicht im engeren Sinne „entzogen“ worden. Da die Erlaubnis gebäudebezogen erteilt wurde, der Mietvertrag für das Haus SeeNest durch die Katholischen Jugendfürsorge der Diözese mittlerweile jedoch fristlos gewkündigt wurde, sei die Erlaubnis erloschen. Hierüber habe die Behörde am 03.06.2026 einen Feststellungsbescheid gegenüber der Trägerin erlassen. Unabhängig davon habe die Behörde bereits die Voraussetzungen für den Widerruf der erteilten Betriebserlaubnis abschließend geprüft und beabsichtigt, die Betriebserlaubnis zu widerrufen. Aufgrund des Erlöschens der Betriebserlaubnis bedürfe es des Widerrufs nun jedoch nicht mehr. Zum Tätigkeitsverbot gegen die pädagogische Heimleitung habe die Trägerin erklärt, das Verfahren derzeit wegen der angemeldeten Insolvenz der Trägerin Himmelsstürmer Deutschland gGmbH nicht weiterzuführen. Da die Behörde nicht davon ausgehe, dass die Trägerin das Widerspruchsverfahren wieder aufnehmen wird, sei insofern für die Regierung von Schwaben das Verfahren insgesamt abgeschlossen.

05.06.2026:
Die Vorgänge im Haus SeeNest werden von Boulevard-Medien aufgegriffen: Die BILD-Zeitung berichtet über den Fall, zeigt vermeintliche Innenaufnahmen des Haus SeeNest und ein verfremdetes Bild der pädagogischen Leitung des SeeNest, die sich gegenüber der Zeitung nicht zu den Vorwürfen äußern wollte. Das Haus SeeNest mache mittlerweile einen verlassenen Eindruck, ein polizeiliches Sigel an der Eingangstür sei mittlerweile gebrochen. Nachbarn hätten berichtet, Mitarbeitende hätten tagelang Umzugskisten in ein Haus in der Nähe gebracht.

08.06.2026:
Auf Anfrage von FundiWatch teilt die Diakonie Hamburg mit, dass ein satzungsgemäßes Verfahren zur Beendigung der Mitgliedschaft von Mission Freedom bei der Diakonie Hamburg eingeleitet wurde. Mission Freedom habe daraufhin im Zusammenhang einer Anhörung „ohne auf die Vorwürfe einzugehen“ seinerseits um Austritt aus dem Landesverband gebeten. Man habe sich nun auf eine einvernehmliche Aufhebung der Mitgliedschaft zum nächstmöglichen Zeitpunkt zum 30.06.2026 verständigt.

Auf Anfrage von Fundiwatch nimmt die Staatsanwaltschaft Kempten zum Stand der Ermittlungen Stellung: Die Staatsanwaltschaft habe „auf Grund der Presseberichterstattung Anfang Mai 2026“ zunächst ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet. Die Vorermittlungen führten zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen die (ehemalige) pädagogische Heimleiterin wegen des Anfangsverdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen. Die Ermittlungen dauern an. Auf Grund der bereits vorliegenden Ermittlungsergebnisse, Angaben von Zeugen und unter Berücksichtigung, dass die Heimleitung zum Zeitpunkt der Inobhutnahmen bereits nicht mehr in der Einrichtung tätig war, werde geprüft, ob die Ermittlungen gegen weitere Personen wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen von Amts wegen ausgeweitet werden müssen. Zudem prüfe die Staatsanwaltschaft auf Grund einer Anzeigeerstattung, „ob gegen angezeigte Personen ein Anfangsverdacht strafbaren Handelns besteht und ob Ermittlungen einzuleiten sind„. Die Frage von FundiWatch, ob die Staatsanwaltschaft – statt von den Vorgängen aus der Presse zu erfahren – erwartet oder sich gewünscht hätte, hierüber durch die Regierung von Schwaben oder das Jugendamt Oberallgäu informiert zu werden, könne die Staatsanwaltschaft nicht beantworten, da „es nicht Aufgabe der Staatsanwaltschaft ist dies zu kommentieren„.

Die Aktion Mensch, die die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH als Träger des Haus SeeNest gefördert hat, teilt auf Anfrage von FundiWatch mit, dass nicht ausgezahlte Mittel derzeit nicht weiter ausgezahlt werden. Bereits nach öffentlicher Kritik an der Erteilung der Betriebserlaubnis hatte man eine Vor-Ort-Besichtigung der Einrichtung durchgeführt. Dabei seien „einzelne Aspekte vertieft betrachtet und im weiteren Verlauf aufmerksam begleitet“ worden. Zum damaligen Zeitpunkt hätten jedoch keine belastbaren Erkenntnisse vorgelegen, „die eine Beendigung der Förderung auf rechtlich tragfähiger Grundlage gerechtfertigt hätten„. Gleichwohl hatte sich Aktion Mensch im Anschluss mit der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH darauf verständigt, dass Fördersigel der Aktion Mensch von der Homepage der Himmensstürmer zu entfernen. Die Förderung selbst wurde jedoch fortgeführt. Eine wesentliche Veränderung der Sachlage habe sich erst im Frühjahr 2026 durch Maßnahmen der zuständigen Behörden im Zusammenhang mit den Inobhutnahmen ergeben. Vor diesem Hintergrund habe man unverzüglich reagiert. Nun sei der Träger gesperrt, und etwaige weitere Schritte – einschließlich möglicher Rückforderungen – würden aktuell rechtlich geprüft.

10.06.2026:
RTL berichtet über die Vorwürfe gegen das Haus SeeNest sowie die Kritik an Mission Freedom und interviewt Matthias von FundiWatch, der bereits seit langem zu dem Verein recherchiert. Bei der Ausstrahlung bei RTL Punkt 12 wurde noch ein Predigtausschnitt von Gaby Wentland gezeigt, in dem sie über den Satan predigt und empfiehlt, keine Medien mehr zu konsumieren (ist in der Mediatheksfassung nicht mehr enthalten). Die Aussage von Matthias zu den Befreiungsdiensten bezog sich insbesondere auf den Befreiungsdienst SOZO, in dem sich Gaby Wentland und die Geschäftsführerin der Himmesstürmer Deutschland gGmbH haben schulen lassen. Ob diese Praxis tatsächlich im Haus SeeNest angewendet wurde, ist uns nicht bekannt.

„Ich werde Dich zu Tode lieben“

Christlicher Fundamentalismus in Hamburg: Vom Elbschlosskeller über Mission Freedom ins Gebetshaus Hamburg und zurück

„Ich werde Dich zu Tode lieben“– diesen Satz schleudert Daniel Schmidt jedem entgegen, der ihm aufs Maul hauen will. Diese und viele weitere Geschichten erzählt er in seinem jüngsten Buch „Löwengrube“. Schmidt ist Ausdruck des wieder erstarkenden Einfluss von christlich-fundamentalistischen Einflüssen auf Stadtteile wie St. Georg und St. Pauli. Dort wo die Kontraste zwischen der heilen Welt christlicher Rettungsversprechen und Armut, Ausbeutung und Ausgrenzung besonders groß sind, haben wir recherchiert.

Quelle Instagram danielkellerkind

Intro: Der „Kneipenchrist

Wer ist Daniel Schmidt? Hauptberuflich Selbstdarsteller, Wirt des „Elbschlosskellers“ und weiterer kieznaher Szenekneipen auf Hamburg-St. Pauli und einer, der überall auf St. Pauli seine Finger mit im Spiel hat. Seit einigen Jahren stellt er dafür seinen neu erweckten Glauben ins Schaufenster. Schmidt hat einige Bücher veröffentlicht und ist sicher das, was man gern Multiplikator nennt: Kieztouren, Kneipen, ein Verein und dazwischen immer wieder sein Glauben.

Diesen Glauben lebt er in ziemlich konservativen Kirchen und Gemeinden aus. Warum dieser Aspekt nie thematisiert wird, fragen wir uns. Denn hinter „Jesus“ hier, „Gott“ da, stecken eng miteinander verbundene Aktivitäten, Personen und Anliegen.

Schmidts große Reichweite in den (Sozialen) Medien, ein auf den ersten Blick selbstloses soziales Engagement und seine zunehmende Präsenz in öffentlich-rechtlichen Formaten machen aus ihm einen weiteren Christfluencer. Weniger pastell ist Schmidts Mikrokosmos sicherlich: Anders als bei Jana Hochhalter & Leonard Jäger – zwei wichtige Sprachrohre eines „bibeltreuen“, konservativen bis rechtschrichstlichen Christentums – begegnet uns hier eine Ästhetik aus Schmutz, Gestank und Scheitern. Für Medienschaffende ist das attraktiv. Solche Stories, wie die von Schmidt clicken: 2024 war Schmidt sogar Protagonist der NDR-Doku: „Im Auftrag Gottes auf der Reeperbahn“. Dass dieser Titel ganz ohne Fragezeichen daherkommt, wundert bisher anscheinend nur uns. Denn wie gesagt: kritische Einordnung ist bei diesem Thema Mangelware.

Fundis? – Wir doch nicht!

Schmidts Umkreis, Gemeinden, die er besucht, die Prediger*innen mit denen er verkehrt – sie begegnen uns in den Recherchen von FundiWatch immer wieder.

Das evangelikale rechts-konservative Medium Idea widmete Schmidt nicht ohne Grund 2025 ein Porträt. Die ZEIT-Beilage „Christ und Welt“ war damit zwei Jahre früher dran. Der Tenor 2025 ist – also nach Trump II, dem Project 2025 und Paula Whites exzessiven Gebeten im Oval Office – weiterhin der Gleiche: Schmidt wird medial als Lichtblick im Schmutz von St. Pauli inszeniert. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Fundis, das sind die Anderen – wird doch nicht!

Frohe und nächstenliebende Botschaften begegnen uns während der Recherche Seite an Seite mit rücksichtloser Vermarktung von Tod, Gewalt und Schicksal. Sei es das Jubiläum „400 Jahre Reeperbahn“ – die neueste Marketingkampagne für St. Pauli – oder der Totschlag an einem Mitarbeiter aus dem Elbschlosskeller. Schmidt zieht aus diesen Ereignissen Stoff für neue, von maskulinem Ego nur so strotzende Reels. In einem spendiert er, unterm „Jesus lebt“ Schriftzug am Gebäude der Heilsarmee in der Talstraße stehend, jemandem einen Haarschnitt. Der Beschenkte drückt sich im Hintergrund unsicher und etwas beschämt aus dem Fokus der Kamera. Schmidt dagegen voller Inbrunst und frei von Selbstzweifeln über dieses ich-bezogene Zurschaustellen seiner „Geschenke“. So ist die Rezeptur vieler solcher Filmchen. Das ist die „Daniel Schmidt Show“ in der die eigentlichen Protagonisten der Geschichte zur Kulisse verblassen.

In der bereits erwähnten NDR-Doku lässt sich Schmidt, umringt von Kameras, den Slogan „Jesus is King“ in den Nacken tätowieren. So leibt und lebt Schmidt: Religiöse Überzeugungen werden öffentlichkeitswirksam ausgeschlachtet. Seine Bücher ventilieren die immer gleichen Geschichten aus unterschiedlichen Blickwinkeln, seiner Popularität tut Wiederholung aber keinen Abbruch.

Die „Daniel Schmidt Show“

Schmidts Glaube: An sich Privatsache – oder? Doch die berechnende Inszenierung machte uns stutzig. Hyper-Moral, Drama und Selbstgerechtigkeit fließen in der Figur des „Löwengruben-Daniel“ zusammen. Der „Elbschlosskeller“ als Vorhof der Hölle, Daniel als Retter mittendrin. Exakt diese Vermengung von Selbsterzählung und gesellschaftlichen Anliegen zeichnet auch jene Prediger*innen und Missionar*innen aus, denen wir große Teile der Aufklärungsarbeit von FundiWatch widmen.

Spoiler: Schmidts Elbschlosskeller-Mikrokosmos und sein – nicht ganz selbstloses und nicht immer ganz glaubwürdiges – Engagement passen perfekt in das Setting Hamburg. Nicht nur auf St. Pauli und der Reeperbahn, aber dort besonders, nimmt die christlich-fundamentalistische Mission seit einiger Zeit wieder Fahrt auf.

Unsere bisherigen Recherchen zu Hamburg und Norddeutschland kreisten um Missionsdienste, wie Operation Mobilisation (OM) – deren Schiff „Logos Hope“ in wenigen Tagen im Hamburger Hafen anlanden wird (dazu bald mehr!) – Gottesdiensten im Strip Club und Pastorengattinnen auf „Prostituierten-Rettungstour“.

Quelle: Instagram kiezkirche_sanktpauli

Biotop St. Pauli

Nun „feiern“ wir einige Wiedersehen, zum Beispiel mit dem Ehepaar Häsler sowie dem “Kiezpastor“ Frank Hoffmann, und werfen einen Blick auf die auch Gemeinden innerhalb der Evangelischen Ortsallianz Hamburg.

Das Biotop rund um Reeperbahn und Partymeile – also dem, wie Madeleine Häsler es ausdrückt: „Tummelplatz der Dämonen“ – hat uns bereits vor einem Jahr intensiv beschäftigt. Nachzulesen sind unsere damaligen Ergebnisse in der Handreichung „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit“.

Nehmen Medienschaffende Bezug auf St. Pauli, fallen Attribute wie Rotlichtviertel, Ausgehkiez oder „Sündige Meile“. Für Menschen wie Schmidt, Häsler oder Hoffmann werden St. Pauli oder St. Georg, so beobachten wir es, zu einer Blaupause. Kiezpastoren und selbsternannte missionierende Heilsbringer finden in diesen verruchten Herzkammern der Versuchung den für sie idealen Einsatzort, andere verklären den Kiez zum Sehnsuchtsort. St. Pauli ist aber auch eine Marke und eine Business Opportunity. Und die geht einher mit einer Verkaufsstrategie, einer Erzählung, die immer weiter gesponnen werden muss. Eine Konstante dieser Erzählungen sind „Randständige“, Bedürftige und marginalisierte Communities. Sie werden zu einer Kulisse für die sich selbst überhöhende Selbstdarstellung der genannten Personen aus dem freikirchlichen, evangelikalen Spektrum bis in die Amtskirchen hinein.

Wie verwoben und verbunden die genannten Personen untereinander sind, war neu für uns. Wir sind darauf über das Buch von Daniel Schmidt gestoßen. Nebenbei haben wir beim Verfolgen der gemeinsamen Aktivitäten und Auftritte auch mehr Aufschluss darüber erhalten, wie lange sie bereits still und leise ankommen und immer mehr Raum einnehmen. Wieso lässt dieser erzkonservative Roll-Back die eigentlich lebendige und wachsame Hamburger Zivilgesellschaft so kalt? Worin unterscheidet sich Selbstverharmlosung der Fundis eigentlich von der extremen Rechten – oder sind beide füreinander anschlussfähig?

Feuer und Flamme für eine konservative religiöse Wende

Kurze Stippvisite in Bayern:

Anfang des Jahres 2026 berichteten zahlreiche Medien über das mehrtägige Glaubensevent „MEHR – Konferenz“ des Gebetshaus Augsburg. Die unter der Leitung des katholischen Theologen Johannes Hartls stehende „Konferenz“ rückte noch einmal besonders in den zivilgesellschaftlichen und medialen Fokus, weil sich dort zum Beispiel Ellen Kositza samt Familie blicken ließ. Kositza ist eine zentrale Figur der Neuen Rechten.

Die Berichterstattung rund um die „MEHR“ passte überwiegend in ein eingeübtes Schema. Populismus und Sehnsucht nach der Antimoderne werden dabei als Ausnahmen oder Ausrutscher innerhalb einer an sich harmlosen Spiritualität dargestellt. So verfahren Teile des Journalismus seit langem auch mit menschenfeindlichem Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft. Nicht nur im Journalismus, aber dort mit großer Reichweite werden zusätzlich sehr konservative bis reaktionäre Ansichten regelmäßig als legitime Äußerungen innerhalb eines demokratischen Meinungsspektrums definiert. Die Landeskirchen beteiligen sich daran, mal mehr – mal weniger, indem sie ultra-konservative Vertreter einladen und hofieren. Da geht es dann mal um „Ökumene“, mal um ein zunehmend verzweifelt klingendes „gemeinsam gegen den Faschismus“. Parallelen zum Versagen beim „politischen Stellen“ der extremen Rechten durch radikalisierte Konservative, wie es die CDU/CSU seit 15 Jahren gebetsmühlenartig proklamiert, sind – natürlich – rein zufällig?

Rechtes Christentum – bei „uns“ doch nicht!

Was meinen wir bei FundiWatch, wenn wir die Zusammenhänge zwischen sehr konservativen bis reaktionären Ansichten, menschenfeindlichem Gedankengut und die Verbindungen ins rechte Christentum oder den christlichen Fundamentalismus thematisieren?

Beispielsweise vielfaltsfeindliche Haltungen gegenüber sexueller Selbstbestimmung, emanzipierter Lebensführung sowie die ausgesprochen skeptische bis offen feindselige Einstellung gegenüber Muslim*innen. Aber auch Rollenbilder aus dem letzten Jahrhundert, Moralpaniken und als Rettung getarnte Bekehrungsabsichten unter vulnerablen Personengruppen. Wir erkennen darin Einfallstore für die Ausweitung von Einfluss der angesprochenen Kräfte. Gleichzeitig sehen wir, weite Teile der Gesellschaft verfügen über (zu) wenig Wissen und Informationen, um diese Strategien zu erkennen und dort, wo nötig zu intervenieren.

…und in Hamburg doch erst recht nicht!

Manchmal reicht schon der Hinweis auf die geografische Lage eines Orts, um sich zu entlasten, statt zu intervenieren. Ein Beispiel? Die Stadt Augsburg liegt bekanntlich in Bayern und ist der Standort von Johannes Hartls „Gebetshaus“. Allein die Lage der Stadt dient manchen Menschen bereits als Ausflucht, indem sie sagen: Christlicher Fundamentalismus ist kein gesamtdeutsches oder europäisches Problem. Das ist eben Bayern… oder mit Blick auf die sog. Lebensschutzbewegung: Annaberg-Buchholz… oder… Neumünster.

Zurück nach Hamburg: Gerade das norddeutsche – zumal das hanseatische – Selbstverständnis ist eines, das sich ziemlich säkular und weitgehend erhaben über christlichen Fundamentalismus empfindet. Fundis, die gibt es im Süden, in Baden-Württemberg oder in Bayern. Bei „uns“ doch nicht.

Aber stimmt das? In Hamburg gibt es seit mehr als einem Jahrzehnt auch ein Gebetshaus, ähnlich wie das von Hartl in Augsburg. Und zwar eines, das in vielerlei Hinsicht viel näher dran am Augsburger ist, als viele sich eingestehen möchten. Der Zweck des Gebetshauses klingt erstmal unbedenklich: 24h täglich – 7 Tage die Woche – 365 Tag Gebet.

Verfolgte Christen?

Wofür gebetet wird, ist dann schon interessanter: Verfolgte Christen zum Beispiel. Damit hätten wir ein weiteres Leitmotiv erwähnt, das FundiWatch immer und immer wieder begegnet: Kritik und Einwände gegen ein sehr selbstbewusstes Auftreten oder Vordringen solcher Gemeinden, werden mit Hass und Verfolgung gleichgesetzt.

Berichten wir kritisch über Olaf Latzels Auftritte in Bremen, wird uns per Leserbrief[i] Hass unterstellt. Thematisieren wir den Skandal um Kindeswohlgefährdung im SeeNest unter dem Podcastauftritt eines ehemaligen Salutisten und Vorstandmitglied der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) und langjährigem Vorstandsmitglied von Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), der nicht nur einmal oder zufällig das Anliegen von Gaby Wentlands Verein Mission Freedom in der Öffentlichkeit vertreten hat, wird uns geantwortet, dass es ja um was anderes („gemeinsam gegen den Faschismus“) ginge und wir nur unsere Arbeit „platzieren“ (aka unbezahlte Werbung) wollten.

Die Selbstvergessenheit solcher Abwehrbewegungen von Kritik ist enorm. Für solches harmonisches Beisammensein werden die (Selbstbestimmungs-)Rechte bestimmter Personen gern selbstgefällig beiseitegeschoben. Und wieder ist die Selbstverharmlosung gelungen.

Hartl und das Gebetshaus Hamburg

Johannes Hartl selbst ist als Person durchaus eng mit der Entstehungsgeschichte des Gebetshaus Hamburg verbunden. 2014 und 2015 lud Gemeinsam für Hamburg, also die Ortsallianz der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) in Hamburg, ihn als Hauptsprecher zu Gebetstagen und einer Jahreskonferenz ein. Über die Jahreskonferenz 2015 heißt es heute auf der Homepage des Gebetshaus Hamburg:

„Viele Leute wurden durch diese Konferenz geprägt. Sie trug maßgeblich dazu bei, dass schließlich die Entscheidung getroffen wurde, das Gebetshaus Hamburg zu gründen.“

Aber was wäre eine gute Fundi-Geschichte ohne ein bisschen Vision und Prophezeiung?

„Es begann mit einem Pastor, dessen Herz für die Stadt Hamburg brannte. Er war gut vernetzt (…) 2011 wurde ein prophetisches Bild an den Pastor herangetragen: In der Stadt brannten viele kleine Flammen. Von hoch oben sah es aus, als wäre die ganze Stadt erleuchtet und die vielen kleinen Flammen sahen zusammen aus wie ein großes Feuer. (…) Ein paar Wochen später kam eine Frau auf ihn zu. Sie erzählte ihm davon, dass sie mit einer kleinen Gruppe an Leuten schon mehrere Jahre wöchentlich für die Entstehung eines Gebetshauses in Hamburg betete. Nun hatte sie den Eindruck, dass die Zeit gekommen sei und das Gebetshaus in Existenz kommen sollte. Auch sie hatten von dem Eindruck mit den vielen kleinen Flammen, die von oben wie ein großes Feuer aussahen, gehört und bezogen ihn konkret auf das Thema Gebet in Hamburg. Mutig und entschlossen im Glauben, erstellte die Frau mit ihren Mitbetern ein Logo. Auch schrieben sie schon eine mögliche Vereinssatzung, um die Sache ins Rollen zu bringen. Bei ihrem Gespräch mit dem Pastor gab sie ihm all das vorbereitete Material mit den Worten, dass sie vom Heiligen Geist gehört habe, dass es an ihm sei, sich nun darum zu kümmern und die Verantwortung für die Gründung zu übernehmen.“

Quelle: https://web.archive.org/web/20160306203937/http://gebetshaus-hamburg.de/

Das oben abgebildete alte Logo des Gebetshaus Hamburg lässt sich durchaus als Verbildlichung dieses „prophetischen Bilds“ verstehen. Kürzlich wurde es dennoch durch ein neues ersetzt.

Bei Johannes Hartl hören die Anknüpfungspunkte zu christlich-fundamentalistischen Netzwerkkonstellationen aber nicht auf. Personen wie Hartl sind Bindeglieder, die uns immer wieder in unserer Recherche begegnen. Was in den Medien regelmäßig wie zufällig erscheint und kontextlos berichtet wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen nicht selten als Verflechtung. Und solche Geflechte sind keine Ausnahme, sondern die absolute Regel.

Auch Gaby Wentland vom umstrittenen Verein Mission Freedom e.V. tritt ab und an im Gebetshaus Hamburg auf. Zuletzt ist von ihr eine Predigt von vor rund einem Jahr auf Spotify abrufbar. Neben Gerede über ein vermeintlich „falsches Geschlecht“:

„…wenn dann irgend so ein Idiot, wollte ich gerade sagen, kommt und ihnen erklären will, dass sie im falschen Geschlecht sind, dass sie sagen: ‚nein, nein, nein, nein, mein Jesus hat gesagt: ich bin ein Junge und ich weiß, ich bin ein Junge‘. So stark sollen sie werden“

(ca. min 12:30, Satzzeichen für Lesbarkeit ergänzt)

 …geht es dort bald auch um Wentlands Herzensthema: Die Errettung von Menschen aus der „Prostitution“:

„Ich wollte in Hamburg im Rotlicht nicht nur den Mädchen von Jesus erzählen, was wir ja viele Jahre gemacht haben, wir waren jede Woche unterwegs, über viele Jahre in Sankt Georg (s. Exkurs Hansaplatz, Anm. FundiWatch) und haben den Mädchen von Jesus erzählt, haben für sie gebetet. Ich wollte den schweren Jungs, den Zuhältern, den Bandidos und den Hells Angels und wie sie alle so heißen, wollte ich von Jesus erzählen. Und dann hab ich gesagt: ‚Herr, kannst du mir helfen, wie kann ich das machen?‘“

(ca. min 14:30, s.o.)

Ja, wie? Was dann 2019 geschah, erzählen wir am Ende dieses Artikels – also dranbleiben!

Skandale perlen an Wentland ab – wie lange noch?

Die umstrittene Predigerin Gaby Wentland von Mission Freedom e.V., Predigerin in der Freien Christengemeinde Hamburg-Neugraben, gehörte schon früh zum Leiterteam von Gemeinsam für Hamburg.

Im November 2014 veranstalteten sie und Gemeinsam für Hamburg einen Kongress unter dem Titel „Aufstehen gegen Menschenhandel“ – und zwar an illustrem Ort, dem Hamburger Michel. Bis heute sind sie und ihre Organisation unter „Werken“ auf der Homepage von GfH gelistet.

Wentland stand nur wenige Monate vor dem Kongress im Mittelpunkt kritischer Berichterstattung rund um ihren Verein Mission Freedom. Vorwürfe der religiösen Indoktrinierung vulnerabler Personen, Lügengeschichten über vermeintliche Opfer von Kindesmissbrauch und queerphobe sowie erzkonservative Predigtinhalte wurden gegenüber Wentland und Mission Freedom erhoben, geprüft und beschäftigten neben dem Landeskriminalamt auch die Hamburger Bürgerschaft. Offiziell gibt es bis heute keinerlei Kooperation mit Mission Freedom, obwohl der Verein anstrebte, ins offizielle Hilfenetzwerk der Stadt aufgenommen zu werden.

Die Evangelische Allianz Hamburg jedenfalls haben die Vorwürfe und die Kritik gegen Wentland keineswegs von der Veranstaltung im Michel abgehalten.

Dass gerade Mission Freedom – wenn auch oberflächlich durch die Trägerschaft seiner 100% Tochter Himmelsstürmer Deutschland gGmbH getarnt – weniger als 10 Jahre später das Haus SeeNest als vollstationäre Einrichtung für von sexueller Gewalt und Missbrauch betroffene Kinder und Jugendliche in Immenstadt im bayerischen Allgäu eröffnen konnte, ist ein Skandal.

Im März dieses Jahres nahm das ortsansässige Jugendamt alle Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren aus der besagten Einrichtung wegen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung und einem unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen in Obhut.

Was die Kinder mutmaßlich im Haus SeeNest erlebten, illustriert eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Augsburg, die uns vorliegt und auf die mittlerweile mehrere Medien Bezug nehmen: Freiheitsberaubung, Chillipaste auf die Lippen, sexualisierende Kleidung, Arbeitsdienst in vollurinierter Kleidung sind nur einige, erschreckende Beispiele, die die Gerichtsentscheidung benennt. Auch wenn die Vorwürfe vom Träger teils pauschal bestritten wurden, lassen einem bereits die unstreitigen Geschehnisse fassungslos zurück. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Doch auch fällt auf: in den seltensten Fällen werden Mission Freedom oder Wentland in der Berichterstattung überhaupt namentlich genannt. Im weitesten Sinne aus dem Hamburger Raum, berichtete bisher lediglich einmal die taz über den Fall [Edit: 31.05,2026: Mittlerweile gibt es einen weiteren Artikel der taz hier]. Und das, obwohl 2013 über die Vorwürfe gegen Mission Freedom und Gaby Wentland sogar in bundesweiten Medien berichtet wurde.

Das Versagen gleich mehrerer Behörden und Organisationen, das mit der Erteilung der Betriebserlaubnis  beginnt, muss transparent aufgearbeitet werden. Die Räumlichkeiten des Haus SeeNest wurden von der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg an Mission Freedom vermietet, die sich dabei offenbar vor allem auch von der weiterhin bestehenden Mitgliedschaft von Mission Freedom bei der Diakonie Hamburg als vermeintliches „Seriositätsmerkmal“ beeindrucken ließ. Zu diesem Versagen gehört auch die mangelnde Problematisierung von christlich-fundamentalistischen Weltbildern in der Sozialen Arbeit, oder vielmehr von Mission, die als (vermeintlich) „Soziale Arbeit“ im Auftrag Gottes ausgeübt wird.

Wirt Daniel Schmidt erwähnt Gaby Wentland, in seinem Buch nicht. Nicht ausgeschlossen, dass sich das in Zukunft ändert, denn enge Weggefährt*innen von Wentland nennt Schmidt in „Löwengrube“ sehr wohl.

Alte Bekannte und neue Beter

Da wäre zum Beispiel der„Kiezpastor“ Frank Hoffmann. Dieser feiert immer wieder Gottesdienste in Suzis Show Bar, einer Tabledance Bar am Beatles Platz.

Auf Social Media Schnipseln identifizierten wir 2025 im Rahmen unserer bereits erwähnten Recherche zur Handreichung „Soziale Arbeit und Christlicher Fundamentalismus“ bereits einige zentrale Figuren der Anti-Sexarbeits-Bewegung, die zu Gospel-Abenden oder Gottesdiensten in Suzis Show Bar ein und aus gingen. Darunter die oben erwähnte Gaby Wentland oder Madeleine „Tummelplatz der Dämonen“ Häsler, die regelmäßig in streng religiösen Formaten wie ERF, Bibel-TV und Co. Auskunft über ihre Rotlicht-Rettungsaktionen erteilt. Madeleine Häsler und ihr Ehemann Gabriel erachten sich als von Gott nach Hamburg-St. Pauli berufen. Gabriel Häsler predigt regelmäßig deutschlandweit in unterschiedlichen Freikirchen, unter Anderem immer wieder bei ELIM Hamburg. Seine Predigten anzuhören ist mühsam und zeitintensiv, denn der Schweizer verfügt über die „Gabe der Länge“. In der Musical-ReiheLife on Stage“ verquirlen die Häslers regelmäßig individuelle Schicksale mit religiösen Botschaften und tingeln damit durch Deutschland. Wie bei Schmidt verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Popkultur und Evangelisation.

Gemeinsam die Stadt verändern?

Elim ist eine charismatische Gemeinde in Hamburg, mit dem üblichen freshen Auftritt, den wir schon oft thematisiert haben.

Der Hauptpastor von Elim Hamburg ist übrigens auch Leiter bei „Gemeinsam für Hamburg“ (GfH). Die Rede ist von Matthias C. Wolff. Er ist bei GfH auch verantwortlich für den dortigen „Arbeitskreis Politik“.

Wir berichten bei FundiWatch regelmäßig über die Strategie der erzkonservativen, christlich-fundamentalistischen Durchdringung aller gesellschaftlicher Sphären (wie beim 7 Mountain Mandate). Häufig geschieht dies auch mit Bezug auf den Bibelvers Jeremia 29, Vers 7 „Suchet der Stadt Bestes“. Auch über die Stadtreformer oder das City Changer Movement haben wir bei FundiWatch schon berichtet.

Anmerkung FundiWatch: An dieser Stelle haben wir den ursprünglichen Beitrag editiert. Wir haben nach unserer Erwähnung eines Co-Working-Space Kritik und Anmerkungen erhalten. Uns ist Kritik willkommen. Um darauf angemessen zu reagieren, haben wir die Stelle vorerst entfernt. Wir halten Euch auf dem Laufenden.

Üblicherweise sammeln sich, ganz im Einklang mit dem Transformationsauftrag vom 7 Mountain Mandate denn auch sehr unterschiedliche Akteure, verbunden mit dem Auftrag in ihre Bereiche hineinzuwirken – oder gar Gesellschaftsbereiche zu transformieren, um „christlichen Werten“ wieder zur Dominanz zu verhelfen. Entsprechende Transformationsabsichten werden oft nicht transparent kommuniziert, nicht selten sogar verunklart.

Gemeinsam für Hamburg selbst ist ebenfalls sehr heterogen. Neben Mission Freedom werden dort auch Faktor C (Christen in der Wirtschaft), die Arche, Elim, Kirche des Nazareners und viele weitere konservative und christlich-fundamentalistische Gemeinden erwähnt. Auf einer Unterseite erwähnt GfH explizit das Soziale Engagement der Netzwerkpartner*innen unter Verweis auf Verantwortungsbewusstsein und Hilfsbedürftigkeit. Das mag als Absichtserklärung zutreffen. Jedoch stellt soziales Engagement, wie wir bei FundiWatch regelmäßig aufzeigen, auch eine Möglichkeit dar, Einfluss auf bestimmte gesellschaftliche Themenfelder, wie beispielsweise sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung sowie Geschlechterrollen zu nehmen. Darüber hinaus dienen Soziale Werke, Diakonie und Nächstenliebe oft auch der selbstverharmlosenden Imagepflege bestimmter Akteure.

Hilfsangebote?

Für Opfer von Menschenhandel listet GfH – auch nach dem jüngsten Skandal um Haus SeeNest – weiterhin Mission Freedom sowie die Broken Hearts-Stiftung auf. Über die Stiftung Broken Hearts finden Interessierte auf Anhieb kaum etwas im Internet. Die Domain steht zum Verkauf, die Wayback Machine findet die letzte Aktualisierung im September 2021. Hinter der Broken Hearts Stiftung steht Cinderella von Dungern aus der norddeutschen Adelsfamilie von Dungern. Cinderella heiratete 2012 Jörgen Hemme, den vielleicht manche von der Hemme Molkerei kennen, und nahm auch dessen Nachnamen an. Erste Anzeichen deuten auf Verflechtungen mit der Herzschlag Stiftung. Genug Stoff für weitere Recherchen also. Nur ein explizites Hilfsangebot können wir hinter Broken Hearts nicht finden.

Elim: Sexualisierung oder „Göttlicher Sex“?!

Zurück zur Elim Hamburg. Sie feiern dort dieses Jahr 100-jähriges Bestehen.

Ganz entgegen der modernen Aufmachung der Homepage lassen sich auf dem Youtube-Kanal von Elim Hamburg explizit konservative Predigten über Sexualmoral und „Sexualisierung“ finden, z. B. vom bereits genannten Matthias C. Wolff („Pastor Matthias“), aber auch über „Göttlichen Sex“ von Tim Sukowski.

Ein anderes Beispiel ist Pastor Andy Nothnagel, heute bei der Christus – Gemeinde Bremen. Er saß 2022 im ZDF-Youtube-Format unbubble zusammen mit Robin Solf und berichtete über sein Verständnis von Ehebruch und Homosexualität. Rechtfertigend sagt Nothnagel dann Sätze, wie „ich als Christ“ oder „Wir als Christen“ – die deutlich belegen, wie Glauben und Überzeugung als Rechtfertigung für homophobes Gedankengut herhalten muss.

Hoffmanns Kiez-Kirche

Quelle: Webauftrtt Kiez-Kirche

Beruflich war Frank Hoffmann in der Werbebranche, bevor er seine religiöse Berufung spürte. Bis 2022 war Hoffmann in der Freien evangelischen Gemeinde Mölln tätig. Zuvor absolvierte er ein Vikariat in der Anskar-Kirche Hamburg. 2022 zog es ihn nach Hamburg und nach St. Pauli zurück. Auch ihn porträtierte der NDR 2025 für das Hamburg Journal. Auch in diesem Beitrag fehlen wieder einmal sämtliche journalistischen Einordnungen oder kritische Rückfragen. Hoffmann wird als tolerant und weltoffen inszeniert, hat erkennbar keine Berührungsängste mit dem liederlichen Schmutz des „Rotlichtviertels“.

Hoffmann selbst versteht sich als von Wolfram Kopfermann geprägt. Die Älteren unter Euch erinnern sich vielleicht? Wolfram Kopfermann war bis 1988 Pfarrer an der Hamburger Hauptkirche St. Petri und gründete nach seinem Abgang aus der evangelischen Landeskirche die Anskar-Freikirche, eine weitere einflussreiche Freikirche in Hamburg, ebenfalls bei GfH.

Warum Arne Kopfermann kein Charismatiker mehr ist

Kopfermanns Sohn, Arne Kopfermann, setzte sich zuletzt kritisch mit dem charismatischen Christentum auseinander. Zentrale Aspekte seiner Kritik enthalten Schlagworte wie Autorität, geistige Kriegsführung, „Alpha-Männchen“ und Hierarchie. Das entspricht auch unserer Wahrnehmung und ist im Zuge eines in heftige Krisen und Kriege eingebetteten markanten gesellschaftlichen Rechtsrucks ziemlich besorgniserregend. Im Hamburg der 1980er führte Kopfermanns Gründung der Anskar-Kirche zu einer Jahre andauernden intensiven, konflikthaften Auseinandersetzung, die aber mittlerweile unter dem Schlagwort „Ökumene“ weitgehend ruht.

Hoffmann jedenfalls gründete das Projekt „Kiez-Kirche“, das angeblich zu einem „Christlichen Glaubenswerk“ in Wedel gehört, über das sich aber keine weiteren Details herausfinden lassen.

Auch das ist eher normal, wenn wir recherchieren. Vieles bleibt nebulös, oft scheint es, als ob Namen und Begebenheiten bewusst uneindeutig gehalten werden. Das war ja auch in der Entstehungsgeschichte des Gebetshaus Hamburg deutlich zu spüren, wo nur „von einem Pastor“ und „einer Frau“ die Rede ist. Vielleicht sind das Reminiszenzen an den Tonfall von Bibelgeschichten? Aber vielleicht ist auch einfach unerwünscht, dass allzu klar wird, wer mit wem und zu welchem Zweck kooperiert? Ob mystische Folklore oder Geheimniskrämerei … allzuoft wird nicht klar, wer eigentlich „dahinter“ steckt.

Im Podcast „Kiezmenschen“ der Hamburger Morgenpost erzählt Hoffmann allerdings ziemlich bereitwillig über seinen Werdegang. Lieben wir.

Hoffmann ist ein Kirchenhopper, er nimmt sich von allem etwas mit und bastelt daraus sein eigenes Image. Werber halt? Ob Trauung in der „Ritze“, Gottesdienst mit Tanzeinlage („alles bedeckt“) in Susis Showbar oder Gottes Wirken in „einem Kneipenwirt“. „Sogar die Transvestiten aus der Schmuckstraßen“ könnten zu Gott finden, sagt er da.
Lieben wir nicht, solche Sätze.

In einem Eintrag im Blog des Gebetshaus Hamburg vom 26.06.2025 erwähnt Hoffmann auch Daniel Schmidt:

„So tauchte ein Kneipenwirt in den öffentlichen Gottesdiensten des Projekts Kiezkirche auf. Im Nachhinein weiß ich, dass zu der Zeit schon einige Christen für ihn beteten. Hin und wieder begegnete ich ihm in der Folge des Gottesdienstbesuches scheinbar zufällig auf dem Kiez. Auch in diesen Begegnungen bildete sich Vertrauen. Ich bemerkte, dass der Heilige Geist an ihm arbeitete und er offen für Christus war. Gleichzeitig hatte ich den Gedanken, den Prozess zum konkreten Glauben an Christus nicht „pushen“ zu sollen. 

Den genauen Zeitraum habe ich nicht mehr parat, ich denke, es war ein Prozess von zwei bis drei Jahren. Schließlich schrieb er mir eine WhatsApp Message und wollte beten. Wir trafen uns und er war so weit, Jesus Christus als Herrn in sein Leben zu lassen und dabei auch Dinge an diesen sozusagen abzugeben.

Seitdem ist um diesen Mann herum weiteres geistliches Leben – auch mitten auf dem Kiez St. Pauli – gewachsen. Weitere Personen gewinnen Glauben, interessieren sich für den Glauben und werden in vorhandenem Glauben stärker. Mittlerweile ist in diesem Umfeld die christliche Gemeinde Barmbek Süd am Geschehen beteiligt.“

Auch Hoffmann hat Großes vor: Die Kiez-Kirche soll ein „Pionierprojekt“ sein, wer unterstützt wird gar zum „St. Pauli Glaubenspate“.

Ein letzter Exkurs: An den Hansaplatz

Wie sehr Mission Freedom, Gaby Wentland und auch die „operative Leitung“ von Mission Freedom, Inga Gerckens (zugleich Geschäftsführerin des erwähnten Haus SeeNest im Allgäu), überall in Hamburg seit Jahren mitmischen, zeigt auch der Blick zurück. Nicht nur die Reeperbahn, Herbertstraße und St. Pauli werden immer wieder zum Sehnsuchtsort christlich-fundamentalistisch motivierter Rettungs- und Missionsarbeit. Auch im Umfeld des Hamburger Hauptbahnhofs, genauer gesagt am Hansaplatz, sind solche Aktivitäten dokumentiert.

Seit 2009 „überschüttet“ die Freie Christus Gemeinde Barmbek Süd (FCGB Süd) Sexarbeiter*innen mitten im heutigen Kontaktverbotsgebiet – wo die Anbahnung und die Nachfrage von sexuellen Dienstleistungen untersagt ist – mit „der Liebe Jesu“ und zeigt ihnen so „einen Weg zu Gott“. Auf der Gemeinde-Homepage wird diese „Arbeit unter den Prostituierten in St. Georg“ vorgestellt. Der Text schließt mit dem Satz: „Dafür wollen wir verstärkt ein Netzwerk zu anderen Hilfsorganisationen aufbauen.“

Netz – werken!

Dieses Netz hält bis heute. Und wächst gerade wieder. Zufällig entdeckten wir Inga Gerckens – obgleich nicht namentlich erwähnt – auf Fotos des Instagram-Profils der FCGB Süd. Sucht man genauer, finden sich dort zwischen 2021 und heute immer wieder Bilder von ihr.[i] Wir graben also tiefer: Bingo. 2022 ist Gerckens ehrenamtlich im Leitungsteam der FCGB Süd engagiert. Übrigens: Das ist diese Gemeinde, die Daniel Schmidt in Hamburg aufsucht – in der bereits genannten ARD Doku unterhält er sich mit deren Pastor Philipp Quast.

Und es gibt ein weiteres Bindeglied, das sowohl in Schmidts Buch „Löwengrube“ als auch in der FCGB auftaucht und zusätzlich den Bogen zu Ehrenamtlichem Engagement schlägt: Annikka Möller bietet in den Gemeinden der Freien Christus Gemeinde Hamburg Kinderfreizeiten an. Gleichzeitig leitet sie das Büro von Schmidts Verein: Wer wenn nicht wir e.V.

Christus für alle Nationen & der Mähdrescher Gottes

Nun kommen wir zur bereits angekündigten letzten Begebenheit (zumindest für heute 😊) rund um Mission Freedom und Gemeinsam für Hamburg:

Gaby Wentlands Ehemann Winfried, Evangelist und Pastor, arbeitet neben seiner Tätigkeit in der Freien Gemeinde Neugraben auch heute noch für das Missionswerk „Christus für alle Nationen“ (CfaN). Der Dienst ist insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent mit Massenevangelisationen und (vermeintlichen) „Massenheilungen“ bekannt. Zu Zeiten des mittlerweile verstorbenen ehemaligen Leiters Reinhard Bonnke, der aufgrund seines Predigtstils auch „Mähdrescher Gottes“ genannt wurde, waren die Wentlands noch beide gemeinsam für CfaN tätig. Auch in Deutschland ist CfaN aktiv – mittlerweile auch mit diversen Ablegern, wie gerade erst beim „City of Lights“-Event mit Kinderfest in Berlin.

Oda Lambrecht und Christian Baars schildern in ihrem bereits 2009 erschienenen Buch „Mission Gottesreich“ einen Auftritt Bonnkes in der Freien Christengemeinde Bremen (heute: hoop Kirche) im Mai 2008. Dort betete Bonnke für Kranke:

„Tumore weicht in Jesu Namen! Krebs verschwinde in Jesu Namen! HIV-positiv werde HIV-negativ! In Jesu Namen! (…) Alle Infektionen, Neurosen, ich breche die Kette aller Depressionen, in Jesu Namen! Die Freude am Herrn wird deine Stärke sein und deine Medizin sein.“

Doch zurück zu den Wentlands: 2019 hat Winfried Wentland angeblich diesen Truck herumstehen, auf dem Grundstück in Neugraben (?). Gaby Wentland erzählt das so:

„‚Brauchst du den?‘ hab ich gesagt. ‚Den brauch ich sofort‘.‚OK‘, hat er gesagt. ‚Gut dann hast du ihn, kannst ihn haben.‘ Und dann hab ich gesagt:

‚Herr, ich brauch jetzt richtig gesalbte Männer. Eigentlich wünschte ich mir den Reinhard Bonnke. Das war 2019. Ich wünschte mir den Reinhard Bonnke, weil den kenn ich persönlich, ne, ich bin mit ihm viele viele Jahre zusammen im Dienst gewesen oder fast die meiste Zeit meines Lebens und dann ruft er mich doch glatt an.

Der Reinhard Bonke ruft mich an und sagt: ‚Gabi, der Herr hat noch einmal zu mir gesprochen, ich soll noch einmal nach Hamburg kommen.‘ Sag ich: ‚Reinhard, ja, das ist richtig, das ist vom Herrn.‘ Und in dem Moment fiel mir aber ein, dass er körperlich nicht mehr fit war. Also er war körperlich nicht mehr fit, geistlich war er beste, beste Sahne, also ging gar nicht besser und (…)“

Wentland fragt Bonnke:

„‘Reinhard, hast du jemanden, den du mitbringst aus Amerika?‘

‚Ja, ich bringe Todd White mit.‘

Und Todd White (gehört zu Lifestyle Christianity, Anm. FundiWatch), das ist so der gesalbteste Mann für die Straße, mehr geht nicht, der ist mehr im Gefängnis gewesen als jemals woanders, und der liebt Jesus von ganzem Herzen und jeder, der ihm begegnet, der muss Jesus annehmen, also wirklich (…)“

Und so geht es minutenlang weiter: Ambassadors for Christ als Gaby Wentlands Bodyguards, die Polizei befürchtet einen Krieg, Wentland stellt die Behörden ruhig, indem sie vorgibt, es ginge nur um Musik („Die haben gar nicht gemerkt, um was es ging.“) und so weiter… Und schließlich gewinnt sie noch einen weiteren „Stargast“ für ihr Event:

„Ein ganz krasser Typ aus Amerika“

„Dann bin ich in die Bordelle und dann habe ich zu den Jungs in den Bordellen gesagt: ‚Ey, ich bringe euch den besten Musiker der Welt und einen ganz krassen Typ aus Amerika. (…) Jake Hamilton, der ist bei Bethel (Bethel Church aus Redding, Anm. FundiWatch) angestellt. Jake hab ich erlebt in Nürnberg, da haben wir im Stadion eine große Konferenz gehabt, da waren 26.000 Menschen und der Jake kam auf die Bühne, und er hat es so gemacht, und Jesus war in der Halle.“

Wentlands Rock & Gospel stieg am 18.05.2019 mit Repräsentant*innen von Christ for all Nations, Lifestyle Christianity und Bethel Church. Im Abspann: Gemeinsam für Hamburg.

Frei nach dem Motto: „Wer, wenn nicht wir?“ wachsen und gedeihen fragwürdige Netzwerke mit noch fragwürdigeren Absichten. Hinschauen lohnt sich, meinen wir!


EDIT (31.05.2026): Redaktionelle Ausbesserungen und Ergänzung Links.


[1] Privatarchiv FundiWatch

[2] https://www.instagram.com/p/DRXjrx1DLzX/ (2025)
https://www.instagram.com/p/CfLLsOjIye4/ (2022)https://www.instagram.com/p/CQP960HLuRK/ (2021)

Kongress der Unfreiheit (Teil 2)

„Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewärmt sind…“

Vom 26.04. bis zum 29.04.2026 fand zum dritten Mal der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt.

In Teil 1 unserer Beitragsreihe zum Kongress haben wir vor allem den ersten Tag besprochen. In diesem Teil geht es um die weiteren Tage, über die uns unsere Beobachter*innen vor Ort berichteten.

Aber zuerst machen wir einen Schritt zurück:

Was ist eigentlich das Haus Schönblick?

Das Haus Schönblick – Christliches Gästezentrum Württemberg gilt als das größte christliche Gästezentrum in Deutschland.

Es beherbergt eine evangelische Gemeinde, das historische Gästehaus und das Kongresszentrum Forum, eine christliche Musikschule, ein Alten- und Pflegeheim und eine Seniorenwohnanlage sowie ein Café.

Quelle: schoenblick.de

Das Haus Schönblick gilt als Zentrum des schwäbischen Altpietismus, einer der größten evangelischen Strömungen in Baden-Württemberg. Träger des Schönblick ist „Die Apis. Evangelischer Gemeinschaftsverband Württemberg e.V.“.

Pietismus in Württemberg

Der Pietismus entstand im 17. Jahrhundert als Bewegung zur Vollendung der Reformation. Der Pietismus betont die Bedeutung der Bibel und eines lebendigen Glaubens, der zu einer innerlichen Wiedergeburt des Menschen führen und Alltag und Leben prägen soll.

In Württemberg erlangte der Pietismus als Frömmigkeitsbewegung eine besondere Bedeutung und hatte erheblichen Einfluss auf die dortige Gesellschaft. Eine wichtige Rolle spielten zum Beispiel frühe Mobilisierungen gegen das Rauchen und Trinken, gegen vermeintlich dekadente Kleidungsstile oder gegen Vergnügungen wie Tanz oder Kartenspiel. Besonders der Spätpietismus profilierte sich in der Spannung zur Aufklärung.

Im späten 19. Jahrhundert gewannen Einflüsse aus den evangelikalen Strömungen im angelsächsischen Bereich zunehmend an Bedeutung, etwa der Heiligungs- oder der Erweckungsbewegung. Der Pietismus importierte so teils Ideen wie die einer göttlichen Inspiration der Bibel, der Geisttaufe oder des Zungenredens.

Die Apis, der Schönblick & die Aktion Hoffnungsland

1857 schlossen sich Christ*innen aus verschiedenen evangelischen Gemeinschaftskreisen in Württemberg zum Altpietistischen Gemeinschaftsverband e.V. zusammen.

Der Altpietismus unterstützte zwar die biblizistischen Tendenzen. Er definierte sich zunächst jedoch in der Abgrenzung von charismatischen und emotional orientierte Ansätze, die man als Schwärmerei ansah. Nach und nach öffnete man sich dennoch für bestimmte charismatische Entwicklungen, wie die Lobpreis-Musik und einer allgemein stärker erlebnis-orientierten Gottesdienstkultur.

Die Aktion Hoffnungsland gGmbH bündelt als Bildungs- und Sozialwerk seit 2018 die zahlreichen diakonischen Initiativen der Apis und gehörte ebenfalls zu den Veranstaltenden des Freiheit-Kongresses.

Bis heute prägt der „schwäbische Pietismus“ die evangelische Landeskirche Württemberg. In der Evangelischen Landeskirche ist vor allem die Lebendige Gemeinde – die heute als Lebendige Gemeinde.ChristusBewegung in Württemberg e.V. auftritt – stark pietistisch geprägt. Sie schlägt aber auch Brücken zu anderen konservativen, charismatischen und evangelikalen Strömungen. Neben der Offenen Kirche stellt sie den größten Gesprächskreis (ähnlich einer Fraktion) in der demokratisch gewählten Landessynode. Die Lebendige Gemeinde vertritt in kirchen- und gesellschaftspolitischen Fragen häufig konservative bis kulturkämpferische Positionen und orientiert sich darin an Mobilisierungen des christlichen Nationalismus in den USA.

Neben dem auf vorgeblich auf Menschenhandel fokussierten Freiheit-Kongress, gibt es mit dem Leben.Würde Kongress einen Kongress der sogenannten Lebensschutzbewegung, den MUT-Kongress der Christen in der Wirtschaft, den Kongress Christenverfolgung heute und den Israelkongress.

Für den nächsten Kongress gegen Christenverfolgung sind auch Vertreter der Alliance Defending Freedom (ADF) angekündigt, einer christlich-nationalistischen, antifeministischen und queerfeindlichen Anwalts-Lobby-Organisation, die eine tragende Rolle für die strategische Prozessführung der MAGA-Bewegung spielt. Das European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rights ordnet die Organisation als religiös extremistisch ein und warnt vor ihrem zunehmenden Einfluss in Europa.

Auf dem letzten MUT-Kongress wurde das sogenannte 7-Mountain-Mandate diskutiert, eine herrschaftstheologische Prophezeiung, die sich auf die Johannesapokalypse bezieht und die bevorstehende Dominierung jedes Teilbereichs der Gesellschaft durch das Christentum verkündigt.

Der Israelkongress fokussiert sich traditionell auf die Missionierung von Jüd*innen im Kontext der Endzeit und auf die außenpolitische Unterstützung der israelischen Kriegspolitik.

Mit dem SCHÖ-Festival und Worship Generations existiert auch ein künstlerisch-kulturelles Programm.

Und damit zurück zum Freiheit-Kongress:

Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und die Gefahren des Okkulten:

Die oberflächliche Seriosität, die den ersten Tag des Kongresses noch in Ansätzen prägte, verfliegt in den Folgetagen schnell.

Tabea Freitag (return – Fachstelle für Mediensucht)

Tabea Freitag spricht für return, einer sogenannten Fachstelle für Mediensucht. Mit ihrer Broschüre Fit for Love: Lehrmaterial für die Prävention von Pornokonsum und sexueller Gewalt, die sie auf dem Kongress präsentiert, ist sie in der aufsuchenden Schulsozialarbeit tätig.

Die Broschüre hatte sie bereits 2024 auf dem Symposium der Demo für Alle: Kinder im Visier von Porno, Trans und Co. in Stuttgart vorgestellt. Das von CitizenGo geförderte Symposium war geprägt von der Verschwörungserzählung einer planmäßigen Pädophilisierung der Gesellschaft als Teil derer auch Pornografie zu verstehen wäre.

Quelle: Screenshot Youtube, Demo für Alle, Vortrag vom 9.11.2024: „Fit for Love? Prävention von Pornokonsum und sexueller Gewalt“

Auf FundiWatch-Anfrage, ob Freitag mit der Kontextualisierung ihres Vortrags auf dem Symposium bei der Demo für Alle in den Kontext einer planmäßigen Pädophilisierung der Gesellschaft einverstanden ist, antwortet sie barsch und unterstellt uns eine „trickreiche Frage“, da der Begriff „Pädophilisierung“ nach „entsprechender Internetrecherche“ gar nicht existiere. Weiter teilt Freitag mit:

„Ich bitte um Verständnis, dass all diese offenen Fragen mich nicht ermutigen, Ihre seltsame, trickreiche Frage zu beantworten. Ich habe allen Grund, die Seriosität Ihrer Motive in Frage zu stellen. 

Ich bin ausschließlich verantwortlich für die Inhalte meiner Vorträge, nicht für Presseerklärungen u.d.g. von Veranstaltern. Ich sehe von daher keinerlei Veranlassung, mich zu Ihrem Framing(!) von Einladung, Presseerklärung o.ä. Dritter zu äußern.“

In Schwäbisch Gmünd präsentiert Freitag neben einigen Folien zu ihrer Broschüre, wie uns unsere Beobachter*innen berichteten, obskure Folien über „Golems“, „Ekelzeugs“, „Digitale Deportation“, „Egosex“, „Instantbefriedigung“, „Totale Unterwerfung und Kontrolle“ (repräsentiert durch das „Ketzerhalsband“, auch als Choker bekannt), die „dunkle Triade“ und die „Pornotopia“ garniert mit Zitaten von Che Guevara und eines Holocaustüberlebenden.

Auch wenn viele Ideen unklar bleiben: Die Botschaft, Pornografie ist böse, bleibt hängen. Pornografie diene „Tätern, Narzissten, Machiavellisten, Sadisten und Psychopathen“.

Anna Schreiber (Psychotherapeutin)

Vermeintlich psychologisch informiert geht es weiter. Anna Schreiber, eine Psychotherapeutin aus Karlsruhe spricht über ihren „heiligen Weg“ des Ausstiegs aus der „Prostitution“ und über Möglichkeiten Frauen zu „retten“ und ihr Schweigen zu brechen.

Die zentrale These von Schreibers Vortragslautet: „Es gibt keine Prostitution ohne Dissoziation.“ Freiwilligkeit existiere nur als Mythos oder Illusion. Wenn jemand glaubt in der Sexarbeit freiwillig tätig zu sein, habe man es vermutlich mit einem „Täter-Introjekt“ zu tun: Einer inneren Stimme also, die sich die Rechtfertigungen und Beschimpfungen böswilliger Profiteure angeeignet habe, um Konfliktsituationen zu navigieren. Eigentlich spräche hier nicht eine Sexarbeiter*in über ihre Erfahrung, sondern Täter über den Körper eines Opfers, das die Kontrolle über sich selbst verloren hat.

In der Diskussion wird noch breit über die „kuriosen Sexualitäten“ diskutiert, die Aussteiger*innen entwickeln würden, um ihre schlechten Erfahrungen mit Männern zu bewältigen und was man als Sozialarbeiter*in dagegen tun könnte.

Für Schreibers Vortrag gibt es  schallende Standing Ovations.

Die Stimmung „steigt“…

„Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewärmt sind und sich gut gegenseitig reinsteigern…“

…so schildert es unsere Beobachter*in.

Um zu verstehen was hier passiert, hilft die Analyse-Kategorie der epistemischen Ungerechtigkeit weiter: Der Gedanke stammt aus der feministischen Philosophie und beschreibt Situationen, in denen es Personen unmöglich gemacht wird mit ihren Problemen und Bedürfnissen, gehört und verstanden zu werden.

Schreibers psychologisches Framework stellt ein Beispiel für epistemische Ungerechtigkeit dar, weil jede Äußerung einer Sexarbeiter*in, die Schreibers theoretischen Modell widerspricht zu einer Oberflächlichkeit oder Illusion erklärt werden kann, hinter der sich die Wahrheit, die nur die Psychologin kennt, verbirgt. Für Leute, die Schreibers Framework ernst nehmen, wirkt es suggestiv. Die Erfahrungen der Personen, die ihm nicht folgen macht es unsichtbar.

Besonders perfide ist dabei der Gegensatz von Schweigen und Sprechen. Jede Sexarbeiter*in, die sich konträr zu Schreibers Thesen äußert, „schweige“ demzufolge im Grunde noch, während nur die auf dem „heiligen Weg“ Gerettete wirklich ihr Schweigen breche. In der Wirkung diskrediert Schreiber so ihr nicht genehme Äußerungen von Sexarbeitenden.

Über Schreibers Absicht können wir nur spekulieren, doch es liegt nahe, dass Sexarbeiter*innen solche Werturteile über ihre Erfahrungen einschüchtern und verstummen lassen könnten.

Und dann: Ein Wunder!

Gegen Ende des Vortrags betritt dann eine Person die Bühne, die sich als Opfer ritueller organisierter Gewalt vorstellt.

Sie erklärt, dass sie nach dem Abschluss-Gottesdienst des letzten Kongresses zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf eigenen Beinen die Stufen zur Bühne erklimmen und auf ihren Rollstuhl verzichten konnte (mehr dazu auch noch – in Kürze! – in Teil 3 unserer Serie).

Die Person berichtet über „höllische“ Erfahrungen mit ihrer Familie, Ärzten und einem „Kult“ und dankt für die Arbeit der Vereine CARA und Mission Freedom zu ritueller Gewalt.

Die Grenze zwischen dem Erfahrungsbericht einer Gewaltbetroffenen und einem Zeugnis im religiösen Sinne verschwimmt.

Exorzismen und Dämonen – Workshop CARA e.V.

In dem später folgenden Workshop von CARA e.V. (CARA steht für „Care Aout Ritual Abuse“) geht es mit genau diesen Themen weiter.

Was bei Schreiber noch als vage psychoanalytische Kategorie (Täter-Introjekt) vorkommt, wird dort erheblich zugespitzt und auch offener religiös interpretiert. Plötzlich ist, wie sich unsere Beobachter*in erinnert, auch die Rede von der Besessenheit durch Dämonen und der Bedeutung von Exorzismen.

Der Schweizer Verein CARA steht insbesondere seit einer Investigativ-Recherche des SRF schon seit längerem in der Kritik, Verschwörungserzählungen zu verbreiten und in die Therapie und Sozialarbeit zu tragen.

Eine Anfrage an CARA mit Bitte um Stellungnahme zu dem Workshop blieb bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags unbeantwortet.

Ein Skandal muss draußen bleiben: Verdacht auf Kindeswohlgefährdung bei Mission Freedom-Einrichtung ist kein Thema

Auch Mission Freedom e.V. – ebenfalls Mitveranstalter des Kongresses – steht in der Kritik.

Erst am Freitag vor dem Kongress wurde bekannt, dass wenige Wochen zuvor im Haus SeeNest von Mission Freedom im Allgäu, alle sechs der dort untergebrachten Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Als Grund führen die Behörden kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden und einen unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen an. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaften Ermittlungen wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener eingeleitet.

Die Ereignisse waren vermutlich der Grund, warum Gaby Wentland – Gründerin und Vorsitzende von Mission Freedom – bei dem Eröffnungsvortrag nicht wie geplant auf dem Podium auftrat. Sie saß im Publikum.

Einige Tage nach dem Kongress wurde bekannt, dass Gaby Wentland ihre Vorstandstätigkeit beim Mitveranstalter des Kongresses ggmh vor dem Hintergrund der Vorgänge im Haus SeeNest vorläufig ruhen lasse.

Die Vorfälle im Haus SeeNest blieben auf dem Freiheit-Kongress selbst hingegen unerwähnt.

Blinder Fleck

Eine Vorführung und Diskussion des Films „Blinder Fleck“ von Liz Wieskerstrauch wurde hingegen offenbar wie geplant von Inga Gerckens moderiert.

Gerckens ist ebenfalls für Mission Freedom tätig und Geschäftsführerin der Mission-Freedom-Tochtergesellschaft Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, die das Haus SeeNest betreibt.

Die Zeit ging in einem Artikel (Paywall) der Geschichte eines offenbar auch im Film erwähnten Falls eines angeblich von ritueller Gewalt betroffenen Mädchens nach. Schon vorher hatte u.a. die Zeit zu dem Fall und der sich letztlich als unwahr herausgestellten Geschichte recherchiert. In dem Artikel ging die Zeit einer Spur nach, wonach Angehörige kurzzeitig fürchteten, ihre Mutter wolle das Mädchen im Haus SeeNest im Allgäu unterbringen. Bestätigen lies sich das nicht. Betrachtet man die Liste der Förderer des über Crowdfundig finanzierten Films findet man jedoch eine Reihe von Namen aus den Kreisen von ggmh und Teilnehmenden des Freiheit-Kongress.

Der Zeit-Artikel war zwischenzeitlich offline. Unter dem Artikel findet sich nun ein Hinweis auf eine rechtliche Auseinandersetzung, weswegen gewisse biographische Angaben zu dem Mädchen entfernt worden seien.

„Betroffenenschutz“ durch Hausverbot?

Obwohl solchen hochgradig kontroversen Organisationen beim Kongress eine Bühne geboten wird, wurde die Absage für die Teilnahme am Kongress und ein Hausverbot, die einem Mitglied von FundiWatch erteilt wurden mit dem Betroffenenschutz begründet.

In der betreffenden Absage-Mail nebst durch die Kongressleitung ausgesprochenen Hausverbot heißt es:

„Die Aufklärung und den Schutz vor geistlichem Missbrauch sehen wir uns ebenso verpflichtet wie dem Schutz vor sexueller Gewalt. Betroffenen aller Gewaltformen wollen wir einen geschützten Rahmen bieten. Dies gilt ausdrücklich auch für Betroffene von ritueller und organisierter Gewalt. Gerade diese Menschen erleben immer wieder, dass ihre Erfahrungen infrage gestellt oder relativiert werden. Umso wichtiger ist es uns, auch ihnen einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich sicher fühlen und offen sprechen können.

Diesem besonderen Schutzauftrag fühlen wir uns bei dieser Veranstaltung in besonderer Weise verpflichtet.“

Betroffenenschutz wird so instrumentalisiert, um Verschwörungserzählungen zu legitimieren und um so manche Organisation zu schützen, die ihre Klient*innen nachweislich gefährdet.

Der Kongress bietet radikalen und fundamentalistischen Kräften einen Anschein der Seriosität und einen Zugang zu Politik und zivilgesellschaftlichen Institutionen. Wenn man vor Ort ist verfliegt dieser Anschein schnell.

Teil 3: Der Kongress 2024 und was seither geschah

In unserem dritten Teil zum Freiheit-Kongress gehen wir näher auf den letzten Kongress im Jahr 2024 ein und welche Kontinuitäten wir beobachten.

Damals gab es FundiWatch noch nicht. Ein heutiges Gründungsmitglied war jedoch vor Ort und schildert in Teil 3 (erscheint in Kürze!) seine damaligen Eindrücke und Kontinuitäten zum diesjährigen Freiheit-Kongress. Dabei wird es auch um die Unterstützung des Kongresses durch mehrere Politiker*innen gehen.

Update „Haus SeeNest“: Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungsverfahren ein

Homepage der „Himmelsstürmer“ seit Kurzem offline

Aus Medienberichten war bereits bekannt, dass die Staatsanwaltschaft zu den Vorgängen im Haus Seenest im Allgäu (Himmelsstürmer Deutschland / Mission Freedom) Vorermittlungen eingeleitet hat.

Auf FundiWatch-Anfrage teilte die Staatsanwaltschaft Kempten heute mit, dass nun ein Ermittlungsverfahren gegen die Heimleitung wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen eingeleitet wurde.

WEITERLESEN

Was bisher geschah

Über die aktuellen Vorgänge in der vollstationären Kinder- und Jugendeinrichtung Haus SeeNest in Immenstadt (Allgäu) hatten wir hier bereits ausführlich berichtet. Betreiber der Einrichtung ist die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des umstrittenen Vereins Mission Freedom, auf den die Betriebserlaubnis zunächst ausgestellt wurde. Bereits die Erteilung der Betriebserlaubnis vor gut zwei Jahren hatte für Kritik gesorgt und war auch Gegenstand einer Landtagsanfrage der Abgeordneten Gabriele Triebel.

Vor Kurzem wurde bekannt, dass vor wenigen Wochen gegen die pädagogische Heimleitung des Haus SeeNest ein Tätigkeitsverbot erlassen wurde. Kurz darauf wurden alle sechs untergebrachten Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren durch das Jugendamt Oberallgäu in Obhut genommen. Die Vorwürfe beziehen sich auf kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden, worunter offenbar insbesondere ein unangemessener Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen fallen soll. Die Heimaufsicht prüft derzeit den Widerruf der Betriebserlaubnis.

Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst Vorermittlungen eingeleitet, ob auch strafrechtliche Vorwürfe im Raum stehen könnten.

Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen

Dies scheint seitens der Staatsanwaltschaft Kempten nun bejaht zu werden. Ob tatsächlich strafbare Handlungen vorliegen, ist damit zwar noch nicht geklärt. Allerdings wurde nun offiziell ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Wie uns die Staatsanwaltschaft mitteilte, richtet sich das Ermittlungsverfahren gegen die Heimleitung wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen.

„Aktuell wird gegen eine Person ermittelt. Gegenstand der Ermittlungen ist, ob in der Einrichtung angewandte Erziehungsmethoden den Tatbestand strafbaren Handeln erfüllen.   Das Ermittlungsverfahren wurde auf Grund des Ergebnisses geführter Vorermittlungen eingeleitet,  welches im Zusammenhang mit der Presseberichterstattung über die Inobhutnahme von Kindern der erwähnten Einrichtung geführt wurde.“

Weitere Auskünfte könnten wegen der laufenden Ermittlungen derzeit nicht erteilt werden.

Homepage der Himmelsstürmer verschwunden

Die Homepage der Einrichtung unter himmelsstuermer.org ist seit Kurzem offline. Dort erscheint nun lediglich noch eine Mitteilung „Server nicht gefunden“.

Auf der Homepage von Mission Freedom heißt es hingegen weiterhin stolz:

„2023 haben wir in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt an einem dritten Standort eine spezialisierte Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung aufgebaut. Diese hat eine Schwerpunktausrichtung für minderjährige Betroffene von sexueller Ausbeutung. In zwei vollstationären heilpädagogisch-therapeutischen Wohngruppen können Betroffene Kinder und Jugendliche langfristig stabilisiert und begleitet werden.“

Bis vor wenigen Tagen war die Seite der Himmelsstürmer noch unverändert online. Einschließlich des Namens und einer Mobilnummer der pädagogischen Heimleitung, gegen die bereits vor Wochen ein vorläufig gerichtlich bestätigtes Tätigkeitsverbot erlassen wurde.

Die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, deren Geschäftsführerin die auch für Mission Freedom tätige Inga Gerckens ist, äußert sich weiterhin nicht zu den Vorwürfen. Mission Freedom selbst erhebt Vorwürfe gegen Behörden und ehemalige Mitarbeitende, die die vermeintlichen Missstände bei den Behörden anzeigten.

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