Glaube & Gebet sind nicht das Thema – christlich-fundamentalistische Einflussnahme aber durchaus

Zur Diskussion über die Gebete bei der Fußball-WM

(Quelle Titelbild: eigene Aufnahme: Die Kicker Bibel, 9. Auflage, Bible for the Nations e.V.). Hier hatten wir bereits berichtet, wie geradezu „beseelt“ viele Medien aktuell ohne jede Einordnung über den Gebetskreis von Felix Nmecha und weiteren Fußballern bei der aktuell stattfindenden Weltmeisterschaft berichten.

Dass die Gebetsinitiative vor allem eine von den evangelikalen Plattformen Ballers in God und Fußball mit Vision e.V. unterstützte Aktion ist, die Profifußballer quasi als „Markenbotschafter“ zur Verbreitung ihrer christlich-fundamentalistischen Idologien nutzen, blieb weithin unerwähnt.

Selbst Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt meinte nun offenbar, sich hierzu völlig unkritisch und undifferenziert äußern zu müssen. Göring-Eckardt schreibt pauschal von „hässlichen Kommentaren“, die „einfach nur billig oder blöd“ seien.

Queerfeindliche und rassistische Kommentare

Zahlreiche Kommentator*innen haben in – teils in der Tat hitzigen – Social Media-Debatten u.a. auf die queerfeindlichen Vorwürfe gegen Nmecha und den genannten Vereinen hingewiesen. Andere Kommentator*innen wiederum verteidigten in den Kommentarspalten queerfeindliche und rassistische Stereotypen.

queer.de hat nun verchiedene Vorfälle noch einmal in einem Artikel zusammengefasst. Und vergisst dabei auch nicht den Nürnberger Jugendtrainer Enrico Valentini, der erst letztes Jahr unter Berufung auf seinen „christlichen“ Glauben Homosexuelle mit Rassisten gleichsetzte. In einem Podcast hatte er laut queer.de erklärt, Homosexualität aufgrund seines Glaubens für falsch zu halten. In dem Gespräch sagte Valentini: „Wenn der [Homo­sexuelle] sich jetzt beleidigt fühlt dafür, dass ich das nicht für gut heiße, was er tut, das ist genauso, wenn ich einem Rassisten sage: ‚Hey, das, was du machst, ist falsch.‘ Das ist genau dieselbe Geschichte.“ Auch Valentini gehört zum „Team“ von Fußball mit Vision.

Worum es wirklich geht – und worum nicht

Die beiden Journalist*innen Dina Falken und Felix Michaelis beschreiben nun bei belltower in erfreulicher Klarheit noch einmal, wobei es in der Debatte eigentlich geht. Nämlich weder um das Gebet noch um den christlichen Glauben an sich:

„Religiöse Gesten gehören seit Jahrzehnten zum Fußball. Die Frage ist deshalb nicht, ob Fußballerinnen ihren Glauben öffentlich zeigen dürfen, sondern, warum organisierte Missionskampagnen im Umfeld der weltweit größten Sportveranstaltung kaum als solche erkannt werden. […] Dabei zeigen die Verbindungen von „Ballers in God“, „Fußball mit Vision e.V.“ und ähnlichen Initiativen, dass es nicht nur um persönliche Glaubensbekundungen einzelner Spieler handelt, sondern um eine zunehmend professionelle Form religiöser Einflussnahme im Profisport.“

Um diese Einflussnahme geht es. Und um die dahinter stehenden christlich-fundamentalistischen und anti-pluralistischen Ideologien, die durch diese Netzwerke verbreitet werden sollen.

Sportler*innen als Markenbotschafter für christlich-fundamentalistische Ideologien – mit der „Kicker-Bibel“ unterm Arm in die Schule

Ballers in God, Fußball mit Vision und zahlreiche weitere Akteur*innen aus dem christlich-fundamentalistischen Umfeld nutzen gezielt das große Identifikationspotential erfolgreicher Sportler*innen. Zunächst ganz niederschwellig. Die Radikalisierung findet dann nicht selten auch online statt.

Zum Einsatz kommt dabei auch die sogenannte „Kickerbibel“ – heraugegeben von Athletes in Action, Fußball mit Vision, Sportler ruft Sportler (SRS) und Bible for the Nations mit Bibeltexten der recht freien und evangelikal geprägten Bibelübersetzung „Neues Leben Bibel„. Die Bibel als Fan-Editon für Fußballfreunde… Und übrigens mal wieder ein anschauliches Beispiel, wie US-evangelikale und deutsche evangelikale Organisationen längst bestens miteinander vernetzt sind und zusammenarbeiten.

Hier einige eigene Fotoaufnahmen der Bibel, die diese Tage von einer christlich-fundamentalistischen Gemeinde in München kostenlos verteilt wird.

Bildquellen: eigene Aufnahmen: Die Kicker Bibel, 9. Auflage, Bible for the Nations e.V.

Gerade bei jungen Menschen kann das ziehen. Und so wundert es nicht, dass Fußball mit Vision regelmäßig auch an Schulen auftritt. Nicht immer wird einladenden Schulen und Lehrer*innen bewusst sein, welche Netzwerke und Ideologien dahinter stehen.

Und gerade hier könnten Medien einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung leisten.


Mehr zum Thema:

Christlicher Fundamentalismus macht Schule…

Wie die Bloggerin BinGanzBrav auf Bluesky berichtet, ist im Lahn-Dill-Kreis offenbar eine neue Bekenntnisschule mit einem besonders eindeutigen christlich-fundamentalistischen Profil („christuszentrierte Bildung“) in Planung: Die Timotheus-Grundschule. Auch mittelhessen.de (Paywall) berichtet über den Vorgang.

Nachtrag: Der Bluesky-Thread ist jetzt mit allen Quellennachweisen auch auf der sehr informativen Seite „Dokumentieren gegen Rechts“ abrufbar!

MEHR

Mehrere Eltern haben den Verein Paideia e.V. gegründet und stehen im Austausch zu den weiteren Planungen im Austausch mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS). Offenbar stehen die Eltern bzw. der Verein der auch in Deutschland mittlerweile stark vertretenen Calvary Chapel nahe – deren Gründer Chuck Smith behauptete, die Anschläge vom 11. September 2001 seien Strafe für Homosexualität und Abtreibung.

Entsprechende Bestrebungen christlich-fundamentalistischer Gruppen, verstärkt Einfluss auf den Bildungsbereich zu nehmen, begegnen uns immer wieder: Erst neulich war eine christliche Privatschule zu Besuch bei der AfD-Fraktion im Bundestag (vgl. Sächsische Zeitung vom 21.04.2026 – Paywall), an einer staatlichen Schule gelang es einem Missionar eine Missionsveranstaltung mit den Schüler*innen durchzuführen…

Der Gesellschaftsbereich der „Bildung“ gehört nach der Ideologie des „Seven Mountains Mandate“ zu einem der „Berge“, die von „Christ*innen“ transformiert und unter die Dominanz christlich-fundamentalistischer Werte geführt werden sollen.

Wir werden uns mit dem Thema noch eingehender befassen und auch die weiteren Vorgänge um die Schulplanungen im Lahn-Dill-Kreis im Blick behalten…


Bearbeitungshinweis: Kurz nach Veröffentlichung haben wir noch den Namen der Schule und den Link auf deren Webseite ergänzt.

Instagram
Fundiwatch at Bluesky
Bluesky
WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner