(Bildquelle: NDR.Info / Instagram). Viele Medien sind gerade völlig aus dem Häuschen über betende Fußballer bei der aktuell stattfindenden Weltmeisterschaft – allen voran Felix Nmecha, der nach dem 7:1 gegen Curacao auf dem Platz einen Gebetskreis mit Fußballern der Gegenmannschaft bildete.
Eine kritische Hinterfragung zu dem, was wir dort auf dem Platz sehen, findet in den Medien hingegen kaum statt. Und das ist immer noch ziemlich symptomatisch für die deutsche Medienlandschaft. Christliche Glaubensbekundungen im Sport sind kein Problem – bei anderen Religionen schaut es dann schon anders aus…
Nun ist das Problem selbstverständlich nicht die persönliche Glaubensanschauung einzelner Spieler. Aber es geht um mehr: Christlich-fundamentalistische Gruppen mit anti-pluralistischen und menschenfeindlichen Ideologien fluten gezielt auch den Sport. Dem liegt häufig die Vorstellung einer aus den USA stammenden und mittlerweile weltweit verbreiteten Ideologie zu Grunde: Dem sogenannten „Seven Mountain Mandate„. Demnach sollen Christ*innen berufen sein, das „Reich Gottes“ bereits hier auf Erden aufzubauen. Hierzu sollen zentrale Gesellschaftsbereiche gezielt transformiert werden, um sie letztlich wieder mit christlich(-fundamentalistischen) Wertvorstellungen zu dominieren. Einer dieser Gesellschaftsbereich ist der Bereich Kunst & Unterhaltung, worunter auch der Sport gezählt wird. Und außerdem eignen sich erfolgreiche Fußballer*innen hervorragend zur Missionierung…
International ist im Fußball vor allem der Verein Ballers in God aktiv. Kenji Gorré, Flügelspieler bei Curacao, ist Leiter von Ballers in God. Die Nationalmannschaft von Curacao veranstaltete vor der Abreise zur WM einen Lobpreisabend. In Deutschland ist vor allem der Verein Fußball mit Vision aktiv, der mit Sportler ruft Sportler verbunden ist und zu dem auch Felix Nmecha gehört. Fußball mit Vision tritt auch an Schulen auf.
Über all das hatte u.a. die ARD bereits im vergangenen Jahr berichtet. Ein Sturm der Entrüstung ließ nicht lange auf sich warten – einschließlich einer Programmbeschwerde des CDU-Abgeordneten Johannes Volkmann, dem Enkelsohn von Helmut Kohl.
Mehr zu den Hintergründen und Verbindungen, der damaligen Programmbeschwerde und zu finanzstarken Unterstützer*innen in unserem bereits letzes Jahr veröffentlichten Artikel:
(Bildquelle: Newsletter Mission Freedom) Die Ereignisse rund um die Misshandlungsvorwürfe entwickeln sich weiter. Im Einzelnen sind diese auch in unserer Chronologie und Medienspiegel zu dem Fall nachvollziehbar.
Insolvenz und Verlust der Betriebserlaubnis
Mittlerweile wurde bekannt, dass die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, Träger des Haus SeeNest und hundertprozentige Tochtergesellschaft von Mission Freedom, Insolvenz beantragt hat.
Zudem ist die Betriebserlaubnis für die Einrichtung mittlerweile erloschen, da die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg den Mietvertrag für das Haus SeeNest fristlos gekündigt hat (wir berichteten). Die Regierung von Schwaben teilte gegenüber FundiWatch mit, am 03.06.2026 einen Feststellungsbescheid über das Erlöschen der Betriebserlaubnis gegenüber der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH erlassen zu haben.
Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern an – neue Anzeigen
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kempten wegen des Anfangsverdachts der Misshandlung Schutzbefohlener laufen indes weiter. Bisher werden die Ermittlungen weiterhin ausschließlich gegen die (ehemalige) pädagogische Heimleitung geführt. Auf Grund der bereits vorliegenden Ermittlungsergebnisse, Angaben von Zeugen und unter Berücksichtigung, dass die Heimleitung zum Zeitpunkt der Inobhutnahmen bereits nicht mehr in der Einrichtung tätig war, werde geprüft, ob die Ermittlungen gegen weitere Personen wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen von Amts wegen ausgeweitet werden müssen.
Zudem teilte die Staatsanwaltschaft gegenüber FundiWatch mit, auf Grund einer Anzeigeerstattung zu prüfen, „ob gegen angezeigte Personen ein Anfangsverdacht strafbaren Handelns besteht und ob Ermittlungen einzuleiten sind„.
Die Staatsanwaltschaft selbst erfuhr offenbar aus der Presse über die Vorfälle im Haus SeeNest. Eine Nachfrage von FundiWatch, ob sich die Staatsanwaltschaft gewünscht habe, direkt von den Behörden über die Vorfälle informiert zu werden, wollte man nicht kommentieren.
Unterstützer ziehen sich zurück – reichlich spät? – Dem Rausschmiss aus der Diakonie Hamburg kommt Mission Freedom zuvor
Auch diverse Organisationen, die bisher Mission Freedom bzw. die Himmelsstürmer unterstützt oder als Mitgliedsorganisation geführt haben, distanzieren sich nun – reichlich spät – deutlich:
Die Diakonie Hamburg, die nach Kritik an Mission Freedom bereits 2013 – allerdings ohne sichtbare Konsequenzen – angekündigt hatte, die Ausrichtung von Mission Freedom näher überprüfen zu wollen, teilte gegenüber FundiWatch nun mit, dass man ein Verfahren zum Ausschluss des Vereins eingeleitet habe. Allerdings sei Mission Freedom einem Ausschluss zuvor gekommen und habe selbst um Beendigung der Mitgliedschaft gebeten, die nun zum 01.07. in Kraft treten soll. Auf Fragen von FundiWatch zu etwaigen Konsequenzen seitens der Diakonie Hamburg insbesondere im Hinblick auf die Voraussetzunge der Mitgliedschaft liegt bisher noch keine Rückmeldung der Diakonie vor.
Die Aktion Mensch, die die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH finanziell unterstützt hatte, teilte auf Anfrage von FundiWatch mit, dass nicht ausgezahlte Mittel derzeit nicht weiter ausgezahlt werden. Der Träger sei gesperrt worden, und etwaige weitere Schritte – einschließlich möglicher Rückforderungen – würden aktuell rechtlich geprüft. Bereits nach Kritik zur Erteilung der Betriebserlaubnis 2024 hatte Aktion Mensch eine Vor-Ort-Besichtigung der Einrichtung durchgeführt. Dabei seien „einzelne Aspekte vertieft betrachtet und im weiteren Verlauf aufmerksam begleitet“ worden. Zum damaligen Zeitpunkt hätten jedoch keine belastbaren Erkenntnisse vorgelegen, „die eine Beendigung der Förderung auf rechtlich tragfähiger Grundlage gerechtfertigt hätten„. Gleichwohl hatte sich Aktion Mensch im Anschluss mit der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH darauf verständigt, dass Fördersiegel der Aktion Mensch von der Homepage der Himmelsstürmer zu entfernen. Die Förderung selbst wurde jedoch fortgeführt.
RTL sucht Gaby Wentland & „Gott“ leitet Mission Freedom – und nimmt einige Veränderungen vor…
Mission Freedom selbst scheint derweil intensiv bemüht, möglichst schnell jegliche Aufmerksamkeit zu den Vorkommnissen abebben zu lassen.
Offiziell äußert sich der Verein mit Ausnahme einer Stellungnahme auf seiner Homepage weiterhin nicht und ließ auch mehrere Anfragen von FundiWatch unbeantwortet.
Ihre Vorstandstätigkeit beim Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) hat Gaby Wentland laut Informationen des Hamburger Abendblatts (Paywall) mittlerweile niedergelegt. Mission Freedom selbst wird hingegen weiterhin als Mitgliedsorganisation von ggmh geführt. RTL hatte sich bemüht, Gaby Wentland persönlich mit den Vorwürfen zu konfrontieren und versucht, sie an ihrer Gemeinde in Hamburg Neugraben aufzusuchen. Dort hieß es, sie befände sich auf einer längeren Reise.
In einem aktuellen Newsletter teilt Mission Freedom nüchtern und ohne erkennbare Selbstkritik mit, man habe einige „Veränderungen vorgenommen“. Gaby Wentland haben im Januar 2026 Rückmeldungen ehemaliger Mitarbeitender zur pädagogischen Leitung im Haus SeeNest erreicht. Diese seien „verantwortungsvoll an die Regierung von Schwaben weitergegeben“ worden. Anschließend seien verschiedene behördliche Schritte eingeleitet worden. Trotz des eigenen „Einsatzes“ und eines eingelegten Widerspruchs seien die Entscheidungen der Regierung von Schwaben bestehen geblieben. Schließlich seien die Inobhutnahmen erfolgt und kurz darauf die Genehmigung zum Betrieb der Einrichtung „entzogen“ worden. Die Entwicklung bewege Mission Freedom sehr. Gleichzeitig blicke man „dankbar auf alles, was im Haus SeeNest mit Herz, Einsatz und Hingabe aufgebaut wurde“.
Schließlich wird in dem Newsletter mitgeteilt, dass Inga Gerckens, die Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH und langjährige Leiterin der „Schutzhäuser“ von Mission Freedom, sich Ende Juli „neuen beruflichen Wegen widmen“ werde.Mission Freedom wünsche Gerckens, deren Arbeit Mission Freedom „nachhaltig geprägt“ habe, „alles Gute und viel Segen für Ihre Zukunft„. Mit Mission Freedom erlebe man seit 15 Jahren, wie „Gott Mission Freedom leitet„. Man vertraue darauf, „dass Gottes Wirken weitergeht„. Gaby Wentland wolle künftig „besonders in die Ausbildung neuer Mitarbeiterinnen investieren, damit noch mehr betroffene Frauen kompetent, liebevoll und hoffnungsvoll begleitet werden können„. Es ist zu erwarten (und/oder zu befürchten…), dass Gerckens sich nun noch intensiver ihren Aktivitäten in der Christusgemeinde Barmbek Süd und ihrer „Arbeit unter Prostitutierten“ widmen wird…
Nicht nur, dass die Betriebserlaubnis von der Behörde nicht entzogen wurde (wie von Mission Freedom in dem Newsletter behauptet), sondern – erst nach Versand des Newsletters – festgestellt wurde, dass die Erlaubnis augrund des gekündigten Mietvertrags erloschen ist: Die Aussage, Gaby Wentland selbst sei im Januar von ehemaligen Mitarbeitenden auf Vorfälle hingewiesen worden und habe die Behörden informiert, widerspricht den bisherigen Äußerungen der Regierung von Schwaben und der eigenen Stellungnahme von Mission Freedom. In der Stellungnahme [Edit (16.06.2026): Mittlerweile hat Mission Freedom die Stellungnahme von der Homepage entfernt – wir haben hier nun die archivierte Seite verlinkt] von Mission Freedom auf dessen Webseite heißt es: „Anfang Februar meldeten ehemalige Mitarbeitende angebliche Missstände direkt an die Aufsichtsbehörde, ohne zuvor das Gespräch mit der Einrichtungsleitung zu suchen.“
Aber mit der „Wahrheit“ haben Gaby Wentland bzw. Mission Freedom es entgegen eigenem Bekunden ja noch nie so streng genommen…
Zum aktuellen Stand der Entwicklungen siehe auch unsere Chronologie zu dem Fall, die immer wieder aktualisiert wird:
Im Schwulen Museum Berlin startet am 26.06.2026 eine spannende Ausstellung: „Lieber glücklich als normal! Queere Erfahrungen in christlich-fundamentalistischen Kontexten“. Die Ausstellung läuft bis zum 24.08.2026.
Subtile Ablehnung bis hin zu offenem Hass und politischen Kampagnen gegen queere Identitäten sind zentrale Elemente christlich-fundamentalistischer Ideologien. Als einzig legitime und „natürliche“ Lebensform gilt die heterosexuelle Ehe zwischen Mann und Frau und es gibt zwei und nur zwei biologisch determinierte Geschlechter. Queerness hingegen wird als Verweigerung des göttlichen Plans verstanden – als Sünde, die korrigiert werden muss und als besonders schwere Prüfung Gottes. Queeren Menschen wird vermittelt, sie seien falsch. Ihnen wird Unterstützung dafür angeboten – oder aufgedrängt – ihre geschlechtliche Identität oder ihr Begehren zu verleugnen und so zu leben, wie Gott es vermeintlich für sie vorgesehen hat. Das reicht vom freundlich verbrämten „Seelsorge-Gespräch“ bis zu gewaltvollen Maßnahmen unter dem Etikett sogenannter „Konversionsbehandlungen“. Obwohl diese heute gesetzlich verboten sind, existieren sie weiter – unter anderen Namen, in Grauzonen oder im Verborgenen. Queerfeindlichkeit wird häufig nur anderen Religion und Kulturen zugeschrieben und in den eigenen Traditionen ausgeblendet. Doch Queerfeindlichkeit ist tief in der sogenannten christlich-abendländischen Leitkultur verwurzelt. Der christliche Fundamentalismus bringt nur radikal zum Ausdruck, was in vielen Teilen der Gesellschaft unausgesprochen fortwirkt: die Vorstellung, es sei besser, nicht queer zu sein.
Der Titel dieser Ausstellung ist inspiriert von Jeanette Winterson. In ihrem autofiktionalen Roman Warum glücklich statt einfach nur normal? erzählt sie von ihrer Kindheit in einem streng evangelikalen Umfeld und von der Zurückweisung, der sie als junge queere Frau durch ihre Adoptiv-Familie und die Gemeinde ausgesetzt ist. Zugleich beschreibt sie ihren Weg hinaus in ein selbstbestimmtes Leben. Als sie sich das erste Mal verliebt, fragt ihre Adoptivmutter sie genau das, nämlich warum sie denn glücklich sein will, wenn sie auch normal sein könnte. Den Druck, auf das eigene Glück zu verzichten, um der Norm zu entsprechen, kennen queere Menschen auch aus vermeintlich toleranten christlichen Milieus. Queere Menschen sind willkommen, ihre Queerness ist es auch hier häufig nicht.
In einer Reihe von Interviews kommen in dieser Ausstellung queere (Ex-)Christ*innen zu Wort, die in fundamentalistischen Gemeinschaften gelebt – und überlebt – haben. Sie berichten von psychischem Druck, spirituellem Missbrauch und sozialen Ausschlüssen, aber auch von ihrem Weg heraus aus zerstörerischen Glaubenssystemen. Einige finden dabei auch neue Zugänge zu Bibel und Spiritualität. So kommen in manchen Interviews auch Gruppen vor, die versuchen, Glaube und Queer-Sein in Einklang zu bringen. Die Arbeiten von Pauli Linke, fog gender und Jay Hulme, Stuart Beatch und dem i Coristi Chamber Choir eröffnen mit künstlerischen Mitteln visuelle, poetische und musikalische Zugänge zu diesen Erfahrungen und den komplexen Prozessen zwischen Anpassung und Abwendung, Verlust und Befreiung mit all ihrer Ambivalenz. Die Ausstellung präsentiert ein vielstimmiges Narrativ, macht Gewaltmechanismen sichtbar, feiert die Resilienz der Betroffenen und würdigt ihren Widerstand genauso wie ihre spirituelle Kreativität.
Konzept: Birgit Bosold & Sophie Rauscher Projektmanagement: Brigitte Oytoy Kamera & Schnitt: Christopher Hewitt Künstler*innen: Pauli Linke, fog gender, Jay Hulme, Stuart Beatch & i Coristi Chamber Choir
Am 10.06.2026 waren Ruby und Matthias im City Club Café Augsburg. Wir blicken auf einen informativen, unterhaltsamen und „schangeligen“ (wer nicht weiß, was das ist: Ihr habt was verpasst!) Abend in der „Domstadt“ zurück, bei dem es um Sexarbeit, Diskriminierung, radikale Fundamentalist*innen und chaotische Tunten ging.
Es war ein wundervoller (und super gut besuchter – DANKE!) Abend bei dem trotz der Ernsthaftigkeit der Themen auch viel gelacht wurde. Es ging um Huren in der Bibel, Ruby hat aus ihrem Buch „Warum sie uns hassen“ gelesen und in der anschließenden sehr ehrlichen und sachlichen Diskussion ging es neben dem Thema Sexarbeit auch noch um christlichen Fundamentalismus.
Überrascht – und irgendwie auch nicht – waren wir, wie wenigen z.B. Johannes Hartl oder dessen „Gebetshaus Augsburg“ etwas sagten. Ja, diese „Szene“ mag verständlicherweise vielen fremd sein. Das zeigt, wie sehr gilt wir alle als Zivilgesellschaft hinschauen müssen, wo über unterm dem Deckmantel vermeintlicher „christlicher Nächstenliebe“ Gruppen versuchen, mit diskriminierenden und teils menschenfeindlichen Ideologien sowie unseriösen „Hilfsangeboten“ an Einfluss zu gewinnen. Und das geht uns alle an!
Auch die aktuellen Misshandlungsvorwürfe gegen das Kinderheim „Haus SeeNest“ von Mission Freedom blieben nicht unerwähnt – denn Mission Freedom ist ebenso wie der Verein AugsburgerInnen gegen Menschenhandel (der wiederum mit der Augsburger Freikirche „projekt X“ verbunden ist) und dem katholischen Verein Solwodi (der u.a. in Augsburg aktiv ist) Mitgliedsorganisation im evangelikalen Anti-Sexarbeitsverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh)…
Repression hat viele Gesichter: Polizeiliche Übergriffe und Razzien, ausgrenzende Vorstellungen (wie sie u.a. Fundis vertreten) darüber, wie Sexualität, Elternschaft und Begehren zu sein hat, und eine auf ihr sauberes Image bedachte Stadt, sind nur einige unter vielen mehr
Vielen Dank an den City Club Augsburg, dem Queerfeministischen Bündnis Augsburg und alle die dabei waren, insbesondere auch @nachtigrrrl für die schwungvolle Moderation, Gloria Holia für tuntastische Energie und super Showeinlagen sowie @lutze0815 für die Awareness!
Antwort der Bundesregierung zu Kleiner Anfrage BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN
Am 29.05.2026 richtete die Bundestagsfraktion BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN in einer Kleinen Anfrage (BT-Drs. 21/6166) einen Katalog mit insgesamt 29 Fragen zu möglichen Verbindungen zwischen christlichem Fundamentalismus und Rechtsextremismus in Deutschland an die Bundesregierung.
Die Anfrage nimmt in ihrem ausführlichen Fragenkatalog detailliert viele nationale und internationale Akteur*innen in Bezug, die uns auch immer wieder in unserer Arbeit bei FundiWatch begegnen. Dabei differenziert die Anfrage deutlich zwischen christlich-fundamentalistischen Akteur*innen im Speziellen und der wichtigen Rolle von Kirchen und christlichen Organisationen im Allgemeinen im Kampf gegen Rechtsextremismus und für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. So leitet die Anfrage mit den Worten ein:
„Die Kirchen, christlichen Wohlfahrtsverbände, Hilfswerke und Jugendorganisationen sind eine zentrale Säule im Kampf gegen Rechtsextremismus und eine starke Stimme für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. […] Insgesamt sind die Kirchen ein unverzichtbarer Bestandteil einer aktiven Zivilgesellschaft, die sich im Sinne der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vehement gegen extremistische Tendenzen und Vereinnahmung zur Wehr setzt. Umso mehr ist es im eigenen Interesse, extremistischen Tendenzen in den eigenen Reihen frühzeitig und mit der notwendigen Entschlossenheit entgegenzutreten.“
Nichstdestotrotz wurde die Anfrage in den vergangenen Tagen bereits von verschiedenen rechten und evangelikalen Medien als angebliches Anzeichen einer zunehmenden „Christenverfolgung“ geframed. Was uns nicht überrascht hat. Und leider sehen wir auch bei den (Amts-)Kirchen nicht immer die notwendige Entschlossenheit, sich von Vereinnahmungsversuchen christlich-fundamentalistischer Akteur*innen abzugrenzen.
Die Kleine Anfrage fragt nach möglichen Verbindungen zwischen christlich-fundamentalistischen Milieus, der AfD und rechtsextremen Netzwerken. Thematisiert wurden unter anderem christliche Influencer*innen, internationale Vernetzungen, die Lebensschutzbewegung, antifeministische und queerfeindliche Positionen sowie mögliche demokratie- und sicherheitspolitische Risiken. Zudem wollte die Fraktion wissen, welche Erkenntnisse Sicherheitsbehörden zu entsprechenden Akteur*innen und Strukturen vorliegen.
Mittlerweile liegt die Antwort der Bundesregierung vor, über die diverse Medien bereits berichten (vgl. zur dpa-Meldung z.B. Tagesspiegel vom 13.06.2026). Demnach erkennt die Bundesregierung Verbindungen einzelner christlich-fundamentalistischer Akteure zu AfD-nahen und internationalen rechten Netzwerken. Der Verfassungsschutz beobachte zudem Akteur*innen, die christliche Motive zur Verbreitung extremistischer Inhalte einsetzen. Namen nennt die Bundesregierung bislang offenbar nicht.
Mit der Antwort bestätigt die Bundesregierung erstmals, dass der Verfassungsschutz christlich-fundamentalistische Akteur*innen und Netzwerke mit Verbindungen in nationale und internationale Netzwerke, die extremistische und verfassungsfeindliche Ideologien verbreiten, im Blick hat.
Öffentlich verfügbar ist die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage (BT-Drs. 21/6473) bislang noch nicht. Nach Auswertung der Antwort werden wir ausführlicher berichten.