Offener Brief zur geplanten Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe

(Bildquellen: ICF Movement; Stadt Karlsruhe). Wie bereits berichtet, beabsichtigt der Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe bereits am 19.06.2026 über die Anerkennung des International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. (ICF Karlsruhe) als Träger der freien Jugendhilfe zu entscheiden.

Die Stadtverwaltung empfiehlt eine Anerkennung des Vereins. In einem heute veröffentlichten Offenen Brief fordern wir, die Entscheidung zunächst zurückzustellen. Unseres Erachtens bleiben wesentliche Fragen zu den gesetzlichen Anerkennungsvoraussetzungen, zur weltanschaulichen Ausrichtung des Vereins sowie zum Schutz der Rechte junger Menschen bislang ungeklärt.

Im Folgenden veröffentlichen wir den vollständigen Offenen Brief. Dieser kann auch hier heruntergeladen werden. Eine Pressemitteilung vom heutigen Tage findet sich hier.

UPDATE [kurz nach Veröffentlichung]: Kurz nach Versand des Offenen Briefs erfuhren wir, dass der morgige Tagesordnungspunkt für die Beschlussfassung wohl abgesetzt wurde. Im öffentlich einsehbaren Situngskalender ist der TOP hingegen weiterhin aufgeführt.

Offener Brief
an die Stadtverwaltung der Stadt Karlsruhe
und die Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses

Geplante Anerkennung des International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. als Träger der freien Jugendhilfe

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Mentrup,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Melchien,
sehr geehrte Mitglieder des Jugendhilfeausschusses,

mit Sorge verfolgen wir die geplante Anerkennung des International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. (ICF Karlsruhe) als Träger der freien Jugendhilfe gemäß § 75 SGB VIII.

Die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe ist mehr als ein formaler Verwaltungsakt. Sie ist gleichbedeutend mit einem Vertrauensvorschuss des Staates und setzt voraus, dass ein Träger dauerhaft Gewähr dafür bietet, die gesetzlichen Anforderungen der Kinder- und Jugendhilfe zu erfüllen. Dies gilt insbesondere für die Achtung der Rechte junger Menschen, für fachliche Standards, für Schutz- und Beschwerdestrukturen sowie für eine Arbeit, die den Zielen des Grundgesetzes förderlich ist.

Vor diesem Hintergrund halten wir die geplante Anerkennung des International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. (ICF Karlsruhe) gemäß § 75 SGB VIII für hoch problematisch und fordern den Jugendhilfeausschuss auf, die Beschlussfassung zurückzustellen, bis die Anerkennungsvoraussetzungen sorgfältig, öffentlich nachvollziehbar und unter Einbeziehung unabhängiger fachlicher Expertise geprüft wurden.

Das ehrenamtliche und unabhängige Recherchekollektiv FundiWatch beobachtet und dokumentiert Entwicklungen im Bereich des christlichen Fundamentalismus und dessen Auswirkungen auf Gesellschaft, Bildung, Soziale Arbeit und Menschenrechte. Ziel unserer Arbeit ist eine sachliche, quellenbasierte Aufklärung über christlich-fundamentalistische Strömungen und ihre gesellschaftliche Bedeutung.

Dabei geht es ausdrücklich nicht um die Frage, ob religiöse oder christliche Organisationen grundsätzlich Träger der freien Jugendhilfe sein können. Dies ist selbstverständlich möglich und in Deutschland vielfach gelebte Praxis. Unsere Sorge richtet sich vielmehr auf die konkrete Frage, ob die ideologische Ausrichtung, das Selbstverständnis und die tatsächliche Tätigkeit des ICF Karlsruhe mit den Voraussetzungen einer Anerkennung vereinbar sind und ob die Verwaltung diese Fragen ausreichend geprüft hat.

An einer solchen Prüfung bestehen nach derzeitiger Sachlage erhebliche Zweifel. Der äußerst knapp gehaltenen Sitzungsvorlage ist nicht zu entnehmen, ob die einzelnen gesetzlichen Anforderungen unter Beachtung der vom KVJS für Baden-Württemberg bereitgestellten fachlichen Orientierung, insbesondere die „Grundsätze für die Anerkennung von Trägern der freien Jugendhilfe nach § 75 SGB VIII“ der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugendbehörden (AGOLJB) vom 07.09.2016 sowie der später hinzugekommenen Anforderungen des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes (KJSG) hinreichend geprüft wurden.

Überraschend ist dies insbesondere vor dem Hintergrund erheblicher öffentlicher und langjähriger Kritik an der ideologischen Ausrichtung der ICF-Bewegung, die in der Vorlage nicht erkennbar berücksichtigt wird. Im Folgenden möchten wir unsere Sorgen näher begründen und damit eine rechtmäßige, sachliche und dem Schutzauftrag der Kinder- und Jugendhilfe entsprechende Entscheidung des Jugendhilfeausschusses unterstützen.

Wer ist das ICF Karlsruhe?

Das ICF Karlsruhe ist nicht nur eine lokale Freikirche, sondern Teil einer überregionalen, internationalen Bewegung mit gemeinsamer theologischer (Grund-)Ausrichtung und gemeinsamen geistlichen Konzepten.

Als ICF-Standort ist das ICF Karlsruhe Teil der internationalen evangelikal-charismatischen Kirchenbewegung ICF Movement mit Ursprung in Zürich. Die ICF-Bewegung umfasst zahlreiche Standorte im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus. Die einzelnen Gemeinden verstehen sich nicht als voneinander unabhängige Organisationen, sondern als Teil einer gemeinsamen Bewegung („Movement“) mit gemeinsamen theologischen Grundlagen, Leitungsstrukturen, Schulungsangeboten, Konferenzen und einem regelmäßigen Austausch von Prediger*innen. Darüber hinaus ist ICF Karlsruhe selbst Träger weiterer Standorte. So werden auch die Standorte ICF Kraichgau, Rhein-Neckar und Südpfalz rechtlich über den Verein ICF Karlsruhe e.V. geführt.

Zu den prägenden Persönlichkeiten der Bewegung gehören insbesondere der ICF-Gründer Leo Bigger (ICF Zürich) sowie weitere einflussreiche Leiter wie Tobias Teichen (ICF München), die ebenfalls wiederholt das ICF Karlsruhe aufsuchten. Darüber hinaus treten weitere führende Vertreter der Bewegung regelmäßig standortübergreifend auf und prägen so die theologische Ausrichtung der einzelnen Gemeinden.

Das ICF Karlsruhe ist eng in diese Strukturen eingebunden. Das zeigt sich bereits auf der Webseite, die zahlreiche Verlinkungen auf die Seite des ICF-Movement enthält. Solche Vernetzungen zeigen sich auch auf gemeinsamen Events, für die auch das ICF Karlsruhe wirbt, wie beispielsweise der für Mai 2027 in Zürich geplanten „ICF Conference“. Auf dieser sind neben den bereits erwähnten ICF-Pastoren weitere umstrittene Akteur*innen der evangelikalen Bewegung als Speaker angekündigt, wie beispielsweise der teils rechtspopulistisch auftretende Leiter des Augsburger Gebetshauses Johannes Hartl oder auch Dr. Stefan Vatter, auf dessen Konferenzen mit seinem „Apostolischen Konvent“ auch die rechtskatholische und im österreichischen Rechtsextremismusbericht des DÖW erwähnte österreichische Politikerin Gudrun Kugler auftritt.

Geleitet wird das ICF Karlsruhe durch das Ehepaar Steffen und Sybille Beck. Steffen Beck ist zugleich Co-Vorsitzender der Evangelischen Allianz Karlsruhe, der Ortsallianz des evangelikalen Netzwerks Evangelische Allianz Deutschland (EAD). Sybille Beck leitet den Verein Kinder und Jugend Arche Karlsruhe e.V., der ebenfalls eng mit dem ICF Karlsruhe verbunden ist und seinen Sitz an derselben Adresse hat. Aus diversen Predigten zum Thema Sexualität ergibt sich deutlich eine radikal konservative und heteronormative Sexualethik. Sybille Beck vertritt öffentlich die Auffassung, Scheidung in der Ehe solle grundsätzlich „keine Option“ sein und berichtet davon, wie Gott sie von „dämonischen Belastungen“ geheilt habe.

Das ICF Karlsruhe versteht sich ausdrücklich als Kirche und missionarische Glaubensgemeinschaft. Laut Verwaltungsvorlage gehören gemäß Satzung unter anderem die Verbreitung der biblischen Botschaft, missionarische Veranstaltungen, christliche Seelsorge und Schulungen zum christlichen Leben zu den Vereinszwecken. Die Kinder- und Jugendarbeit wird auf der Webseite des ICF Karlsruhe ausdrücklich mit dem Ziel verbunden, Kinder und Jugendliche an den christlichen Glauben heranzuführen und sie in ihrer Beziehung zu Jesus Christus zu fördern. „ICF Kids“ richtet sich an Kinder von 0 bis 15 Jahren; Ziel ist ausdrücklich, dass Kinder „Jesus Christus als ihren besten Freund kennenlernen“. Auch Kleinkinder sollen einen „Schöpfergott“ und „Vater im Himmel“ kennenlernen. Zudem ist auf der Seite eine Broschüre zum Thema „Mit Kindern über Sexualität reden“ des Vereins Weißes Kreuz verlinkt – eines evangelikalen Beratungswerks, das homosexuelle Beziehungen theologisch nicht als gleichwertig zur Ehe zwischen Mann und Frau anerkennt und eine konservative Sexualethik vertritt. „ICF Youth“ richtet sich an 13- bis 19-Jährige; Ziel ist, „Jesus ähnlicher“ zu werden, Gott zu erleben, das eigene Umfeld positiv zu beeinflussen und Bibel/Inputs/Worship zu haben.

Für Personen ab 14 Jahren bietet ICF Karlsruhe das Seminar „Gottes Stimme hören“ mit Prophetie, hörendem Gebet und praktischen Übungen an. Paarangebote beschreibt ICF Karlsruhe ausdrücklich als Suche nach dem „Platz als Mann und Frau“ und formuliert: „Gott hat die Ehe zwischen Mann und Frau … geschaffen“.

Vor diesem Hintergrund stellt sich unseres Erachtens die Frage, ob die Kinder- und Jugendarbeit des ICF Karlsruhe überhaupt einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit bildet oder ob sie überwiegend Bestandteil der kirchlichen und missionarischen Arbeit der Gemeinde ist. Gerade diese Abgrenzung ist für eine Anerkennung nach § 75 SGB VIII wesentlich.

Ergänzend sei auf die Veröffentlichungen des Bayerischen Landesjugendamts zu Gefährdungen des Kindeswohls in konfliktträchtigen religiösen / weltanschaulichen Gruppen hingewiesen, die sich teils auch ausdrücklich mit (christlich-)fundamentalistischen Ideologien befassen. Solche Hinweise machen eine vertiefte Prüfung nicht entbehrlich, sondern umso notwendiger – wofür im Übrigen die erst kürzlich erfolgte behördliche Schließung eines Kinder- und Jugendheims einer christlich-fundamentalistischen Organisation im Allgäu aufgrund des Verdachts kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden ein mahnendes Beispiel sein dürfte.

Kritik an der ICF-Bewegung und Stellungnahmen von Fachstellen

Die ICF-Bewegung ist seit vielen Jahren Gegenstand religionswissenschaftlicher Beobachtung sowie der Auseinandersetzung durch Fach- und Beratungsstellen zu religiösen Gemeinschaften. Wiederholt wurden Kritikpunkte ehemaliger Mitglieder und externer Fachleute dokumentiert. Diese betreffen unter anderem Fragen des Umgangs mit Autorität und Macht, Gruppenbindung, religiösem Anpassungsdruck, Geschlechterrollen sowie den Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt.

Auch die Schweizer Fachstelle InfoSekta hat sich wiederholt mit der ICF-Bewegung befasst. In Veröffentlichungen der Fachstelle sowie in öffentlichen Stellungnahmen werden unter anderem ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken sowie Berichte ehemaliger Mitglieder über sozialen und religiösen Anpassungsdruck und eine strikte „Purity Culture“ (Keuschheitskultur) thematisiert. Zusammenfassend hält InfoSekta in einer Stellungnahme fest:

„Bei näherer Betrachtung der ICF zeigt sich, dass hinter der glitzernden und gewinnenden Oberfläche eine problematische Gruppe steht, die mittels einer dualistisch angelegten Lehre und subtilen Druckmitteln die Gläubigen an sich bindet.“

Das ICF Karlsruhe versteht sich primär als Kirche

Das ICF Karlsruhe beschreibt sich selbst als evangelische Freikirche und Teil der internationalen ICF-Kirchenbewegung.

Laut Verwaltungsvorlage umfassen die Satzungszwecke unter anderem:

  • die Verbreitung der biblischen Botschaft,
  • missionarische Veranstaltungen,
  • christliche Seelsorge,
  • Schulungen zum christlichen Leben.

Auch die Kinder- und Jugendarbeit wird ausdrücklich mit dem Ziel verbunden, Kinder und Jugendliche an den christlichen Glauben und dessen Weiterverbreitung heranzuführen.

Damit geht es nicht lediglich um eine wertgebundene pädagogische Arbeit, sondern um die Frage, ob Jugendhilfe hier eigenständiger Vereinszweck oder Bestandteil kirchlicher Missions- und Gemeindearbeit ist. Nach Ziffer 2.1.5 der bereits erwähnten AGOLJB-Grundsätze können Vereinigungen, „die überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dienen“, nicht als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt werden. Diese Grundsätze sind keine Rechtsnorm, werden jedoch vom KVJS als fachliche Orientierung für Anerkennungsverfahren in Baden-Württemberg bereitgestellt. Gerade bei einem Verein, der sich selbst in erster Linie als Kirche versteht und auch seine Jugendarbeit in erster Linie religiös-missionarisch ausrichtet, hätte diese Frage unseres Erachtens einer besonders sorgfältigen und nachvollziehbaren Prüfung bedurft.

Konservative Sexualethik und Umgang mit Vielfalt

ICF Karlsruhe vertritt öffentlich ein Eheverständnis, wonach die Ehe von Gott als Verbindung zwischen Mann und Frau geschaffen wurde.

Zugleich ist die Gemeinde in internationale evangelikal-charismatische Netzwerke eingebunden, in denen vielfach konservative Positionen zu Geschlechterrollen, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Vielfalt vertreten werden.

Zu den bei ICF Karlsruhe aufgetretenen Referent*innen gehören unter anderem umstrittene Evangelikale wie beispielsweise:

  • Leo Bigger (ICF Zürich),
  • Tobias Teichen (ICF München),
  • Jana Hochhalter aka „Jana Highholder“ (u.a. liebezurbibel),
  • Johannes Hartl (u.a. Gebetshaus Augsburg),
  • Maria Prean (österreichische Missionarin)
  • u.v.m.

Darüber hinaus bestehen weitere Zusammenarbeiten und Verbindungen auch mit Akteur*innen aus dem US-Evangelikalen Umfeld. So trat 2019 das „Ministry Team“ der kalifornischen Trump-nahen Bethel Church in der ICF Karlsruhe auf. Ein Auftritt des Leiters Bill Johnson der Bethel Church 2024 auf der UNUM24 in München sorgte für erhebliche Kritik (weitere Infos zur UNUM24, die auch vom ICF München unterstützt wurde, auch hier).

Mehrere dieser Personen haben sich öffentlich ablehnend gegenüber queeren Lebensweisen, modernen Genderkonzepten oder gleichgeschlechtlichen Beziehungen geäußert oder stehen für Milieus, in denen entsprechende Positionen verbreitet sind. Dies begründet keine automatische Gleichsetzung mit sämtlichen Positionen des ICF Karlsruhe. Es verdeutlicht jedoch, in welchem theologischen und weltanschaulichen Umfeld sich die Gemeinde bewegt.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage angebracht, wie ICF Karlsruhe die Rechte und Bedürfnisse queerer Jugendlicher berücksichtigt und welche konkreten Konzepte bestehen, um Vielfalt, Diskriminierungsfreiheit, sexuelle Selbstbestimmung und den Schutz vulnerabler junger Menschen zu gewährleisten.

Problematische Beratungs- und Seelsorgeangebote

Das ICF Karlsruhe bietet neben klassischer Gemeindearbeit auch spirituelle Beratungs- und Seelsorgeangebote an, darunter:

  • SOZO,
  • Healing Rooms,
  • hörendes Gebet,
  • prophetische Praxis.

Diese Angebote beruhen auf der Vorstellung übernatürlicher, auch dämonischer Mächte und werden von verschiedenen Fachstellen und kirchlichen Beratungsstellen kritisch diskutiert, da sie sich außerhalb professioneller psychologischer, sozialpädagogischer und seelsorgerlicher Standards bewegen.

Der „SOZO“-Befreiungsdienst stammt aus der bereits erwähnten Bethel Church und wird von international als innerer Heilungs- und Befreiungsdienst verbreitet. Der Dienst bewegt sich außerhalb professioneller psychologischer, sozialpädagogischer und seelsorgerlicher Standards und wird auch innerkirchlich, wie beispielsweise durch die EZW, kritisiert. In Deutschland wird der Dienst über den Bethel SOZO Deutschland e.V. bundesweit vertrieben. Internationale Leiterin ist die zur Bethel Church gehörende Dawna de Silva.

Aus der internationalen Webseite von De Silva geht hervor, dass der „Befreiungsdienst“ im Modell der „Vier Türen“ auch zur „Befreiung von der Sünde der Homosexualität“, also eine Veränderung bzw. Unterdrückung der sexuellen Orientierung angewendet wird. Die verschiedenen „Türen“ stehen demnach für verschiedene Sündenbereiche, wobei zu den sexuellen Sünden neben beispielsweise Ehebruch und Vergewaltigung auch Homosexualität gehören soll. In Deutschland sind auf die Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung gerichtete Praktiken bei Minderjährigen sowie die Bewerbung entsprechender Angebote nach dem Konversionsbehandlungsschutzgesetz verboten. So wundert es nicht, dass die explizite Erwähnung dieses „Einsatzgebietes“ auf deutschen Webseiten nicht erwähnt wird, das sogenannte „Modell der vier Türen“ aber durchaus.

Vorkommnisse von Konversionsbehandlungen in der ICF sind in der PULS-Doku „Inside Freikirche ICF“ in der ICF Augsburg dokumentiert: An einem Journalisten, der sich dort als homosexuell empfindend ausgab, wurde eine Art „Exorzismus“ durchgeführt, um ihn von Dämonen zu befreien.

Für ein Anerkennungsverfahren nach § 75 SGB VIII stellt sich daher die Frage, ob die Verwaltung geprüft hat, welche Rolle solche Angebote im Umfeld der Kinder- und Jugendarbeit spielen und wie junge Menschen auch vor geistlichem Druck, Grenzüberschreitungen, einer Vermischung von Seelsorge und Beratung und verbotenen Konversionsbehandlungen geschützt werden.

Dualistisches und antipluralistisches Weltbild

Im Hinblick auf die Anerkennungsvoraussetzung des § 75 Abs. 1 Nr. 4 SGB VIII ist zudem die gesellschaftspolitische Ausrichtung des ICF Movement relevant. Danach muss ein Träger Gewähr für eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit bieten. Vor diesem Hintergrund ist zu prüfen, ob im Umfeld des ICF verbreitete theologische und gesellschaftspolitische Konzepte mit Pluralismus, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und den Rechten junger Menschen vereinbar sind.

Besondere Bedeutung hat insoweit eine u.a. in Bezug genommenen Vision eines sogenannten „Seven Mountain Mandate“. Demnach seien Christ*innen berufen, die zentralen Gesellschaftsbereiche Regierung, Medien, Wirtschaft, Bildung, Kunst & Unterhaltung, Familie und Religion zu transformieren um auf diese Weise das „Reich Gottes“ auf der Erde auszubreiten. Leo Bigger predigte Ende 2025 in der ICF Zürich über genau diese Ideologie.

Die Theologin Dr. Maria Hinsenkamp bezeichnet diese stark von einem dualistischen Weltbild geprägte religiöse Bewegung in ihrer Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ als „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: KiNC, vgl. dazu auch hier). Die ICF sieht Hinsenkamp als einen der zentralen Akteure der KiNC im deutschsprachigen Raum. Solche Analysen machen deutlich, dass die Verwaltung prüfen und offenlegen müsste, ob und inwiefern entsprechende weltanschauliche Konzepte in der Kinder- und Jugendarbeit des ICF Karlsruhe eine Rolle spielen.

Unzureichende Auseinandersetzung mit den Anerkennungsvoraussetzungen durch die Verwaltung der Stadt Karlsruhe

Vor diesem Hintergrund ist für uns nicht erkennbar, dass sich die Verwaltungsvorlage mit den aufgeworfenen Fragen in der erforderlichen Tiefe auseinandergesetzt hat. Sie beschränkt sich im Wesentlichen auf eine formale Darstellung der Vereinsstruktur und der angebotenen Tätigkeiten. Eine vertiefte Würdigung des kirchlich-missionarischen Selbstverständnisses, der ideologischen Einbindung des ICF Karlsruhe in das ICF Movement, der konservativen Sexualethik, der spirituellen Beratungsangebote sowie der möglichen Konflikte mit den Zielen der Kinder- und Jugendhilfe erfolgt nicht.

Ebenso wenig ist aus der Vorlage ersichtlich, ob die Verwaltung geprüft hat, ob die Kinder- und Jugendarbeit tatsächlich einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit bildet oder ob sie überwiegend Bestandteil der Lehre und Verbreitung einer Religionsgemeinschaft ist. Gerade dieser Punkt liegt angesichts der Satzungszwecke und der Selbstdarstellung des ICF Karlsruhe besonders nahe.

Nicht erkennbar gewürdigt werden insbesondere folgende Fragen:

  • ob die Jugendhilfe tatsächlich einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit darstellt,
  • ob die tatsächliche Arbeit den Zielen des Grundgesetzes förderlich ist,
  • wie Kinder- und Jugendrechte sichergestellt werden,
  • welche Bedeutung religiöse Einflussnahme in der Arbeit mit jungen Menschen besitzt,
  • wie der Schutz queerer Jugendlicher gewährleistet wird,
  • wie spirituelle Seelsorge-, Heilungs- und Befreiungsangebote von professioneller Beratung und pädagogischer Arbeit getrennt werden.

Unsere Forderungen an Verwaltung und Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe

Vor diesem Hintergrund fordern wir Verwaltung und Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe auf, die bereits für kommenden Freitag, den 19.06.2026 vorgesehene Beschlussfassung über die Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe zurückzustellen.

Vor einer Beschlussfassung sollte zunächst eine sorgfältige und öffentlich nachvollziehbare Prüfung des Bestehens der gesetzlichen Anerkennungsvoraussetzungen unter Einbeziehung der Expertise u.a. von queerpolitischen Verbänden und weltanschauungsbeauftragten Stellen erfolgen.

Schließlich bitten wir die Verwaltung der Stadt Karlsruhe um die Beantwortung folgender Fragen:

  1. Wie wurde geprüft, ob ICF Karlsruhe nicht unter die in den AGOLJB-Grundsätzen beschriebene Fallgruppe fällt, wonach Vereinigungen, die überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religionsgemeinschaft dienen, nicht als Träger der freien Jugendhilfe anzuerkennen sind?
  2. Welche konkreten Tatsachen haben die Verwaltung zu der Einschätzung veranlasst, dass Jugendhilfe einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit bildet?
  3. Welche Konzepte bestehen zum Umgang mit queeren Jugendlichen sowie Jugendlichen mit unterschiedlichen geschlechtlichen Identitäten?
  4. Welche Maßnahmen gewährleisten die Achtung der Persönlichkeitsrechte und der sexuellen Selbstbestimmung junger Menschen?
  5. Welche Rolle spielen missionarische Aktivitäten innerhalb der Kinder- und Jugendarbeit des ICF Karlsruhe?
  6. Welche Schutzkonzepte, Beschwerdewege und unabhängigen Ansprechstellen bestehen für Kinder und Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit der ICF Karlsruhe?
  7. Wie wird sichergestellt, dass religiöse Seelsorgeangebote bis hin zu fraglichen „Heilungs-“ und „Befreiungs-“Angeboten nicht mit professioneller Beratung oder pädagogischer Arbeit vermischt werden?
  8. Welche Prüfung hat die Verwaltung im Hinblick auf die Voraussetzung vorgenommen, dass der Träger Gewähr für eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit bietet (§ 75 Abs. 1 Nr. 4 SGB VIII)?
  9. Wurde im Anerkennungsverfahren die Stellungnahme einer Weltanschauungsbeauftragten Stelle / Sekteninformation o.ä. eingeholt?
  10. Wurde die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe bei der Erstellung der Beschlussempfehlung einbezogen?

Schlussbemerkung

Die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe ist keine bloße Formalie, sondern ein besonderer Vertrauensbeweis des Staates gegenüber einem freien Träger. Deshalb halten wir es für geboten, dass die seit Jahren dokumentierten Kritikpunkte zum ICF Movement, die kirchlich-missionarische Ausrichtung des ICF Karlsruhe sowie die konkreten Beratungs- und Jugendangebote im Rahmen der Prüfung einer Anerkennung berücksichtigt und transparent bewertet werden.

Abschließend möchten wir betonen, dass es für die zu treffende Entscheidung nicht darauf ankommt, ob die von ICF vertretenen religiösen Positionen unter den Schutz der Religionsfreiheit fallen. Selbst soweit dies der Fall ist – was im Übrigen Kritik daran nicht ausschließt –  ist für die Anerkennungsentscheidung allein maßgeblich, ob die Voraussetzungen zur Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe gemäß § 75 SGB VIII tatsächlich vorliegen.

Für Rückfragen sowie falls gewünscht für einen persönlichen Austausch stehen wir gerne zur Verfügung.

FundiWatch

Alarm um die Kinder- und Jugendarbeit in Bremen

Insolvenz von Petri & Eichen als Einfallstor christlich-fundamentalistischer Akteure in die Soziale Arbeit?

Zum Beispiel: Das Sozialwerk Bremen, die hoop Kirche und ihre Netzwerke

Die Zukunft großer Teile der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Bremen ist aktuell unsicher. Grund dafür sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des diakonischen Trägers Petri & Eichen, der sich nun aus weiten Teilen der Kinder- und Jugendsozialarbeit zurückzieht.

Um drohende Versorgungslücken möglichst zu vermeiden, will die Hansestadt Bremen in Kürze Ausschreibungen für neue Angebote auf den Weg bringen. Droht dabei ein weiteres Vordringen christlich-fundamentalistischer Organisationen in die Soziale Arbeit?

Die hier veröffentlichte Recherche geht auf entsprechende Gefahren ein und zeigt Verbindungen des Sozialwerks der Freien Christengemeinde Bremen – das zunächst eine der Kitas von Petri & Eichen übernehmen sollte – in christlich-fundamentalistische Netzwerke auf.

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Einleitung

Im Sommer startete der diakonische Träger Petri & Eichen ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, kümmerte sich also zunächst selbst um eine wirtschaftliche Stabilisierung.

Mittlerweile ist sicher: Petri & Eichen stellt sich neu auf. Ein neuer Träger steigt ein, für vier Kitas wurden neue Träger gesucht, die offene Kinder- und Jugendarbeit soll nicht mehr aktiv weiterbetrieben werden.

Laut Medienberichten droht ein Kahlschlag in der Kinder- und Jugendarbeit in Teilen von Bremen. Wie der Weser-Kurier erst gerade berichtete, wenden sich nun auch ehemalige Führungskräfte in einem offenen Brief an die beiden Noch-Gesellschafter und schlagen Alarm. Die Bremer Sozialbehörde will noch in diesem Jahr Ausschreibungen für neue Angebote auf den Weg bringen.

Immer wieder führen klamme Haushaltskassen dazu, dass christlich-fundamentalistische Träger die Situation nutzen, eigene Angebote weiter auszubauen.

Diesen Sommer erst veröffentlichte FundiWatch eine von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderte Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit. Das Fazit: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht! Auf Hilfe und Unterstützung angewiesene Menschen dürfen nicht denjenigen überlassen werden, die sich letztlich gegen die Grundwerte einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft wenden und fachliche Standards professioneller Sozialer Arbeit nicht einhalten.

Dennoch gelingt es immer wieder auch hochumstrittenen christlich-fundamentalistischen Organisationen in den Bereich der Sozialen Arbeit vorzudringen. Droht Entsprechendes nun auch in Bremen?

Das wird die Zukunft zeigen. Bei der bisherigen Kita „Weltenbummler“ von Petri & Eichen in Tenever sprachen allerdings zahlreiche Anzeichen zunächst dafür. Denn diese stand laut Medienberichten offenbar unmittelbar vor einer Übernahme durch das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen, das nach dem Ergebnis vorliegender Recherche auf vielfältige Weise in christlich-fundamentalistische Kreise vernetzt ist.

In Frage gestellt wurde die Übernahme der Kita durch das Sozialwerk zunächst offenbar dennoch nicht. Wohl erst in letzter Minute kam es dazu, dass stattdessen nun die städtische KiTa Bremen auch diese Kita übernehmen soll.

Der Vorgang wirft jedoch Fragen auf, insbesondere auch, ob in Bremen die notwendige Sensibilität besteht, die professionelle Soziale Arbeit vor Einflussnahme fraglicher Akteur*innen zu schützen. 

Vor diesem Hintergrund soll in dieser Recherche die Einbindung des Sozialwerks Bremen in christlich-evangelikale bis fundamentalistische Netzwerke näher beleuchtet werden. Im Ergebnis wird deutlich: Es ist wichtig, genau hinzusehen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Hansestadt Bremen bei den anstehenden Neuausschreibungen ihrer Verantwortung zum Schutz von auf Hilfe und Unterstützung angewiesener Personen nachkommt.


Abstract

Das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen gehört zu den größten Akteuren der Sozialen Arbeit in Bremen. Mit zahlreichen ambulanten und stationären Angeboten ist das Sozialwerk aus den Bremer Sozialraumangeboten wohl kaum mehr wegzudenken.

Mit seiner Tochtergesellschaft Menschenskinners! betreibt das Sozialwerk auch mehrere Kitas. Die ursprünglich offenbar angestrebte Übernahme der Kita „Weltenbummler“ von Petri & Eichen schien also naheliegend.

Selbstverständlich wollen wir hier nicht behaupten, sämtliche der vielen Mitarbeitenden des Sozialwerks seien „christliche Fundamentalist*innen“. Doch betrachtet man die Hintergründe, Netzwerke und Kooperationen des Sozialwerks näher, stößt man auf Verbindungen, die weit in christlich-fundamentalistische Netzwerke hineinreichen. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Und das sollte unseres Erachtens stärker im Blick behalten werden.

In Teil 1 dieses Beitrags sollen daher zunächst die aktuellen Entwicklungen rund um die Insolvenz von Petri & Eichen und die ursprünglich geplante Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk näher dargestellt werden.

Schließlich wird auf die Entstehungsgeschichte des Sozialwerks, dessen Organisationen und die Einbindung in evangelikale Netzwerke eingegangen:

Denn entstanden ist das Sozialwerk Bremen aus der Freien Christengemeinde Bremen – der heutigen hoop-Kirche. Die Verbundenheit ist auch heute noch in der Kirchenverfassung der hoop festgehalten.

Entsprechendes gilt für die ebenfalls verbundene Elterninitiative Nordlicht – Christliche Kitas e.V. (zuvor: CEKIS – Christliche Kitas e.V.) deren Ziel es ist, „eine christlich geprägte Erziehung in der Tagesbetreuung sicherzustellen“.

Mittlerweile gehört auch die ursprünglich als Christliche Eltern-Initiative e.V. (CEI) gegründete Elterninitiative Menschenskinners! zum Sozialwerk Bremen. Die Initiative war und bleibt umstritten, u.a. wegen ihrer Positionen als Anti-Abtreibungsverein und vermeintlichen Verbindungen mit evangelikalen Gruppen, die teilweise mit Konversionsbehandlungen („Homo-Heilung“) in Verbindung gebracht wurden.

Zudem bestehen insbesondere über Menschenskinners! auch Verbindungen zur Freien Evangelischen Bekenntnisschule Bremen (FEBB), gegen die in der Vergangenheit Mobbing-Vorwürfe u.a. eines trans Schülers erhoben wurden.

Schließlich übernahm das Sozialwerk Bremen im Jahr 1988 die Bremer Privatschule Mentor – bevor die Leitung nur zwei Jahre später versuchte, den Betriebsrat abzuschaffen und aus der Schule eine „christliche Bekenntnisschule“ zu machen.

Des Weiteren ist das Sozialwerk Bremen über Mitgliedschaften in diverse evangelikale Dachverbände eingebunden. So beispielsweise im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP) und der (Ortsallianz) der Evangelischen Allianz Bremen (EAD), die beide unter anderem wegen ihren Haltungen zu Homosexualität, Abtreibung und Missionierung in der Kritik stehen.

In Teil 2 dieses Beitrags gehen wir aufgrund der engen Verbundenheit näher auf die Ausrichtung der hoop Kirche ein:

Denn trotz modernem Außenauftritt erscheinen die vermittelten Ideologien der hoop erzkonservativ.

Schließlich wird dort auch das aus der kalifornischen Megakirche Bethel Church stammende „Befreiungsgebet“ SOZO angeboten, das laut seinen internationalen Leiter*innen u.a. zur „Befreiung“ von der „Sünde der Homosexualität“, von „dämonischen Belastungen“ und sogenanntem „Okkultismus“ eingesetzt werden soll.

Zudem lassen sich Verbindungen mit Akteur*innen, die herrschaftstheologische Ideologien verbreiten und den Bewegungen der sog. „New Apostolic Reformation“ bzw. „Kingdom-minded Network Christianity“ zugeordnet werden – u.a. beim dieses Jahr veranstalteten Evangelisierungsevent „Missio Dei“ – aufzeigen.


TEIL 1: Das Sozialwerk der Freien Christlichen Gemeinde Bremen und die Insolvenz von Petri & Euchen

Großer Träger der Kinder- und Jugendarbeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten

Mit rund 500 Mitarbeitenden zählt Petri & Eichen seit Jahren zu den größten Trägern der Kinder- und Jugendhilfe in der Hansestadt Bremen.

Nun stand der Träger vor gravierenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Im vergangenen Sommer beantragte Petri & Eichen die Einleitung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverantwortung, mit dem Ziel, die wirtschaftliche Stabilisierung des Unternehmens zunächst selbst zu organisieren.

Parallel wurde bekannt, dass auswärtige Interessenten bei Petri & Eichen einsteigen wollen. Für die vier Kitas sollten hingegen neue Träger gewonnen werden. Doch nach Medienberichten gelang das nicht wie ursprünglich geplant:

Zwar soll nun die überregional aktive KJSH-Stiftung bei Petri & Eichen einsteigen. Die Jugendförderung jedoch will der Träger laut Medienberichten künftig aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr weiter aktiv betreiben. Für den Bremer Stadtteil Osterholz droht damit laut Medienberichten ein „Kahlschlag in der Kinder- und Jugendarbeit“.

Das Sozialwerk Bremen als „Retter in der Not“?

Von den vier betroffenen Kitas konnte zunächst nur für die Kita „Weltenbummler“ in Tenever ein neuer freier Träger gefunden werden: das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen.

Für die anderen drei Kitas sollte kurzfristig die städtische KiTa Bremen einspringen. Wie in einer Sitzung der Bremischen Bürgerschaft entschieden wurde, sollte so eine ansonsten drohende Versorgungslücke im Kita-Bereich vermieden werden.

Die vorgesehene Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk Bremen wurde hingegen offenbar nicht in Frage gestellt. Das verwundert. Denn die Verbindungen des Sozialwerks in christlich-fundamentalistische Netzwerke scheinen durchaus vielfältig und bemerkenswert.

Bisher erlebten evangelikale Träger in Bremen durchaus Widerspruch

Bisher gab es in Bremen immer wieder deutlichen Widerstand gegen ähnlich ausgerichtete Organisationen in den Bereich der Sozialen Arbeit:

So wurde im Jahr 2020 ein Projekt des benachbarten Sozialwerks der Freien Christengemeinde Oldenburg (heute: Perspektive Oldenburg Sozialwerk gGmbH) an der Ermlandstraße vom Senat abgelehnt.

Hintergrund waren nach damaligen Berichten offenbar unter anderem auch die Mitgliedschaften des Sozialwerks Oldenburg bei der Evangelischen Allianz Deutschlands (EAD, früher: DEA) und im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP). Beide stehen, wie damals der Weser-Kurier berichtete, unter anderem wegen ihren Haltungen zu Homosexualität, Abtreibung und Missionierung in der Kritik.

Übernahme durch das Sozialwerk Bremen scheitert erst im letzten Moment

Doch auch das Sozialwerk Bremen ist sowohl bei der EAD als auch beim BfP als Mitgliedsorganisation gelistet. Laut Satzung soll bei einer Auflösung des Sozialwerks das verbleibende Vereinsvermögen an den BfP übertragen werden.

Bei der geplanten Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk erfuhr dieser Umstand hingegen zunächst offenbar keine besondere Aufmerksamkeit. Nach Medienberichten scheiterte die Übernahme der Kita „Weltenbummler“ durch das Sozialwerk Bremen erst im letzten Moment. Nun soll auch diese Kita von der städtischen KiTa Bremen übernommen werden.

Gleichzeitig bleibt das Sozialwerk Bremen einer der bedeutenden Akteure der Sozialen Arbeit in der Hansestadt. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass das Sozialwerk seine Aktivitäten auch weiterhin ausbauen wird – auch im Hinblick auf mögliche Lücken in der sozialen Landschaft, die durch den Rückzug von Petri & Eichen entstehen.

Wer ist das Sozialwerk der Freien Christengemeinde Bremen?

Auf der Homepage des Sozialwerks sowie in der dort abrufbaren Unternehmensbroschüre wird dessen Entstehungsgeschichte ausführlich dargestellt.

Sie beginnt im Jahr 1979 in der Mitgliederversammlung der Freien Christengemeinde Bremen, die seit 2017 unter dem Namen „hoop Kirche (norddeutsch für „Hoffnung“) auftritt. Damals wurde Heinz Bonkowski, zwischenzeitlich verstorben und Vater des heutigen Sozialwerk-Leiters Dr. Matthias Bonkowski, mit der Gründung und Leitung des Sozialwerks beauftragt.

Noch im selben Jahr nahm das Sozialwerk seine Arbeit auf. Über die folgenden Jahrzehnte wurden Tätigkeitsfelder und Einrichtungen stark ausgebaut. Heute zählt das Sozialwerk laut Medienberichten mit rund 750 Mitarbeitenden, etwa 70 Ehrenamtlichen und zahlreichen Einrichtungen zu den größten Akteuren der Sozialen Arbeit in Bremen.

Eine enge Verbindung besteht zudem zum Verein Nordlicht – Christliche Kitas e.V. (zuvor: CEKIS – Christliche Kitas e.V.), dessen Entstehung ebenfalls aus der heutigen hoop Kirche heraus erfolgte.

Nordlicht wurde im Jahr 1992 durch einen Elternverein gegründet, der nach eigenen Angaben von Beginn an das Ziel verfolgte, „eine christlich geprägte Erziehung in der Tagesbetreuung sicherzustellen“. Für fünf der sechs Nordlicht-Einrichtungen übernahm das Sozialwerk Planung, Bau oder Vermietung der Räumlichkeiten.

Die fortbestehende enge Verbindung zwischen der hoop, dem Sozialwerk und Nordlicht ist in der Verfassung der hoop-Kirche festgehalten und wird auf den entsprechenden Webseiten, zum Beispiel hier und hier, besonders betont.

Die hoop präsentiert sich in ihrem Internetauftritt als typisch evangelikal-charismatisch Gemeinde mit modernen Ausdrucksformen. Neben Bremen bestehen mittlerweile Standorte in Achim, Bremerhaven, Lübeck und eine Gruppe in Verden. Bereits auf der Homepage wird auch die Verbundenheit zu weiteren evangelikalen bzw. teils auch christlich-fundamentalistisch verorteten Akteur*innen sichtbar.

Im Sommer dieses Jahres wurde aus der hoop Kirche ein ZDF-Fernsehgottesdienst live übertragen. Auch dort wurde die Verbundenheit mit dem Sozialwerk betont, unter anderem durch den Auftritt des nach eigenen Angaben „längstjährigen Mitarbeiter“ Uli Schulte, der in dem Gottesdienst seine Bekehrungsgeschichte schilderte.

Tarifvertrag verhindert christlichen Geist?

In der Vergangenheit gab es nach Presseberichten Konflikte zwischen dem Sozialwerk Bremen und Mitarbeitenden der Bremer Privatschule Mentor. Die Schule war 1988 in finanzieller Schieflage vom Sozialwerk übernommen worden.

Bereits zwei Jahre später kam es laut Medienberichten zum Streit mit dem Betriebsrat. Als dessen turnusmäßige Neuwahl anstand wurde dies demnach durch die Geschäftsleitung untersagt und der Betriebsrat für abgeschafft erklärt. Als Begründung führte die Schulleitung nach damaligen Berichten der taz an, das Betriebsverfassungsgesetz gelte nicht für Religionsgemeinschaften.

Laut taz wollte der damalige Geschäftsführer der Schule Heinz Bonkowski – zugleich Leiter des Sozialwerks – aus der Mentor-Privatschule eine Christliche Schule machen. Die aus seiner Sicht nach „überstarke Mitbestimmung des Betriebsrats“ hätte dies jedoch verhindern können.

Gewerkschaftlich organisierte Lehrkräfte gingen dagegen juristisch vor und bekamen schließlich Recht. Die Schulleitung musste Betriebsratswahlen zulassen.

Auch später kam es zu Konflikten rund um Arbeitsbedingungen und Tarifverhandlungen. Die GEW berichtet am 10.02.2020, dass erst: „Nach langen und schwierigen Verhandlungen inklusive zweier Urabstimmungen und unbefristetem Erzwingungsstreik“ ein Tarifabschluss gelang.

Verbindung zu „Menschenskinners!“ – Anti-Abtreibungslobby und „Homo-Heilung“!?

Seit vielen Jahren besteht auch eine enge Verbindung zwischen dem Sozialwerk Bremen und der Christlichen Eltern-Initiative e.V. (CEI), die heute vollständig zum Sozialwerk gehört und inzwischen unter dem Namen Menschenskinners! Christen engagiert für Familien gGmbH firmiert.

Nach Angaben des Vereins initiierte die CEI 1985 die Aktion „Recht auf Leben“. Eine Gruppierung, die laut eigenen Angabenangesichts der vielen Abtreibungen in unserem Land Frauen und Familien in Konfliktsituationen helfen sowie das Leben von Kindern vor und nach der Geburt schützen will“.

Im Jahr 2020 benannte sich die CEI in Menschenskinners! Christen engagiert für Kinder und Eltern e.V. um, und veränderte ihren öffentlichen Auftritt. Während die Homepage zuvor von Bildern besorgter Frauen mit Schwangerschaftstests in den Händen geprägt wurde, zeigt sich der Internetauftritt heute in bunten Regenbogenfarben mit lachenden Kindern.

Die Ausrichtung blieb hingegen gleich. Laut einer noch auffindbaren Satzung aus dem Jahr 2020 besteht Menschenskinners! aus Menschen, „die auf der Grundlage des christlichen Glaubens diakonisch und volksmissionarisch [sic!] arbeiten wollen“.

Kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, als der Verein sich 2024 mit dem Sozialwerk Bremen zusammenschloss. Heute ist Menschenskinners! eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des Sozialwerks.

Die Positionen von Menschenskinners! zum Thema Abtreibung und der Verbreitung des in Erzählungen von Evangelikalen häufig behaupteten – in der Wissenschaft jedoch als nicht belegt geltenden – „Post Abortion Syndroms“ (PAS) (angebliche Traumatisierungen nach einer Abtreibung) wurden in der Vergangenheit bereits kritisiert.

Auch der Umstand, dass der Verein an Schulen „sexualpädagogische Aufklärung“ betreibt und sich Mitarbeitende laut Medienberichten bei evangelikalen Gruppen fortbildeten, die teilweise mit – inzwischen grundsätzlich verbotenen – Konversionsbehandlungen („Homo-Heilung“) in Verbindung gebracht wurden, führte zu öffentlicher Kritik in den Medien und war Thema in politischen Debatten der Bremer Bürgerschaft.

Aktuell betreibt Menschenskinners! ein Mutter/Vater-Kind-Haus, den Second-Hand-Laden „find.us“ und an mehreren Standorten die „Kita Regenbogen“. Im pädagogischem Leitbild heißt es, die Kindergruppen erfüllten „ihren Auftrag zur Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern auf der Grundlage des christlichen Glaubens“.

Einbindung des Sozialwerks Bremen in evangelikale Netzwerke

Neben der bereits erwähnten Mitgliedschaft des Sozialwerks im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BfP) bestehen nach öffentlich zugänglichen Informationen zahlreiche weitere Verbindungen in christlich-fundamentalistisch sowie evangelikal geprägte Netzwerke.

Dazu zählt unter anderem die Zugehörigkeit des Sozialwerks zur Ortsallianz der Evangelischen Allianz Deutschlands (EAD). Diese tritt seit einiger Zeit unter dem Namen „Gemeinsam für Bremen und umzu“ auf und hat ihren Sitz ebenfalls an der hoop-Kirche.

Ebenso wie für den BfP besteht auch für die EAD nach ihrem Glaubensverständnis eine Ehe einzig aus Frau und Mann. Gleichgeschlechtliche Hochzeiten lehnt sie ab.

Mit einem eigenen Leitfaden zum Konversionsbehandlungsschutzgesetz bietet die EAD eine „Handreichung für christliche Gemeinden“, wie im Rahmen der Seelsorge eine Strafbarkeit vermieden werden kann.

Eine weitere Broschüre mit dem Titel „Rede frei! Mit Recht über das Evangelium sprechen“ wurde von der EAD gemeinsam unter anderem mit der rechts-christlichen Anwalts-Lobby-Organisation Alliance Defending Freedom (ADF) veröffentlicht.

Auch eine gerade erst veröffentlichte „Handreichung für christliche Gemeinden“ zum Selbstbestimmungsgsetz erstellte die EAD mit inhaltlicher Unterstützung von Felix Böllmann von ADF. Weitere Unterstützung leistete Markus Hoffmann vom Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung e.V. (IdiSB e.V.), ehemals Wuestenstrom – ein Verein, der sich immer wieder für die „Heilung“ queerer Menschen einsetzte. Und schließlich der Theologe Christoph Raedel von der Freien Theologischen Hochschule Gießen, für den Homosexualität zu einer von vielen „Fehlprägungen“ gehört und für den das Selbstbestimmungsgesetz „die biologisch begründete, kulturell ausgestaltete und lebensweltliche Orientierung gebende binäre Ordnung der
Geschlechter [untergräbt]

Die mittlerweile auch zunehmend in Deutschland und Europa aktive ADF wird vom Southern Poverty Law Center in deren Publikationen als „Hate Group“ benannt. Das European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights (EPF) warnt bereits seit Jahren vor der zunehmenden Einflussnahme von ADF auch in Europa.

Nach öffentlich verfügbaren Informationen wirkte ADF maßgeblich daran mit, das in den USA das Recht auf Abtreibung (Grundsatzurteil Roe vs. Wade) gekippt wurde. Aktuell unterstützt ADF die christliche Beraterin Kaley Chiles vor dem Obersten Gerichtshof in den USA bei einer Beschwerde gegen das Verbot von Konversionsbehandlungen an Minderjährigen im US-Staat Colorado (vgl. Chiles vs. Salazar).

In Deutschland erreichte ADF erst vor kurzem einen Sieg vor Gericht, in dem Bannmeilen für Proteste von Abtreibungsgegner*innen vor Kliniken in Regensburg für unzulässig erklärt wurden. Erst Anfang November dieses Jahres veranstaltete u.a. die EAD einen Kongress unter dem Titel „Christenverfolgung heute“, bei dem mit Dr. Felix Böllmann der Leiter der europäischen Rechtsabteilung der ADF International als Referent eingeladen war.

Das Sozialwerk Bremen, die Freie Evangelische Bekenntnisschule Bremen (FEBB) und Vorwürfe wegen Mobbing und Transfeindlichkeit

Zur Bremer Evangelischen Allianz Gemeinsam für Bremen und umzu gehört auch die Freie Evangelische Bekenntnisschule Bremen (FEBB). Auf der Webseite wird deren Kooperation mit der „Kita Regenbogen“ von Menschenskinners! ausdrücklich hervorgehoben.

Im Jahr 2020 berichtete unter anderen die taz über Vorwürfe gegen die FEBB, nach denen ein trans Jugendlicher an der FEBB gemobbt worden und es Versuche gegeben haben soll, ihn „zu heilen“ und „Dämonen auszutreiben“.

Die taz zitierte in diesem Zusammenhang die damalige Gemeindemitarbeiterin Sabine Fäsenfeld – heute Assistenz der Geschäftsführung von Menschenskinners! – wie folgt:

‚Möglicherweise hat man in Gruppen mit Betroffenen gebetet‘, sagt Gemeindemitarbeiterin Sabine Fäsenfeld auf Nachfrage. ‚Wenn jemand Seelsorge braucht, wüssten wir, wohin wir ihn vermitteln können‘, teilt sie mit. Aber ein eigenes Programm, ‚nein, das kann nicht sein.‘

Es kam zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, die letztlich jedoch eingestellt wurden. Auch die Bremer Bürgerschaft befasste sich mit den Vorwürfen. Wie wiederum die taz berichtete kam es anschließend zu weiteren Vorwürfen betroffener Schüler*innen, die jedoch offenbar unaufgeklärt blieben.

Die FEBB ist Mitglied im „Verband Evangelischer Bekenntnisschulen“ (VEBS), dem nach eigenen Angaben bundesweit 214 Bildungseinrichtungen angehören. Auf seiner Webseite formuliert der Verband unter Berufung auf das deutsche Grundgesetz durchaus selbstbewusst (Hervorhebungen im Original jeweils durch Fettschrift):

Bekenntnisschulen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nur den staatlichen Lehrzielen, aber nicht den Lehrplänen/Bildungsplänen folgen müssen.

Und:

Bekenntnisschulen dürfen daher eigene Lehrpläne entwickeln und lehren – diese müssen von der Schulaufsicht des Landes genehmigt werden.

Der gesamte Schullalltag einer Bekenntnisschule (also auch alle Schulfächer) muss vom christlichen Bekenntnis durchdrungen/geprägt sein (so wie Waldorfschulen oder Montessorischulen von den jeweiligen pädagogischen Prinzipien geprägt sein müssen).

Wir nutzen diese Freiheit, unter Beachtung der staatlichen Lehrziele, um mit unseren eigenen, vom Bekenntnis geprägten Methoden und Unterrichtsinhalten Schule zu gestalten.

Doch welches „christliche Bekenntnis“ genau ist hier gemeint? Eines, das queere Menschen in der Hölle sieht, wenn sie entsprechend ihrer sexuellen Orientierung und Identität leben wollen, oder eines, das queere Menschen als Teil der Vielfalt unserer Menschheit mit gleicher Würde und gleichen Rechten ansieht?

Und welche christliche Glaubensrichtung vertritt das Sozialwerk Bremen bzw. dessen Gründungsgemeinde hoop?

Darum soll es in Teil 2 gehen.


TEIL 2: Gründungsgemeinde des Sozialwerks der Freien Christlichen Gemeinde Bremen: Die heutige hoop Kirche

Lange Historie und der „Mähdrescher Gottes“ zu Gast in Bremen

Wie bereits in Teil 1 dargestellt, ist das Sozialwerk Bremen aus der Freien Christengemeinde Bremen hervorgegangen, die seit 2017 unter dem Namen hoop Kirche auftritt. Die enge Verbundenheit besteht weiterhin.

Die Freikirche hoop blickt auf eine lange Geschichte zurück.

Gegründet wurde sie 1932 unter dem Namen „Christengemeinde Elim“. Später benannte sie sich in Freie Christengemeinde Bremen um und 2017 in hoop Kirche.

Auch im Verlauf ihrer jüngeren Geschichte traten immer wieder auch international bekannte – und umstrittene – Evangelikale in der hoop als Gastprediger auf.

Darunter auch der Missionar Reinhard Bonnke, der aufgrund seines Predigtstils in Massenevangelisationen auch als „Mähdrescher Gottes“ bezeichnet wurde. Bonnke leitete bis zu seinem Tod das Missionswerk Christus für alle Nationen (CfaN), das international, vorwiegend auf dem afrikanischen Kontinent aber auch in Deutschland, aktiv ist.

Im Mai 2008 war Bonnke – offenbar nach Einladung des Pastors Andreas Sommer, der auch heute noch in der hoop tätig ist – in der Christengemeinde zu Gast. Auf der Webseite von CfaN findet diese Veranstaltung weiterhin Erwähnung.

Die Journalist*innen Oda Lambrecht und Christian Baars beschreiben in ihrem Buch „Mission Gottesreich“ diesen Auftritt ausführlich. Demnach schrie Bonnke bei seinem Auftritt von der Bühne:

Tumore weicht in Jesu Namen! Krebs verschwinde in Jesu Namen! HIV-positiv werde HIV-negativ! In Jesu Namen! (…) Alle Infektionen, Neurosen, ich breche die Kette aller Depressionen, in Jesu Namen! Die Freude am Herrn wird deine Stärke sein und deine Medizin sein.

Auch Bonnkes Nachfolger bei CfaN, Daniel Kolenda, war laut Predigtarchiv bereits als Gastprediger in der hoop.

Außen bunt, innen erzkonservativ

Heutzutage wirkt die hoop – jedenfalls in ihrem Außenauftritt – deutlich anschlussfähiger, als es der damalige Auftritt von Reinhard Bonnke vermuten lässt: Prediger*innen in Jeans, lockere Sprache, viel Lobpreismusik, moderne Bildsprache und herzliches Auftreten. Dies war auch im bereits erwähnten ZDF-Fernsehgottesdienst aus der hoop sichtbar.

Bei näherem Blick in die Predigtarchive der hoop wird jedoch deutlich, dass weiterhin theologisch sehr konservative bis christlich-fundamentalistische Positionen vertreten werden. Dort auffindbare Predigtreihen und Titel wie „Bis zum Ende: Treu bleiben in der Endzeit“, „Teuflisches Verhalten“ oder „An Jesus glauben = mit Christus herrschen“ illustriere diese Ausrichtung.

Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass die hoop im Außenauftritt offenbar um ein möglichst anschlussfähiges Auftreten bemüht ist. Klassische Konfliktthemen inner- und außerhalb evangelikaler Diskurse erscheinen eher indirekt – eingebettet in Formate wie „Love is in the Air – Gottes guter Plan für deine Sexualität“ oder (schon erheblich deutlicher) „Freiheit von Porno“.

Bei inhaltlicher Auseinandersetzung mit diesen Formaten wird schnell deutlich, dass nach deren Inhalten Sexualität ausschließlich in einer Ehe zwischen „einem Mann und einer Frau“ gelebt werden soll. Eine Beantwortung der theologischen Einordnung von Homo- und Transsexualität scheint damit ebenfalls – jedenfalls für den Außenauftritt – ausreichend zum Ausdruck gebracht. Eine Predigt aus dem Jahr 2013 mit dem Titel „Gute Frage: Hat Gott ein Problem mit Homosexualität?“ ist im Predigtarchiv heute nicht mehr abrufbar.

Noch deutlicher scheint das Bild zu den religiösen Weltanschauungen der hoop zu werden, wenn man betrachtet, welche Inhalte sich hinter dem von der hoop angebotenen Befreiungsdienst „SOZObefinden.

Befreiungsdienst SOZO: „Befreiung von der Sünde der Homosexualität“ und „dämonischen Belastungen“?

Der Befreiungsdienst Bethel SOZO stammt aus der im kalifornischen Redding ansässigen und weltweit agierenden Megakirche Bethel Church. Der Begriff „SOZO“ stammt aus dem Altgriechischen und wird von Bethel SOZO selbst mit „retten, freisetzen, heilen, ganz sein“ übersetzt.

Die Bethel Church vertritt einen besonders ausgeprägten Glauben an übernatürliche Kräfte, Wunderheilungen und den Einfluss dämonischer Mächte.

Die (wohl auch bei deutschen Schüler*innen beliebte) Bethel-Jüngerschaftsschule trägt dafür den passenden Namen: Bethel School of Supernatural Ministries (kurz: BSSM). Gelegentlich wird die BSSM auch scherzhaft als „christliches Hogwarts“ bezeichnet. In Deutschland existiert mit der von ehemaligen BSSM-Schüler*innen gegründeten „Schule der Erweckung“ in Füssen eine „Quasi-Außenstelle“ in Deutschland.

Der internationale Befreiungsdienst Bethel SOZO wird durch die auch für die Bethel Church tätige Dawna De Silva verantwortet. In Deutschland wird das Angebot unter anderem über den Verein Bethel SOZO Deutschland e.V. verbreitet, vor allem auch durch Schulungen für Gemeindemitarbeitende, die den Dienst erlernen und in ihren Gemeinden schließlich selbst anbieten wollen.

Laut Webseite von Bethel SOZO Deutschland gibt es bundesweit rund 50 Standorte, an denen Bethel SOZO angeboten wird.

Recherchen von FundiWatch zeigen, dass der Dienst noch von deutlich mehr Gemeinden angeboten und sogar Eingang in die „christliche“ Soziale Arbeit gefunden hat. Zudem bietet Bethel SOZO auch eine „Fortgeschrittenen-Version“ („SOZO Shabar“) an, die auch bei schweren psychischen Diagnosen wie der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) Anwendung finden soll.

Auf der Webseite von Dawna De Silva wird Bethel SOZO unter anderem als Dienst beschrieben, der auch zur Befreiung von der „Sünde der Homosexualität“ beitragen könne. Dazu wird dort das „Werkzeug“ der „Vier Türen“ erläutert. Demnach stammen sämtliche Sünden aus den vier Bereichen Angst, Hass, sexuellen Sünden sowie Okkultismus & Hexerei, wofür sinnbildlich die vier Türen stehen sollen.

Hinter der „Tür der sexuellen Sünden“ stehen nach dortiger Beschreibung die „Sünden“ der Homosexualität ebenso wie Ehebruch, Pornographie, Unzucht, Lüsternheit, Belästigung, Vergewaltigung und Phantasien.

In einer SOZO-Sitzung – vor deren Beginn den Anbietern von SOZO die Einholung eines Haftungsausschlusses empfohlen wird – soll demnach gefragt werden, ob die das SOZO empfangende Person eine der vier Türen geöffnet hat und mit welchen der sich dahinter verbergenden Sünden sie in Berührung gekommen ist.

Daran anschließend empfiehlt De Silva den SOZO-Empfänger*innen folgendes Gebet:

Jesus, I ask You to forgive me for opening this door to… (fear, hatred, sexual sin, or the occult). I repent for partnering with this sin of… (worry, stress, jealousy, or control). I renounce this sin’s hold over my life and ask You, Lord, to cleanse me with Your righteousness blood [sic!]. Close this door, Jesus, and seal it shut. In Jesus’s Mighty Name, amen.

Nach Angaben De Silvas solle es darüber hinaus hilfreich sein, sich selber im Leben einige Grenzen zu setzen, also beispielsweise bestimmte Filme zu vermeiden, digitale Filter zu nutzen – oder auch den eigenen Freundeskreis zu verändern.

Wie sich die SOZO-Glaubensvorstellungen mit antifeministischen Ideologien vermengen, wird unter anderem in einem Blog-Beitrag von De Silva unter dem Titel „Identifying the Jezebel and Delilah Spirits“ deutlich:

Dort berichtet De Silva von Frauen, die die „die gesalbten Gottes“ zu sexuellen Handlungen verführten. Als Ursache stellte De Silva dann eine Beeinflussung durch den „Jezebel-Dämon“ fest. Damit referenziert sie offenbar auf biblische Erzählungen vor allem im neuen Testament (Offenbarung 2,20), nach denen die Prophetin Jezebel (in Deutsch: Isebel) Christen zu „Unzucht“ verführte und dazu brachte, Götzenopfer zu essen.

„Sieben Berge“ und „Die größte Bedrohung für unsere Demokratie, von der Sie noch nie gehört haben“…

Die Bethel Church, auf deren Angebote sich die hoop dem Angebot des Befreiungsdienst SOZO zumindest teilweise bezieht, wird in verschiedenen Analysen nicht nur mit als unseriös bis hin zu gesundheitsgefährdenden Praktiken sogenannter „Befreiungs-“ und „Heilungsdienste“ in Verbindung gesehen.

In wissenschaftlichen und medienjournalistischen Analysen wird Bethel zudem immer wieder als prägender Akteur bei der Verbreitung einer christlichen Herrschaftstheologie gesehen, die häufig unter dem Begriff „christlicher Dominionismus“ bzw. „dominion theology“ eingeordnet wird. Dieser liegt die Vorstellung zu Grunde, Christ*innen seien berufen, mit ihren Glaubensvorstellungen sämtliche Gesellschaftsbereiche zu beeinflussen, um sie zu transformieren und schließlich mit „christlichen Werten“ zu dominieren oder gar zu beherrschen.

Was bei der Bethel Church unter „christlichen Werten“ verstanden wird, lässt sich unter anderem an Aussagen des langjährigen Bethel-Leiters Bill Johnson erkennen: Seine damalige Wahlentscheidung für Donald Trump begründete Johnson damit, er sei gegen Abtreibung, offene Grenzen, das Wohlfahrtssystem, gleichgeschlechtliche Hochzeiten, Sozialismus, political correctness und Globalisierung, weil dies alles seiner Auffassung nach Gottes Willen widerspreche.

Zudem gilt Johnson als strikter Gegner gegen die Restriktion sog. „Konversionstherapien“ (also Behandlungen zur Unterdrückung oder Veränderung der sexuellen Orientierung oder Identität) und vertritt die Auffassung, Homosexualität sei eine Sünde und eine „Vergewaltigung des menschlichen Designs“ („violation of design“).

Im Sommer 2024 trat Johnson mit Unterstützung von etwa 80 christlichen Organisationen aus Deutschland auf der Glaubenskonferenz UNUM24 vor tausenden Gläubigen im Münchener Olympiastadion auf, was zu Diskussionen und Kritik führte (nähere Infos und Quellen im Linktree des Protestbündnisses #NoUNUM24).

Über die Organisation Awakening Europe unter Leitung des Predigers Ben Fitzgerald – der ebenfalls bereits als Gastprediger in der hoop auftrat – ist Bethel seit einigen Jahren auch zunehmend in Deutschland und Europa präsent.

Die Bethel Church wird in verschiedenen medienjournalistischen und wissenschaftlichen Beiträgen als einer der zentralen Akteure einer christlichen Bewegung gesehen, die in den USA vor allem unter der Bezeichnung „New Apostolic Reformation“ (kurz: NAR) diskutiert wird.

Deren Anhänger*innen beziehen sich unter anderem auf eine vermeintliche göttliche Vision, die bereits in den 70er Jahren den Evangelisten Loren Cunninghan (Youth with a Mission, in Deutschland als Jugend mit einer Mission bekannt), Bill Bright (Campus Crusade for Christ, heute Cru und in Deutschland als Campus für Christus bekannt) sowie Francis Schaeffer offenbart worden sein soll: Das sogenannte „Seven Mountain Mandate“.

Nach dieser Vorstellung sollen Christ*innen berufen sein, im Kampf gegen in der Welt real existierende böse und dämonische Mächte alle sieben Gesellschaftsbereiche (also Religion, Familie, Bildung, Medien, Kunst und Unterhaltung, Wirtschaft und Regierung) durch „geistliche Kriegsführung“ („spiritual warfare“) sowie aktive Einflussnahme zu transformieren und unter die Herrschaft des christlichen Glaubens zu bringen. So soll sukzessive das „Reich Gottes“ auf Erden ausgebreitet und die Wiederkehr Jesu vorbereitet werden.

Besondere Verbreitung erfuhr diese Ideologie, als Bill Johnson gemeinsam mit Lance Wallnau (der bei den letzten US-Wahlen den Wahlkampf von J.D. Vance unterstützte) im Jahr 2013 das Buch „Invading Babylon: The 7 Mountain Mandate veröffentlichte.

Die mit der Verbreitung dieser Ideologien einhergehenden gesamtgesellschaftlichen Gefahren, fanden – mit wenigen Ausnahmen – lange Zeit keine Beachtung. Jedenfalls in den USA änderte sich dies in den letzten Jahren zunehmend. Heute sieht das Southern Poverty Law Center die New Apostolic Reformation als „größte Bedrohung für die US-Demokratie, von der man noch nie gehört hat“.

Für den deutschsprachigen Raum liegen systematische Untersuchungen erst vereinzelt vor. Grundlagenarbeit leistete insoweit die Vikarin Dr. Maria Hinsenkamp, die in ihrer frei abrufbaren Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ für diese Glaubensrichtung den Begriff „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: „KiNC“) etablierte und deren bereits vorhandene Ausbreitung auch in Deutschland und Europa dokumentiert.

Christliche Dominionismus-Strömungen zu Gast in der hoop Kirche?

Vor dem zuvor beschriebenen Hintergrund scheint die Auswahl der Gastsprecher*innen beim von der hoop im vergangenen Sommer veranstalteten Evangelisationsevent „Visio Dei“ bemerkenswert. Denn als einer der Hauptgäste trat der Evangelist Glyn Barrett auf.

Barrett stammt ursprünglich aus dem Umfeld der bereits in mehrere Skandale verwickelten und umstrittenen Hillsong Church. Mit !Audacious gründete Barrett in den vergangenen Jahren eine Megakirche in Manchester.

Insbesondere die Seite „NAR Connections“ weist auf die vielfältigen Verbindungen Barretts mit der NAR hin. Besondere Erwähnung findet dabei auch Barretts Funktion in der Leitung des globalen Netzwerks Empowered21, auf die auch in der Programmankündigung der hoop für das Event „Visio Die“ hingewiesen wurde.

Hinsenkamp beschreibt Empowered21 gemeinsam mit der mit ihr verbundenen Global Evangelicalist Alliance (GEA) als größte internationale Netzwerke der Kingdom-minded Network Christianity (KiNC), welche das „Who’s Who der prominenten internationalen KiNC-Persönlichkeiten unter ihrem Dach vereinen“ [Hinsenkamp, aaO. S. 412].

Im Leitungsgremium von Empowered21, dem „Global Council“, finden sich unter anderem auch Bill Johnson und zahlreiche weitere führende Persönlichkeiten, die immer wieder im Kontext der NAR bzw. KiNC genannt werden. Auch aus Deutschland sind einzelne Personen dort vertreten, wie etwa Peter Wenz, Leiter des Gospel Forums in Stuttgart, oder Jürgen Bühler, Gründungsmitglied des christlich-zionistischen Dachverbands „Christliches Forum für Israel“ und Direktor der International Christian Embassy Jerusalem (ICEJ).

Auch im Leitungsgremium der Global Evangelicalist Alliance (GEA) tauchen wiederum bekannte Namen aus dem Umfeld der KiNC bzw. NAR auf – darunter auch Daniel Kolenda(Christus für alle Nationen) und Ben Fitzgerald (Bethel Church / Awakening Europe).

Auf der Webseite von Empowered21 führt der Menüpunkt „Termine“ direkt auf die Webseite der Awakening Church – eine Gemeinde in Eimeldingen, die zuvor als G5-Gemeinde bekannt war und im Jahr 2023 laut Medienberichten im Streit von Fitzgerald übernommen wurde (nunmehr Awakening Church).

Auf der Webseite von Empowered21 findet sich unter den Zielen des Netzwerks unter anderem folgender Satz:

FORM AND SERVE A GLOBAL NETWORK FOR NEXT GENERATION LEADERS

who are empowering future generations in every segment of society including church, family, government, business, education, arts/entertainment, sports and media.

Die Referenz auf das „Seven Mountains Mandate“ ist insoweit kaum zu übersehen.

Bei dem Evangelisationsevent „Visio Dei“ angebotene Workshops unter Titeln wie „Einfluss nehmen in der Welt: Wie lebe ich meine Berufung?“ könnten vor diesem Hintergrund weiteren Anlass geben, die ideologische Ausrichtung der hoop näher zu beleuchten.


FAZIT: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht!

Der Fall der fast erfolgten Übernahme einer Kita durch das Sozialwerk Bremen zeigt angesichts der hier beschrieben Netzwerke, ideologischen Bezüge und der dokumentierten Kontroversen in der Vergangenheit sehr deutlich: Es ist nicht egal, wer die Arbeit macht!

Auch in Zeiten angespannter Haushaltskassen darf Soziale Arbeit nicht denjenigen überlassen werden, deren Ideologien und Ziele mit demokratischem Pluralismus und Menschenrechten kollidieren und deren Arbeitsweisen berufsethischen und wissenschaftlichen Standards professioneller Sozialer Arbeit widersprechen. Dass es hierzu bisher kaum Bereitschaft oder zumindest zu wenig Problembewusstsein gibt, zeigen Recherchen von FundiWatch immer wieder (vgl. hierzu u.a. auch hier und hier).

Die Frage, inwieweit die Einbindung des Sozialwerks Bremen in die aufgezeigten Netzwerke tatsächlich Einfluss auf deren konkrete Arbeit vor Ort hat, kann bisher nicht abschließend beantwortet werden. Die dargestellten Verbindungen sollten jedoch Anlass bieten, dieser Frage weiter nachzugehen. Dazu sollte sich nicht nur die Hansestadt Bremen, sondern auch der Paritätische Wohlfahrtsverband veranlasst sehen, bei dem das Sozialwerk Bremen Mitglied ist.

Im Übrigen bleibt zu hoffen, dass sich die Hansestadt Bremen bei den nun anstehenden Ausschreibungen zur Schließung der von Petri & Eichen hinterlassenen Lücken in der Kinder- und Jugendarbeit ihrer Verantwortung für Qualität und Seriosität neuer Anbieter bewusst bleibt.

Soziale Arbeit darf weder zum „Missionierungsinstrument“ christlich-fundamentalistischer noch sonstiger extremistischer Akteur*innen werden.


Antwort auf unseren Offenen Brief von Regionalbischof Thomas Prieto Peral zur Veranstaltung von „Miteinander für Europa“

Auf unseren Offenen Brief an Kardinal Marx und Regionalbischof Peral haben wir bereits eine Antwort erhalten, die wir an dieser Stelle veröffentlichen möchten:

Wir freuen uns über die schnelle Reaktion von Bischof Peral und seine Zusage, unsere Kundgebung morgen ab 21. 15 Uhr am Sendlinger Tor (bitte kommt vorbei!) zu besuchen, um ins Gespräch zu kommen.

Wir möchten das Wochenende und die morgige Veranstaltung abwarten, bevor wir uns zu dem Antwortschreiben (vielleicht gibt es ja auch noch eine Reaktion von Kardinal Marx?) noch ausführlicher äußern.

Einige Punkte meinen wir aber bereits jetzt kommentieren zu müssen – gerade auch im Hinblick auf den diese Woche stattfinden CSD München unter dem Motto „Liberté, Diversité, Queerité“:

Weiterlesen:
„Suchet der Stadt Bestes“: CSD und Queerness kein Thema?

Zunächst sind wir sehr irritiert, wenn die Teilnahme an einer Veranstaltung parallel zum CSD unter dem Titel „Suchet der Stadt Bestes“ mit unstrittig problematischen Akteur*innen u.a. damit gerechtfertigt wird, der CSD oder „Fragen zu Queerness“ spielten dort ja keine Rolle.

Bei einer Veranstaltung unter dem Titel „Suchet der Stadt Bestes“ ist bereits das ein Problem. Denn München ist bunt, München ist queer und wir wollen, dass das so bleibt!

Noch problematischer wird dies, wenn man einen Blick in die Workshops der Veranstaltung wirft:

Im Forum 5 zum Thema „Ehe und Familie“ treten zahlreiche queerfeindliche Organisationen auf, die ein ausschließlich binäres Geschlechterverständnis vertreten. Darunter auch die Offensive Junger Christen (OJC), die mit ihrem pseudowissenschaftlichen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) immer wieder mit queerfeindlichen Positionen und als Unterstützer von Konversionsbehandlungen auffiel.

Für „Miteinander für Europa“ spielt das Thema „Queerness“ auch im Kontext mit einem Workshop im Forum 7 zu „Sozialen Initiativen in der Stadt“ keinerlei Rolle. Stattdessen stellt die Besetzung des Workshops ein sehr anschauliches Beispiel über das Vordringen christlich-fundamentalistischer Akteur*innen in den Bereich der Sozialen Arbeit dar: ebenfalls die OJC, die Vineyard Chemnitz, die den für die „Befreiung von der sexuellen Sünde der Homosexualität“ einzusetzende „BethelSOZO Dienst“ anbietet usw…

Beim Workshop im Forum 1 „Gebet für die Stadt“ tritt Johanna Planeth, Leiterin des Gebetshaus München – in dem sie bereits Kleinkinder in „geistlicher Kriegsführung“ unterrichtet – und Leiterin des Kindergottesdienst in St. Matthäus auf. Planeth ist 2. Vorsitzende des hier schon mehrfach erwähnten Vereins Mission Freedom e.V., dessen Vorsitzende Gaby Wentland außerehelichen Geschlechtsverkehr als „erste große Sünde vor Gott“ und Homosexualität als ein „Greuel“ ansieht – der sich aber dennoch mit staatlicher Erlaubnis um schwerst traumatisierte missbrauchte Minderjährige in seiner Einrichtung „Haus SeeNest“ kümmern darf…

Wir wünschen uns weiterhin Antworten…

Zudem haben wir in unserem offenen Brief einige konkrete Fragen formuliert, die wir bisher nicht beantwortet sehen, z.B.:

  • Wie hoch darf „der Preis“ der Einheit oder eines Miteinanders – im Hinblick auf die zahlreichen problematischen Unterstützer*innen von Miteinander für Europa – tatsächlich sein?

    Konkret: Wo sind die Grenzen eines Dialogs erreicht bzw. wo bedarf es der klaren Abgrenzung und Distanzierung an der es unseres Erachtens in den letzten Jahren immer wieder gefehlt hat und die dem Erstarken christlich-fundamentalistischer Kräfte viel Raum verschafft hat?

  • Welche „christlichen Werte“, die Miteinander für Europa umsetzen will, sind dort konkret gemeint?

    Und: Wie verhalten sich die dort vertretenen Werte beispielsweise zu den Rechten queerer Menschen, die diese Wochen in einer zunehmenden (rechten) Bedrohungslage – übrigens auch direkt auf den Straßen vor der Veranstaltung – für ihre Rechte auf die Straße gehen?

  • Warum bleibt eine deutliche Absage und Distanzierung zum zunehmenden Einfluss herrschaftstheologischer Ambitionen bisher weitgehend aus?

    Damit meinen wir nicht nur den Verweis auf eigene abweichende Positionen, sondern auch ein dementsprechendes Handeln – auch wenn dann einem „Miteinander“ in einzelnen Fällen eine Absage erteilt werden muss, wie das ja zur UNUM24 auch noch geschehen ist?

  • Kann nach den in unserem Offenen Brief bereits (längst nicht vollständig!) aufgezeigten Verbindungen von „Miteinander für Europa“ wirklich davon ausgegangen werden, dass dort „der Stadt Bestes“ gesucht wird?
„Bill Johnson ist nicht beteiligt“? – Seine „Botschafter“ schon!

Wir vermissen in dem Antwortschreiben zudem ein Eingehen darauf, dass die Veranstaltung durchaus erhebliche Bezüge zu den Ideologien von Bill Johnson aus der Bethel Church aufweist.

Wie wir schon dargestellt haben, gehört einer der beiden Initiatoren der UNUM24, Gerhard Kehl, mit seiner Jordan-Stiftung zum Netzwerk von Miteinander für Europa und tritt dort auch am Wochenende auf.

In unserem Offenen Brief hatten wir dargestellt, wie eng Kehl mit seiner AlpenChurch bzw. seiner Jordan Stiftung mit der Bethel Church verbunden ist. Man könnte wohl durchaus soweit gehen, ihn als einen der „Botschafter“ der Bethel Church in Deutschland anzusehen.

Wie erwähnt, haben neben Miteinander für Europa selbst, auch zahlreiche weitere involvierte Organisationen die UNUM24 – auf der Johnson als einer der „Star-Gäste“ aufgetreten ist – ausdrücklich unterstützt. Hierzu zu sagen, im Unterschied zur UNUM24 trete Bill Johnson bei der Veranstaltung von „Miteinander für Europa“ nicht auf, greift insoweit viel zu kurz.

Und: Der „Preis“ für ein „Miteinander“ scheint hier unseres Erachtens (viel) zu hoch!

„Miteinander für Eoropa“ als Teil der letztlich demokratiefeindlichen „KiNC“?

Es ist auch nicht zutreffend, dass sich der Vorwurf dominionistischer Tendenzen – also einem letztlich demokratiefeindlichen Streben nach einer „christlichen Vorherrschaft“ –in der frei abrufbaren wissenschaftlichen Arbeit von Dr. Maria Hinsenkamp „Visionen eines neuen Christentums“ nicht auch auf „Miteinander für Europa“ bezieht. Das Gegenteil ist der Fall:

So heißt es dort, das Netzwerk „Miteinander für Europa“ habe

„eine zentrale Rolle in der Bildung einer ökumenischen KiNC [„Kingdom-minded Network Christianity“, also einer auf die herrschaftstheologische Ausbreitung des „Reichs Gottes“ ausgerichtete Bewegung, Anm. d. Verf.] [ge]bildet und [nehme] auch eine wichtige Bedeutung in der ›deutschen‹ KiNC ein[…]“

(Hinsenkamp, S. 260 und ausführlich zu Miteinander für Europa auch S. 383 f.).

Zu Gerhard Proß, Moderator von „Miteinander für Europa“ in Deutschland – und damit einem der zentralen Leitungspersonen – führt Hinsenkamp aus:

„Eine Schlüsselrolle in dieser Vermittlerfunktion kommt Gerhard Proß zu, der als Leiter verschiedener christlicher Netzwerke einen Knotenpunkt im Entstehungsprozess der deutschsprachigen und europäischen KiNC darstellt“

(Hinsenkamp, S. 384) und

„Die Formierung der KiNC-Netzwerke zielt immer auch auf die Nähe und den Aufbau von Beziehungen zu offiziellen kirchlichen Amtsträgern. So ist Proß beispielsweise seit 2009 als Moderator des Leitungskomitees der jährlichen ökumenischen Bischofstreffen
in Deutschland tätig und in regem Austausch mit verschiedenen (Landes-)Bischöfen, Präsides und Kirchenvorsitzenden, die wiederholt für die Beteiligung an unterschiedlichen KiNC-Veranstaltungen gewonnen werden.“

(Hinsenkamp, S. 385).

Vorläufiges Fazit:

Wir sind dankbar für die schnelle Antwort von Regionalbischof Peral, auch wenn diese viele Fragen offen lässt. Vielleicht ergibt sich am Freitag Abend die Gelegenheit, zumindest einige davon noch zu beantworten.

Wir warten weiterhin auf eine Reaktion von Kardinal Marx, der sich bisher immer wieder für die Rechte queerer Menschen eingesetzt hat.

Wir sehen uns am 27.06.2025 ab 21 Uhr beim Start an der Papa-Schmid-Straße oder ab ca. 21.15 Uhr am Sendlinger Tor vor der St. Matthäus Kirche (Lindwurmstraße)!

(Dennoch:)

Happy Pride!

CSD München trifft auf christlich-fundamentalistische Veranstaltung von “Miteinander für Europa”

“Suchet der Stadt Bestes” mit Unterstützern der UNUM24?! – Gegenkundgebung am 27.06.2025!

Genau ein Jahr nach der christlich-fundamentalistischen Glaubenskonferenz „UNUM24 – Eins Sein“ in der Münchener Olympiahalle, treffen sich erneut – wieder parallel zum CSD – christliche Fundamentalist*innen, die im Sinne einer „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: KiNC) eine christliche Vorherrschaft anstreben:

Vom 27. bis 29.06.2025 trifft sich das Netzwerk „Miteinander für Europa“ (MfE) unter dem Titel „Suchet der Stadt Bestes“ in der St. Matthäus Kirche am Sendlinger Tor in München. Am Samstag wird die Route des CSD direkt an der Veranstaltung vorbeiführen.

Und wieder wird eine solche Veranstaltung von Vertretern der Amtskirchen unterstützt. Dieses Mal von Reginalbischof Thomas Prieto Peral und von Kardinal Reinhard Marx, der sich von seinem Generalvikar Christoph Klingan vertreten lässt.

An dieser Stelle veröffentlichen wir unseren Offenen Brief an Bischof Peral und Kardinal Marx, den wir am 27.6.2025 bei einer Kundgebung am Sendlinger Tor verlesen werden.

Start ab 21 Uhr direkt nach dem TINQ*march:
Papa-Schmid-Straße (zwischen Müllerstraße / Blumenstraße.

Kundegebung ab ca. 21:15 Uhr:
Sendlinger Tor, Lindwurmstraße bei der St. Matthäus Kirche


Videos von der Proteskundgebung und Redebeitrag Regionalbischon Prieto Peral:


Weiterlesen

Offener Brief an
Kardinal Reinhard Marx und
Landesbischof Thomas Prieto Peral

Ihre Teilnahme an der Veranstaltung von „Miteinander für Europa“ – „Suchet der Stadt Bestes“
vom 27. bis 29.06.2025 in der St. Matthäus Kirche München

Kein „Miteinander“ um jeden Preis!

25.06.2025

Sehr geehrter Herr Kardinal Marx,
sehr geehrter Herr Bischof Peral,

vor genau einem Jahr sorgte die parallel zum Christopher Street Day veranstaltete christlich-fundamentalistische Glaubenskonferenz „UNUM24 – EINS SEIN“ in der Olympiahalle München für erhebliche Kritik. Dem vorausgegangen waren weiterhin öffentliche Recherchen des vom Unterzeichner mit initiierten Protestbündnisses #NoUNUM24 zur problematischen Ausrichtung der Veranstaltung und weiter Teile ihrer Unterstützer*innen.

Neben weiteren Aspekten stand insbesondere die Teilnahme des queerfeindlichen Trump-Unterstützers Bill Johnson aus der kalifornischen Bethel Church im Fokus der Kritik. Der öffentlichen Kritik schlossen sich auch zahlreiche christliche Gruppen, wie beispielsweise die Evangelische Jugend München und #OutInChurch an.

Wir haben damals positiv wahrgenommen, dass Sie, sehr geehrter Bischof Peral, sich unter anderem in einem Interview mit den Worten „Bill Johnson ist ein Spalter“ deutlich von der UNUM24 distanziert haben. Trotz des ökumenischen Einheits-Gedankens stellten Sie klar, dass ein solches Miteinander bzw. eine solche Einheit „nicht um jeden Preis“ anzustreben sei. Soweit uns bekannt, hatten Sie, sehr geehrter Herr Kardinal Marx, eine Teilnahme an der UNUM24 ebenfalls abgelehnt.

Umso irritierter sind wir nun, dass Sie – bzw. Kardinal Marx nunmehr in Vertretung seines Generalvikars – genau ein Jahr nach der UNUM24, und erneut parallel zum an der St. Matthäus-Kirche vorbeiführenden Christopher Street Day, die dort vom 27. bis 29.06.2025 organisierte Veranstaltung des Netzwerkverbands „Miteinander für Europa“ unter dem Titel „Suchet der Stadt Bestes“ unterstützen. „Miteinander für Europa“ war mit seinem Leiter Gerhard Proß ebenfalls im Trägerkreis und Netzwerk der UNUM24 vertreten. Ein Blick in die Liste der Angehörigen des Netzwerks von „Miteinander für Europa“ (erwähnt sei an dieser Stelle lediglich die lang fortzusetzende Liste von Kritik am Gospel Forum, der FCJG Lüdenscheid oder den Christen an der Seite Israels) wirft nun für uns die Frage auf, wie hoch „der Preis“ der Einheit oder eines Miteinanders Ihres Erachtens tatsächlich sein darf?

So sind bei der Veranstaltung dieses Wochenende auch zahlreiche weitere Personen und Organisationen involviert, die vergangenes Jahr die UNUM24 unterstützt haben. Besonders hervorzuheben ist insoweit (wie schon in den vergangenen Jahren) die Teilnahme von Gerhard Kehl aus der AlpenChurch in Kempten. Kehl war mit seiner Jordan Stiftung neben Fadi Krikor vom „Father‘s House for all Nations“ einer der beiden Initiatoren der UNUM24 und gehört mit der Stiftung ebenfalls dem Netzwerk „Miteinander für Europa“ an. Bei der Jordan-Stiftung wird auch das gefährlicheBethel SOZO-Befreiungsgebet“ angeboten, dass nach seinen „Entwicklern“ u.a. zur „Heilung von Homosexualität“ Anwendung finden soll. Zudem ist Kehl als Mitglied im Trägerkreis des Christlichen Convent Deutschland (CCD) bundesweit mit zahlreichen Organisationen verbunden.

Zudem ist Kehls AlpenChurch Teil des internationalen Bethel-Leaders-Network und steht mit der Bethel Church bzw. deren Netzwerken u.a. auch als „geistlicher Leiter“ der Schule der Erweckung in Füssen in enger Verbindung, wie hier vor Kurzem in der Bethel Church in Redding.

Schließlich findet sich die Anschrift des von Ben Fitzgerald geleiteten „Europa-Ablegers“ der Bethel Church, dem Verein „Awakening Europe“, ebenfalls an der Adresse der AlpenChurch. Innerhalb von nur zwei Jahren übernahm bzw. gründete Awakening Europe mit der Awakening Church drei Standorte in Deutschland, vor Kurzem in Berlin. Erst diese Woche berichtete Frontal, wie eine Undercover-Reporterin in der Awakening Church von Fitzgerald mit Konversionsbehandlungen konfrontiert wurde (gleiches wurde erst neulich in der ICF München aufgedeckt).

Wo bleibt ein hörbarer Aufschrei und deutlicher Widerspruch aus der christlichen Gemeinschaft, die sich immer wieder dagegen wehrt, mit Fundamentalist*innen in einen Topf geworfen zu werden?

Ben Fitzgerald wurde vom Spiegel zu einem Auftritt auf einer Holy Spirit Night des Gospel Forums (übrigens ebenfalls Mitglied bei „Miteinander für Europa“) 2017 mit dem Ausruf zitiert: „I want Deutsche to be proud of being Deutsche. Who cares about history?“. Auf einer weiteren Holy Spirit Night Ende 2023 träumte der Prediger Henok Worku (der ebenfalls auf der UNUM24 und beim Anfang diesen Jahres veranstalteten ZimZum-Festival des Gebetshaus Augsburg um Johannes Hartl auftrat) unter dem Jubel tausender Jugendlicher von einer „neuen Bücherverbrennung“, bei der alle Bücher – mit Ausnahme der Bibel – verbrannt werden.

Sehr geehrter Herr Bischof Peral, Sie benennen Bill Johnson und seine Bethel-Ideologie klar als „Spalter“, unterstützen mit Ihrem Auftritt aber Netzwerke, über die diese „Spalter“ weiter an Einfluss gewinnen? Wie passt das zusammen?

Leider blieb eine nachhaltige Debatte über die problematischen inhaltlichen Ausrichtungen der Unterstützer*innen der UNUM24 und ihrer Netzwerke bis heute aus. Wie dringend eine solche wäre, zeigt u.a. eine seit Ende letzten Jahres frei abrufbare Dissertation der Vikarin Dr. Maria Hinsenkamp unter dem Titel „Visionen eines neuen Christentums“. Hinsenkamp beschreibt dort eine zunehmend sich auch in Deutschland und Europa ausbreitende Glaubensausrichtung, die herrschaftstheologisch bzw. dominionistisch darauf ausgerichtet ist, Gesellschaften nach den eigenen biblizistischen Glaubensvorstellungen zu transformieren. Hinsenkamp etablierte für diese Bewegung den mittlerweile auch in verschiedenen Medien rezipierten Begriff einer „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: KiNC) und sieht zugehörig zu dieser auch zahlreiche Unterstützer*innen sowohl der UNUM24 als auch das Netzwerk „Miteinander für Europa“. In ihrer Arbeit zeigt Hinsenkamp die weitreichenden Vernetzungen der KiNC in Deutschland und international bis in Kreise der US-Evangelikalen Rechten auf (vgl. zur KiNC in Deutschland z.B. das Schaubild: Hinsenkamp, S. 283). Bisher ist leider nicht wahrnehmbar, dass sich die Amtskirchen mit diesen besorgniserregenden Entwicklungen nachhaltig befassen bzw. sich vor allem dazu deutlich und abgrenzend positionieren.

Besondere Relevanz wird von der KiNC dem u.a. auch von Bill Johnson propagierten sog. „Seven Mountain Mandate“ beigemessen. Nach dessen Inhalt sollen Christ*innen berufen sein, die verschiedenen Gesellschaftsbereiche unter den „Machtbereich Gottes“ (freilich im Sinne eines biblizistischen, christlich-fundamentalistischen Weltbilds) zu bringen und mit entsprechenden Wertvorstellungen zu dominieren. Leider müssen wir aktuell wieder besonders deutlich sehen, wie entsprechende Bestrebungen in den USA bereits Realität werden. Dort wurde die Gefahr dieser Glaubensausrichtung für die Demokratie lange Zeit unterschätzt.

Hinsenkamp zeigt in ihrer Dissertation auch die zentrale Rolle des Netzwerks von „Miteinander für Europa“ bei der Bildung und weiteren Ausbreitung einer ökumenischen KiNC in Deutschland und Europa auf. Zudem weist sie unter Bezugnahme auf Gerhard Proß – dem Hinsenkamp insoweit ebenfalls eine zentrale Rolle zuschreibt – darauf hin, dass „Miteinander für Europa“ sich selbst „als prophetisches Zeichen, als Netzwerk, von Gott selbst berufen und gesammelt, und damit als Zeuge einer besonderen »Gnadenzeit für die Ökumene der Herzen«“ versteht (vgl. Hinsenkamp, S. 384). Auf seiner Homepage beschreibt „Miteinander für Europa“ sein Ziel, „christliche Werte in konkrete Antworten auf aktuelle Herausforderungen um[zu]setzen(Hervorhebung d.d. Verf.). Das zeigt sich unter anderem in der schrittweisen Ausweitung vom „Treffen von Verantwortlichen“ (TvV) über den Christlichen Convent Deutschland (CCD) bis zum Netzwerk „Miteinander für Europa“.

Doch welche „christlichen Werte“ sind bei „Miteinander für Europa“ gemeint? Wie verhalten sich die dort vertretenen Werte beispielsweise zu den Rechten queerer Menschen, die diese Wochen in einer zunehmenden (rechten) Bedrohungslage für ihre Rechte auf die Straße gehen? Warum bleibt, trotz der aktuellen Entwicklungen, die auch bereits von den Medien aufgegriffen wurden, eine deutliche Absage und Distanzierung zum zunehmenden Einfluss herrschaftstheologischen Ambitionen bisher weitgehend aus?

Können Sie nach den aufgezeigten Verbindungen von „Miteinander für Europa“ wirklich noch davon ausgehen, dass dort „der Stadt Bestes“ gesucht wird, obgleich dort (wie in zahlreichen weiteren „christlichen“ Netzwerken „Miteinander für…“) vor allem KiNC-nahe bzw. fundamentalistische evangelikale Akteure beworben werden?

Sie, sehr geehrter Herr Bischof Peral, unterstrichen im bereits erwähnten Interview im Jahr 2024 noch deutlich: „Menschen sind in unserer Kirche willkommen, egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder sexueller Orientierung“. Auch Sie, sehr geehrter Herr Kardinal Marx haben sich immer wieder für die Rechte queerer Menschen in der Kirche (u.a. über die Queer-Pastoral) eingesetzt und für die vielen Verletzungen seitens der Kirche um Entschuldigung gebeten. Solche deutlichen Positionierungen, gerade auch von kirchlichen Leitungspersonen wie Ihnen, sind – insbesondere auch wieder in heutigen Zeiten – wichtig. Jedoch: Ein „Miteinander“ mit denjenigen, die sich gegen das Erreichte stellen und die Uhren wieder zurückdrehen wollen, steht dem diametral entgegen!

Die problematischen ideologischen Hintergründe und Ziele bei „Miteinander für Europa“ mögen nicht auf den ersten Blick erkennbar sein. Auch behaupten wir nicht, dass diese von allen dort verbundenen Organisationen in gleicher Weise geteilt werden. Doch auch hier sollte gelten: Kein Miteinander um jeden Preis! Christlicher Fundamentalismus und herrschaftstheologische Ideologien sind global und offenbar auch in Deutschland bzw. im deutschsprachigem Raum (vgl. auch die Diskussionen um das Stift Heiligenkreuz und die Loretto-Bewegung, die sich gerade erst u.a. in der Jugendkirche München trag) wieder auf dem Vormarsch. Die fehlende klare Abgrenzung weiter Teile der Christenheit und auch innerhalb der ökumenischen Bewegung hat diesen Entwicklungen bisher leider immer weiter Raum geschaffen.

Umso wichtiger erscheint es, dass Sie in Ihrer Rolle als christliche Leitungspersonen Ihrer Verantwortung gerecht werden. Denn auch für die Kirche sollte gelten: Keine Toleranz für Intoleranz!

Wir hoffen, dass dieser Brief Sie dazu bewegt, Ihre Positionierung zu den geschilderten Entwicklungen und konkret auch zum Netzwerk von „Miteinander für Europa“ noch einmal zu reflektieren und sich dazu deutlich und öffentlich zu positionieren.

Für Rückfragen oder einen gemeinsamen Austausch stehen wir gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Matthias Pöhl für FundiWatch

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