Anerkennung der christlich-fundamentalistischen evangelikalen Freikirche ICF als freier Träger der Jugendhilfe?

Verwaltung empfiehlt Anerkennung – in der Politik regt sich Widerspruch

Die umstrittene evangelikale internationale Freikirche ICF (International Christian Fellowship) in Karlsruhe hat die Anerkennung als freier Träger der Jugendhilfe beantragt. Bereits kommenden Freitag soll der Jugendhilfeausschuss darüber Beschluss fassen.

Die von der Stadtverwaltung vorgelegte Beschlussvorlage ist erschreckend knapp. Äußerst nüchtern und ohne inhaltliche Auseinandersetzung mit der ideologischen Ausrichtung der ICF wird seitens der Stadtverwaltung die Anerkennung empfohlen. Eine Auseinandersetzung mit der langjährigen und massiven Kritik an der ideologischen Ausrichtung der ICF findet ebenso wenig statt, wie eine ausführliche Prüfung der gesetzlichen Voraussetzungen einer Anerkennung nach § 75 SGB VIII. Dabei bestehen erhebliche Zweifel, ob eine Jugendarbeit des ICF den Zielen des Grundgesetzes förderlich ist und ob eine Anerkennung nicht bereits deshalb ausgeschlossen ist, weil die ICF Karlsruhe als Teil des internationalen ICF Movement überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dient.

Ungeachtet dessen besteht gegenüber der ICF langjährige Kritik aufgrund deren Positionen zu Geschlechterrollen, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Vielfalt sowie ihrem grundsätzlichem Verhältnis zu einer pluralistischen Gesellschaft. In einer Reportage wurden an einem undercover recherchierenden Journalisten, der sich als homosexuell empfindend ausgab, in der ICF Augsburg eine Konversionsbehandlung bzw. ein „Exorzismus“ vorgenommen. In der ICF Zürich predigte Leo Bigger zur Ideologie des „Seven Mountain Mandate„, dass auf eine christliche Dominanz über zentrale Gesellschaftsbereiche abzielt.

Zudem bietet ICF Karlsruhe den potentiell gesundheitsgefährdenden und auch zur „Befreiung von der Sünde der Homosexualität“ eingesetzten Befreiungsdienst SOZO an.

Quelle: https://dawnadesilva.com/closing-the-four-doors/ Dawna de Silva ist die aus der US-Evangelikalen Trump-nahen Bethel Church stammende internationale Leiterin des Befreiungsdiestes „Bethel SOZO“, der mittlerweile auch verbreitet in Deutschland angeboten wird (vgl. bethelsozo.de).

Die Fraktion Die LINKE hat sich nun in einem Offenen Brief an die Stadtverwaltung und die Mitglieder des Ausschusses gewendet und verlangt eine vorläufige Absetzung des Tagesordnungspunktes. Die Fraktion fordert eine „tiefgehende Prüfung seitens der Verwaltung sowie eine interne Beratung unter Miteinbeziehung des Büros der Gleichstellungsbeauftragten und der queeren Einrichtungen der Stadt Karlsruhe„.

Der Vorgang scheint erneut zu zeigen, wie sehr es an einer hinreichenden Sensibilität und Kenntnis zu den Gefahren christlich-fundamentalistischer Ideologien gerade auch im Bereich der Sozialen Arbeit fehlt. In einem Fall in Allgäu scheint dies aktuell dramatische Folgen für mehrere Minderjährige gehabt zu haben. Möge es in Karlsruhe noch eine andere Wendung nehmen.

Mehr dazu in Kürze!

Mehr zum Thema:

Sexarbeitsfeindlichkeit in der christlichen Rechten

Webtalk am 16.03.2026 ab 19 Uhr bei DIE LINKE.queer – Umgang mit Sexarbeit? Ein umstrittenes Thema…

Eine Anmeldung zum Webtalk ist unter anmeldung@dielinke-queer.de möglich. Der Einwahllink wird kurz vor Beginn der Veranstaltung versendet.

Scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen zum Thema Sexarbeit inklusive Forderungen einer Kriminalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen sind gerade wieder besonders laut.

Vor allem aus dem Kreise der CDU/CSU – und zahlreichen christlich-fundamentalistischen Akteur*innen – wird in einer stark emotionalisierten, weitgehend nicht faktenbasierten Debatte die Einführung eines sogenannten „Nordischen Modells“ oder „Sexkaufverbots“ gefordert. Die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen soll demnach kriminalisiert werden – das Anbieten entsprechender Dienstleistungen hingegen angeblich nicht. Sexarbeiter*innen weisen diese Forderung zurück – und stehen damit nicht allein.

Fachverbände – darunter auch die Diakonie Deutschland – lehnen ein solches Modell entschieden ab. Da es die Situation von Sexarbeiter*innen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen maßgeblich verschlechtert.

Wer meint, dieses „unbequeme“ Thema gehe einen selbst ja nichts an: Die Mobilisierung gegen Sexarbeit ist nur die Spitze eines riesigen Eisbergs. Wer verstehen will, wie Akteur*innen gesamtgesellschaftlich an Einfluss gewinnen, die eine vielfältige Gesellschaft teils deutlich verachten, wird bei dem Thema fündig.

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Wo sich (eigentlich) alle einig sein sollten…

Wo sich eigentlich alle, denen es tatsächlich und nicht nur überflächlich um Schutz & Unterstützung für Sexarbeiter*innen geht, einig sein sollten:

Eine sachliche Auseinandersetzung sollte Sexarbeiter*innen einbeziehen. Sie werden durch die christliche Rechte aber oft pathologisiert und viktimisiert. Dies und die Ausnutzung marginalisierter Menschen als „Rettungsobjekte“ sowie eine auf Emotionalisierung ausgerichtete Debatte verbieten sich eigentlich, und sind doch erschütternd oft an der Tagesordnung.

Vermeintlich einfache „Lösungen“, wie etwa die von CDU/CSU – und zahlreichen christlich-fundamentalistischen Akteur*innen – geforderte Einführung einer Kriminalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen, werden dem Thema nicht gerecht.

Auch die Diakonie Deutschland lehnt sogenanntes „Nordisches Modell“ ab…

Mit zahlreichen Fachverbänden lehnt übrigens auch die Diakonie Deutschland eine Krimininalisierung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen ab.

In einer Stellungnahme der Diakonie Deutschland vom 10.09.2024 zum Antrag der CDU/CSU „Menschenunwürdige Zustände in der Prostitution beenden – Sexkauf bestrafen“ (Drucksache 20/10384 vom 20.02.2024) heißt es:

„Der vorgeschlagene Weg, den Sexkauf nach dem Vorbild des Nordischen Modells zu bestrafen, ist jedoch nicht dazu geeignet, das postulierte Ziel zu erreichen. Es führt vielmehr dazu, dass sich die Lebenssituation von Frauen, Männern und Transpersonen in der Prostitution durch die Kriminalisierung des Sexkaufes und das Verbot von Prostitutionsstätten maßgeblich verschlechtert.“

…und kritisiert die Emotionalisierung der Debatte

Deutliche Worte findet die Diakonie auch zur bereits erwähnten Emotionalisierung der Debatte:

„Mit Aussagen wie: ‚Für eine hohe sechsstellige Zahl bedeutet dies faktische totale Abhängigkeit von Zuhältern … beherrscht von organisierter Kriminalität … führt zu bleibender Traumatisierung und gravierenden irreversiblen körperlichen und seelischen Schäden‘ wird eine Darstellung von Prostitution und Menschen in der Prostitution gewählt, die wirkmächtige Bilder erzeugt, jedoch nicht belegbar ist.“

Sexarbeitsfeindlichkeit auch in der Linken und im weißen Feminismus

Solchen scheinbar „wirkmächtigen Bildern“ verfallen übrigens immer wieder auch linke Kreise und Gruppen des weißen Feminismus.

Diese haben – für viele vielleicht überraschend – bei diesem Thema auch keine Probleme damit, mit christlichen Fundamentalist*innen Allianzen zu schmieden.

Radikale Abtreibungsgegner*innen, Gegner*innen geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung Arm in Arm mit radikalen Feminist*innen … das finden wir bei Themen wie Sexarbeit, Gender, Hijab oder Leihmutterschaft häufig vor.

"Linkegegenprostitution" läd eine SPD-Politikerin ein, die eng mit christl.-fundamentalist. Netzwerken zusammenarbeit. SPD Berlin läd die Vorsitzende des Vereins "El Faro" zum Thema Opferschutz ein, obwohl gegen diesen massive Missbrauchsvorwürfe erhoben werden. WAS WAR DA LOS? –> buff.ly/r8e0KHt

FundiWatch (@fundiwatch.bsky.social) 2026-03-06T05:30:06.910Z

Und die Medien…?

Medien spielen in dieser emotionalisierten Debatte übrigens überwiegend keine positive Rolle:

Belgien, das Sexarbeit entkriminalisierte und so Arbeitsrechte ermöglichte, wird in der gängigen Berichterstattung ebensowenig erwähnt wie fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse. Stattdessen kreist die Berichterstattung um herabwürdigende Stockfotos, Skandale und rührende Einzelschicksale, die zudem oft nicht überprüft werden können. False Balance, ein durchgehendes Gut/Böse-Schema, sowie mangelnde Zugänge bei der Recherche tragen zu einer zutiefst unsachlichen und polarisierten Debatte bei.

Mehr zum „Belgischen Modell“ in diesem Beitrag.

Meta-Studie der Diakonie Deutschland

So bleibt auch die von der Diakonie Deutschland 2024 herausgegebene Meta-Studie „Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter:innen in ausgewählten Ländern –
Eine Zusammenstellung internationaler wissenschaftlicher Forschungsergebnisse“
weitgehend unerwänt.

Aus dem Vorwort der Studie:

„Damit liegt erstmals eine Übersichtsstudie vor, die maßgeblich zur Versachlichung der Debatte beitragen kann und auf deren Grundlage neue gesetzliche Rahmenbedingungen diskutiert werden können, die der Diversität der Menschen in der Prostitution gerecht werden. Ein komplexes Thema kann nur gut geregelt werden, wenn komplexe Lösungen erarbeitet werden. Ein Verbot von Prostitution vergrößert die Probleme von Menschen in der Prostitution. Die vorliegende Studie leistet einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierten und sachlichen Diskussion.“

Wohl treffender: Die Studie KÖNNTE einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierten und sachlichen Diskussion leisten – würde sie denn dabei Beachtung finden…

Dasselbe trifft auf den umfangreichen, wissenschaftlichen Evaluationsbericht des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsens (KFN) zum 2017 in Kraft getretenen Prostituiertenschutzgesetz zu. Weder das umfangreiche Gutachten zur Freiwilligkeit, noch die umfangreiche Datenerhebung fand der deutsche Journalismus sonderlich erwähnenswert. Ganz anders sah das 2023 bei einer Auftragsstudie der Anti-Sexarbeits-Bewegung aus, die in vielen Medien besprochen wurde. Wir fragen uns: Liegt das daran, dass es leichter ist, seinen Bestätigungsfehler zu pflegen als sich mit einem komplexen und umfangreichen Thema diskriminierungssensibel zu befassen?

Eine abschließende Anmerkung…

Befürworter*innen eines „Nordischen Modells“ heben immer wieder hervor, dass dieses – neben einer Kriminalisierung der Nachfrage – ja auch soziale Unterstützung, Beratung, Wohnraum, Existenzsicherung uvm. für Sexarbeiter*innen beinhalten solle.

Warum also werden dann die bereits vorhandenen Beratungsangebote ständig gekürzt, statt sie bereits heute besser finanziell auszustatten? Das wäre jederzeit möglich.


Weitere Beiträge zu dem Thema:

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