In Leipzig öffnet gerade eine neue Beratungsstelle für „Menschen in der Prostitution“: Yadira. Es gibt bereits die niedrigschwellige Beratungsstelle mit einem Ansatz der anerkennenden Sozialen Arbeit: Die Fachberatungsstelle Leila der Aidshilfe Leipzig. Warum also eine zweite Beratungsstelle?
Wer steht hinter „Yadira“?
Yadira wird vom Verein The Justice Project (TJP) unter der Leitung von Justin Shrum betrieben. TJP betreibt in Karlsruhe bereits eine Beratungsstelle für „Menschen in der Prostitution“ (Mariposa) und eine für westafrikanische Betroffene von Menschenhandel (Oase). Der Verein hat laut seiner Satzung einen christlichen Hintergrund und stellt eine akzeptierende Soziale Arbeit in Aussicht. Diese soll einen „ganzheitlichen Ansatz, der den Menschen im christlichen Menschenbild von Geist, Körper und Seele betrachtet“ verfolgen. Was kann man sich darunter vorstellen?
Fragen an Leiter Justin Shrum
Das haben wir auch Justin Shrum von TJP gefragt. Seiner Antwort auf unsere Anfrage zufolge, ist der Verein „keine religiöse Organisation und verfolgt keinerlei missionarische Ziele“.
TJP stehe dem „Nordischen Modell“ „kritisch gegenüber“. Die Arbeit sei „menschenrechtsbasiert und richtet sich an alle Menschen der definierten Zielgruppe, unabhängig von Herkunft, rassistischer Zuschreibung, sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität, sozialer Lage, Religion, Behinderung oder Lebens- und Familienform.“ Shrum betont darüber hinaus, sein privates und öffentliches Lebens zu trennen:
„Persönlich bewegen meine Frau und ich uns wie viele Christ:innen in unterschiedlichen kirchlichen Zusammenhängen; das ist Teil unseres privaten Gemeindelebens und berührt die Unabhängigkeit, Arbeit und Ausrichtung von TJP nicht. Wichtig ist mir hierbei, meine private Person als gläubigen Menschen und studierten Theologen (M.A. London School of theology) von meiner Rolle als Vorstand von TJP sowie von der Arbeit des Vereins zu trennen.“
Ideologischer Hintergrund von Justin Shrum: TJP als Missionsprojekt?
Vergleichen wir Shrums Biografie und Social-Media-Posts mit diesem Statement, kommen an dieser Darstellung und der klaren Trennung von privater Religiosität und professioneller Arbeit erhebliche Zweifel auf.
Shrum wirbt auf zwei US-amerikanischen Websites evangelikaler internationaler Missionsorganisationen für Spenden für TJP und die eigene Arbeit, konkret beim World Outreach Center und bei der Dove Mission.
In der Gründungsphase der Beratungsstelle Oase äußerte Shrum sich darüber, dass Gott „sie“ (wahrscheinlich TJP) im Kampf gegen den Menschenhandel „installiert“ habe:
In einem theologischen Essay unter dem Titel „Integrative Theology Applied to the Use of African Traditional Religion and Voodoo Rituals in Cases of Nigerian Sex Trafficking“ und einer darauf aufbauenden Master-Arbeit entwickelte Shrum parallel zum Entstehen der Beratungsstelle eine Art Ritual unter Anwendung des Bibel-Psalms 82, das Betroffenen von Menschenhandel, die aufgrund eines geleisteten Juju-Schwurs Angst vor der Rache bösartiger Gottheiten haben, die Übermacht des christlichen Gottes demonstrieren soll. In seinem Essay vergleicht er dieses Ritual mit bestimmten Formen des pfingstlich-charismatischen Exorzismus (hier nachzulesen).
Auf Facebook berichtet Shrum außerdem über seinen Glauben an die Heilung durch Handauflegen.
Auf die Frage, ob das Anti-Juju-Ritual in der Sozialen Arbeit des Vereins Anwendung finde, erhielten wir die folgende Antwort:
„Die in der Arbeit [gemeint ist die Masterarbeit, Anm. d. Verf.] vorgeschlagene Methode wird heute also nicht als internes Verfahren von TJP angewandt. Wir nehmen einen spezifischen, kultursensiblen Unterstützungsbedarf wahr und leiten auf Wunsch an eine dafür qualifizierte Stelle weiter.“
Allerdings liegt uns eine Päsentation zu einem bei der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge gehaltenen Vortrag von TJP aus dem Jahr 2022 vor, in dem genau diese Methode vorgestellt wurde. Die betreffende Abrufseite ist auf der Homepage der Akademie mittlerweile gelöscht, über das Webarchiv allerdings weiterhin abrufbar.
„The Girl in Dirt“ – Die „Reinwaschung“ der „Prostituierten“
Die Gründung der Beratungsstelle Mariposa wurde durch die Veröffentlichung des Image-Video „The Girl in Dirt“ begleitet. Bilder von einer stereotyp dargestellte straßenbasierten Sexarbeiterin, die von einer Sozialarbeiterin/Missionarin angesprochen wird, werden darin mit Bildern einer von Schlamm überzogenen Frau parallelisiert, die „rein“gewaschen wird, während eine männliche Stimme zu den Tönen eines synthetischen Orchesters ein bizarres Gedicht vorträgt. Das Video hat erkennbar Züge eines Konversions-Narrativs.
Mehrmals repostete Shrum auf Facebook zustimmend Artikel der umstrittenen US-amerikanischen Anti-Sexarbeits-Organisation Exodus Cry, die sich u.a. für eine Kundenkriminalisierung in der Sexarbeit aussprechen. Exodus Cry steht der Mega-Church International House of Prayer Kansas (IHOP) des Antisemiten und Queerfeinds Mike Bickle nahe, der laut einem Aufarbeitungsbericht mindestens 17 Menschen sexuell missbraucht hat. Der Gründer von Exodus Cry Benjamin Nolot steht ebenfalls in der Kritik, weil er Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust verglich und sich gegen die Ehe für Alle in den USA einsetzte. Samantha Cole kritisierte die Organisation auch für ihr ambivalentes Verhältnis gegenüber militanten Neonazi-Organisationen.
Bevor Shrum nach Deutschland kam, wurde er in der F.I.R.E. – School of Ministry in Charlotte des queerfeindlichen Predigers Dr. Michael Brown ausgebildet, der der pfingstlich-charismatischen Denomination der Assemblies of God angehört und bereits als Shrum noch in Charlotte lebte Anhänger gegen einen lokalen Pride Marche mobilisierte.
Verbindungen zur Alive Church
Shrum predigt bis heute regelmäßig in der Alive Church in Karlsruhe. Die Gemeinde ist Teil des Bunds Freikirchlicher Pfingstgemeinden, der ebenfalls zur World Assemblies of God Fellowship gehört und der in seiner „Stellungnahme zur Homosexualität in Bibel, Gemeinde und Gesellschaft“ sowie in seiner „Stellungnahme zur Frage unterschiedlicher sexueller Identitäten – Transgender und Kirche“ klar queerfeindlich positioniert hat. TJP selbst unterhalte laut Shrum „keinerlei institutionelle Verbindungen zur AoG.“ Welche Verbindungen aber bestehen, bleibt offen. Auf der Website der Alive Church wird TJP jedenfalls als soziales Projekt verlinkt und es ist die Rede von einer „Unterstützung“.
Positionierung von TJP zur Kundenkriminalisierung (sog. Nordisches Modell) – Zweifel bleiben
Tatsächlich scheint sich die Positionierung des Vereins TJP zur Kundenkriminalisierung in der Sexarbeit von Shrums bereits erwähnten Äußerungen auf Facebook zu unterscheiden: Im TJP-Jahresbericht von 2018 ist die Rede von drei gleichwertigen Ansätzen: Dem Abolitionismus bzw. der „Abschaffung der Prostitution“, der „gegensätzliche“ Ansatz der „Rechte von Sexarbeitern“ sowie eines dritten Ansatzes, der sich auf die „Bekämpfung des kriminellen Menschenhandels“ beschränke, ohne sich generell zu Sexarbeit zu positionieren. Uns gegenüber teilte Shrum mit, dass TJP den Netzwerk-Verein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) (bei dem TJP zuvor seit 2016 Mitglied war) im Jahr 2023 verlassen zu haben, weil dieser sich von da an offiziell für eine Kundenkriminalisierung positionierte. Zudem unterscheidet TJP zwischen Menschenhandel und „Prostitution“, was bei vielen Befürworter*innen einer Kundenkriminalisierung nicht der Fall ist. Ob sich die (vermeintlich neutrale) Positionierung des Vereins tatsächlich mit den christlichen Werten Shrums deckt oder ob und wie seine persönlichen Einstellungen hierzu auf die Arbeit von TJP einwirken, bleibt für uns offen. Eine klare öffentliche Positionierung von TJP gegen eine Kundenkriminalisierung, wie beispielsweise von anderen großen Organisationen wie der Diakonie Deutschland, dem KOK oder Amnesty International konnten wir jedenfalls nicht finden.
Ein taktisches Schweigen könnte hier, auch angesichts einer fehlenden Distanzierung von früheren Äußerungen Shrums, durchaus eine plausible Erklärung sein.
Ob Leipzig mit der Beratungsstelle Yadira etwas Positives dazu gewinnt, scheint uns zumindest fragwürdig. Sicher ist, wir werden das Ganze weiter beobachten.


