Hauptsache ‚machen‘ – Mission ohne Haftung?

Beim Macher Festival der Real Life Guys treffen Nachwuchswerbung fürs Handwerk, evangelikale Mission, riskante Selbstversuche und umstrittene Hilfe für wohnungslose Menschen aufeinander

Auf dem Ferropolis-Gelände in Gräfenhainichen wird geschweißt, geschraubt und ausprobiert. Das von den erfolgreichen Do-It-Yourself- und Abenteuer-YouTubern „The Real Life Guys“ initiierte und wesentlich geprägte Macher Festival präsentiert sich als riesiger Abenteuerspielplatz für Familien, Jugendliche und Menschen, die lieber anpacken als lange diskutieren. Vom 06. bis 09.08.2026 fand das Festival nun bereits zum dritten Mal statt.

Schon 2025 berichtete FundiWatch über die evangelikalen Verbindungen hinter dem Macher Festival. Auch 2026 waren Missionsorganisationen auf dem Gelände aktiv. Gleichzeitig arbeitet das Festival eng mit dem organisierten Handwerk zusammen und warb mit einer spektakulären Aktion in Kooperation mit dem Verein Little Home e.V.: Innerhalb von vier Tagen sollten 100 sogenannte „Little Homes“ (teils auch als „tiny homes“ bezeichnet) für wohnungslose Menschen entstehen.

Doch was wurde aus diesen Häusern? Warum lief die Spendenkampagne nach dem Festival weiter? Und weshalb sollen Besucher*innen bei einem Festival voller Werkzeuge, Maschinen und ungewöhnlicher Eigenbauten weitreichende Haftungsausschlüsse und -freistellungen unterschreiben?

Wir haben der Macher Festival GmbH und dem Little Home e.V. dazu ausführliche Fragen geschickt. Geantwortet hat keiner von beiden. Eine ausführliche Antwort erhielten wir hingegen von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, die das Konzept sogenannter tiny homes und von FundiWatch recherchierte Praktiken des Little Home e.V. kritisch beurteilt.

Los geht es mit Teil 1 unserer Beitragsreihe über das Festival…

Teil 1: Baugewerbe & Mission – „Es gibt immer was zu tun!“

Strategische Partnerschaft mit dem Baugewerbe

Das Macher Festival ist längst mehr als ein Fantreffen rund um die Real Life Guys, denen auf YouTube mehr als zwei Millionen Menschen folgen. Bereits 2025 ging der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) mit ihnen eine „strategische Partnerschaft“ ein. Dieses Jahr wurde sie fortgesetzt.

Quelle: zdb.de

Die Handwerkskammer Halle bezeichnete das Festival als „moderne Plattform des Handwerks“ und hob Nachwuchsgewinnung, Imagepflege und Unternehmenssichtbarkeit hervor. Hornbach warb in einer Pressemitteilung mit der „positiven Energie des Machermomentums“ und bezeichnete die Veranstaltung als größtes DIY- und Handwerksfestival Deutschlands.

Daran ist zunächst nichts auszusetzen – das Handwerk sucht dringend Nachwuchs, und ein Festival, auf dem Jugendliche Werkzeuge und Maschinen tatsächlich ausprobieren können, ist dafür eine naheliegende Plattform.

Die Unterstützung großer Verbände und Unternehmen verleiht dem Festival allerdings auch Seriosität. Bunte Werbebanner und Kooperationen fallen deutlich mehr auf als die missionarische Seite des Festivals. Absicht? Jedenfalls sollte diese Seite des Festivals ebenso wenig unberücksichtigt bleiben, wie weitere sich im Zusammenhang mit dem Festival aufdrängende Fragen.

Quelle: macherfestival.io

Weniger christliche Bands – weniger Mission?

Im Vergleich zum Vorjahr waren 2026 weniger Bands eindeutig dem christlichen Musik- und Gemeindemilieu zuzuordnen.

2025 waren noch unter anderem die O’Bros, Good Weather Forecast und Elijah Thomas Appel aus dem Umfeld der Outbreakband im Programm vertreten. Die Verbindungen hatten wir in unserem Artikel zum Festival 2025 dargestellt.

Quelle: https://www.macherfestival.io/talk-stages-collection/o-bros

Dieses Jahr standen auf der abendlichen Hauptbühne stattdessen eher „weltliche“ Künstler*innen wie die DJs Alle Farben und D.T.E. sowie der Saxophonist André Schnurra – begleitet von aufwendigen Feuer- und Lichtshows und abendlichen Feuerwerken.

Quelle: Instagram

Also weniger christliche Bands und damit auch weniger Mission? Bei genauerem Hinsehen eher nicht. Die evangelistischen Angebote verlagerten sich offenbar stärker auf persönliche Gespräche, Gottesdienste und niedrigschwellige Erlebnisangebote. Weniger offen christliche Bühnenkultur – dafür Mission mitten im allgemeinen Festivalbetrieb.

Mission als Teil des Festivalangebots – THE FOUR und Campus für Christus

In seiner Außendarstellung erscheint das Macher Festival nicht als christliche oder missionarische Veranstaltung. Ein Blick auf die beteiligten Organisationen ergibt jedoch – auch dieses Jahr – ein anderes Bild.

Erneut war THE FOUR auf dem Festival präsent. Dabei handelt es sich um ein Evangelisationskonzept der Missionsorganisation Campus für Christus. THE FOUR erklärt den christlichen Glauben anhand von vier Symbolen, die auch auf dem Festivalgelände an verschiedenen Stellen präsent waren und in einem von THE FOUR veröffentlichten Leseplan näher erläutert werden:

1. Das Herz: „Gott liebt mich“ 2. Trennzeichen: „Ich lebe getrennt von Gott.“ Gemeint ist die durch „Sünde“ verursachte Trennung. 3. Kreuz: „Jesus gab alles für mich.“ Jesu Tod und Auferstehung sollen diese Trennung überwinden. 4.  Fragezeichen: „Will ich mit Jesus leben?“ Das Fragezeichen fordert ausdrücklich zu einer persönlichen Glaubensentscheidung auf.

Quelle: Instagram

 

Und genau darum geht es bei Campus für Christus und THE FOUR: Menschen zu einer solchen Entscheidung zu führen. Auf einem DIY-Handwerkerfestival? Wer sich die Evangelisationsstrategie der Organisation näher anschaut, dürfte davon kaum überrascht sein. Sport, Kultur, Beziehungen, Bildung oder Freizeit werden von Campus für Christus oder auch THE FOUR immer wieder als Begegnungsräume (aus-)genutzt, um damit Zugänge für die eigenen Missionsanliegen zu schaffen.

Kreuzzug für Christus?

Campus für Christus ist der deutsche Ableger der aus den USA stammenden und von Bill Bright gegründeten Missionsorganisation „Campus Crusade for Christ“ (in etwa: „Campus Kreuzzug für Christus“). Bereits 1976 zitierte das Time Magazine evangelikale Kritiker mit der Einschätzung, Campus Crusade werde „wie eine Diktatur mit militärischem Stil“ geführt; das System drohe wichtiger zu werden als seine Botschaft. Mittlerweile hat die US-Organisation den militärischen Namen zumindest im Erscheinungsbild etwas entschärft – sie heißt nun seit 2011 schlicht „Cru“.

Der 2003 verstorbene Gründer Bill Bright gehörte zu den Akteuren, die zur dauerhaften Verbindung von konservativem Evangelikalismus und republikanischer Politik und dem Erstarken einer religiösen Rechten in den USA beitrugen. Zudem war Bright einer der Evangelisten denen – vermeintlich vom Heiligen Geist – das sogenannte „Seven Mountain Mandate“ offenbart wurde. Nach dieser „Vision“ sollen Christ*innen berufen sein, strategisch in zentrale gesellschaftliche Bereiche hineinzuwirken – darunter Politik, Bildung, Medien, Kunst und Unterhaltung, Wirtschaft, Religion und Familie.

Diese Vorstellung hat sich bis heute zu einer durchaus weit verbreiteten herrschaftstheologischen Ideologie entwickelt, über die wir bereits an verschiedenen Stellen berichtet haben. Umso bemerkenswerter, wie unkritisch genau diese Strategie auch heute noch auf der Webseite von Campus für Christus benannt wird:

„Im Jahr 1975 traf sich Bill Bright, der Gründer von Campus für Christus, mit Loren Cunningham, dem Gründer von „Jugend mit einer Mission“. Sie dachten gemeinsam darüber nach, wie Gesellschaft durch Gottes Liebe transformiert werden könnte. Sie teilten die Gesellschaft in sieben Schlüsselbereiche, wie Politik, Bildung, Kunst und Entertainment ein und betonten die Wichtigkeit, dass Christen in alle diese Bereiche strategisch hineinwirken. Gut 45 Jahre später sind wir als Campus für Christus in Deutschland weiterhin auf den Spuren dieser beiden Visionäre unterwegs und tragen Gottes Liebe durch unsere Ministries in immer mehr Zielgruppen und Bereiche der Gesellschaft hinein.“

Im Übrigen vertritt Campus für Christus national wie international im Wesentlichen „klassisch“ christlich-fundamentalistische und erzkonservative Ideologien. In Deutschland wurde Campus für Christus u.a. für seine Position zu Konversionsbehandlungen kritisiert, also Praktiken, die auf die (nach allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mögliche und potentiell lebensgefährdende) Versuche der Veränderung der sexuellen Orientierung oder Identität von Menschen abzielen.

„Living Bus“, „Camping Church“ & „THE FOUR Challenge“: „Wir bringen die Botschaft zu den Leuten“

Doch zurück zum Festival auf dem Ferropolis-Gelände: Für das Macher Festival 2026 beschrieb THE FOUR den eigenen Einsatz als „Outreach“. Auf der Aktionsseite wurden unter anderem ein „Living Bus“, eine „Camping Church“, Morgenandachten, Lobpreiszeiten, Gottesdienste und die „THE FOUR Challenge“ angekündigt. Wörtlich hieß es: „Wir bringen die Botschaft zu den Leuten“ (THE FOUR: Macherfestival 2026).

Quelle: Screenshot https://thefour.com/de-ch/einsaetze/macherfestival/

Bereits der Rückblick von THE FOUR auf einen früheren Festivaleinsatz zeigt, wie weit diese Präsenz über einen bloßen Informationsstand hinausging. Nach Angaben der Organisation waren die Beteiligten von den Real Life Guys eingeladen worden, „um mit den Menschen über Gott zu sprechen“. Im Living Bus und in einer Kapelle habe es Glaubensgespräche, „evangelistische Inputs“ und ein „Hingabegebet“ gegeben. THE FOUR bezeichnete das Festival rückblickend als „Jackpot“ für die Evangelisation (THE FOUR: Rückblick auf das Macher Festival). THE FOUR betreibt auf dem Festival also nicht einfach einen Informationsstand. Vielmehr handelt es sich um einen geplanten Missionseinsatz offenbar in enger Abstimmung mit den Veranstaltenden.

In der allgemeinen Werbung des Festivals erfährt man davon allerdings kaum etwas. FundiWatch wollte deshalb unter anderem wissen, welche Missionswerke 2026 beteiligt waren, ob THE FOUR ausdrücklich zu evangelistischen Aktivitäten eingeladen wurde, welche Regeln für Bekehrungsaufrufe und sogenannte Hingabegebete gelten und wie Minderjährige vor missionarischen Ansprachen ohne Wissen ihrer Sorgeberechtigten geschützt werden. Das Macher Festival ließ alle Fragen unbeantwortet.

„Planlos? Bau auf Jesus“ – und die Medien laufen vorbei

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Umgang regionaler Medien mit dem Festival. Mitteldeutsche Zeitung und Volksstimme kündigten für den 6. August einen gemeinsamen Livestream vom Gelände an.

Reporter Chris Luzio Schönburg sollte in seiner „Livezeit“ zeigen, „was hier alles entsteht“ (Ankündigung der Mitteldeutschen Zeitung; Ankündigung der Volksstimme). In dem von FundiWatch ausgewerteten Video wird ausführlich über Mitmachangebote, auf dem Festival von Teilnehmenden gebaute Konstruktionen und die Real Life Guys berichtet. Eine Einordnung des religiösen Hintergrunds der YouTuber oder der auf dem Gelände tätigen Missionsorganisationen erfolgte hingegen nicht.

Besonders deutlich wird diese Leerstelle, als der Reporter in seinem Stream an einer für THE FOUR errichteten kirchenartigen Konstruktion vorbeiläuft, auf der sich auch das Logo und die bereits erwähnten vier Symbole von THE FOUR befinden. Groß und deutlich lesbar steht darauf: „Planlos? Bau auf Jesus.“

Anlass für den Reporter, dieses wohl zumindest ungewöhnliche „Angebot“ auf einem Handwerkerfestival anzusprechen? Nein.

Quelle: Screenshot aus dem bei volksstimme.de veröffentlichten Video

Natürlich muss nicht jeder Festivalbesuch zur investigativen Recherche werden. Wenn eine Redaktion die Inszenierung des Veranstalters aber weitgehend übernimmt und einen wesentlichen Teil des Angebots selbst dann übersieht, wenn ihr Reporter im wörtlichen Sinn daran vorbeiläuft, wird es journalistisch – vorsichtig ausgedrückt – „dünn“.

Die Real Life Guys sind nicht nur reichweitenstarke Bastel-YouTuber. Ihr christlicher Glaube und die Einbindung evangelikaler Akteur*innen wurden bereits mehrfach thematisiert und sind öffentlich ohne weiteres nachvollziehbar. Und THE FOUR macht keinen Hehl daraus, dass es auf dem Macher Festival evangelisieren will. Wer das Festival ausführlich vorstellt, sollte diese Ebene zumindest benennen.

THE FOUR, Reach Mallorca und Rose de Jesus

Die Aktivitäten von THE FOUR beschränkten sich übrigens erneut nicht nur auf das Macher Festival. Auch dieses Jahr war die Organisation wieder am zeitgleich stattfindenden „Reach Mallorca“ beteiligt.

Die Kampagne will Tourist*innen und auf Mallorca lebende Menschen mit dem Evangelium erreichen. Auf ihrer Internetseite kündigt „Reach Mallorca“ Straßeneinsätze, Strandgottesdienste, Gespräche an der sogenannten Schinkenstraße und weitere evangelistische Aktivitäten an. Erklärtes Ziel ist, dass Menschen die christliche Botschaft hören (Reach Mallorca; Outreach 2026; THE FOUR: Reach Mallorca).

In Ankündigungen zu Reach Mallorca wurde unter anderem die Christfluencerin Rose de Jesus als „Special Act“ geführt (Instagram-Ankündigung). Rose de Jesus, die auch unter dem Namen Lorosa auftritt, war kurz zuvor eine der Protagonistinnen der ZDF-Dokumentation „Der Teufel in mir – Exorzismus heute“, wo sie bei der Durchführung eines äußerst irritierenden „Exorzismus“ gezeigt wurde.

Das heißt nicht, dass entsprechende Praktiken auch auf dem Macher Festival stattfanden. Es zeigt aber, in welchem missionarischen Umfeld THE FOUR aktiv ist. Fragen nach Inhalt, Grenzen und Schutzkonzepten der religiösen Angebote wären also keineswegs abwegig gewesen, weswegen wir genau damit den Veranstalter konfrontiert haben. Beantwortet hat die Macher Festival GmbH unsere Fragen hingegen nicht.

Evangelisationsteam e.V. auf dem Macher Festival: Evangelisation, während die Kinder bauen

Auch das „Evangelisationsteam“ führte das Macher Festival dieses Jahr erneut als Evangelisationstermin und warb für Unterstützung zur Mitarbeit auf dem Festival.

Quelle: Facebook

Der Evangelisationsteam e.V. entstand wesentlich aus dem Konflikt um Homosexualität innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. So beschloss die Landeskirche Anfang 2012 einen „Kompromiss“ zum Umgang mit homosexuellen Pfarrpersonen. In begründeten Einzelfällen sollten in einer eingetragenen gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft mit ihrem Partner lebende Pfarrpersonen im Pfarrhaus leben dürfen; Voraussetzung war unter anderem die Zustimmung des Kirchenvorstands. Zugleich hielt die Kirchenleitung am Leitbild der Ehe von Mann und Frau fest.

Im Kreis um die Jugendevangelisten und Pfarrer Lutz Scheffler und Theo Lehmann stieß dies auf erhebliche Kritik, die schließlich dazu führte, dass das Evangelisationsteam den „status confessionis“ – also den Bekenntnisfall – ausrief und erklärte, den Landesbischof, die Kirchenleitung und die Landessynode nicht mehr als geistliche Leitung der Landeskirche anzuerkennen. Scheffler wurde daraufhin vom Dienst suspendiert und Ende 2014 wurde das bereits zuvor als loser Zusammenschluss geführte Evangelisationsteam als Verein gegründet.

Eng verwoben ist das Evangelisationsteam auch mit dem Missions- & Gottesdienstnetzwerk „Frohe Botschaft für Deutschland e.V.“. Der mit beiden Organisationen eng verbundene Pfarrer Theo Lehmann trat am 04.11.2017 bei den „Dresdner Gesprächen“ der Jungen Alternative Dresden auf und suchte immer wieder die Nähe zu Pegida und der AfD. Eine wissenschaftliche Untersuchung des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts führt Lehmann entsprechend als Beispiel für die Überschneidungen zwischen christlichem Antifeminismus und extremer Rechter an und verweist auf seine regelmäßigen Auftritte bei CEGIDA („Chemnitz gegen die Islamisierung des Abendlandes“). Chrismon formulierte bereits 2020, Lehmann gehöre zu den „radikal-evangelikalen“ Vertretern, die „die Nähe zu AfD und Pegida“ suchten.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass das Evangelisationsteam auch enge Verbindungen zum  rechtschristliche Pastor Olaf Latzel aus der St. Martini Gemeinde in Bremen unterhält, der auch beim Chemnitzer Bibelseminar 2025 des Evangelisationsteams auftrat. Latzel fällt immer wieder mit queerfeindlichen Hasstiraden und Zusammenarbeit mit der christlichen Rechten auf.

Bereits zum Macher Festival 2025 hatte FundiWatch dokumentiert, dass das Evangelisationsteam plante, auf dem Festival Eltern anzusprechen, „während ihre Kinder bauen“. Dieses Jahr fragten wir bei den Veranstaltern nach, was sie von dieser Aktion halten und welche konkreten Absprachen mit dem Evangelisationsteam bestanden. Doch die Macher Festival GmbH beantwortete weder dies, noch, welche konkreten Absprachen mit dem Evangelisationsteam bestanden.

International Justice Mission beim „Macher Talk“

Beim Festival trat zudem die ebenfalls evangelikal geprägte International Justice Mission (IJM) im Rahmen eines „Macher-Talks“ – ein Talk-Format auf dem Festival – auf.

Quelle: Instagram

IJM beschreibt sich selbst als internationale Menschenrechtsorganisation, die gegen Menschenhandel, Sklaverei und Gewalt gegen Menschen in Armut vorgeht. Zugleich ist IJM Mitglied im evangelikal geprägten Bündnis Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) (Mitgliedsorganisationen von ggmh).

Zu den Mitgliedorganisationen von ggmh gehörte bis vor Kurzem auch noch der seit Langem umstrittene Verein Mission Freedom, aus dessen Einrichtung „Haus SeeNest“ im Allgäu erst vor Kurzem sämtliche Kinder wegen vermeintlich kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden in Obhut genommen wurden (worüber wir ausführlich berichten). Weiterhin Mitglied bei ggmh ist der Verein Hope e.V., über dessen ausgeprägten Dämonenglauben und Aktivitäten an Schulen wir hier bereits berichteten.

An IJM gibt es seit Jahren fachliche Kritik. Untersuchungen werfen Teilen der Organisation vor, stark auf Polizeieinsätze und sogenannte Rescue Operations zu setzen, deren Folgen für Sexarbeiter*innen und mutmaßliche Betroffene nicht immer ausreichend berücksichtigt würden. Kritisiert wurden unter anderem paternalistische Rettungsnarrative, eine unzureichende Unterscheidung zwischen freiwilliger Sexarbeit und Menschenhandel sowie die Gefahr, dass Razzien zu Festnahmen, Stigmatisierung oder erneuter Abhängigkeit führen können (Type Investigations; anti-trafficing review).

Eine BBC-Africa-Eye-Recherche dokumentierte 2023 Fälle in Ghana, in denen bei von IJM unterstützten „Rettungsaktionen“ Kinder von ihren Familien getrennt und Angehörige als Menschenhändler verfolgt wurden, obwohl sich der Verdacht später nicht bestätigte; Undercover-Aufnahmen warfen zudem Fragen nach einer internen Kultur quantitativer Zielvorgaben für „Rescues“ und Strafverfolgungen auf. IJM wies wesentliche Vorwürfe zurück, bestätigte aber, mit solchen Zielvorgaben zu arbeiten, und kündigte an, mögliche Verbesserungen seiner Verfahren zu prüfen – öffentlich dokumentierte Ergebnisse oder konkrete Konsequenzen dieser Überprüfung sind bislang nicht auffindbar. Bemerkenswert ist, dass IJM Deutschland die Stellungnahme zur BBC-Dokumentation bis heute auf seiner Ghana-Seite aufführt und dort zugleich weiterhin mit vermeintlich quantifizierten Erfolgen wirbt: mehr als 420 „befreite“ Betroffene und mehr als 150 Festnahmen.

FundiWatch fragte die Macher Festival GmbH, warum IJM zum Macher Talk eingeladen wurde. Auch diese Frage blieb unbeantwortet.

Teil 2 folgt bald…

In TEIL 2 schauen wir uns in Kürze das Netzwerk hinter dem Macher Festival einmal genauer an…

Popcorn, Hüpfburg, Evangelium (& die AfD?!): Wie eine Berliner Freikirche Kinder missioniert

Zwischen Spielplatz und Seelenrettung: Das Kids-Club-Konzept von Neues Leben Berlin

(Quelle Titelbild: YouTube – Markus Rapp). Auf dem Flyer zum neuen Kids Club ist von Jesus keine Rede: „Spiel, Spaß, Musik, Geschichten, Wettbewerbe“ steht da, dazu Hüpfburg, Bubble Balls und Popcorn. Nur ein kleines Logo verrät den Veranstalter: „Neues Leben – Evangelische Freikirche“. Was sich hinter „Geschichten“ verbirgt und welches Weltbild dahinter steht, erklärt Prediger Markus Rapp auf seinem eigenen YouTube-Kanal – und zeigt, dass der Kids Club Teil eines größeren Netzwerks ist.

Endzeit-Prediger mit AfD-Kontakten 

Markus Rapp gründete die Freikirche Neues Leben im August 2020, mitten in der Corona-Pandemie, zusammen mit seiner Frau Seong Soon (Suni) Rapp. Sonntags trifft man sich um 11 Uhr im Gemeindezentrum in der Warnitzer Straße 8 in Berlin-Hohenschönhausen.

Rapp ist zugleich Vorsitzender des Vereins Christus für Europa e.V., der zu den mit der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) „verbundenen Werken“ gehört. Die EAD ist einer der größten evangelikalen Netzwerkverbände in Deutschland.

Quelle: Screenshot ead.de

Christus für Europa betreibt die Bibelschule ISDD (Internationale Schule des Dienstes) als deutschen Ableger der International School of Ministry (ISOM), die nach Selbstauskunft mit Hunderttausenden Teilnehmenden in 143 Ländern arbeitet.

Ihr Lehrplan enthält neben allgemeinen Evangelisationskursen auch Module zum „Seven Mountain Mandate“ – der Vorstellung, Christ*innen müssten zentrale gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Bildung und Medien „zurückerobern“ und unter christliche Prägung bringen (vgl. ISDD BibelschuleDie Sieben Berge Strategie” und FundiWatch: „Christliche Fußballinfluencer*innen zur Missionierung“) – und startet gleich mit der konsequenten Umsetzung durch das Modul “Transformation der Wirtschaft”.

Der Lehrplan bietet aber auch für den Kids Club relevante Kurse wie “Eine neue Generation erreichen” und „Dienst an Kindern“ im “Associates Studium” (vgl. ISDD. Semester 5. Überblick). Der Kids Club lässt sich damit nicht als spontane Einzelinitiative lesen, sondern als praktische Anwendung eines Trainingskonzepts, was über Rapps Verein selbst gelehrt wird.

Quelle: Screenshot aus dem Katalog der ISDD Bibelschule: https://isddbibelschule.de/wp-content/uploads/2023/11/ISDD-Katalog-Deutsch-2024.pdf – Referent Lance Wallnau unterstützte übrigens bei den letzten US-Wahlen den Wahlkampf von J.D. Vance.

Rapp ist offener Unterstützer der AfD (vgl. Rapp, “Kann man als Christ die AfD wählen”). ZDF Frontal (ab ca. Minute 6:10) berichtete im Juni 2025 über ihn. Im November 2025 traf sich die Gruppe „Christen in der AfD“ nach einer Vereanstaltung im Bundestag in seiner Gemeinde (FundiWatch, „City of Light – Hat dieses Event Berlin noch gefehlt?“, 20.6.2026).

Quelle: ZDF Frontal – YouTube Markus Rapp

Erst die Hüpfburg, dann das Bekehrungsgebet 

Das Konzept des Kids Club stammt vom „KidsFestival“ der bundesweiten Großevangelisation „City of Light“, veranstaltet vom Frankfurter Verein GODsPOWER gUG unter Leitung von Lukas Repert, an der sich zahlreiche freikirchliche Gemeinden in mehreren deutschen Städten beteiligen.

FundiWatch hat dieses Format im Mai 2026 in Berlin beobachtet: Auf dem KidsFestival im Stadtpark Lichtenberg gab es keinen sichtbaren Hinweis auf einen religiösen Veranstalter. Bis im Bühnenprogramm mit den Kindern – getrennt von ihren Eltern -, zwischen Spielen und Animation überraschend gebetet, gesungen und dazu eingeladen wurde, Jesus „in das Herz aufzunehmen“. Genau dieses Muster scheint Rapp nun auf von der Gemeinde selbst veranstaltete Kids-Club-Termine zu übertragen.

Dafür sind drei Termine angesetzt: 8. August, 5. September und 3. Oktober, jeweils 15 bis 18 Uhr, auf einer öffentlichen Grünfläche direkt gegenüber dem Gemeindezentrum im Quartierspark Warnitzer Bogen (Vincent-van-Gogh-Straße/Falkenberger Chaussee/Warnitzer Straße), die in der Verantwortung des Bezirksamts Lichtenberg liegt.

Auf Anfrage von FundiWatch teilte das Bezirksamt Lichtenberg am 07.08.2026 mit, dem Straßen- und Grünflächenamt läge keine Sondernutzungserlaubnis für die Veranstaltung vor. Die Antwort auf eine Nachfrage von FundiWatch, ob für die Veranstaltung eine Versammlung angemeldet wurde, lag bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags ebenso noch nicht vor wie eine Antwort auf die Frage, welche Vorkehrungen von Seiten der zuständigen Behörden veranlasst werden, um Besucher*innen vor überwältigender politischer und / oder religiöser Indoktrination zu schützen.

Ein Werbeflyer, der öffentlich einsehbar an der Tür des Gemeindezentrums aushing, nennt als Programm „Spiel, Spaß, Musik“, „Geschichten“, „Basteln, Café“, „Spiele & Hüpfburg“, „Wettbewerbe“ und „Bubble Balls“.

Quelle: Eigene Aufnahme FundiWatch

In seinem bereits erwähnten YouTube-Video für die eigene Gemeinde beschreibt Rapp denselben Termin deutlich anders: Rapp nennt den Kids Club gleich zu Beginn ein „evangelistisches Projekt“, mit dem Kinder und Eltern „mit dem Evangelium Jesu Christi“ erreicht werden sollten.

Der Ablauf sei danach klar zweigeteilt – eine halbe Stunde „Kindergottesdienst“ mit einer kindgerecht aufbereiteten Evangeliums-Geschichte und gemeinsamem Gebet, gefolgt von 45 bis 60 Minuten Spiel und Spaß, das laut Rapp zugleich dem „Beziehungsaufbau“ zu den Eltern diene. Zur biblischen Begründung zitiert er zwei Stellen aus dem Matthäusevangelium, in denen Jesus Kinder als besonders aufnahmebereit für das „Reich der Himmel“ beschreibt (Mt. 19,14 f.; Mt. 18,3 f.).

Als Erfolgskennziffer erzählt Rapp vom KidsFestival im Mai, bei dem – nach seinen eigenen, nicht unabhängig verifizierten Angaben – ausnahmslos alle anwesenden Kinder sich bereit erklärt hätten, ein vorformuliertes Bekehrungsgebet mitzusprechen. Sein erklärtes Ziel: „hunderte von Kindern“ im Nordosten Berlins erreichen, unterstützt durch Poster- und Zeitungswerbung in einem Radius von fünf bis sechs Kilometern.

Ab Herbst soll der Kids Club, wenn es kälter wird, alle zwei Wochen in die eigenen Gemeinderäume verlegt werden.

Antichrist, Blutmond, Regenbogenfahne – Rapps Weltbild

Auf demselben YouTube- und Telegram-Kanal, über den Rapp den Kids Club bewirbt, kommentiert er regelmäßig „Endzeit, Gesellschaft und Politik“ und zeichnet dort ein deutlich schärferes Bild als der freundliche Kids-Club-Flyer.

Der Endzeitglaube zieht sich als roter Faden durch Rapps Kanal: Allein unter den zuletzt veröffentlichten Videos tragen mehrere Dutzend Titel wie „Letzte Tage der Endzeit – Der Anti-Christ, 3. Tempel, der Große Abfall„, „ENTRÜCKUNG 2025?“ oder „Was ist Donald Trumps Rolle in der ENDZEIT? Wegbereiter des ANTI-CHRISTEN?„. Rapp deutet darin aktuelle Kriege, Blutmonde und politische Entwicklungen als Erfüllung biblischer Prophetie – etwa den Krieg zwischen Israel und dem Iran 2025, den er direkt mit der Anti-Christ-Erwartung aus dem zweiten Thessalonicherbrief verknüpft, oder ein mögliches Entrückungsdatum am 23. September, das er selbst als womöglich überzogenen „Mega Hype“ einordnet, ohne die Naherwartung insgesamt infrage zu stellen. Seine eigene Gemeinde beschreibt er wiederholt als „Arche der Endzeit“ – ein Bild, das den Kids Club in ein Selbstverständnis einbettet, das von unmittelbar bevorstehendem Weltgericht, Verfolgung und dem baldigen Auftreten des Antichristen geprägt ist.

Quelle: YouTube – Markus Rapp

Den Christopher Street Day in Berlin nennt Rapp „brandgefährlich für unsere Gesellschaft“ und ordnet ihn einer „dämonischen Lehre von Freiheit, sexueller Unmoral“ zu. Als Angela Merkel und Ursula von der Leyen sich gegen Ungarns Gesetz gegen die Darstellung von Homosexualität in Schulfilmen aussprachen, bezeichnete er ihre Position als Teil “einer Erweckung des Antichristen“. In einer eigenen Lehreinheit bietet er den Kampf gegen „dämonische Mächte“ als geistliche Ausbildung für seine Zuhörer*innen an. In seiner Lehrreihe zum Epheserbrief predigt Rapp zudem, der Mann sei „die letzte Autorität … in der Familie“, Kinder „gehören niemals den Eltern“, sondern Gott, die Eltern seien nur „Verwalter“ sowie eine Sexual- und Familienethik, zu der FundiWatch bereits im Rahmen der „Purity Culture“ evangelikaler Milieus recherchiert hat.

Diese Videos zeigen das Weltbild, in dessen Rahmen der Gemeindeleiter seine Kinderarbeit versteht und in das Kinder hineinwachsen könnten, wenn aus einem Spielnachmittag eine dauerhafte Bindung an die Gemeinde wird.

Wenn alle Kinderhände gleichzeitig nach oben gehen

Kinder können religiöse, weltanschauliche und pädagogische Absichten Erwachsener in der Regel schwerer einschätzen als Erwachsene selbst. Sie sind zudem bis zum 14. Lebensjahr nach dem Gesetz über die religiöse Kindererziehung noch nicht religionsmündig (vgl. § 5 RelKErzG). Die Entscheidung über ihre religiöse Erziehung liegt bei den Eltern. Da Kinder dieses Alters ihre eigene, ihnen grundsätzlich ebenfalls zustehende negative Religionsfreiheit (Art. 4 Abs. 1, 2 GG) noch nicht selbst ausüben können, hängt deren Schutz vollständig davon ab, dass Eltern vorab wissen, worauf sie sich – stellvertretend für ihr Kind – einlassen.

Wenn ein als Spiel- und Familienfest beworbenes Angebot einen strukturierten religiösen Programmteil enthält, der nach außen lediglich als „Geschichten“ dargestellt wird, entsteht darüber hinaus ein Macht- und Wissensgefälle: Die Kinder erleben sich angeleitet von Erwachsenen in einer Situation kollektiver Gruppendynamik, in der laut Rapps eigener Schilderung auf dem KidsFestival alle anwesenden Kinder auf dieselbe Frage hin gleichermaßen reagierten. Eine solche Dynamik lässt wenig Raum für eine individuelle, freie Entscheidung einzelner Kinder, unabhängig davon, welche religiöse oder areligiöse Prägung sie aus ihrem Elternhaus mitbringen.

Für Kinder und Jugendliche, die selbst oder deren Freunde queer sind oder aus Familien kommen, die Rapps Weltbild nicht teilen, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Dieselben Erwachsenen, die sie beim gemeinsamen Spielen betreuen, bezeichnen ihre Lebensrealität an anderer Stelle öffentlich als „dämonisch“, als Ausdruck einer „Verirrung“ oder als Folge von „Missbrauch von Macht“. Das ist keine Aussage über eine konkrete Schädigung einzelner Kinder, aber es ist ein struktureller Befund über das Umfeld, in das Kinder eingeladen werden, ohne dass ihre Eltern davon notwendigerweise wissen.

Fazit: Informierte Entscheidung kaum möglich?

Beides – die missionarische Intention des Kids Clubs sowie das hinter “Neues Leben” stehende Weltbild – ist öffentlich zugänglich. Aber nicht im Werbematerial, sondern verstreut auf einem YouTube-Kanal, den Eltern erst gezielt suchen müssten. Wer sein Kind aufgrund von „Spiel, Spaß, Musik“ teilnehmen lässt, kann deshalb keine informierte Entscheidung treffen: weder darüber, dass ein Bekehrungsgebet Teil des Programms ist, noch darüber, in wessen ideologisches und politisches Umfeld das Kind damit eingeladen wird.

Gerade hier zeigt sich, wie wichtig unabhängige und sachliche Information über entsprechende Angebot ist – oder besser: wäre. Denn leider wird in Deutschland über Gefahren entsprechender Angebote kaum – jedenfalls nicht präventiv – informiert. Weltanschauungsbeauftragte Stellen sind mit entsprechenden Informationen oder gar Warnungen äußerst zurückhaltend.

In anderen Ländern bestehen deutlich weitergehende Angebote, bei denen Interessierte oder Betroffene nähere Informationen zu weltanschaulich-religiösen Angeboten abrufen können, wie bspw. das Angebot der Schweizer infosekta zeigt. Dass ein entsrechender Bedarf auch in Deutschland besteht, erleben wir bei unserer Arbeit mit FundiWatch tagtäglich.


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ICF Karlsruhe: Evangelikale Jugendhilfe?

Kontext-Wochenzeitung berichtet über Offenen Brief von FundiWatch zur geplanten Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe

(Quelle Titelbild: Instagram, @kontextwz). Wie bereits berichtet, hat die zum „ICF Movement“ gehörende Freikirche ICF Karlsruhe die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe beantragt. Obwohl das ICF (International Christian Fellowship) äußerst umstritten ist, sieht die Verwaltung in Karlsruhe offenbar keine Probleme: In einer äußerst knappen Sitzungsvorlage empfahl sie dem Jugendhilfeausschuss der Anerkennung zuzustimmen. Nun berichtet auch die Kontext-Wochenzeitung über den Vorgang.

Nach Kritik in Offenen Briefen der Linksfraktion Karlsruhe und von FundiWatch wurde der Tagesordnungspunkt vorerst abgesetzt. Entschieden ist damit aber noch nichts. Die nächste Sitzung des Jugendhilfeausschusses tagt Anfang Oktober. Die von uns in dem Offenen Brief aufgeworfenen Fragen zum Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen wurden trotz Nachfragen bisher weder seitens der Stadtverwaltung noch seitens des ICF Karlsruhe beantwortet. Stattdessen traf sich der Jugendhilfeausschuss Anfang vergangener Woche nun nichtöffentlich – gemeinsam mit Vertretern des ICF Karlsruhe, denen somit Gelegenheit geboten wurde, fern von kritischer Öffentlichkeit für ihr Vorhaben zu werben.

Eine solche kritische Öffentlichkeit scheinen sowohl die Stadtverwaltung als auch das ICF unbedingt meiden zu wollen. Auch gegenüber der Kontext-Wochenzeitung zeigten sich Stadtverwaltung und ICF Karlsruhe nun ähnlich verschlossen.

Gegenüber Kontext teilt die Stadtverwaltung mit, die Kritik von FundiWatch beziehe sich vor allem auf andere ICF-Standorte wie Zürich und München. Dass dies nicht zutrifft, kann in unserem Offenen Brief nachgelesen werden. Zwar geht es dort auch darum, ob sich das ICF Karlsruhe von fragwürdigen und dem Schutz von Kindern und Jugendlichen widersprechenden Ausrichtungen im ICF Movement tatsächlich abgrenzt. Im wesentlichen bezogen sich unsere Fragen aber auf generelle Fragen zum Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen.  Insbesondere stünde einer Anerkennung entgegen, wenn – wofür einiges zu sprechen scheint – die Jugendarbeit der ICF Karlsruhe überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dient.

Um so überraschender erscheint es, dass die Stadtverwaltung nun auf Kontext-Anfrage selbst aus der Vereinssatzung des ICF Karlsruhe zitiert: Demnach werde der Vereinszweck unter anderem verwirklicht durch die „Verbreitung und Förderung der biblischen Botschaft“, missionarische Veranstaltungen, Gemeindegründung und Gemeindeaufbau, christliche Seelsorge und Schulungen zum christlichen Leben“. All das ist zulässig und von der Glaubensfreiheit gedeckt, spricht allerdings eher gerade gegen das Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen als Träger der freien Jugendhilfe. Den Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses wurde die ICF-Satzung nach Informationen von FundiWatch übrigens nicht zur Verfügung gestellt.

Dass die Stadtverwaltung im übrigen auf Fragen – die sie selbst hätte prüfen müssen – nicht eingeht, irritiert. Dass das ICF Karlsruhe auf diese Fragen nicht antworten mag, scheint jedenfalls nicht dafür zu sprechen, dass man mit der eigenen Ausrichtung und Positionierung transparent umzugehen gedenkt.

Erstaunlich ist auch, auf welch große Zurückhaltung über den Fall zu berichten wir bei lokalen Medien gestoßen sind. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass die große Verbundenheit, die das ICF Karlsruhe mit der Stadt mittlerweile erreicht hat, dabei eine Rolle spielt. So berichtet Kontext auch ausführlich vom mittlerweile riesigen Charity-Event des ICFWeihnachten neu erleben„, mit dem das ICF Karlsruhe erhebliche Einnahmen v.a. für seine eigenen Einrichtungen generiert. Bewusst scheint das vielen Besucher*innen des Events nicht zu sein. Jedenfalls bis 2025 hatte der Bürgermeister der Stadt Karlsruhe die Schirmherrschaft für das Event.

Es dürfte jedenfalls noch deutlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit bedürfen, um offene Fragen im Interesse des Schutzes von Kindern und Jugendlichen zu klären. Würde das ICF Karlsruhe die Anerkennung erreichen, hätte die Freikirche einen erheblichen Einfluss auf die Kinder- und Jugendarbeit der Region – zumal die Anerkennung für alle Standorte des Vereins in Karlsruhe, Krauchgau, Rhein-Neckar, Ludwigsburg und Südpfalz gelten würde…

Wir bleiben jedenfalls dran!

Vom „großen Plan Gottes“ zur Kindeswohlgefährdung?

Die neue MIZ ist erschienen – Gastbeitrag von Matthias Pöhl von FundiWatch

Bereits in der MIZ 2/24 veröffentlichte Matthias einen Artikel über die bereits damals umstrittene und gerade neu eröffnete Einrichtung für sexuell missbrauchte Minderjährige „Haus SeeNest“ im Allgäu des unter Vorsitz der Predigerin Gaby Wentland stehenden Vereins Mission Freedom.

Der damalige Artikel stand unter dem Titel „Die großen Pläne ‘Gottes’ … sind undurchschaubar“ und endete mit den durchaus deprimierten Zeilen:

„Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: ‘Werden hier sehenden Auges schwerst missbrauchte Minderjährige in die Obhut einer missionarisch ausgerichteten christlich-fundamentalistischen Organisation gegeben?’. Das kann anhand der Fakten wohl nur bejaht werden. Das einzige, das zynischerweise bisher für einen auch öffentlich wahrgenommenen Skandal ‘fehlt’: aus­sagewillige geschädigte Opfer.“

Nur zwei Jahre später scheint es nach dem, was bisher bekannt ist, zumindest Letzteres zu geben: Geschädigte Opfer. In der MIZ 01/26 erschien nun erneut ein Artikel von Matthias zum Haus SeeNest unter dem Titel „Vom ‚großen Plan Gottes‘ zur Kindeswohlgefährdung?“ Dieser Artikel endet mit einem Appell:

„Die großen Pläne Gottes mögen un­durchschaubar sein. Staatliche Kon­trolle und professioneller Kinderschutz dürfen es nicht sein.“

Denn vor einigen Wochen wurden alle sechs Kinder aus der Einrichtung von Mission Freedom in Obhut genommen. Gegen die Heimleitung ein Tätigkeitsverbot erlassen, das gerichtlich bestätigt wurde. Die Vorwürfe wiegen schwer: Kinder sollen beispielsweise im Polizeigriff zu Boden gedrückt, gegen ihren Willen unter die Dusche gestellt worden sein, ein Kind habe in vollurinierter Kleisung seinen Arbeitsdienst verbringen müssen, ein anderes habe einen BH mit Melonen befüllt tragen müssen.

Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die pädagogische Heimleitung und drei Mitarbeiterinnen wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener. Die Gesellschaft „Himmelsstürmer Deutschland gGmbH“, die als 100%-Tochtergesellschaft von Mission Freedom die Einrichtung betrieben hat, ist insolvent, das Heim geschlossen.

Geschäftsführerin Inga Gerckens, die seit über zehn Jahren auch die Schutzhäuser von Mission Freedom im Erwachsenenbereich geleitet hat, soll den Verein nun verlassen. Auf Druck schied Mission Freedom sowohl aus der Diakonie Hamburg als auch aus dem Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) aus. Mietverträge wurden gekündigt, Förderungen eingestellt, Verbandsmitgliedschaften hektisch beendet. Nun war es dann wohl doch ein Skandal zu viel, das eigene Image drohte Schaden zu nehmen. Überraschend kam all das hingegen nicht.

Und Mission Freedom bzw. deren Leiterin Gaby Wentland? Übrigens war Wentland langjähriges Mitglied im Vorstand der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD), deren langjähriger Vorsitzender Frank Heinrich (ehem. MdB, CDU) bis heute Vorstandsitzender von ggmh ist. Machen offenbar weiter wie bisher. Weiterhin betreibt Mission Freedom Einrichtungen für erwachsene Frauen in Frankfurt am Main und Hamburg. Gaby Wentland reist weiterhin mit ihren Predigten durch In- und Ausland, in denen sie auch von Dämonen-Befreiungen in ihren Schutzhäusern berichtet. Und ob der Austritt von Mission Freedom aus dem Verein ggmh mehr als eine Image-Rettungs-Kampagne ist, mag zumindest bezweifelt werden können.

Nach einer echten Aufklärung der Vorwürfe auch über eine strafrechtliche Verantwortlichkeit einzelner Personen hinaus, schaut es momentan nicht aus. Die Behörden legten sich schnell fest: Mit der religiös-weltanschaulichen Ausrichtung des Vereins hätten die aktuellen Vorkommnisse nichts zu tun. Auf Nachfrage begründen können die Behörden dies hingegen nicht. Die von Gaby Wentland seit mehr als zehn Jahren propagierte Ausrichtung und Arbeitsweise von Mission Freedom und dessen Einrichtungen dürfte einer solchen Einschätzung jedenfalls ebenso entgegen stehen, wie explizit auf das religiöse Bekenntnis abstellende Stellenausschreibungen, nach denen es in der Einrichtung offenbar mehr um „geistliche Gemeinschaft“ als um eine professionelle Arbeitsweise ging. Welchen Einfluss all dies auf die aktuellen Vorkommnisse hat scheint derzeit kaum jemanden zu interessieren.

Was es bräuchte? Unter anderem eine echte Debatte über das Verhältnis professioneller Sozialer Arbeit zu missionarischen diakonischen bzw. caritativen Aktivitäten sowie darüber, wann bei Hinweisen auf eine christlich-fundamentalistische Ausrichtung entsprechender Einrichtungen nicht mehr von einer Gewährleistung des Kindeswohls ausgegangen werden kann. Und ihnen schlichtwegs die Betriebserlaubnis zu versagen wäre.

Bereits den betroffenen Kindern aus dem Haus SeeNest wären wir eine solche Debatte schuldig. Doch in Zeiten klammer Haushaltskassen hat das Vordringen christlich-fundamentalistischer Akteur*innen in den Bereich der Sozialen Arbeit auch noch eine zusätzlich weitreichende Dimension. Eine Debatte darüber sucht man bisher – leider – vergebens.


Chronologie zu Misshandlungsvorwürfen gegen das Haus SeeNest von Mission Freedom

 

Anerkennung der umstrittenen Freikirche ICF Karlsruhe als freier Träger der Jugendhilfe?

Nichtöffentliche Gespräche im „Hinterzimmer“? Transparenz sieht anders aus!

(Quelle Titelbild: icf-karksruhe.de / Youtube). Wie berichtet, hat die umstrittene Freikirche International Christian Fellowship (ICF) an ihrem Standort in Karlsruhe (ICF Karlsruhe e.V.) die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe beantragt. Die Stadtverwaltung empfahl daraufhin in einer äußerst knappen (und unseres Erachtens unvollständigen) Vorlage dem Jugendhilfeausschuss Karlsruhe die Anerkennung.

Die Beschlussfassung wurde nach Kritik zwar vorerst abgesetzt. Offiziell tagt der Jugendhilfeausschuss erst wieder Anfang Oktober. Nun soll allerdings wohl bereits am morgigen Montag (20.07.2026) ein nichtöffentliches Gespräch mit dem ICF Karlsruhe (also quasi „im Hinterzimmer“) geführt werden.

Unsere Bedenken an einer nichtöffentlichen Erörterung der u.a. von FundiWatch aufgeworfenen kritischen Nachfragen zum Vorliegen der Anerkennungsvoraussetzungen für das ICF Karlsruhe hatten wir bereits vergangene Woche in einer E-Mail an den Jugendhilfeausschuss formuliert. Am Ende dieses Beitrags werden wir diese Mail nun hier veröffentlichen.

Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe: Eröffnung erheblicher Einflussnahmemöglichkeiten auf Jugendhilfe

Eine Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe hat erhebliche Folgen. So beispielsweise die Beteiligung anerkannter Träger in die Jugendhilfeplanung, Möglichkeiten zur Mitwirkung in Jugendhilfeausschüssen, Anspruch auf partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Träger der Jugendhilfe uvm. Sprich: Die Anerkennung ist eine maßgebliche Voraussetzung dafür, um auf den gesamten Bereich der Jugendhilfe vor Ort erheblichen Einfluss nehmen zu können.

Was es bedeutet, wenn in diesen Bereichen antipluralistische, queerfeindliche etc. Ideolog*innen ihren Einfluss ausbauen könnten, dürfte offensichtlich sein. Dass entsprechende Vorgehensweisen keinen Einzelfall darstellen, haben wir bereits letztes Jahr in unserer von der Freien und Hansestadt Hamburg geförderten Handreichung über Vorgehensweisen, Strategien und Netzwerke christlich-fundamentalistischer Akteurskonstellationen in der Sozialen Arbeit dargestellt.

Beim ICF Karlsruhe ergeben sich zudem besonders viele Anhaltspunkte, dass die Jugendarbeit nach ihrem eigenen Selbstverständnis vorrangig der Verbreitung ihres eigenen Glaubensverständnisses dienen soll. Vereinigungen, „die überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dienen“, können hingen nach den Grundsätzen der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Jugendbehörden (AGOLJB)  nicht als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt werden.

Weder Stadtverwaltung noch das ICF Karlsruhe gehen auf Fragen zu den Anerkennungsvoraussetzungen ein

Nach Kritik der Linksfraktion und einem Offenen Brief von FundiWatch, in dem wir unsere Bedenken ausführlich darlegten, wurde die ursprünglich bereits für den 19.06.2026 vorgesehenen Beschlussfassung von der Tagesordnung abgesetzt.

Die Stadtverwaltung teilte FundiWatch gegenüber später mit, man bedanke sich für unsere Hinweise, nehme unsere Anmerkungen „sehr ernst“ und werde die angesprochenen Fragestellungen in die „weitere Prüfung mit aufnehmen“. Zur Klärung der von der Linksfraktion und FundiWatch angesprochenen inhaltlichen Punkte solle ein gemeinsames Gespräch des Jugendhilfeausschusses mit Vertretern des ICF Karlsruhe stattfinden.

Ähnliches teilte uns auf Anfrage auch das ICF Karlsruhe mit. In der Antwortmail heißt es:

Die im Zusammenhang mit unserem Antrag relevanten Fragen werden im dafür vorgesehenen Verfahren mit der Stadt Karlsruhe und dem Jugendhilfeausschuss erörtert.

Inhaltlich ging das ICF Karsruhe auf unsere Fragen hingegen nicht ein, auch nicht in einer Stellungnahme an den Jugendhilfeausschuss, auf die das ICF in der Antwort verwies. Auch auf einfach zu beantwortende Fragen, wie bspw. ob ebenso wie im ICF München queere Menschen von Leitungspositionen ausgeschlossen seien, erhielten wir keine Antwort. Das steht in eklatantem Widerspruch zu der Stellungnahme des ICF Karlsruhe an den Jugendhilfeausschuss, in der es heißt, man freue sich „über jede Gelegenheit, unsere Arbeit transparent vorzustellen und Fragen offen zu beantworten„.

Transparenz statt Hinterzimmer!

Entscheidungen und Verhandlungen (auch) von Jugendhilfeausschüssen sind grundsätzlich öffentlich zu führen. Nur in Ausnahmefällen können einzelne Gegenstände nichtöffentlich verhandelt werden. Der Öffentlichkeitsgrundsatz dient insbesondere der demokratischen Kontrolle – und hat gerade auch bei einer so wichtigen Frage wie der Anerkennung als Träger der Jugendhilfe große Bedeutung (dementsprechend war die Behandlung und Beschlussfassung auch ursprünglich in einer öffentlichen Sitzung vorgesehen).

Auch eine Anerkennung der eng mit dem ICF Karlsruhe verbundenen Kinder und Jugend Arche (u.a. gehört dessen Vorsitzende Sybille Beck zum Leitungspastorenehepaar des ICF Karlsruhe) wurde Anfang 2025 öffentlich behandelt. Übrigens mit ähnlich knapper, die Anerkennung empfehlender Beschlussvorlage der Verwaltung, wie nun beim ICF Karlsruhe. Von Stimmen aus dem Gemeinderat erfuhren wir, die Verbindungen seien damals wohl nicht bewusst gewesen.

Nun scheint die Verwaltung eine Auseinandersetzung mit öffentlich aufgeworfenen kritischen Fragen allerdings eher ins „Hinterzimmer“ verlagern und ohne öffentliche Kontrolle führen zu wollen. Unseres Erachtens gibt es hierfür keine Rechtfertigung und auch kommunalrechtliche Gründe dürften dem entgegenzustehen.

Nichtöffentliches Gespräch mit ICF Karslruhe bereits morgen?

Wir haben uns daher am 15.07.2026 erneut an die Ausschussvorsitzende Bürgermeisterin Yvette Melchien und die Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses gewendet und um Rückmeldung gebeten, ob eine öffentliche Erörderung der aufgeworfenen Fragen erfolgen wird und, falls nicht, wie dies begründet wird. Eine Reaktion erhielten wir darauf bisher nicht.

Allerdings erreichten uns nun Hinweise, dass das nichtöffentliche Gespräch mit dem ICF Karlsruhe bereits morgen, am 20.07.2026, geführt werden solle. Ob diese Hinweise zutreffen, können wir nicht abschließend beurteilen. Wir haben uns vor diesem Hintergrund nun jedoch entschieden, unsere letzte E-Mail an Bürgermeisterin Melchien und den Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe an dieser Stelle zu veröffentlichen:

Betreff: Re: Offener Brief zur geplanten Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Melchien,

vielen Dank für Ihre Antwort vom 07.07.2026 auf unseren Offenen Brief zur beantragten Anerkennung der ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe. Wir begrüßen ausdrücklich, dass Sie die darin aufgeworfenen Fragen ernst nehmen und diesen weiter nachgehen möchten.

Inzwischen haben wir jedoch Sorge, dass die von Ihnen und der ICF angekündigten Gespräche mit dem Jugendhilfeausschuss offenbar nichtöffentlich stattfinden sollen. Die ICF Karlsruhe hat uns gegenüber die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen abgelehnt und auf die mit Ihnen bzw. dem Ausschuss geplanten Gespräche hingewiesen. Selbst die Beantwortung einfacher Fragen, bspw. ob ebenso wie laut öffentlich vom ICF München bekannt gemachten Grundsätzen, auch bei der ICF Karlsruhe queere Menschen von Leitungspositionen ausgeschlossen sind, wurden von der ICF Karlsruhe nicht beantwortet.

Sollte es zutreffen, dass die weiteren Gespräche mit der ICF Karlsruhe nichtöffentlich geführt werden sollen, haben wir hieran erhebliche – auch rechtliche – Bedenken.

Nach unserem Verständnis dient das angekündigte Gespräch nicht lediglich einem unverbindlichen Austausch, sondern der Erörterung der im Offenen Brief aufgeworfenen Fragen und damit der Vorbereitung der Entscheidung des Jugendhilfeausschusses über den Anerkennungsantrag nach § 75 SGB VIII. Es wäre damit Teil der Meinungs- und Willensbildung des Ausschusses in einer Angelegenheit von erheblichem öffentlichem Interesse.

Nach § 35 der Gemeindeordnung Baden-Württemberg sind Sitzungen beschließender Ausschüsse grundsätzlich öffentlich. Ein Ausschluss der Öffentlichkeit kommt nur in Betracht, wenn das öffentliche Wohl oder berechtigte Interessen Einzelner dies erfordern. Dass diese Voraussetzungen für ein Gespräch über die Anerkennungsvoraussetzungen der ICF Karlsruhe, ihre fachliche Eignung oder die hierzu erhobenen Fragen vorliegen, vermögen wir derzeit nicht zu erkennen.

Hinzu kommt, dass der Jugendhilfeausschuss die Anerkennung der Kinder und Jugend ARCHE Karlsruhe e. V. in seiner Sitzung am 19. Februar 2025 öffentlich beraten und beschlossen hat. Die Antragstellerin wurde im öffentlichen Sitzungsteil angehört, die Verwaltung stellte den Sachverhalt öffentlich vor und der Ausschuss fasste seinen Beschluss ebenfalls öffentlich.

Bemerkenswert ist dabei, dass die damalige Verwaltungsvorlage – ebenso wie die aktuelle Vorlage zur ICF Karlsruhe – äußerst knapp gehalten war. Sie setzte sich (ebenfalls) nicht näher mit den einzelnen Anerkennungsvoraussetzungen des § 75 SGB VIII auseinander und enthielt keine vertiefte fachliche oder rechtliche Würdigung der gesetzlichen Voraussetzungen.

Zudem wurden in der Vorlage aus unserer Sicht wesentliche tatsächliche Umstände nicht dargestellt. So ist Frau Sybille Beck nach unserem Kenntnisstand Vorsitzende der Kinder und Jugend ARCHE Karlsruhe e. V. und zugleich eine der Hauptpastorinnen der ICF Karlsruhe. Die ARCHE hat ihren Sitz an der Anschrift der ICF Karlsruhe. Darüber hinaus nutzt die ARCHE nach den auf ihrer Internetseite veröffentlichten Informationen für Bewerbungen im Bundesfreiwilligendienst eine E-Mail-Adresse der ICF Karlsruhe und fordert Bewerberinnen und Bewerber auf, unter anderem einen Bericht über ihren „Weg mit Gott“ einzureichen. Diese Umstände hätten aus unserer Sicht zumindest Anlass gegeben, die tatsächlichen Beziehungen zwischen beiden Organisationen im Rahmen der damaligen Beschlussvorlage transparent darzustellen.

Gerade vor diesem Hintergrund erscheint es umso wichtiger, dass die nunmehr angekündigte vertiefte Erörterung der Anerkennungsvoraussetzungen der ICF Karlsruhe nicht außerhalb der Öffentlichkeit erfolgt. Wenn die Verwaltung aufgrund der vorgetragenen Einwendungen und der öffentlichen Diskussion eine weitergehende Prüfung für erforderlich hält und hierzu den Jugendhilfeausschuss gemeinsam mit der ICF Karlsruhe anhören möchte, sollte diese Erörterung aus Gründen der Transparenz und Nachvollziehbarkeit im Rahmen einer öffentlichen Sitzung des Jugendhilfeausschusses stattfinden. Andernfalls entstünde zumindest der Eindruck, dass ausgerechnet die inhaltliche Auseinandersetzung mit den entscheidungserheblichen Fragen der öffentlichen Kontrolle entzogen wird. Zudem scheint uns ein solches Vorgehen auch kommunalrechtlich unzulässig.

Wir möchten Sie daher höflich, aber nachdrücklich bitten, das angekündigte Gespräch – sofern keine konkreten gesetzlichen Gründe entgegenstehen – als öffentlichen Tagesordnungspunkt einer Sitzung des Jugendhilfeausschusses durchzuführen und bitten um Rückmeldung dazu, wie Sie sich hierzu verhalten werden.

Sollte dennoch eine nichtöffentliche Durchführung beabsichtigt sein, bitten wir um Mitteilung,

  • auf welchen konkreten gesetzlichen Ausnahmetatbestand des § 35 Gemeindeordnung Baden-Württemberg sich diese Entscheidung stützt,
  • welche schutzwürdigen Interessen aus Ihrer Sicht einen Ausschluss der Öffentlichkeit rechtfertigen,
  • weshalb die angekündigte Erörterung nicht im Rahmen einer öffentlichen Ausschusssitzung erfolgen soll, obwohl sie ersichtlich der Vorbereitung der Entscheidung über den Anerkennungsantrag dient, und
  • weshalb im Fall der ICF Karlsruhe von der Verfahrensweise abgewichen werden soll, die der Jugendhilfeausschuss bei der Anerkennung der Kinder und Jugend ARCHE Karlsruhe e. V. angewandt hat.

Wir sind überzeugt, dass ein transparentes und öffentlich nachvollziehbares Verfahren im Interesse aller Beteiligten liegt – der Stadt, des Jugendhilfeausschusses, der ICF Karlsruhe und der Öffentlichkeit gleichermaßen. Aus Transparenzgründen haben wir in dieser Mail die uns bekannten Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses mir ins Cc genommen – gerne kann diese Mail an weitere Mitglieder*innen des Ausschusses weitergeleitet werden.

Wir bedanken uns für Ihre Rückmeldung bis möglichst zum 17.07.2026.

Mit freundlichen Grüßen

FundiWatch

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