Talk der Evangelischen Akademie Frankfurt zur „Prostitutions-Anstalt“

Eine Bühne (auch) für christlichen Fundamentalismus?

Regelmäßig veranstaltet die Evangelische Akademie Frankfurt die Reihe „Humor ist…“ zu den aktuellen Folgen der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt„. Am 06.05. ging es nun um die sog. „Prostitutions-Anstalt“ vom 28.04.2026, die bereits kontroverse Reaktionen ausgelöst hat (Livestream weiterhin hier abrufbar).

Sexarbeiter*innen selbst waren auf dem Podium zur Diskussionsrunde nicht vertreten. Als Diskutant*innen trafen dort Dr. Nathalie Eleyth von der Universität Zürich und Kerstin Neuhaus, vorgestellt als Referentin beim Bundesverband Nordisches Modell e.V., aufeinander.

Doch Kerstin Neuhaus ist „mehr“ als das – und weitreichend in der christlich-fundamentalistischen „Anti-Sexarbeit-Bewegung“ vernetzt. Überraschenderweise blieb das jedoch unerwähnt. Und das, obwohl sich offenbar auch die Redaktion der „Anstalt“ einseitig auf (vorsichtig formuliert) „fragliche“ Quellen bezog.

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Anekdotische Evidenz voller Widersprüche trifft auf komplexe Wissenschaft

Die gegenläufigen Einschätzungen der beiden Podiumsgäst*innen zur „Anstalt“ wurden schnell deutlich:

Kerstin Neuhaus zeigte sich von der Folge der “Anstalt” begeistert. Und nutzte – wenig überraschend – die Gelegenheit, für die Umsetzung des sog. „Nordischen Modells“ in Deutschland zu werben. Und zwar v.a. mit anekdotischer Evidenz.

Matthias Blöser (Zentrum Bildung und Gesellschaft der EKHN), Kerstin Neuhaus, Dr. Nathalie Eleyth (v.l.n.r.); Quelle: Youtube, Evangelische Akademie Frankfurt

Mit dem Begriff „Nordisches Modell“ ist eine Kriminalisierung der Nachfrage von Sexarbeit gefragt. Zunächst in Schweden eingeführt, streben schwedische Anhänger*innen seit mehr als einem Vierteljahrhundert danach, dieses zutiefst sexarbeitsfeindliche Regime auch in anderen Ländern zu etablieren. Vertreter*innen dieses Prostitutionsregimes behaupten, dass Sexarbeiter*innen durch das Vergütungsverbot ihrer Tätigkeit „entkriminalisiert“ würden. Doch Selbstvertretungen, Fachverbände und Menschenrechtsorganisationen berichten stattdessen eine Zunahme von Stigma und Diskriminierung und erteilen dieser Politik seit Langem eine kategorische Absage. Das erwähnte auch die „Anstalt“ am Rande – ohne sich jedoch mit den Grundlagen dieser Position auseinanderzusetzen. Im Faktencheck zur Sendung finden sich diese breit in der wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung vorhandenen Einwände jedenfalls nicht wieder.

Weil Neuhaus mal in Schweden war, und sich dort mit anderen Befürworter*innen des „Nordischen Modells“ getroffen hat, weiß sie, dass ein sog. Sexkaufverbot gut ist… Auf dieser Ebene schiebt Neuhaus Kritik an der Kriminalisierung der Nachfrage beiseite – mit Verweis auf ihre persönlichen Eindrücke. Außerdem sollten sexuelle Handlungen laut Neuhaus nur dann stattfinden, wenn beide Seite dies tatsächlich wollen. Ist Geld im Spiel, sei für sie Einvernehmlichkeit ausgeschlossen, so Neuhaus.

Eleyth hingegen kritisierte die Sendung und die Forderung nach einem sog. Sexkaufverbot unter Bezugnahme auf wissenschaftliche Studien deutlich.

Gegenüber FundiWatch resümmiert Eleyth die Veranstaltung:

„Die Diskussion hat für mich noch einmal bestätigt, dass die sog. Antiprostitutionsbewegung häufig nicht von den Rechten und Stimmen von Sexarbeiter*innen ausgeht, sondern von einer bestimmten Sexualmoral, die mithilfe des Strafrechts durchgesetzt werden soll.

Dabei wird moralische Ablehnung mit rechtspolitischer Notwendigkeit verwechselt. Empirische Befunde zu den Folgen von Kriminalisierung, Verdrängung und Stigmatisierung werden kaum ernst genommen, während Sexarbeit, sexualisierte Gewalt und Menschenhandel rhetorisch so ineinandegeschoben werden, als handele es sich um dasselbe.

Das ist nicht nur wissenschaftlich unsauber, sondern auch ethisch problematisch: Schutz entsteht nicht durch Entmündigung, sondern durch Rechte, Sicherheit, Beratung und Respekt vor der Selbstdeutung von Menschen in der Sexarbeit.“

Wer ist Kerstin Neuhaus?

Völlig unerwähnt bleibt in der Diskussion, dass Kerstin Neuhaus keine unabhängige Expertin ist sondern in diversen Netzwerken vorrangig aus dem christlich-fundamentalistischen Spektrum aktiv ist.

Da lohnt es sich – gerade auch im Hinblick auf aktuelle Vorkommnisse – genauer hinzusehen. Wieso in der Evangelischen Akademie Frankfurt genau dieser Hinweis ausblieb, müssen die Veranstaltenden beantworten.

AugsburgerInnen gegen Menschenhandel e.V. & Freikirche „Projekt X“

Denn neben ihrer Tätigkeit beim Bundesverband Nordisches Modell ist Neuhaus Geschäftsführerin des Vereins AugsburgerInnen gegen Menschenhandel. Vorsitzender des Vereins ist der evangelikale Pastor Klaus Engelmohr, der zugleich die Augsburger Freikirche Projekt X Augsburg leitet.

Quelle: auxgegenmh.de/verein
Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. (ggmh)

AugsburgerInnen gegen Menschenhandel ist Mitglied im evangelikal ausgerichteten Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), über den wir bereits mehrfach berichteten und zu dem rund 40 Mitgliedsorganisationen gehören.

Engelmohr ist Mitglied im Vorstand von ggmh, zu dessen weiteren Mitgliedern neben dem ehemaligen Vorsitzenden der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) und ehemaligen Bundestagsabgeordneten (CDU) Frank Heinrich, seinerseits lange aktiv bei der Heilsarmee, auch die Vorsitzende des umstrittenen Vereins Mission Freedom, Gaby Wentland, gehört.

Aus der vollstationären Einrichtung für minderjährige Betroffene von sexueller Gewalt „Haus SeeNest“ von Mission Freedom wurden gerade erst alle Kinder vom Jugendamt Oberallgäu wegen mutmaßlich kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden in Obhut genommen. Nun ermittelt auch die Staatsanwaltschaft gegen die Heimleitung wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener. Mittlerweile hat Mission Freedom mitgeteilt, den Betrieb des Haus SeeNest eingestellt zu haben und keine rechtlichen Schritte mehr zu verfolgen. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen laufen weiter. Mehr dazu hier.

Gegenüber dem evangelikalen Medienmagazin Idea teilte ggmh mit, Gaby Wentland lasse ihre Vorstandstätigkeit dort bis zur Klärung der Vorwürfe vorläufig ruhen.

Neustart e.V. und Samaritan’s Purse

Ihr Anerkennungspraktikum absolvierte Neuhaus beim Berliner Verein Neustart – christliche Lebenshilfe e.V. unter Leitung von Gerhard Schönborn. Der Verein betreibt ein Café am Straßenstrich in der Berliner Kurfürstenstraße.

Hervorgegangen ist Neustart aus einem zuvor am gleichen Ort betriebenen „Drogenhilfeprojekt“ der US-amerikanischen umstrittenen Organisation Teen Challenge, der unter anderem das Angebot sog. Konversionsbehandlungen nachgesagt wird. Im Archiv des Schwulen Museum Berlin befindet sich eine Broschüre mit dem Titel „Homosexuelle Lesbische Onanie“. Neustart e.V. gibt selbst auf seiner Homepage an, aus Teen Challenge hervorgegangen zu sein.

Quelle: Schwules Museum Berlin, Instagram

Heute teilt sich Neustart seine Räumlichkeiten an der Kurfürstenstraße mit Alabastar Jar, einem Projekt der aus den USA stammenden evangelikalen Organisation Samaritan’s Purse. Samaritan’s Purse ist in Deutschland vor allem auf Grund ihrer umstrittenen Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ bekannt ist. Geleitet wird Samaritan’s Purse vom US-Evangelikalen Franklin Graham – den auch Trumps Jesus-Vergleiche nicht von seiner Unterstützung für den US-Präsidenten abhielten.

Neustart und Samaritans Purse sind ebenfalls Mitglied bei ggmh, Schönborn ist Mitglied im Vorstand.

Zitate-Kartell für die „Welt ohne Prostitution“

An Neuhaus sieht man, wie eng die Anti-Sexarbeitsbewegung kooperiert.

Die Bewegung zitiert sich selbst und macht dabei auch vor wissenschaftlich fragwürdigen Daten keinen Halt, die auf diesem Wege oft erhebliche Reichweite und – trotz gegenläufiger wissenschaftlicher Erkenntnisse – nicht selten eine „Schein-Seriosität“ erreichen.

Dazu kann man durchaus auch das Buch des schwedischen Kripobeamten Simon Häggström „Im Namen der Frauen“ zählen. Im letzten Jahr organisierte die Bewegung für den schwedischen Polizeibeamten eine Lese-Reise. Häggström ist in der Prostitution-Unit in Stockholm tätig. Community-Berichte von Sexarbeitenden enthalten scharfe Kritik an dieser Einheit.

Häggström ist aktuell einer der großen „Stars“ der Anti-Sexarbeitsbewegung, der auch in Deutschland durch die Lande zieht und u.a. beim Magazin Emma publiziert. Und auch Neuhaus ist ein großer „Häggström-Fan“…

Links: Buch „Auf der Seite der Frauen“ von Simon Häggström; rechts: Simon Häggström mit Kerstin Neuhaus (Quelle: Instagram, Kerstin Neuhaus)

Die deutsche Fassung von Häggströms Buch wurde von Kerstin Neuhaus redigiert. Der Einleitungstext wurde von Neuhaus, Klaus Engelmohr und Gerhard Schönborn verfasst. Das „Schweden-verklärende“ Vorwort stammt von Huschke Mau.

Und auch die “Anstalt” hatte es offensichtlich nicht nötig, diese Polizeiverliebtheit des karzeralen Feminismus kritisch zu hinterfragen.

Der Freiheit-Kongress im Schönblick

Kerstin Neuhaus nahm auch regelmäßig auf dem u.a. von ggmh, der Evangelischen Allianz Deutschland und Mission Freedom veranstalteten Freiheit-Kongress im christlichen Kongresszentrum Schönblick (Aktion Hoffnungsland) teil. Gerade berichtet FundiWatch hier in einer Beitragsreihe über das großaufgezogene Event.

Neben Angeboten zu „Heilenden Ölen“ von DoTerra, ominösen „Befreiungsgebeten“ wie Bethel SOZO (auf dem Kongress 2024), „Bekehrungsgeschichten“ und Lobpreis lassen sich dort zunehmend auch Politiker*innen verschiedener Parteien von Anekdoten christlich-fundamentalistischer Akteur*innen radikalisieren.

Komplexität wird auf solchen Events reduziert, abweichende Stimmen nicht eingeladen und Kritiker*innen lässt man lieber vor Ort nicht zu.

Kritischer Umgang mit christlich-fundamentalistischer Gruppen in der Sozialen Arbeit? Fehlanzeige.

Zurück zum Talk in der Evangelischen Akademie Frankfurt: Dass christlich-fundamentalistische „Rettungs-“ und Missionierungsphantasien nichts mit professioneller Sozialer Arbeit zu tun haben (sollten!) blieb eine Leerstelle der Veranstaltung. Und das, obwohl mit Kerstin Neuhaus eine Multiplikatorin dieser Bewegung auf dem Podium saß.

Vielen Fürsprecher*innen des Sexkaufverbots scheint es völlig egal zu sein, mit welchen Gruppen sie sich bei den Themen Sexarbeit und Menschenhandel einlassen. Dass diese Gruppen ein erhebliches Risiko für Schutzsuchende bedeuten können, sollten die Vorgänge im Haus Seenest eigentlich vor Augen führen. Doch bislang wird diese Gefahr als “Kollateralschaden” für die Durchsetzung der eigenen Ziele billigend in Kauf genommen.

Umso bedauerlicher, dass genau das nun bei einer Veranstaltung eines christlichen Veranstalters völlig ausgeblendet wurde.

Max Uthoff als Lobbyist christlicher Fundamentalist*innen?

In einer Szene der „Prostitutions-Anstalt“ klagt Uthof auf der Couch eines „Psychologen“, man kritisiere in der Sendung die „Liberalisierung des Sexkaufs“ und befinde sich damit in Gesellschaft „von sehr zwielichtigen Typen„.

Uthoff bezieht sich auf die Forderung der CDU/CSU nach einem Vergütungsverbot für Sexarbeit. Uthoff wisse ja, dass das Modell nicht „der Weiseheit letzter Schluss sei“ aber im Grunde fände er das im Vergleich „mit dem was wir haben richtig. Leider.

Ja, Herr Uthoff, leider! Denn die konkreten negativen Konsequenzen des „Nordische Modells“, das ja in unterschiedlichen Varianten in einigen Ländern in Kraft ist, sind – wenn man es wissen will – nachlesbar. Doch gerade diese wissenschaftlichen Studien und Erhebungen blendet die „Prostitutions-Anstalt“ selbstgefällig aus. Stattdessen keilte man gegen die heterogene Sexarbeitsbewegung, die seit Jahrzehnten um Nicht-Diskriminierung und Arbeitsrechte kämpft.

Vielleicht überdenken Sie, lieber Herr Uthoff und liebe Maike Kühl noch einmal, bei welchen Quellen Ihre Redaktion recherchiert und ob diese Informationen seriös sind.

Das christliche Medienmagazin Pro zeigt sich in einem Artikel von Anna Lutz unter der Übersschrift „(Auch) Christen bewegen was beim Thema Prostitutionsverbot“ jedenfalls begeistert von der Sendung:

„So deutlich wurde in einer deutschen TV-Sendung selten für ein Prostitutionsverbot geworben! Und dann auch noch in einer Satiresendung…“

Ein Kommentar von Pro auf Facebook zu dem Artikel macht es noch deutlicher. Dort heißt es:

„Dass Uthoff und Co. hier so deutlich werden, liegt nicht nur an der eindeutigen Faktenlage. Sie waren im Vorfeld der Sendung auch im Gespräch mit Christen. Genauer: Mit der Organisation „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ und anderen Teilnehmern eines Kongresses zum Thema, der ab dem 26. April im christlichen Gästezentrum „Schönblick“ stattfand (PRO berichtete). Sicher nicht die einzige Quelle, aus denen sich die Informationen der Comedians speisten. Aber offenbar eine überzeugende.“

Inwieweit „eindeutige Faktenlage“ und Stimmen von „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ miteinander in Einklang zu bringen sind, möge jede*r für sich selbst beurteilen. Hier jedenfalls sollte die Redaktion der Anstalt noch einmal überprüfen, vor wessen Karren sie sich spannen lässt.

Dazu würde gehören, den eigenen Bestätigungsfehler zu reflektieren und die Forschungslage zur Kenntnis zu nehmen. Denn noch einmal: Wer es wissen will, kann leicht in Erfahrung bringen, welche Ziele die Mitgliedsorganisationen von ggmh verfolgen. Ob deren Arbeit Betroffenen von schwerer Gewalt wirklich hilft, muss u.a. angesichts des Fall Haus SeeNest in Frage gestellt werden.

Die Veranstaltenden des Freiheit-Kongress sind jedenfalls derart von der „Anstalt“ begeistert, dass sie sich wenige Tage nach dem Kongress noch einmal an alle Teilnehmenden wenden. In der entsprechenden Mail heißt es:

„Gerne können Sie sich die Sendung in der Mediathek anschauen und im Anschluss an das ZDF, einen Dank für die faktenreiche Sendung und dass zum Thema weitere Sendungen erfolgen sollten schreiben.“

Es folgt ein Link zur ZDF-Mediathek und zum Kontaktformular des ZDF. Für viele Besuchende des Freiheit-Kongress dürfte es das erste Mal sein, dass sie dem sonst so verhassten „bösen ÖRR“ ein Lob aussprechen.

Stimmen zur Veranstaltung

Wie bereits erwähnt, beteiligte die Evangelische Akademie Frankfurt keine Sexarbeiter*innen am Talk.

Gerade deshalb beenden wir diese Einordnung mit einem Zitat der Sexarbeiterin Athene Pallas:

„Wenn alle über unsere Lebensrealität sprechen, aber Sexarbeitende selbst nicht als Expert*innen anerkannt werden, wird uns die Deutung über unser eigenes Leben entzogen. Wir werden zum Objekt einer Debatte, statt als politisch denkende und handelnde Menschen ernst genommen zu werden.

Dazu kommt: Sexarbeitende, die widersprechen, werden gezielt diffamiert – als Einzelfälle, als privilegiert, verblendet oder Teil der „Lobby“. So wird uns nicht nur widersprochen, sondern die Legitimität abgesprochen, überhaupt mitzureden.

Das ist nicht nur verletzend. Das ist Entmündigung – und ganz klar eine Form von Gewalt.“

Jugendamt nimmt alle Kinder aus christlich-fundamentalistischer Einrichung im Allgäu in Obhut

„SeeNest“ der Himmelsstürmer Deutschland von Mission Freedom stand bereits in Kritik

Mehrere Medien berichten über Inobhutnahmen von sechs Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren aus einem Heim in Immenstadt (Allgäu) – vgl. hier, hier und hier.

Bisher nicht genannt wird der Name der Einrichtung. Es handelt sich jedoch offensichtlich um das erst 2023 eröffnete „Haus SeeNest“ der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH – einer 100%-Tochtergesellschaft des bereits lange in Kritik stehenden christlich-fundamentalistischen Vereins Mission Freedom.

So tragisch der Vorgang ist: Überrascht sind wir nicht. Wir hatten bereits kritisch über die Erteilung der Betriebserlaubnis und Zweifeln an einer dortigen Gewährleistung des Kindeswohls berichtet.

Update (28.04.2026): Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH) hat zu dem Fall am 25.04.2026 eine Pressemitteilung veröffentlicht: „Kindeswohl ist unverhandelbar: Berufsverband warnt vor ideologischen Einflüssen in der stationären Jugendhilfe“

Update (30.04.2026): Jetzt berichtet auch die Süddeutsche Zeitung über den Fall und ordnet diesen dem SeeNest zu.

Update (03.05.2026): Auch die taz berichtet nun über den Fall. Demnach handelte es sich bei den kindeswohlgefähredenden Erziehungsmethoden offenbar auch um einen „unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen“.

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„Kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden“

Grund für die Inobhutnahme seien laut Regierung von Schwaben „kindeswohlgefährdende Erziehungsmethoden“ gewesen. Die gute Nachricht: Stand jetzt befinden sich keine Kinder mehr in der Einrichtung. Für uns ist klar: Der gesamte Fall muss umfassend und insoweit mit den Persönlichkeitsrechten der betroffenen Minderjährigen vereinbar transparent aufgeklärt werden.

Die Regierung von Schwaben teilt laut Berichterstattung mit: „Die weltanschauliche Ausrichtung des Trägers hatte keinen Bezug zu den Inobhutnahmen“. Das ist schwer vorstellbar und sehr viel spricht dafür, dass das nicht zutrifft.

Die Einrichtung und ihre Träger stehen schon lange in Kritik

Auch wenn der Name der Einrichtung bisher nicht genannt wird: Der Vorgang lässt sich klar zuordnen.

So wird in den Berichten u.a. erwähnt, dass es sich um die Einrichtung eines „religiös ausgerichteten“ Betreibers aus Hamburg handelt. Mission Freedom und – an gleicher Adresse – die Himmelsstürmer Deutschland haben dort ihren Sitz: In der Freien Gemeinde Neugraben in Hamburg, zu der auch Gaby Wentland gehört. Wentland ist Gründerin und Vorsitzende von Mission Freedom e.V. und teilte bereits Anfang 2023 auf Facebook mit: „Im Allgäu hat Gott große Pläne vor 23!“

Quelle: Facebook – Gaby Wentland

Hamburger Behörden und Opferschutzverbände distanzierten sich übrigens bereits vor Jahren von Mission Freedom. Das Hamburger Landeskriminalamt teilte mit, es halte den Verein für „nicht seriös„.

Bereits Erteilung der Betriebserlaubnis sorgte für Kritik

Zudem wird in den Berichten auf bereits öffentliche Kritik an der Einrichtung und eine Anfrage der Abgeordneten Gabriele Triebel im Bayerischen Landtag aus dem Jahr 2024 hingewiesen.

Schon zu diesem Zeitpunkt berichteten damals bereits unter anderem die Süddeutsche Zeitung (Paywall) und Panorama über das „SeeNest“:

Quelle: sueddeutsche.de
Quelle: ndr.de

Eine ausführliche Recherche – die bereits vor Erteilung der Betriebserlaubnis erstellt wurde und auch der Genehmigungsbehörde vorlag – haben wir letztes Jahr hier veröffentlicht.

Quelle: fundiwatch.org

Auch in der 2025 mit Förderung der Freien und Hansestadt Hamburg veröffentlichen Handreichung zu Christlichem Fundamentalismus & Sozialer Arbeit gingen wir auf Mission Freedom und das SeeNest ein. Die Handreichung thematisiert Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit und ist hier frei abrufbar.

Quelle: fundiwatch.org

Die Verantwortlichen schweigen zum Vorgang – und tagen ab Sonntag auf dem „Freiheit-Kongress“ in Schwäbisch-Gmünd

Die Verantwortlichen der Einrichtung haben sich bisher öffentlich nicht geäußert.

Stattdessen tagen sie – darunter auch die Vereinsvoritzende von Mission Freedom, Gaby Wentland, sowie die Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland, Inga Gerckens – ab Sonntag gemeinsam mit zahlreichen weiteren Organisationen auf dem „Freiheit-Kongress“ im evangelikal ausgerichteten Kongresszentrum „Schönblick“ in Schwäbisch-Gmünd:

Quelle: Instagram, Freiheit_Kongress
Quelle: freiheit-kongress.de

Mission Freedom ist u.a. neben der Evangelischen Allianz Deutschland und dem Netzwerkverein „Gemeinsam gegen Menachenhandel“ sogar Mitveranstalter dieses Events.

Bereits Programm und Mitwirkende des Kongresses mit einem besonderen Schwerpunkt zum Thema „Rituelle Gewalt“ – darunter auch die Regisseurin Liz Wieskerstrauch mit ihrem Film „Blinder Fleck“ – lassen aufhorchen. Auch be idiesem Thema stand Mission Freedom bereits mehrfach in der Kritik, Verschwörungsideologien zu verbreiten.

Auch die Zeit berichtete kritisch über den Film „Blinder Fleck“ und einem darin vermeintlich falsch dargestellten Fall angeblich „ritueller Gewalt“ an einer Minderjährigen. Aktuell befindet sich unter der Überschrift des Artikels allerdings lediglich ein Hinweis, der Beitrag sei „aus rechtlichen Gründen depubliziert“. Wir haben bereits nachgefragt, was es damit auf sich hat.

Unser Kollektivmitglied Matthias hat für den Kongress übrigens ein Hausverbot erteilt bekommen, Zoé und Ruby haben von vorneherein eine Beobachtung der Veranstaltung aus Sicherheitsgründen für sich ausgeschlossen.

Selbstverständlich bleiben wir dran, an Mission Freedom und an vergleichbaren Organisationen. Mehr dazu bald!

Mehr zum Thema:

    Mission Respekt – oder Mission gescheitert?

    Wie die Bremische Evangelische Kirche dem „Hassprediger“ Olaf Latzel wieder eine Bühne bietet

    Die Bremische Evangelische Kirche (BEK) hat sich jahrelang vom in Medien als „Hassprediger“ bezeichneten und wegen Volksverhetzung angeklagten Olaf Latzel distanziert – und ihn disziplinarisch sanktioniert.

    Jetzt kooperiert ausgerechnet ihr eigenes Projekt „Lighthouse“ im Rahmen der „Aktionswoche.Evangelisation“ mit Latzel und seiner St. Martini Gemeinde. Am gleichen Wochenende heißt Latzel mit der Alliance Defending Freedom (ADF) anschließend einen einflussreichen Player der internationalen christlichen Rechten bei sich willkommen.

    Nachfragen weicht die Kirchenleitung aus – und dann erhalten wir eine Mail, die wir eigentlich nie hätten erhalten sollen und an der ablesbar wird, wie die BEK in dieser Angelegenheit agiert.

    Eine Pressemitteilung zu diesem Artikel ist hier abrufbar.

    Edit (13.04.2026): Über den Fall berichten zwischenzeitlich auch mehrere Medien, wie u.a. queer.de (09.04.2026) und die taz (12.04.2026). Außerdem haben wir noch den Abschnitt „Lighthouse – das Trojanische Pferd der Evangelikalen in die Bremer Zivilgesellschaft?“ ergänzt.


    Über den Einfluss der Evangelikalen auf die Soziale Arbeit in Bremen, insbesondere die Kinder- und Jugendarbeit des Sozialwerks der Freien Christengemeinde Bremen und dessen Netzwerke, berichteten wir hier.

    Weiterlesen

    Ein Projekt zwischen Aufbruch und Rückgriff

    Beim Lighthouse Bremen handelt es sich um eine gesamtkirchliche Arbeitsstelle der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK). Auf den ersten Blick inszeniert sich das Lighthouse modern und weltoffen: niedrigschwellig, experimentell, nah an den Menschen.

    Formate wie „Prayer to go“ oder Bikertreffen unter dem Titel „Ride on Faith“ sollen Glauben aus kirchlichen Räumen herausholen und auch kirchenferne Gruppen erreichen:

    Website der „Lighthouse – Bremische Evangelische Kirche“ mit Navigationsleiste (Info, Aktionen, Termine, Newsletter, Galerie, Kontakt). Darunter ein Abschnitt „Das LIGHTHOUSE erklärt“ mit einem Foto eines beleuchteten Kirchengebäudes bei Nacht und erklärendem Text zum Projekt „Lighthouse“.
    Screenshot Webseite Lighthouse, Quelle: https://lighthouse-bremen.de/

    Ein zweiter Blick weckt jedoch bereits andere Assoziationen: Angebote wie „Feuerabende für Männer!“ knüpfen wohl doch eher an konservativ-evangelikale Milieus inklusive darin vertretener klassischer Rollenbilder an – „echte Männer“ treffen sich am offenen Feuer „unter sich“:

    Werbebild mit der Aufschrift „LIGHTHOUSE Feuerabende“: Am Strand bei Abenddämmerung stehen mehrere Männer um ein Lagerfeuer, im Hintergrund ist Wasser mit Lichtern am Horizont zu sehen. Unten steht der Text „Feuerabende für Männer!“.
    Screenshot Werbung für Lighthouse-„Feuerabende“,Quelle: https://lighthouse-bremen.de/

    Die missionarische Ausrichtung des Lighthouse wird jedenfalls stark betont.

    Lighthouse – das Trojanische Pferd der Evangelikalen in die Bremer Zivilgesellschaft?

    (Edit 13.04.2026: Dieser Abschnitt wurde nach Erstveröffentlichung hinzugefügt)

    Bereits Mitte 2022 berichtete die taz über das Lighthouse Bremen und dessen Leiter Johannes Müller – dem ehemaligen Jugendreferenten der Matthäusgemeinde, die wie St. Martini und die Stiftung Marburger Medien Mitglied der Evangelischen Allianz ist.

    Die Evangelische Allianz Deutschland (EAD) arbeitet übrigens immer wieder mit der Alliance Defending Freedom (ADF) zusammen, wie beispielsweise bei Veröffentlichung von queerfeindlichen Broschüren, erst Ende letzten Jahres zum Selbstbestimmungsgsetz.

    Die Gruppe Religionsfrei in Bremen berichtet, dass die Förderung der Evangelikalen durch die Leitung der BEK bereits 2013 mit der Neuwahl des Kirchenausschusses unter Vorsitz von Edda Bosse, der damaligen Kirchenleiterin, begonnen habe.

    Religionsfrei in Bremen bezeichnet das Lighthouse als…

    „…das Trojanische Pferd der Evangelikalen in die Bremer Zivilgesellschaft“.

    Entsprechendes lässt sich scheinbar auch für die Rolle des Lighthouse innerhalb der als eher liberal geltenden Bremer Landeskirche selbst feststellen…

    „Mission Respekt“ – Anspruch mit Sollbruchstelle

    Offiziell arbeitet das Lighthouse unter dem Leitmotiv „Mission Respekt“. Gemeint ist ein missionsorientierter Ansatz, der Verkündigung mit Dialog, Respekt und Religionsfreiheit verbinden soll.

    Das hierzu veröffentlichte Konzeptpapier des Lighthouse nimmt Bezug auf das ökumenische Leitpapier „MissionRespekt. Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt.

    Das Leitpapier wurde 2011 vom Ökumenischen Rat der Kirchen, der Evangelischen Weltallianz und dem Vatikan veröffentlicht. Konservative Evangelikale sehen in dem Papier teils eine Verwässerung klassischer Evangelisation zugunsten von Dialog, während andere betonen, der Anspruch respektvoller Glaubenskommunikation unter Achtung anderer Glaubensbekenntnisse bleibe oft programmatisch und werde von aggressiven Missionspraktiken in Teilen der Christenheit noch längst nicht eingelöst.

    Und tatsächlich: Auch im aktuellen Fall zeigt sich, wie wirkungslos das Papier weiterhin bleibt. Denn wie sollten die Ansprüche des erwähnten Papiers mit einem Pastor zusammen passen, dessen Predigten immer wieder Respekt vermissen lassen oder Respekt vor Andersdenkenden und -gläubigen gar willentlich verwehren?

    Missionstraining mit einem der umstrittensten Pastoren Deutschlands

    Vom 20. bis 24. April 2026 lädt das Lighthouse zur „Aktionswoche Evangelisation.

    Das Ziel:

    „Christen in D darin AUSBILDEN und SENDEN, das Evangelium klar zu formulieren und mutig ‚Eins zu Eins‘ weiterzugeben.“

    Zweiteiliges Plakat zur „Aktionswoche Evangelisation“ (20.–24. April 2026). Links: Titel, Datum und Slogan „Geh’ los und erzähl’ bei dir vor Ort von Jesus!“ sowie ein QR-Code für weitere Infos. Rechts: Beschreibung der Aktionswoche mit Einladung, den christlichen Glauben praktisch weiterzugeben, gefolgt vom Tagesprogramm (Workshop, Einsatz, Feiern). Unten stehen Treffpunkt (St. Martini-Kirche in Bremen), Anmeldehinweis mit QR-Code "theturning.info" sowie Logos von Lighthouse und St. Martini.
    Veranstaltungsankündigung auf der der Webseite von Lighthose, Quelle: lighthouse-bremen.de


    In täglichen Workshops mit Lighthouse-Leiter Johannes Müller wird das Missionieren trainiert, bevor es dann für den „Praxisteil“ auf die Straße geht. Abends wird das Erlebte „gefeiert“.

    Programmübersicht zum Ablauf der „Aktionswoche (20.–24. April)“. Überschrift „Ablauf der Tage Mo–Fr“. Treffpunkt werktags 16–19:30 Uhr in St. Martini Bremen oder vor Ort. Programmpunkte: 16:00 Ankommen; 16:30–16:45 Andacht (Olaf Latzel, via YouTube); 16:45–17:20 Training (Johannes Müller, via YouTube); 17:20–17:30 Gebet und Vorbereitung; 17:30–18:30 Outreach in Teams; 18:30–19:30 Zeugnisse, Lobpreis, Gebet und Abschluss. Zusätzlich: Sonntag 10:00 Gottesdienst aus St. Martini (YouTube-Übertragung).
    Ablaufprogramm der Aktionswoche, Quelle: lighthouse-bremen.de


    Treffpunkt und offenbar spirituelles Zentrum der Aktionswoche ist die St. Martini Gemeinde Bremen. Jeder Tag beginnt mit einer Andacht von Olaf Latzel. Andachten und Workshops werden auch online übertragen, so dass Gemeinden die Evangelisationswoche auch bei sich vor Ort organisieren können.

    All das geschieht in Zusammenarbeit mit einem Pastor, der zeitgleich mit Gehaltskürzungen durch die BEK sanktioniert wird.

    Der Fall Latzel: Eskalation mit Ansage

    Denn Olaf Latzel steht seit Jahren für eine bewusst provozierende Form von Predigt.

    So verweigerte er einer Pastorin die Kanzel und beleidigte andere Religionen. Dabei nannte Latzel zum Beispiel das islamische Zuckerfest (das muslimische Fest des Fastenbrechens) „Blödsinn“, sprach vom katholischen „Reliquiendreck“ oder von Buddha als „dicken, fetten Herrn“.

    Spätestens damit war er weit über Bremen hinaus zum Symbol eines besonders scharf ausgrenzenden, kulturkämpferischen Fundamentalismus geworden.

    Zum Strafverfahren wegen Volksverhetzung und Disziplinarmaßnahmen der BEK führten letztlich queerfeindliche Äußerungen Latzels auf einem Eheseminar im Jahr 2019, das ein Gemeindemitglied online veröffentlichte. Eine Chronik des gesamten Verfahrens ist bei buten un binnen veröffentlicht.

    In dem Eheseminar sprach Latzel – wie u.a. im Urteil des Amtsgerichts Bremen wiedergegeben – von Homosexualität als eine „Degenerationsform von Gesellschaft“. Außerdem sagte er: „Überall laufen die Verbrecher rum vom Christopher Street Day.“ Hinzu kam die Formulierung: „Der ganze Genderdreck ist ein Angriff auf Gottes Schöpfungsordnung. Das ist zutiefst teuflisch und satanisch.

    Das Amtsgericht Bremen verurteilte Latzel wegen dieser Äußerungen zunächst wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe. Das Landgericht sprach ihn in der Berufung hingegen frei.

    Zwar sah das Landgericht die Wortwahl Latzels als „befremdlich“ und „archaisch“ an und gewiss nicht als geeignet, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, wo alle gut miteinander auskommen. Es hielt die Schwelle zur Strafbarkeit aber als noch nicht erreicht.

    Das Oberlandesgericht Bremen wiederum hob das Urteil des Landgerichts auf, weil es eine seines Erachtens durchaus mögliche Strafbarkeit nicht ausreichend geprüft sah und verwies die Sache zurück an das Landgericht.

    Überraschenderweise kam es dort dann nicht zu einem Urteil. Denn das Landgericht stellte das Verfahren gegen Zahlung einer Geldauflage ein: Latzel musste 5.000 Euro an den Bremer Verein Rat&Tat – Zentrum für queeres Leben zahlen.

    Damit war das Strafverfahren beendet, die strafrechtliche Beurteilung der Äußerungen Latzels bleibt ungeklärt.

    Die BEK auf Distanz – zumindest offiziell

    Die BEK reagierte nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Latzel zunächst deutlich und äußerte sich immer wieder zur „Causa Olaf Latzel:

    Die Kirchenleitung distanzierte sich dabei „entschieden“ von Latzels abwertenden Äußerungen und erklärte, sie stehe „klar an der Seite homosexuell lebender Menschen“. Im Mai 2020 leitete sie ein Disziplinarverfahren ein. Zwischenzeitlich wurde Latzel sogar vorläufig seines Dienstes enthoben, wogegen er sich jedoch erfolgreich wehrte.

    Nach Abschluss des Strafverfahrens beschloss der Kirchenausschuss im Mai 2025 schließlich als Sanktion eine Kürzung von Latzels Bezügen um fünf Prozent für 48 Monate. Die Maßnahme müsste demnach also auch aktuell noch wirksam sein.

    Ungeachtet dessen, ob man die von der BEK ergriffenen Maßnahmen als ausreichend beurteilen mag – die Botschaft der BEK, an der maßgeblich die damalige Kirchenpräsidentin Edda Bosse mitwirkte, schien bisher jedenfalls klar: So nicht.

    Und jetzt: Kooperation

    Umso bemerkenswerter ist die aktuelle Zusammenarbeit.

    Denn anders als frühere Konflikte lässt sich die jetzige Kooperation wohl nicht mit der Autonomie der Gemeinden in der spezifischen Struktur der BEK erklären. Hier handelt mit dem Lighthouse eine Arbeitsstelle der Landeskirche selbst und hat sich offenbar aktiv ausgerechnet Latzels Gemeinde als Kooperationspartner ausgesucht.

    Die naheliegende Frage: Hat sich die Haltung der BEK unter einer zwischenzeitlich neuen Leitung geändert? Und wenn ja, auf welcher Grundlage?

    Will die BEK beschwichtigende Signale senden, statt sich klar gegen Hass und Hetze zu positionieren?

    FundiWatch fragt nach

    Noch vor Ostern fragten wir bei der BEK nach. Denn für uns enthält die aktuelle Zusammenarbeit zwischen Lighthouse und der St. Martini Gemeinde empfindliche Widersprüche.

    Von der BEK erhielten wir eine ausweichende Antwort. Soweit so erwartbar?

    Was wir allerdings nicht erwartet hatten, stand in einer zweiten Mail, die wir versehentlich zugestellt bekamen…

    Konkrete Fragen – und eine Antwort, die keine ist

    Im Kern ging es bei unserer Anfrage an die BEK um vier Punkte:

    • Wie passt die Zusammenarbeit mit Olaf Latzel zur bisherigen klaren Distanzierung – einschließlich laufender Disziplinarmaßnahmen?
    • Hält die Kirche ihn und seine Gemeinde ernsthaft für einen geeigneten Partner – ausgerechnet unter dem Leitbild „Mission Respekt“?
    • Und darüber hinaus: Wie will die BEK dem wachsenden Einfluss christlich-fundamentalistischer Strömungen begegnen, wenn sie gleichzeitig mit entsprechenden Akteuren kooperiert?
    • Und nimmt sie dabei bewusst in Kauf, dass solche Kooperationen als Signal der Akzeptanz verstanden werden könnten?

    Kurz gesagt: Wir wollten wissen, ob die BEK ihre eigenen Maßstäbe ernst nimmt – oder ob sie in der Praxis deutliche Abstriche macht.

    Die Antwort, die uns Donnerstagabend „für die Kirchenleitung der BEK“ erreichte, könnte nichtssagender und ausweichender kaum sein:

    „Alle Veranstaltungen des Lighthouse Bremen finden auf der Grundlage von ‚MissionRespekt.Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt‘ statt. Die Bremische Evangelische Kirche geht davon aus, dass sich auch die von Ihnen genannte Veranstaltung des Lighthouse auf der Basis dieses Konsenspapiers bewegt.“

    Mehr nicht. Keine Einordnung, keine Abgrenzung, keine Erklärung der Zusammenarbeit.

    Ein Blick hinter die Kulissen: Mission respektlos?

    Nun zum Überraschenden und für uns Entlarvenden:

    Eine interne, kommentierende E-Mail des Pressesprechers der BEK an einen Medienverteiler (im Cc der aktuelle Kirchenpräsident Bernd Kuschnerus sowie die Leitung der Kirchenverwaltung) erreichte – offenbar versehentlich – auch uns.

    Aus der Kommunikation geht hervor, dass die Antwort bewusst erst spät innerhalb der gesetzten Frist vor den Osterfeiertagen versendet wurde, offenbar mit dem Ziel, möglichst wenig öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

    Zudem wurde intern festgelegt, auf weitere Nachfragen nicht einzugehen und die öffentliche Reaktion – etwa in sozialen Medien – zu beobachten.

    Was sehen wir hier? Auf Zeit spielen, Aufmerksamkeit vermeiden, Kritik möglichst aussitzen.

    Mehr als nur ein lokales Problem

    Die Kooperation der BEK mit St. Martini sollte auch nicht als ausschließlich lokales Thema gesehen werden.

    Abgesehen davon, dass die Aktionswoche (einschließlich der Predigten von Latzel), auch online übertragen wird ist sie bewusst auf die Übernahme durch Gemeinden auch andernorts ausgerichtet.

    Zudem sind Latzel und seine Gemeinde in christlich-fundamentalistischen Netzwerken weit vernetzt. Sowohl im „Netzwerk Bibel und Bekenntnis“ als auch weit darüber hinaus wird sein Strafverfahren als vermeintlicher „Justizskandal“ und angeblich zunehmende „Christenverfolgung“ hochstilisiert.

    Unterstützung durch die internationale Christliche Rechte: Alliance Defending Freedom

    Latzel kann dabei auch auf die Unterstützung der internationalen christlichen Rechten setzen: die rechtschristliche US-amerikanische Anwalts-Lobby-Organisation Alliance Defending Freedom (ADF) begleitete das Strafverfahren gegen Latzel engmaschig medial.

    ADF praktiziert Kulturkampf vor Gericht. Ihre Strategie lässt sich durchaus als „lawfare“ bezeichnen – eine Strategie, bei der Mittel des Rechtsstaats wie Gerichtsverfahren nicht primär zur Rechtsdurchsetzung, sondern zur Schwächung der Gegner*innen eingesetzt werden.

    Seit Jahren zählt ADF zu den zentralen internationalen Akteuren der christlich-rechten Szene, die weltweit gegen LGBTQ*-Rechte und reproduktive Selbstbestimmung mobilisiert und vom Southern Poverty Law Center als „hate group“ eingeordnet wird.

    Screenshot einer Website des SPLC (Southern Poverty Law Center) mit dunklem Design. Links steht groß „Alliance Defending Freedom“ mit dem Hinweis „SPLC Designated Hate Group“. Darunter Angaben: Ideologie „Anti-LGBTQ“, gegründet 1994, Standort Scottsdale, Arizona. Oben Navigation zu „Racial Justice Issues“, „Find Resources“ und „State Support“. Rechts ist das Logo von „Alliance Defending Freedom“ zu sehen.
    Infoseite Southern Poverty Law Center zur Alliance Defending Freedom, Quelle: https://www.splcenter.org

    So wirkte ADF beispielsweise im Umfeld der Aufhebung des Urteils zum Recht auf Abtreibung in den USA (Roe v. Wade) mit, unterstützt dort aktuell – vor dem Supreme Court gerade erst „erfolgreich“ – Verfahren gegen Verbote von Konversionsbehandlungen und baut – von Medien weitgehend ignoriert oder allenfalls am Rande erwähnt – bereits seit einigen Jahren ihren Einfluss in Europa mit erheblicher finanzieller Schlagkraft aus.

    Das European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights (EPF) warnt seit Jahren vor massiv wachsender Einflussnahme religiös-extremer und gegen Menschenrechte agierender Netzwerke in Europa, darunter auch der ADF.

    Titelseite des EPF-Reports: Grafik eines Eisbergs im Meer: Über der Wasseroberfläche ist nur die Spitze sichtbar, darunter ein großer Teil mit Geldscheinen im Inneren. Links steht der Titel „Die Spitze des Eisbergs“ sowie der Untertitel über religiös-extremistische Geldgeber gegen Menschenrechte auf Sexualität und reproduktive Gesundheit in Europa (2009–2018). Unten ist das Logo des European Parliamentary Forum (EPF).
    Report des EPF „Die Spitze des Eisbergs“, Quelle: Quelle: https://www.epfweb.org

    Wie berechtigt diese Warnungen sind, zeigt neben mittlerweile zahlreichen Auftritten der ADF in Deutschland (vgl. z.B. hier, hier oder hier) auch dessen Mitwirkung am Project 2025 – jenem Programm der Heritage Foundation, das nicht bloß konservative Politik formuliert, sondern auf einen autoritären Umbau des US-Staates hinausläuft, wie wir ihn derzeit in den USA verfolgen können.

    Das Buch „Der Fall Latzel“: Ein Rufmord GEGEN den Rechtsstaat

    Ungeachtet dessen veröffentlichte ausgerechnet Felix Böllmann, Leiter der Rechtsabteilung von ADF International Wien, gemeinsam mit David Wengenroth, Leiter des Meinungs-Ressorts beim rechtskonservativen, evangelikalen Idea-Magazin, Ende vergangenen Jahres das Buch „Der Fall Latzel – Ein Rufmord mithilfe der Justiz.

    Buchcover „Der Fall Latzel“ von David Wengenroth und Felix Böllmann. Untertitel „Ein Rufmord mithilfe der Justiz“. Illustration zeigt zwei Männer im Gerichtssaal an einem Tisch sitzend, einer schreibt, der andere mit verschränkten Händen; im Hintergrund eine weitere Person.
    Buchcover „Der Fall Latzel“, Fontis-Verlag, Quelle: https://www.fontis-shop.de

    Nach Autoren und Untertitel nicht überraschend wird das Verfahren gegen Latzel in dem Buch als politischer Skandal geframed und Latzel zum Opfer einer Kampagne aus Justiz und Medien erklärt.

    Idea begleitete das Verfahren ebenfalls intensiv und veröffentlichte beispielsweise ein Interview (Paywall) mit Latzel unter der Zitatüberschrift:

    Screenshot eines IDEA-Artikels mit der Überschrift „Interview - Olaf Latzel: ‚Ich halte mich nach wie vor für unschuldig‘“ (29.07.2025). Darunter ein Foto von Olaf Latzel in einer Kirche mit bunten Kirchenfenstern im Hintergrund. Bildunterschrift: Olaf Latzel spricht über seine Gerichtsprozesse und Disziplinarverfahren.
    Screenshot Vorschau Idea-Interview mit Olaf Latzel, Quelle: https://www.idea.de

    Die BEK und die internationale Christliche Rechte geben sich in St. Martini die Klinke in die Hand…

    Zuletzt bleibt zu erwähnen, dass bereits am 25. April 2026 – also einen Tag nach Abschluss der Aktionswoche mit dem Lighthouse – in St. Martini ein „Studientag“ unter dem Titel „Christenverfolgung in Deutschland?! stattfindet.

    Zweiteiliges Veranstaltungsplakat „Christenverfolgung in Deutschland?!“ für Studientag kirchlicher Mitarbeiter und Pfarrer. Links: Referentenliste mit Namen und Themen (u. a. Pastor Dr. Theol. Stefan Felber, Dr. jur. Felix Böllmann, Prof. Dr. jur. Torsten Schmidt, Pastor Olaf Latzel). Rechts: Veranstaltungsdetails mit Datum (25. April 2026), Ort (St. Martini Gemeinde Bremen), Veranstalter (ADF International Wien), Kostenhinweis sowie Anmeldeinformationen. Dadruter Bibelvers: "Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. (Matthäus 5,10)"
    Veranstaltungsankündigung „Studientag“: „Christenverfolgung in Deutschland?!“ auf der Webseite des Gemeindenetzwerks (Arbeitsbereich des Gemeindehifsbundes), Quelle: https://www.gemeindenetzwerk.de

    Veranstalter: Die ADF International Wien. Als Referent dabei: wiederum Felix Böllmann von der ADF.

    Auch darauf wiesen wir die BEK in unserer Anfrage hin. Die (Nicht-)Antwort wurde bereits erwähnt.

    Man könnte also durchaus sagen: Die BEK und eine als Hate-Group eingeordnete rechtschristliche Organisation werden sich in St. Martini in Kürze die Klinke in die Hand geben…

    Hofft die Kirchenleitung, dass das niemand mitbekommt?

    Kein Einzelfall – Peter Hahne zu Gast in St. Martini

    Wer also die Zusammenarbeit des Lighthouse mit St. Martini als punktuelle Kooperation verharmlosen will, übersieht den größeren politischen und ideologischen Zusammenhang, in dem sich diese Gemeinde längst bewegt.

    Im Übrigen zeigte sich bereits im letzten Sommer, als zum Jubiläum der St. Martini Gemeinde ausgerechnet der ehemalige ZDF-Moderator und Brückenbauer zur Neuen Rechten, Peter Hahne, auftrat, wie sehr Latzel und seine Gemeinde ihrer ideologischen Linie treu bleiben.

    In seiner Predigt stellte Hahne unter anderem den Nationalsozialismus („Hakenkreuz-Religion„) und queere Menschen („Regenbogen-Religion„) gleich.

    Die Veranstaltung mit Hahne wurde zunächst auch auf der Webseite der BEK angekündigt:

    1. Rechte Christen unter sich: Dass Olaf Latzel zum Jubiläum seiner Martini-Gemeinde Peter Hahne einlädt, wundert nicht wirklich – beide sind extrem rechts. Dass die Bremische Evangelische Kirche die Veranstaltung auf ihrer Homepage bewirbt macht hingegen fassunglos… buff.ly/PL6AiCY

    FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2025-08-26T19:49:40.065Z

    Nach kritischen Medienberichten distanzierte sich die BEK, ohne den Auftritt Hahnes namentlich zu erwähnen. Und verwies auf die vermeintliche Alleinverantwortlichkeit der St. Martini Gemeinde.

    Sehen wir im aktuellen Fall nun wieder einen merkwürdigen Schlingerkurs?

    Die eigentlichen Fragen

    Die BEK betont weiterhin ihre Werte: Respekt, Dialog, Verantwortung.

    Schließt dieses Motto Kooperationen wie die mit Latzel ein?

    Wo bleiben bei so einer Veranstaltung „Respekt, Dialog & Verantwortung“ in Bezug auf die Menschen, die immer wieder Betroffene von Hasstiraden Latzels werden?

    Fazit: Zwischen (vermeintlichem) Anspruch und Praxis

    Die BEK distanziert sich – und arbeitet doch zusammen.

    Sie antwortet – ohne zu antworten.

    Und sie kommuniziert – in der Hoffnung, dass es niemand mitbekommt.

    Eine „Mission Respekt“ sollte anders aussehen.

    Alarm um die Kinder- und Jugendarbeit in Bremen

    Insolvenz von Petri & Eichen als Einfallstor christlich-fundamentalistischer Akteure in die Soziale Arbeit?

    Zum Beispiel: Das Sozialwerk Bremen, die hoop Kirche und ihre Netzwerke

    Die Zukunft großer Teile der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Bremen ist aktuell unsicher. Grund dafür sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des diakonischen Trägers Petri & Eichen, der sich nun aus weiten Teilen der Kinder- und Jugendsozialarbeit zurückzieht.

    Um drohende Versorgungslücken möglichst zu vermeiden, will die Hansestadt Bremen in Kürze Ausschreibungen für neue Angebote auf den Weg bringen. Droht dabei ein weiteres Vordringen christlich-fundamentalistischer Organisationen in die Soziale Arbeit?

    Die hier veröffentlichte Recherche geht auf entsprechende Gefahren ein und zeigt Verbindungen des Sozialwerks der Freien Christengemeinde Bremen – das zunächst eine der Kitas von Petri & Eichen übernehmen sollte – in christlich-fundamentalistische Netzwerke auf.

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    Einleitung

    Im Sommer startete der diakonische Träger Petri & Eichen ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, kümmerte sich also zunächst selbst um eine wirtschaftliche Stabilisierung.

    Mittlerweile ist sicher: Petri & Eichen stellt sich neu auf. Ein neuer Träger steigt ein, für vier Kitas wurden neue Träger gesucht, die offene Kinder- und Jugendarbeit soll nicht mehr aktiv weiterbetrieben werden.

    Laut Medienberichten droht ein Kahlschlag in der Kinder- und Jugendarbeit in Teilen von Bremen. Wie der Weser-Kurier erst gerade berichtete, wenden sich nun auch ehemalige Führungskräfte in einem offenen Brief an die beiden Noch-Gesellschafter und schlagen Alarm. Die Bremer Sozialbehörde will noch in diesem Jahr Ausschreibungen für neue Angebote auf den Weg bringen.

    Immer wieder führen klamme Haushaltskassen dazu, dass christlich-fundamentalistische Träger die Situation nutzen, eigene Angebote weiter auszubauen.

    Diesen Sommer erst veröffentlichte FundiWatch eine von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderte Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit. Das Fazit: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht! Auf Hilfe und Unterstützung angewiesene Menschen dürfen nicht denjenigen überlassen werden, die sich letztlich gegen die Grundwerte einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft wenden und fachliche Standards professioneller Sozialer Arbeit nicht einhalten.

    Dennoch gelingt es immer wieder auch hochumstrittenen christlich-fundamentalistischen Organisationen in den Bereich der Sozialen Arbeit vorzudringen. Droht Entsprechendes nun auch in Bremen?

    Das wird die Zukunft zeigen. Bei der bisherigen Kita „Weltenbummler“ von Petri & Eichen in Tenever sprachen allerdings zahlreiche Anzeichen zunächst dafür. Denn diese stand laut Medienberichten offenbar unmittelbar vor einer Übernahme durch das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen, das nach dem Ergebnis vorliegender Recherche auf vielfältige Weise in christlich-fundamentalistische Kreise vernetzt ist.

    In Frage gestellt wurde die Übernahme der Kita durch das Sozialwerk zunächst offenbar dennoch nicht. Wohl erst in letzter Minute kam es dazu, dass stattdessen nun die städtische KiTa Bremen auch diese Kita übernehmen soll.

    Der Vorgang wirft jedoch Fragen auf, insbesondere auch, ob in Bremen die notwendige Sensibilität besteht, die professionelle Soziale Arbeit vor Einflussnahme fraglicher Akteur*innen zu schützen. 

    Vor diesem Hintergrund soll in dieser Recherche die Einbindung des Sozialwerks Bremen in christlich-evangelikale bis fundamentalistische Netzwerke näher beleuchtet werden. Im Ergebnis wird deutlich: Es ist wichtig, genau hinzusehen.

    Es bleibt zu hoffen, dass die Hansestadt Bremen bei den anstehenden Neuausschreibungen ihrer Verantwortung zum Schutz von auf Hilfe und Unterstützung angewiesener Personen nachkommt.


    Abstract

    Das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen gehört zu den größten Akteuren der Sozialen Arbeit in Bremen. Mit zahlreichen ambulanten und stationären Angeboten ist das Sozialwerk aus den Bremer Sozialraumangeboten wohl kaum mehr wegzudenken.

    Mit seiner Tochtergesellschaft Menschenskinners! betreibt das Sozialwerk auch mehrere Kitas. Die ursprünglich offenbar angestrebte Übernahme der Kita „Weltenbummler“ von Petri & Eichen schien also naheliegend.

    Selbstverständlich wollen wir hier nicht behaupten, sämtliche der vielen Mitarbeitenden des Sozialwerks seien „christliche Fundamentalist*innen“. Doch betrachtet man die Hintergründe, Netzwerke und Kooperationen des Sozialwerks näher, stößt man auf Verbindungen, die weit in christlich-fundamentalistische Netzwerke hineinreichen. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Und das sollte unseres Erachtens stärker im Blick behalten werden.

    In Teil 1 dieses Beitrags sollen daher zunächst die aktuellen Entwicklungen rund um die Insolvenz von Petri & Eichen und die ursprünglich geplante Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk näher dargestellt werden.

    Schließlich wird auf die Entstehungsgeschichte des Sozialwerks, dessen Organisationen und die Einbindung in evangelikale Netzwerke eingegangen:

    Denn entstanden ist das Sozialwerk Bremen aus der Freien Christengemeinde Bremen – der heutigen hoop-Kirche. Die Verbundenheit ist auch heute noch in der Kirchenverfassung der hoop festgehalten.

    Entsprechendes gilt für die ebenfalls verbundene Elterninitiative Nordlicht – Christliche Kitas e.V. (zuvor: CEKIS – Christliche Kitas e.V.) deren Ziel es ist, „eine christlich geprägte Erziehung in der Tagesbetreuung sicherzustellen“.

    Mittlerweile gehört auch die ursprünglich als Christliche Eltern-Initiative e.V. (CEI) gegründete Elterninitiative Menschenskinners! zum Sozialwerk Bremen. Die Initiative war und bleibt umstritten, u.a. wegen ihrer Positionen als Anti-Abtreibungsverein und vermeintlichen Verbindungen mit evangelikalen Gruppen, die teilweise mit Konversionsbehandlungen („Homo-Heilung“) in Verbindung gebracht wurden.

    Zudem bestehen insbesondere über Menschenskinners! auch Verbindungen zur Freien Evangelischen Bekenntnisschule Bremen (FEBB), gegen die in der Vergangenheit Mobbing-Vorwürfe u.a. eines trans Schülers erhoben wurden.

    Schließlich übernahm das Sozialwerk Bremen im Jahr 1988 die Bremer Privatschule Mentor – bevor die Leitung nur zwei Jahre später versuchte, den Betriebsrat abzuschaffen und aus der Schule eine „christliche Bekenntnisschule“ zu machen.

    Des Weiteren ist das Sozialwerk Bremen über Mitgliedschaften in diverse evangelikale Dachverbände eingebunden. So beispielsweise im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP) und der (Ortsallianz) der Evangelischen Allianz Bremen (EAD), die beide unter anderem wegen ihren Haltungen zu Homosexualität, Abtreibung und Missionierung in der Kritik stehen.

    In Teil 2 dieses Beitrags gehen wir aufgrund der engen Verbundenheit näher auf die Ausrichtung der hoop Kirche ein:

    Denn trotz modernem Außenauftritt erscheinen die vermittelten Ideologien der hoop erzkonservativ.

    Schließlich wird dort auch das aus der kalifornischen Megakirche Bethel Church stammende „Befreiungsgebet“ SOZO angeboten, das laut seinen internationalen Leiter*innen u.a. zur „Befreiung“ von der „Sünde der Homosexualität“, von „dämonischen Belastungen“ und sogenanntem „Okkultismus“ eingesetzt werden soll.

    Zudem lassen sich Verbindungen mit Akteur*innen, die herrschaftstheologische Ideologien verbreiten und den Bewegungen der sog. „New Apostolic Reformation“ bzw. „Kingdom-minded Network Christianity“ zugeordnet werden – u.a. beim dieses Jahr veranstalteten Evangelisierungsevent „Missio Dei“ – aufzeigen.


    TEIL 1: Das Sozialwerk der Freien Christlichen Gemeinde Bremen und die Insolvenz von Petri & Euchen

    Großer Träger der Kinder- und Jugendarbeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten

    Mit rund 500 Mitarbeitenden zählt Petri & Eichen seit Jahren zu den größten Trägern der Kinder- und Jugendhilfe in der Hansestadt Bremen.

    Nun stand der Träger vor gravierenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Im vergangenen Sommer beantragte Petri & Eichen die Einleitung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverantwortung, mit dem Ziel, die wirtschaftliche Stabilisierung des Unternehmens zunächst selbst zu organisieren.

    Parallel wurde bekannt, dass auswärtige Interessenten bei Petri & Eichen einsteigen wollen. Für die vier Kitas sollten hingegen neue Träger gewonnen werden. Doch nach Medienberichten gelang das nicht wie ursprünglich geplant:

    Zwar soll nun die überregional aktive KJSH-Stiftung bei Petri & Eichen einsteigen. Die Jugendförderung jedoch will der Träger laut Medienberichten künftig aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr weiter aktiv betreiben. Für den Bremer Stadtteil Osterholz droht damit laut Medienberichten ein „Kahlschlag in der Kinder- und Jugendarbeit“.

    Das Sozialwerk Bremen als „Retter in der Not“?

    Von den vier betroffenen Kitas konnte zunächst nur für die Kita „Weltenbummler“ in Tenever ein neuer freier Träger gefunden werden: das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen.

    Für die anderen drei Kitas sollte kurzfristig die städtische KiTa Bremen einspringen. Wie in einer Sitzung der Bremischen Bürgerschaft entschieden wurde, sollte so eine ansonsten drohende Versorgungslücke im Kita-Bereich vermieden werden.

    Die vorgesehene Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk Bremen wurde hingegen offenbar nicht in Frage gestellt. Das verwundert. Denn die Verbindungen des Sozialwerks in christlich-fundamentalistische Netzwerke scheinen durchaus vielfältig und bemerkenswert.

    Bisher erlebten evangelikale Träger in Bremen durchaus Widerspruch

    Bisher gab es in Bremen immer wieder deutlichen Widerstand gegen ähnlich ausgerichtete Organisationen in den Bereich der Sozialen Arbeit:

    So wurde im Jahr 2020 ein Projekt des benachbarten Sozialwerks der Freien Christengemeinde Oldenburg (heute: Perspektive Oldenburg Sozialwerk gGmbH) an der Ermlandstraße vom Senat abgelehnt.

    Hintergrund waren nach damaligen Berichten offenbar unter anderem auch die Mitgliedschaften des Sozialwerks Oldenburg bei der Evangelischen Allianz Deutschlands (EAD, früher: DEA) und im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP). Beide stehen, wie damals der Weser-Kurier berichtete, unter anderem wegen ihren Haltungen zu Homosexualität, Abtreibung und Missionierung in der Kritik.

    Übernahme durch das Sozialwerk Bremen scheitert erst im letzten Moment

    Doch auch das Sozialwerk Bremen ist sowohl bei der EAD als auch beim BfP als Mitgliedsorganisation gelistet. Laut Satzung soll bei einer Auflösung des Sozialwerks das verbleibende Vereinsvermögen an den BfP übertragen werden.

    Bei der geplanten Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk erfuhr dieser Umstand hingegen zunächst offenbar keine besondere Aufmerksamkeit. Nach Medienberichten scheiterte die Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk Bremen erst im letzten Moment. Nun soll auch diese Kita von der städtischen KiTa Bremen übernommen werden.

    Gleichzeitig bleibt das Sozialwerk Bremen einer der bedeutenden Akteure der Sozialen Arbeit in der Hansestadt. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass das Sozialwerk seine Aktivitäten auch weiterhin ausbauen wird – auch im Hinblick auf mögliche Lücken in der sozialen Landschaft, die durch den Rückzug von Petri & Eichen entstehen.

    Wer ist das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen?

    Auf der Homepage des Sozialwerks sowie in der dort abrufbaren Unternehmensbroschüre wird dessen Entstehungsgeschichte ausführlich dargestellt.

    Sie beginnt im Jahr 1979 in der Mitgliederversammlung der Freien Christengemeinde Bremen, die seit 2017 unter dem Namen „hoop Kirche (norddeutsch für „Hoffnung“) auftritt. Damals wurde Heinz Bonkowski, zwischenzeitlich verstorben und Vater des heutigen Sozialwerk-Leiters Dr. Matthias Bonkowski, mit der Gründung und Leitung des Sozialwerks beauftragt.

    Noch im selben Jahr nahm das Sozialwerk seine Arbeit auf. Über die folgenden Jahrzehnte wurden Tätigkeitsfelder und Einrichtungen stark ausgebaut. Heute zählt das Sozialwerk laut Medienberichten mit rund 750 Mitarbeitenden, etwa 70 Ehrenamtlichen und zahlreichen Einrichtungen zu den größten Akteuren der Sozialen Arbeit in Bremen.

    Eine enge Verbindung besteht zudem zum Verein Nordlicht – Christliche Kitas e.V. (zuvor: CEKIS – Christliche Kitas e.V.), dessen Entstehung ebenfalls aus der heutigen hoop Kirche heraus erfolgte.

    Nordlicht wurde im Jahr 1992 durch einen Elternverein gegründet, der nach eigenen Angaben von Beginn an das Ziel verfolgte, „eine christlich geprägte Erziehung in der Tagesbetreuung sicherzustellen“. Für fünf der sechs Nordlicht-Einrichtungen übernahm das Sozialwerk Planung, Bau oder Vermietung der Räumlichkeiten.

    Die fortbestehende enge Verbindung zwischen der hoop, dem Sozialwerk und Nordlicht ist in der Verfassung der hoop-Kirche festgehalten und wird auf den entsprechenden Webseiten, zum Beispiel hier und hier, besonders betont.

    Die hoop präsentiert sich in ihrem Internetauftritt als typisch evangelikal-charismatisch Gemeinde mit modernen Ausdrucksformen. Neben Bremen bestehen mittlerweile Standorte in Achim, Bremerhaven, Lübeck und eine Gruppe in Verden. Bereits auf der Homepage wird auch die Verbundenheit zu weiteren evangelikalen bzw. teils auch christlich-fundamentalistisch verorteten Akteur*innen sichtbar.

    Im Sommer dieses Jahres wurde aus der hoop Kirche ein ZDF-Fernsehgottesdienst live übertragen. Auch dort wurde die Verbundenheit mit dem Sozialwerk betont, unter anderem durch den Auftritt des nach eigenen Angaben „längstjährigen Mitarbeiter“ Uli Schulte, der in dem Gottesdienst seine Bekehrungsgeschichte schilderte.

    Tarifvertrag verhindert christlichen Geist?

    In der Vergangenheit gab es nach Presseberichten Konflikte zwischen dem Sozialwerk Bremen und Mitarbeitenden der Bremer Privatschule Mentor. Die Schule war 1988 in finanzieller Schieflage vom Sozialwerk übernommen worden.

    Bereits zwei Jahre später kam es laut Medienberichten zum Streit mit dem Betriebsrat. Als dessen turnusmäßige Neuwahl anstand wurde dies demnach durch die Geschäftsleitung untersagt und der Betriebsrat für abgeschafft erklärt. Als Begründung führte die Schulleitung nach damaligen Berichten der taz an, das Betriebsverfassungsgesetz gelte nicht für Religionsgemeinschaften.

    Laut taz wollte der damalige Geschäftsführer der Schule Heinz Bonkowski – zugleich Leiter des Sozialwerks – aus der Mentor-Privatschule eine Christliche Schule machen. Die aus seiner Sicht nach „überstarke Mitbestimmung des Betriebsrats“ hätte dies jedoch verhindern können.

    Gewerkschaftlich organisierte Lehrkräfte gingen dagegen juristisch vor und bekamen schließlich Recht. Die Schulleitung musste Betriebsratswahlen zulassen.

    Auch später kam es zu Konflikten rund um Arbeitsbedingungen und Tarifverhandlungen. Die GEW berichtet am 10.02.2020, dass erst: „Nach langen und schwierigen Verhandlungen inklusive zweier Urabstimmungen und unbefristetem Erzwingungsstreik“ ein Tarifabschluss gelang.

    Verbindung zu „Menschenskinners!“ – Anti-Abtreibungslobby und „Homo-Heilung“!?

    Seit vielen Jahren besteht auch eine enge Verbindung zwischen dem Sozialwerk Bremen und der Christlichen Eltern-Initiative e.V. (CEI), die heute vollständig zum Sozialwerk gehört und inzwischen unter dem Namen Menschenskinners! Christen engagiert für Familien gGmbH firmiert.

    Nach Angaben des Vereins initiierte die CEI 1985 die Aktion „Recht auf Leben“. Eine Gruppierung, die laut eigenen Angabenangesichts der vielen Abtreibungen in unserem Land Frauen und Familien in Konfliktsituationen helfen sowie das Leben von Kindern vor und nach der Geburt schützen will“.

    Im Jahr 2020 benannte sich die CEI in Menschenskinners! Christen engagiert für Kinder und Eltern e.V. um, und veränderte ihren öffentlichen Auftritt. Während die Homepage zuvor von Bildern besorgter Frauen mit Schwangerschaftstests in den Händen geprägt wurde, zeigt sich der Internetauftritt heute in bunten Regenbogenfarben mit lachenden Kindern.

    Die Ausrichtung blieb hingegen gleich. Laut einer noch auffindbaren Satzung aus dem Jahr 2020 besteht Menschenskinners! aus Menschen, „die auf der Grundlage des christlichen Glaubens diakonisch und volksmissionarisch [sic!] arbeiten wollen“.

    Kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, als der Verein sich 2024 mit dem Sozialwerk Bremen zusammenschloss. Heute ist Menschenskinners! eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des Sozialwerks.

    Die Positionen von Menschenskinners! zum Thema Abtreibung und der Verbreitung des in Erzählungen von Evangelikalen häufig behaupteten – in der Wissenschaft jedoch als nicht belegt geltenden – „Post Abortion Syndroms“ (PAS) (angebliche Traumatisierungen nach einer Abtreibung) wurden in der Vergangenheit bereits kritisiert.

    Auch der Umstand, dass der Verein an Schulen „sexualpädagogische Aufklärung“ betreibt und sich Mitarbeitende laut Medienberichten bei evangelikalen Gruppen fortbildeten, die teilweise mit – inzwischen grundsätzlich verbotenen – Konversionsbehandlungen („Homo-Heilung“) in Verbindung gebracht wurden, führte zu öffentlicher Kritik in den Medien und war Thema in politischen Debatten der Bremer Bürgerschaft.

    Aktuell betreibt Menschenskinners! ein Mutter/Vater-Kind-Haus, den Second-Hand-Laden „find.us“ und an mehreren Standorten die „Kita Regenbogen“. Im pädagogischem Leitbild heißt es, die Kindergruppen erfüllten „ihren Auftrag zur Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern auf der Grundlage des christlichen Glaubens“.

    Einbindung des Sozialwerks Bremen in evangelikale Netzwerke

    Neben der bereits erwähnten Mitgliedschaft des Sozialwerks im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP) bestehen nach öffentlich zugänglichen Informationen zahlreiche weitere Verbindungen in christlich-fundamentalistisch sowie evangelikal geprägte Netzwerke.

    Dazu zählt unter anderem die Zugehörigkeit des Sozialwerks zur Ortsallianz der Evangelischen Allianz Deutschlands (EAD). Diese tritt seit einiger Zeit unter dem Namen „Gemeinsam für Bremen und umzu“ auf und hat ihren Sitz ebenfalls an der hoop-Kirche.

    Ebenso wie für den BfP besteht auch für die EAD nach ihrem Glaubensverständnis eine Ehe einzig aus Frau und Mann. Gleichgeschlechtliche Hochzeiten lehnt sie ab.

    Mit einem eigenen Leitfaden zum Konversionsbehandlungsschutzgesetz bietet die EAD eine „Handreichung für christliche Gemeinden“, wie im Rahmen der Seelsorge eine Strafbarkeit vermieden werden kann.

    Eine weitere Broschüre mit dem Titel „Rede frei! Mit Recht über das Evangelium sprechen“ wurde von der EAD gemeinsam unter anderem mit der rechts-christlichen Anwalts-Lobby-Organisation Alliance Defending Freedom (ADF) veröffentlicht.

    Auch eine gerade erst veröffentlichte „Handreichung für christliche Gemeinden“ zum Selbstbestimmungsgsetz erstellte die EAD mit inhaltlicher Unterstützung von Felix Böllmann von ADF. Weitere Unterstützung leistete Markus Hoffmann vom Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung e.V. (IdiSB e.V.), ehemals Wuestenstrom – ein Verein, der sich immer wieder für die „Heilung“ queerer Menschen einsetzte. Und schließlich der Theologe Christoph Raedel von der Freien Theologischen Hochschule Gießen, für den Homosexualität zu einer von vielen „Fehlprägungen“ gehört und für den das Selbstbestimmungsgesetz „die biologisch begründete, kulturell ausgestaltete und lebensweltliche Orientierung gebende binäre Ordnung der
    Geschlechter [untergräbt]

    Die mittlerweile auch zunehmend in Deutschland und Europa aktive ADF wird vom Southern Poverty Law Center in deren Publikationen als „Hate Group“ benannt. Das European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights (EPF) warnt bereits seit Jahren vor der zunehmenden Einflussnahme von ADF auch in Europa.

    Nach öffentlich verfügbaren Informationen wirkte ADF maßgeblich daran mit, das in den USA das Recht auf Abtreibung (Grundsatzurteil Roe vs. Wade) gekippt wurde. Aktuell unterstützt ADF die christliche Beraterin Kaley Chiles vor dem Obersten Gerichtshof in den USA bei einer Beschwerde gegen das Verbot von Konversionsbehandlungen an Minderjährigen im US-Staat Colorado (vgl. Chiles vs. Salazar).

    In Deutschland erreichte ADF erst vor kurzem einen Sieg vor Gericht, in dem Bannmeilen für Proteste von Abtreibungsgegner*innen vor Kliniken in Regensburg für unzulässig erklärt wurden. Erst Anfang November dieses Jahres veranstaltete u.a. die EAD einen Kongress unter dem Titel „Christenverfolgung heute“, bei dem mit Dr. Felix Böllmann der Leiter der europäischen Rechtsabteilung der ADF International als Referent eingeladen war.

    Das Sozialwerk Bremen, die Freie Evangelische Bekenntnisschule Bremen (FEBB) und Vorwürfe wegen Mobbing und Transfeindlichkeit

    Zur Bremer Evangelischen Allianz Gemeinsam für Bremen und umzu gehört auch die Freie Evangelische Bekenntnisschule Bremen (FEBB). Auf der Webseite wird deren Kooperation mit der „Kita Regenbogen“ von Menschenskinners! ausdrücklich hervorgehoben.

    Im Jahr 2020 berichtete unter anderen die taz über Vorwürfe gegen die FEBB, nach denen ein trans Jugendlicher an der FEBB gemobbt worden und es Versuche gegeben haben soll, ihn „zu heilen“ und „Dämonen auszutreiben“.

    Die taz zitierte in diesem Zusammenhang die damalige Gemeindemitarbeiterin Sabine Fäsenfeld – heute Assistenz der Geschäftsführung von Menschenskinners! – wie folgt:

    ‚Möglicherweise hat man in Gruppen mit Betroffenen gebetet‘, sagt Gemeindemitarbeiterin Sabine Fäsenfeld auf Nachfrage. ‚Wenn jemand Seelsorge braucht, wüssten wir, wohin wir ihn vermitteln können‘, teilt sie mit. Aber ein eigenes Programm, ‚nein, das kann nicht sein.‘

    Es kam zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, die letztlich jedoch eingestellt wurden. Auch die Bremer Bürgerschaft befasste sich mit den Vorwürfen. Wie wiederum die taz berichtete kam es anschließend zu weiteren Vorwürfen betroffener Schüler*innen, die jedoch offenbar unaufgeklärt blieben.

    Die FEBB ist Mitglied im „Verband Evangelischer Bekenntnisschulen“ (VEBS), dem nach eigenen Angaben bundesweit 214 Bildungseinrichtungen angehören. Auf seiner Webseite formuliert der Verband unter Berufung auf das deutsche Grundgesetz durchaus selbstbewusst (Hervorhebungen im Original jeweils durch Fettschrift):

    Bekenntnisschulen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nur den staatlichen Lehrzielen, aber nicht den Lehrplänen/Bildungsplänen folgen müssen.

    Und:

    Bekenntnisschulen dürfen daher eigene Lehrpläne entwickeln und lehren – diese müssen von der Schulaufsicht des Landes genehmigt werden.

    Der gesamte Schullalltag einer Bekenntnisschule (also auch alle Schulfächer) muss vom christlichen Bekenntnis durchdrungen/geprägt sein (so wie Waldorfschulen oder Montessorischulen von den jeweiligen pädagogischen Prinzipien geprägt sein müssen).

    Wir nutzen diese Freiheit, unter Beachtung der staatlichen Lehrziele, um mit unseren eigenen, vom Bekenntnis geprägten Methoden und Unterrichtsinhalten Schule zu gestalten.

    Doch welches „christliche Bekenntnis“ genau ist hier gemeint? Eines, das queere Menschen in der Hölle sieht, wenn sie entsprechend ihrer sexuellen Orientierung und Identität leben wollen, oder eines, das queere Menschen als Teil der Vielfalt unserer Menschheit mit gleicher Würde und gleichen Rechten ansieht?

    Und welche christliche Glaubensrichtung vertritt das Sozialwerk Bremen bzw. dessen Gründungsgemeinde hoop?

    Darum soll es in Teil 2 gehen.


    TEIL 2: Gründungsgemeinde des Sozialwerks der Freien Christlichen Gemeinde Bremen: Die heutige hoop Kirche

    Lange Historie und der „Mähdrescher Gottes“ zu Gast in Bremen

    Wie bereits in Teil 1 dargestellt, ist das Sozialwerk Bremen aus der Freien Christengemeinde Bremen hervorgegangen, die seit 2017 unter dem Namen hoop Kirche auftritt. Die enge Verbundenheit besteht weiterhin.

    Die Freikirche hoop blickt auf eine lange Geschichte zurück.

    Gegründet wurde sie 1932 unter dem Namen „Christengemeinde Elim“. Später benannte sie sich in Freie Christengemeinde Bremen um und 2017 in hoop Kirche.

    Auch im Verlauf ihrer jüngeren Geschichte traten immer wieder auch international bekannte – und umstrittene – Evangelikale in der hoop als Gastprediger auf.

    Darunter auch der Missionar Reinhard Bonnke, der aufgrund seines Predigtstils in Massenevangelisationen auch als „Mähdrescher Gottes“ bezeichnet wurde. Bonnke leitete bis zu seinem Tod das Missionswerk Christus für alle Nationen (CfaN), das international, vorwiegend auf dem afrikanischen Kontinent aber auch in Deutschland, aktiv ist.

    Im Mai 2008 war Bonnke – offenbar nach Einladung des Pastors Andreas Sommer, der auch heute noch in der hoop tätig ist – in der Christengemeinde zu Gast. Auf der Webseite von CfaN findet diese Veranstaltung weiterhin Erwähnung.

    Die Journalist*innen Oda Lambrecht und Christian Baars beschreiben in ihrem Buch „Mission Gottesreich“ diesen Auftritt ausführlich. Demnach schrie Bonnke bei seinem Auftritt von der Bühne:

    Tumore weicht in Jesu Namen! Krebs verschwinde in Jesu Namen! HIV-positiv werde HIV-negativ! In Jesu Namen! (…) Alle Infektionen, Neurosen, ich breche die Kette aller Depressionen, in Jesu Namen! Die Freude am Herrn wird deine Stärke sein und deine Medizin sein.

    Auch Bonnkes Nachfolger bei CfaN, Daniel Kolenda, war laut Predigtarchiv bereits als Gastprediger in der hoop.

    Außen bunt, innen erzkonservativ

    Heutzutage wirkt die hoop – jedenfalls in ihrem Außenauftritt – deutlich anschlussfähiger, als es der damalige Auftritt von Reinhard Bonnke vermuten lässt: Prediger*innen in Jeans, lockere Sprache, viel Lobpreismusik, moderne Bildsprache und herzliches Auftreten. Dies war auch im bereits erwähnten ZDF-Fernsehgottesdienst aus der hoop sichtbar.

    Bei näherem Blick in die Predigtarchive der hoop wird jedoch deutlich, dass weiterhin theologisch sehr konservative bis christlich-fundamentalistische Positionen vertreten werden. Dort auffindbare Predigtreihen und Titel wie „Bis zum Ende: Treu bleiben in der Endzeit“, „Teuflisches Verhalten“ oder „An Jesus glauben = mit Christus herrschen“ illustriere diese Ausrichtung.

    Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass die hoop im Außenauftritt offenbar um ein möglichst anschlussfähiges Auftreten bemüht ist. Klassische Konfliktthemen inner- und außerhalb evangelikaler Diskurse erscheinen eher indirekt – eingebettet in Formate wie „Love is in the Air – Gottes guter Plan für deine Sexualität“ oder (schon erheblich deutlicher) „Freiheit von Porno“.

    Bei inhaltlicher Auseinandersetzung mit diesen Formaten wird schnell deutlich, dass nach deren Inhalten Sexualität ausschließlich in einer Ehe zwischen „einem Mann und einer Frau“ gelebt werden soll. Eine Beantwortung der theologischen Einordnung von Homo- und Transsexualität scheint damit ebenfalls – jedenfalls für den Außenauftritt – ausreichend zum Ausdruck gebracht. Eine Predigt aus dem Jahr 2013 mit dem Titel „Gute Frage: Hat Gott ein Problem mit Homosexualität?“ ist im Predigtarchiv heute nicht mehr abrufbar.

    Noch deutlicher scheint das Bild zu den religiösen Weltanschauungen der hoop zu werden, wenn man betrachtet, welche Inhalte sich hinter dem von der hoop angebotenen Befreiungsdienst „SOZObefinden.

    Befreiungsdienst SOZO: „Befreiung von der Sünde der Homosexualität“ und „dämonischen Belastungen“?

    Der Befreiungsdienst Bethel SOZO stammt aus der im kalifornischen Redding ansässigen und weltweit agierenden Megakirche Bethel Church. Der Begriff „SOZO“ stammt aus dem Altgriechischen und wird von Bethel SOZO selbst mit „retten, freisetzen, heilen, ganz sein“ übersetzt.

    Die Bethel Church vertritt einen besonders ausgeprägten Glauben an übernatürliche Kräfte, Wunderheilungen und den Einfluss dämonischer Mächte.

    Die (wohl auch bei deutschen Schüler*innen beliebte) Bethel-Jüngerschaftsschule trägt dafür den passenden Namen: Bethel School of Supernatural Ministries (kurz: BSSM). Gelegentlich wird die BSSM auch scherzhaft als „christliches Hogwarts“ bezeichnet. In Deutschland existiert mit der von ehemaligen BSSM-Schüler*innen gegründeten „Schule der Erweckung“ in Füssen eine „Quasi-Außenstelle“ in Deutschland.

    Der internationale Befreiungsdienst Bethel SOZO wird durch die auch für die Bethel Church tätige Dawna De Silva verantwortet. In Deutschland wird das Angebot unter anderem über den Verein Bethel SOZO Deutschland e.V. verbreitet, vor allem auch durch Schulungen für Gemeindemitarbeitende, die den Dienst erlernen und in ihren Gemeinden schließlich selbst anbieten wollen.

    Laut Webseite von Bethel SOZO Deutschland gibt es bundesweit rund 50 Standorte, an denen Bethel SOZO angeboten wird.

    Recherchen von FundiWatch zeigen, dass der Dienst noch von deutlich mehr Gemeinden angeboten und sogar Eingang in die „christliche“ Soziale Arbeit gefunden hat. Zudem bietet Bethel SOZO auch eine „Fortgeschrittenen-Version“ („SOZO Shabar“) an, die auch bei schweren psychischen Diagnosen wie der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) Anwendung finden soll.

    Auf der Webseite von Dawna De Silva wird Bethel SOZO unter anderem als Dienst beschrieben, der auch zur Befreiung von der „Sünde der Homosexualität“ beitragen könne. Dazu wird dort das „Werkzeug“ der „Vier Türen“ erläutert. Demnach stammen sämtliche Sünden aus den vier Bereichen Angst, Hass, sexuellen Sünden sowie Okkultismus & Hexerei, wofür sinnbildlich die vier Türen stehen sollen.

    Hinter der „Tür der sexuellen Sünden“ stehen nach dortiger Beschreibung die „Sünden“ der Homosexualität ebenso wie Ehebruch, Pornographie, Unzucht, Lüsternheit, Belästigung, Vergewaltigung und Phantasien.

    In einer SOZO-Sitzung – vor deren Beginn den Anbietern von SOZO die Einholung eines Haftungsausschlusses empfohlen wird – soll demnach gefragt werden, ob die das SOZO empfangende Person eine der vier Türen geöffnet hat und mit welchen der sich dahinter verbergenden Sünden sie in Berührung gekommen ist.

    Daran anschließend empfiehlt De Silva den SOZO-Empfänger*innen folgendes Gebet:

    Jesus, I ask You to forgive me for opening this door to… (fear, hatred, sexual sin, or the occult). I repent for partnering with this sin of… (worry, stress, jealousy, or control). I renounce this sin’s hold over my life and ask You, Lord, to cleanse me with Your righteousness blood [sic!]. Close this door, Jesus, and seal it shut. In Jesus’s Mighty Name, amen.

    Nach Angaben De Silvas solle es darüber hinaus hilfreich sein, sich selber im Leben einige Grenzen zu setzen, also beispielsweise bestimmte Filme zu vermeiden, digitale Filter zu nutzen – oder auch den eigenen Freundeskreis zu verändern.

    Wie sich die SOZO-Glaubensvorstellungen mit antifeministischen Ideologien vermengen, wird unter anderem in einem Blog-Beitrag von De Silva unter dem Titel „Identifying the Jezebel and Delilah Spirits“ deutlich:

    Dort berichtet De Silva von Frauen, die die „die gesalbten Gottes“ zu sexuellen Handlungen verführten. Als Ursache stellte De Silva dann eine Beeinflussung durch den „Jezebel-Dämon“ fest. Damit referenziert sie offenbar auf biblische Erzählungen vor allem im neuen Testament (Offenbarung 2,20), nach denen die Prophetin Jezebel (in Deutsch: Isebel) Christen zu „Unzucht“ verführte und dazu brachte, Götzenopfer zu essen.

    „Sieben Berge“ und „Die größte Bedrohung für unsere Demokratie, von der Sie noch nie gehört haben“…

    Die Bethel Church, auf deren Angebote sich die hoop dem Angebot des Befreiungsdienst SOZO zumindest teilweise bezieht, wird in verschiedenen Analysen nicht nur mit als unseriös bis hin zu gesundheitsgefährdenden Praktiken sogenannter „Befreiungs-“ und „Heilungsdienste“ in Verbindung gesehen.

    In wissenschaftlichen und medienjournalistischen Analysen wird Bethel zudem immer wieder als prägender Akteur bei der Verbreitung einer christlichen Herrschaftstheologie gesehen, die häufig unter dem Begriff „christlicher Dominionismus“ bzw. „dominion theology“ eingeordnet wird. Dieser liegt die Vorstellung zu Grunde, Christ*innen seien berufen, mit ihren Glaubensvorstellungen sämtliche Gesellschaftsbereiche zu beeinflussen, um sie zu transformieren und schließlich mit „christlichen Werten“ zu dominieren oder gar zu beherrschen.

    Was bei der Bethel Church unter „christlichen Werten“ verstanden wird, lässt sich unter anderem an Aussagen des langjährigen Bethel-Leiters Bill Johnson erkennen: Seine damalige Wahlentscheidung für Donald Trump begründete Johnson damit, er sei gegen Abtreibung, offene Grenzen, das Wohlfahrtssystem, gleichgeschlechtliche Hochzeiten, Sozialismus, political correctness und Globalisierung, weil dies alles seiner Auffassung nach Gottes Willen widerspreche.

    Zudem gilt Johnson als strikter Gegner gegen die Restriktion sog. „Konversionstherapien“ (also Behandlungen zur Unterdrückung oder Veränderung der sexuellen Orientierung oder Identität) und vertritt die Auffassung, Homosexualität sei eine Sünde und eine „Vergewaltigung des menschlichen Designs“ („violation of design“).

    Im Sommer 2024 trat Johnson mit Unterstützung von etwa 80 christlichen Organisationen aus Deutschland auf der Glaubenskonferenz UNUM24 vor tausenden Gläubigen im Münchener Olympiastadion auf, was zu Diskussionen und Kritik führte (nähere Infos und Quellen im Linktree des Protestbündnisses #NoUNUM24).

    Über die Organisation Awakening Europe unter Leitung des Predigers Ben Fitzgerald – der ebenfalls bereits als Gastprediger in der hoop auftrat – ist Bethel seit einigen Jahren auch zunehmend in Deutschland und Europa präsent.

    Die Bethel Church wird in verschiedenen medienjournalistischen und wissenschaftlichen Beiträgen als einer der zentralen Akteure einer christlichen Bewegung gesehen, die in den USA vor allem unter der Bezeichnung „New Apostolic Reformation“ (kurz: NAR) diskutiert wird.

    Deren Anhänger*innen beziehen sich unter anderem auf eine vermeintliche göttliche Vision, die bereits in den 70er Jahren den Evangelisten Loren Cunninghan (Youth with a Mission, in Deutschland als Jugend mit einer Mission bekannt), Bill Bright (Campus Crusade for Christ, heute Cru und in Deutschland als Campus für Christus bekannt) sowie Francis Schaeffer offenbart worden sein soll: Das sogenannte „Seven Mountain Mandate“.

    Nach dieser Vorstellung sollen Christ*innen berufen sein, im Kampf gegen in der Welt real existierende böse und dämonische Mächte alle sieben Gesellschaftsbereiche (also Religion, Familie, Bildung, Medien, Kunst und Unterhaltung, Wirtschaft und Regierung) durch „geistliche Kriegsführung“ („spiritual warfare“) sowie aktive Einflussnahme zu transformieren und unter die Herrschaft des christlichen Glaubens zu bringen. So soll sukzessive das „Reich Gottes“ auf Erden ausgebreitet und die Wiederkehr Jesu vorbereitet werden.

    Besondere Verbreitung erfuhr diese Ideologie, als Bill Johnson gemeinsam mit Lance Wallnau (der bei den letzten US-Wahlen den Wahlkampf von J.D. Vance unterstützte) im Jahr 2013 das Buch „Invading Babylon: The 7 Mountain Mandate veröffentlichte.

    Die mit der Verbreitung dieser Ideologien einhergehenden gesamtgesellschaftlichen Gefahren, fanden – mit wenigen Ausnahmen – lange Zeit keine Beachtung. Jedenfalls in den USA änderte sich dies in den letzten Jahren zunehmend. Heute sieht das Southern Poverty Law Center die New Apostolic Reformation als „größte Bedrohung für die US-Demokratie, von der man noch nie gehört hat“.

    Für den deutschsprachigen Raum liegen systematische Untersuchungen erst vereinzelt vor. Grundlagenarbeit leistete insoweit die Vikarin Dr. Maria Hinsenkamp, die in ihrer frei abrufbaren Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ für diese Glaubensrichtung den Begriff „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: „KiNC“) etablierte und deren bereits vorhandene Ausbreitung auch in Deutschland und Europa dokumentiert.

    Christliche Dominionismus-Strömungen zu Gast in der hoop Kirche?

    Vor dem zuvor beschriebenen Hintergrund scheint die Auswahl der Gastsprecher*innen beim von der hoop im vergangenen Sommer veranstalteten Evangelisationsevent „Visio Dei“ bemerkenswert. Denn als einer der Hauptgäste trat der Evangelist Glyn Barrett auf.

    Barrett stammt ursprünglich aus dem Umfeld der bereits in mehrere Skandale verwickelten und umstrittenen Hillsong Church. Mit !Audacious gründete Barrett in den vergangenen Jahren eine Megakirche in Manchester.

    Insbesondere die Seite „NAR Connections“ weist auf die vielfältigen Verbindungen Barretts mit der NAR hin. Besondere Erwähnung findet dabei auch Barretts Funktion in der Leitung des globalen Netzwerks Empowered21, auf die auch in der Programmankündigung der hoop für das Event „Visio Die“ hingewiesen wurde.

    Hinsenkamp beschreibt Empowered21 gemeinsam mit der mit ihr verbundenen Global Evangelicalist Alliance (GEA) als größte internationale Netzwerke der Kingdom-minded Network Christianity (KiNC), welche das „Who’s Who der prominenten internationalen KiNC-Persönlichkeiten unter ihrem Dach vereinen“ [Hinsenkamp, aaO. S. 412].

    Im Leitungsgremium von Empowered21, dem „Global Council“, finden sich unter anderem auch Bill Johnson und zahlreiche weitere führende Persönlichkeiten, die immer wieder im Kontext der NAR bzw. KiNC genannt werden. Auch aus Deutschland sind einzelne Personen dort vertreten, wie etwa Peter Wenz, Leiter des Gospel Forums in Stuttgart, oder Jürgen Bühler, Gründungsmitglied des christlich-zionistischen Dachverbands „Christliches Forum für Israel“ und Direktor der International Christian Embassy Jerusalem (ICEJ).

    Auch im Leitungsgremium der Global Evangelicalist Alliance (GEA) tauchen wiederum bekannte Namen aus dem Umfeld der KiNC bzw. NAR auf – darunter auch Daniel Kolenda(Christus für alle Nationen) und Ben Fitzgerald (Bethel Church / Awakening Europe).

    Auf der Webseite von Empowered21 führt der Menüpunkt „Termine“ direkt auf die Webseite der Awakening Church – eine Gemeinde in Eimeldingen, die zuvor als G5-Gemeinde bekannt war und im Jahr 2023 laut Medienberichten im Streit von Fitzgerald übernommen wurde (nunmehr Awakening Church).

    Auf der Webseite von Empowered21 findet sich unter den Zielen des Netzwerks unter anderem folgender Satz:

    FORM AND SERVE A GLOBAL NETWORK FOR NEXT GENERATION LEADERS

    who are empowering future generations in every segment of society including church, family, government, business, education, arts/entertainment, sports and media.

    Die Referenz auf das „Seven Mountains Mandate“ ist insoweit kaum zu übersehen.

    Bei dem Evangelisationsevent „Visio Dei“ angebotene Workshops unter Titeln wie „Einfluss nehmen in der Welt: Wie lebe ich meine Berufung?“ könnten vor diesem Hintergrund weiteren Anlass geben, die ideologische Ausrichtung der hoop näher zu beleuchten.


    FAZIT: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht!

    Der Fall der fast erfolgten Übernahme einer Kita durch das Sozialwerk Bremen zeigt angesichts der hier beschrieben Netzwerke, ideologischen Bezüge und der dokumentierten Kontroversen in der Vergangenheit sehr deutlich: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht!

    Auch in Zeiten angespannter Haushaltskassen darf Soziale Arbeit nicht denjenigen überlassen werden, deren Ideologien und Ziele mit demokratischem Pluralismus und Menschenrechten kollidieren und deren Arbeitsweisen berufsethischen und wissenschaftlichen Standards professioneller Sozialer Arbeit widersprechen. Dass es hierzu bisher kaum Bereitschaft oder zumindest zu wenig Problembewusstsein gibt, zeigen Recherchen von FundiWatch immer wieder (vgl. hierzu u.a. auch hier und hier).

    Die Frage, inwieweit die Einbindung des Sozialwerks Bremen in die aufgezeigten Netzwerke tatsächlich Einfluss auf deren konkrete Arbeit vor Ort hat, kann bisher nicht abschließend beantwortet werden. Die dargestellten Verbindungen sollten jedoch Anlass bieten, dieser Frage weiter nachzugehen. Dazu sollte sich nicht nur die Hansestadt Bremen, sondern auch der Paritätische Wohlfahrtsverband veranlasst sehen, bei dem das Sozialwerk Bremen Mitglied ist.

    Im Übrigen bleibt zu hoffen, dass sich die Hansestadt Bremen bei den nun anstehenden Ausschreibungen zur Schließung der von Petri & Eichen hinterlassenen Lücken in der Kinder- und Jugendarbeit ihrer Verantwortung für Qualität und Seriosität neuer Anbieter bewusst bleibt.

    Soziale Arbeit darf weder zum „Missionierungsinstrument“ christlich-fundamentalistischer noch sonstiger extremistischer Akteur*innen werden.


    Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit

    Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit

    An dieser Stelle veröffentlichen wir unsere Handreichung zur Sensibilisierung gegenüber christlich-fundamentalistischen Aktivitäten in der Sozialen Arbeit. In der durch die Freie und Hansestadt Hamburg geförderten Broschüre werden Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke des christlichen Fundamentalismus in Deutschland analysiert.

    Die Broschüre umfasst die folgenden Abschnitte:

    • Begriffsdefinition Christlicher Fundamentalismus
    • Spannungsfelder mit der professionellen Sozialen Arbeit
    • Vorgehensweisen christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen
    • Beispiele christlich-fundamentalistischer Projekte
    • Recherchetipps für die Praxis

    Im Anhang werden zudem Anlauf- und Beratungsstellen sowie Hilfsangebote aufgeführt. Die Broschüre kann hier frei heruntergeladen werden.

    Hier kann die zur Veröffentlichung der Broschüre am 22.07.2025 herausgegebene Pressemitteilung aberufen werden.

    Weiterlesen:

    Das heterogene Spektrum des christlichen Fundamentalismus umfasst ein weitverzweigtes Netz unterschiedlicher Gemeinschaften, Gemeinden und Gruppierungen bis hin zu NGOs mit dezidiert christlicher Ausrichtung. Gleichwohl ist die Problematik des christlichen Fundamentalismus in der Radikalisierungs- und Extremismusforschung sowie in der zivilgesellschaftlichen und medialen Debatte bislang unterrepräsentiert.

    Zeitgleich dringen christlich-fundamentalistische Akteurskonstellationen mehr und mehr (auch) auf Gebiete der Sozialen Arbeit und in Wohlfahrtsverbände vor. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen religiöser Zielsetzung und den Bedürfnissen von Klient*innen. Zunehmend verwischt die Grenze zwischen ergebnisoffener, klient*innenzentrierter Sozialer Arbeit und Mission, Glaube und „Rettung“. In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft entstehen dadurch Konflikte über Fragen reproduktiver, sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit und Minderheitenschutz.

    Vor diesem Hintergrund zeigt die vorliegende Broschüre anhand mehrerer Beispiele – vorwiegend, aber nicht nur aus dem Raum Hamburg und Schleswig-Holstein – typische Strategien christlich-fundamentalistischer Gruppierungen auf. Sie benennt Handlungsfelder, Binnenthemen und Vorgehensweisen.

    Auch wenn die Beispiele regional gewählt wurden, müssen sie im Kontext globaler christlich-fundamentalistischer Aktivitäten verstanden werden, deren regionale Ableger im diskursiven Austausch mit den übrigen Akteur*innen stehen und die, etwa durch Missionsprojekte, auch einen personellen Austausch organisieren.

    Die Broschüre ist ein Appell für mehr Sensibilität und einen bewussteren Umgang mit christlich-fundamentalistischen Akteurskonstellationen.

    Wir hoffen, mit dieser Broschüre eine Ressource für politische, zivilgesellschaftliche und behördliche Verantwortliche und Interessierte vorzulegen sowie einen – in unseren Augen überfälligen – Debattenbeitrag in der Auseinandersetzung mit erstarkendem christlichen Fundamentalismus.

    In Kürze werden wir hier auch noch einen Termin zur Online-Vorstellung der Broschüre mitteilen. Weitere Infos folgen!

    Gerne stellen wir unsere Rechercheergebnisse auch im Rahmen individueller Vorträge, Workshops o.ä. vor. Basierend auf unseren eigenen Rechercheerfahrungen geben wir dabei gerne auch Recherchetipps für die Praxis, die das Erkennen problematischer christlich-fundamentalistischer Ausrichtungen von Akteur*innen erleichtern sollen. Anfragen hierzu sowie Konditionen im Einzelfall können ebenfalls an vorgenannte E-Mailadresse gerichtet werden.

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