FundiWatch im Podcast „Queerocracy Now!“ zum „Freiheit-Kongress“ von ggmh, Mission Freedom & Co.
FundiWatch war zu Gast im Podcast „Queerocracy Now!“ vom BĂŒndnis âSelbstbestimmung Selbstgemacht (SBSG)â. Dort berichten wir von den Beobachtungen der regelmĂ€Ăig stattfindenden „Konferenzen gegen Menschenhandel“ im christlichen GĂ€stenzentrum Schönblick der Apis in SchwĂ€bisch-GmĂŒnd.
Ăber den diesjĂ€hrigen Freiheit-Kongress berichten wir zur Zeit in einer mehrteiligen Artikelserie. Teil 3 steht noch aus. Und so folgt nun zur VerkĂŒrzung der Wartezeit quasi Teil „2 1/2″…
Im GesprĂ€ch mit Jyn und Zoe berichtet Stella, die dieses Jahr den Kongress fĂŒr FundiWatch vor Ort beobachtet hat, von ihren EindrĂŒcken. Matthias – dem dieses Jahr fĂŒr den Kongress ein Hausverbot erteilt wurde – berichtet von seinen Erfahrungen aus der Kongressteilnahme im Jahr 2024 und was seither geschah. Zoe erklĂ€rt, was unter dem Thema „Rituelle Gewalt“ zu verstehen ist und welche (fragliche) Rolle dieses Thema auf den Kongressen und deren Umfeld spielt.
VorwĂŒrfe gegen Mitveranstalter ĂŒberschatten den diesjĂ€hrigen Kongress…
Und das alles vor dem Hintergrund sehr aktueller Entwicklungen:
Denn zwei Tage vor Beginn des Kongresses wurde bekannt, dass aus der Kinder- und Jugendeinrichtung „Haus SeeNest“ alle Kinder wegen vermeintlich kindeswohlgefĂ€hrdender Erziehungsmethoden vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Das Haus SeeNest ist eine Einrichtung des bereits seit Langem umstrittenen Vereins Mission Freedom, der Mitveranstalter des Kongresses war. Zu den VorgĂ€ngen im Haus SeeNest ermittelt mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft (mehr dazu hier).
Im Podcast wird deutlich, dass die Vorkommnisse im Haus SeeNest nicht isoliert betrachtet werden dĂŒrfen. Denn scheinbar zunehmend in den Bereich der Sozialen Arbeit vordringende Gruppen mit ganz eigener „Rettungs-Agenda“, drohen die ProfessionalitĂ€t der Sozialen Arbeit als wissenschaftsbasierte und sich der Wahrung der Menschenrechte und der Selbstbestimmung verpflichtet fĂŒhlende Profession zu unterlaufen. Um die Dimension dieser Gefahr einschĂ€tzen zu können, ist der Blick weit ĂŒber den (vermeintlichen) Einzelfall Mission Freedom hinaus zu richten – wie auch die Erfahrungen auf dem Freiheit-Kongress zeigen.
Queerocracy Now! ist ein Podcast, der aktuelle Themen aus einer trans-, inter- und nicht-binĂ€ren Perspektive zur kollektiven Selbstbestimmung mit einem Fokus auf Deutschland diskutiert.âš Der Podcast will eine kritische Stimme aus der Community und fĂŒr die Community sein in einer entscheidenden Zeit, in der wir fĂŒr Selbstbestimmung, Gleichheit und Freiheit fĂŒr alle kĂ€mpfen. Immer Freitags alle zwei Woche da, wo ihr Podcasts hört.
Und jetzt: Möglichst viele Erkenntnisse beim Hören!
„Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewĂ€rmt sind…“
Vom 26.04. bis zum 29.04.2026 fand zum dritten Mal der sog. Freiheit-Kongress im christlichen GÀstezentrum Schönblick statt.
In Teil 1unserer Beitragsreihe zum Kongress haben wir vor allem den ersten Tag besprochen. In diesem Teil geht es um die weiteren Tage, ĂŒber die uns unsere Beobachter*innen vor Ort berichteten.
Der Pietismus entstand im 17. Jahrhundert als Bewegung zur Vollendung der Reformation. Der Pietismus betont die Bedeutung der Bibel und eines lebendigen Glaubens, der zu einer innerlichen Wiedergeburt des Menschen fĂŒhren und Alltag und Leben prĂ€gen soll.
Im spĂ€ten 19. Jahrhundert gewannen EinflĂŒsse aus den evangelikalen Strömungen im angelsĂ€chsischen Bereich zunehmend an Bedeutung, etwa der Heiligungs- oder der Erweckungsbewegung. Der Pietismus importierte so teils Ideen wie die einer göttlichen Inspiration der Bibel, der Geisttaufe oder des Zungenredens.
Die Apis, der Schönblick & die Aktion Hoffnungsland
Der Altpietismus unterstĂŒtzte zwar die biblizistischen Tendenzen. Er definierte sich zunĂ€chst jedoch in der Abgrenzung von charismatischen und emotional orientierte AnsĂ€tze, die man als SchwĂ€rmerei ansah. Nach und nach öffnete man sich dennoch fĂŒr bestimmte charismatische Entwicklungen, wie die Lobpreis-Musik und einer allgemein stĂ€rker erlebnis-orientierten Gottesdienstkultur.
Die Aktion Hoffnungsland gGmbH bĂŒndelt als Bildungs- und Sozialwerk seit 2018 die zahlreichen diakonischen Initiativen der Apis und gehörte ebenfalls zu den Veranstaltenden des Freiheit-Kongresses.
Bis heute prĂ€gt der âschwĂ€bische Pietismusâ die evangelische Landeskirche WĂŒrttemberg. In der Evangelischen Landeskirche ist vor allem die Lebendige Gemeinde – die heute als Lebendige Gemeinde.ChristusBewegung in WĂŒrttemberg e.V. auftritt – stark pietistisch geprĂ€gt. Sie schlĂ€gt aber auch BrĂŒcken zu anderen konservativen, charismatischen und evangelikalen Strömungen. Neben der Offenen Kirche stellt sie den gröĂten GesprĂ€chskreis (Ă€hnlich einer Fraktion) in der demokratisch gewĂ€hlten Landessynode. Die Lebendige Gemeinde vertritt in kirchen- und gesellschaftspolitischen Fragen hĂ€ufig konservative bis kulturkĂ€mpferische Positionen und orientiert sich darin an Mobilisierungen des christlichen Nationalismus in den USA.
FĂŒr den nĂ€chsten Kongress gegen Christenverfolgung sind auch Vertreter der Alliance Defending Freedom (ADF) angekĂŒndigt, einer christlich-nationalistischen, antifeministischen und queerfeindlichen Anwalts-Lobby-Organisation, die eine tragende Rolle fĂŒr die strategische ProzessfĂŒhrung der MAGA-Bewegung spielt. Das European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rightsordnet die Organisation als religiös extremistisch ein und warnt vor ihrem zunehmenden Einfluss in Europa.
Auf dem letzten MUT-Kongress wurde das sogenannte 7-Mountain-Mandatediskutiert, eine herrschaftstheologische Prophezeiung, die sich auf die Johannesapokalypse bezieht und die bevorstehende Dominierung jedes Teilbereichs der Gesellschaft durch das Christentum verkĂŒndigt.
Der Israelkongress fokussiert sich traditionell auf die Missionierung von JĂŒd*innen im Kontext der Endzeit und auf die auĂenpolitische UnterstĂŒtzung der israelischen Kriegspolitik.
Tabea Freitag spricht fĂŒr return, einer sogenannten Fachstelle fĂŒr Mediensucht. Mit ihrer BroschĂŒre Fit for Love: Lehrmaterial fĂŒr die PrĂ€vention von Pornokonsum und sexueller Gewalt, die sie auf dem Kongress prĂ€sentiert, ist sie in der aufsuchenden Schulsozialarbeit tĂ€tig.
Quelle: Screenshot Youtube, Demo fĂŒr Alle, Vortrag vom 9.11.2024: „Fit for Love? PrĂ€vention von Pornokonsum und sexueller Gewalt“
Auf FundiWatch-Anfrage, ob Freitag mit der Kontextualisierung ihres Vortrags auf dem Symposium bei der Demo fĂŒr Alle in den Kontext einer planmĂ€Ăigen PĂ€dophilisierung der Gesellschaft einverstanden ist, antwortet sie barsch und unterstellt uns eine „trickreiche Frage“, da der Begriff „PĂ€dophilisierung“ nach „entsprechender Internetrecherche“ gar nicht existiere. Weiter teilt Freitag mit:
„Ich bitte um VerstĂ€ndnis, dass all diese offenen Fragen mich nicht ermutigen, Ihre seltsame, trickreiche Frage zu beantworten. Ich habe allen Grund, die SeriositĂ€t Ihrer Motive in Frage zu stellen.Â
Ich bin ausschlieĂlich verantwortlich fĂŒr die Inhalte meiner VortrĂ€ge, nicht fĂŒr PresseerklĂ€rungen u.d.g. von Veranstaltern. Ich sehe von daher keinerlei Veranlassung, mich zu Ihrem Framing(!) von Einladung, PresseerklĂ€rung o.Ă€. Dritter zu Ă€uĂern.“
In SchwĂ€bisch GmĂŒnd prĂ€sentiert Freitag neben einigen Folien zu ihrer BroschĂŒre, wie uns unsere Beobachter*innen berichteten, obskure Folien ĂŒber âGolemsâ, âEkelzeugsâ, âDigitale Deportationâ, âEgosexâ, âInstantbefriedigungâ, âTotale Unterwerfung und Kontrolleâ (reprĂ€sentiert durch das âKetzerhalsbandâ, auch als Choker bekannt), die âdunkle Triadeâ und die âPornotopiaâ garniert mit Zitaten von Che Guevara und eines HolocaustĂŒberlebenden.
Auch wenn viele Ideen unklar bleiben: Die Botschaft, Pornografie ist böse, bleibt hĂ€ngen. Pornografie diene âTĂ€tern, Narzissten, Machiavellisten, Sadisten und Psychopathenâ.
Anna Schreiber (Psychotherapeutin)
Vermeintlich psychologisch informiert geht es weiter. Anna Schreiber, eine Psychotherapeutin aus Karlsruhe spricht ĂŒber ihren âheiligen Wegâ des Ausstiegs aus der âProstitutionâ und ĂŒber Möglichkeiten Frauen zu ârettenâ und ihr Schweigen zu brechen.
Die zentrale These von Schreibers Vortragslautet: âEs gibt keine Prostitution ohne Dissoziation.â Freiwilligkeit existiere nur als Mythos oder Illusion. Wenn jemand glaubt in der Sexarbeit freiwillig tĂ€tig zu sein, habe man es vermutlich mit einem âTĂ€ter-Introjektâ zu tun: Einer inneren Stimme also, die sich die Rechtfertigungen und Beschimpfungen böswilliger Profiteure angeeignet habe, um Konfliktsituationen zu navigieren. Eigentlich sprĂ€che hier nicht eine Sexarbeiter*in ĂŒber ihre Erfahrung, sondern TĂ€ter ĂŒber den Körper eines Opfers, das die Kontrolle ĂŒber sich selbst verloren hat.
In der Diskussion wird noch breit ĂŒber die âkuriosen SexualitĂ€tenâ diskutiert, die Aussteiger*innen entwickeln wĂŒrden, um ihre schlechten Erfahrungen mit MĂ€nnern zu bewĂ€ltigen und was man als Sozialarbeiter*in dagegen tun könnte.
FĂŒr Schreibers Vortrag gibt es  schallende Standing Ovations.
Die Stimmung âsteigtââŠ
âHeftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewĂ€rmt sind und sich gut gegenseitig reinsteigern…“
…so schildert es unsere Beobachter*in.
Um zu verstehen was hier passiert, hilft die Analyse-Kategorie der epistemischen Ungerechtigkeit weiter: Der Gedanke stammt aus der feministischen Philosophie und beschreibt Situationen, in denen es Personen unmöglich gemacht wird mit ihren Problemen und BedĂŒrfnissen, gehört und verstanden zu werden.
Schreibers psychologisches Framework stellt ein Beispiel fĂŒr epistemische Ungerechtigkeit dar, weil jede ĂuĂerung einer Sexarbeiter*in, die Schreibers theoretischen Modell widerspricht zu einer OberflĂ€chlichkeit oder Illusion erklĂ€rt werden kann, hinter der sich die Wahrheit, die nur die Psychologin kennt, verbirgt. FĂŒr Leute, die Schreibers Framework ernst nehmen, wirkt es suggestiv. Die Erfahrungen der Personen, die ihm nicht folgen macht es unsichtbar.
Besonders perfide ist dabei der Gegensatz von Schweigen und Sprechen. Jede Sexarbeiter*in, die sich kontrĂ€r zu Schreibers Thesen Ă€uĂert, âschweigeâ demzufolge im Grunde noch, wĂ€hrend nur die auf dem âheiligen Wegâ Gerettete wirklich ihr Schweigen breche. In der Wirkung diskrediert Schreiber so ihr nicht genehme ĂuĂerungen von Sexarbeitenden.
Ăber Schreibers Absicht können wir nur spekulieren, doch es liegt nahe, dass Sexarbeiter*innen solche Werturteile ĂŒber ihre Erfahrungen einschĂŒchtern und verstummen lassen könnten.
Und dann: Ein Wunder!
Gegen Ende des Vortrags betritt dann eine Person die BĂŒhne, die sich als Opfer ritueller organisierter Gewalt vorstellt.
Sie erklĂ€rt, dass sie nach dem Abschluss-Gottesdienst des letzten Kongresses zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf eigenen Beinen die Stufen zur BĂŒhne erklimmen und auf ihren Rollstuhl verzichten konnte (mehr dazu auch noch – in KĂŒrze! – in Teil 3 unserer Serie).
Die Person berichtet ĂŒber âhöllischeâ Erfahrungen mit ihrer Familie, Ărzten und einem âKultâ und dankt fĂŒr die Arbeit der Vereine CARA und Mission Freedom zu ritueller Gewalt.
Die Grenze zwischen dem Erfahrungsbericht einer Gewaltbetroffenen und einem Zeugnis im religiösen Sinne verschwimmt.
Exorzismen und DĂ€monen – Workshop CARA e.V.
In dem spĂ€ter folgenden Workshop von CARA e.V. (CARA steht fĂŒr „Care Aout Ritual Abuse“) geht es mit genau diesen Themen weiter.
Was bei Schreiber noch als vage psychoanalytische Kategorie (TÀter-Introjekt) vorkommt, wird dort erheblich zugespitzt und auch offener religiös interpretiert. Plötzlich ist, wie sich unsere Beobachter*in erinnert, auch die Rede von der Besessenheit durch DÀmonen und der Bedeutung von Exorzismen.
Der Schweizer Verein CARA steht insbesondere seit einer Investigativ-Recherche des SRFschon seit lÀngerem in der Kritik, VerschwörungserzÀhlungen zu verbreiten und in die Therapie und Sozialarbeit zu tragen.
Eine Anfrage an CARA mit Bitte um Stellungnahme zu dem Workshop blieb bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags unbeantwortet.
Ein Skandal muss drauĂen bleiben: Verdacht auf KindeswohlgefĂ€hrdung bei Mission Freedom-Einrichtung ist kein Thema
Auch Mission Freedom e.V. â ebenfalls Mitveranstalter des Kongresses â steht in der Kritik.
Erst am Freitag vor dem Kongress wurde bekannt, dass wenige Wochen zuvor im Haus SeeNest von Mission Freedom im AllgĂ€u, alle sechs der dort untergebrachten Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Als Grund fĂŒhren die Behörden kindeswohlgefĂ€hrdende Erziehungsmethoden und einen unangemessenen Umgang mit freiheitsbeschrĂ€nkenden MaĂnahmen an. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaften Ermittlungen wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener eingeleitet.
Die Ereignisse waren vermutlich der Grund, warum Gaby Wentland â GrĂŒnderin und Vorsitzende von Mission Freedom â bei dem Eröffnungsvortrag nicht wie geplant auf dem Podium auftrat. Sie saĂ im Publikum.
Einige Tage nach dem Kongress wurde bekannt, dass Gaby Wentland ihre VorstandstÀtigkeit beim Mitveranstalter des Kongresses ggmh vor dem Hintergrund der VorgÀnge im Haus SeeNestvorlÀufig ruhen lasse.
Die VorfÀlle im Haus SeeNest blieben auf dem Freiheit-Kongress selbst hingegen unerwÀhnt.
Gerckens ist ebenfalls fĂŒr Mission Freedom tĂ€tig und GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Mission-Freedom-Tochtergesellschaft HimmelsstĂŒrmer Deutschland gGmbH, die das Haus SeeNest betreibt.
Die Zeit ging in einem Artikel (Paywall) der Geschichte eines offenbar auch im Film erwĂ€hnten Falls eines angeblich von ritueller Gewalt betroffenen MĂ€dchens nach. Schon vorher hatte u.a. die Zeit zu dem Fall und der sich letztlich als unwahr herausgestellten Geschichte recherchiert. In dem Artikel ging die Zeit einer Spur nach, wonach Angehörige kurzzeitig fĂŒrchteten, ihre Mutter wolle das MĂ€dchen im Haus SeeNest im AllgĂ€u unterbringen. BestĂ€tigen lies sich das nicht. Betrachtet man die Liste der Förderer des ĂŒber Crowdfundig finanzierten Films findet man jedoch eine Reihe von Namen aus den Kreisen von ggmh und Teilnehmenden des Freiheit-Kongress.
Der Zeit-Artikel war zwischenzeitlich offline. Unter dem Artikel findet sich nun ein Hinweis auf eine rechtliche Auseinandersetzung, weswegen gewisse biographische Angaben zu dem MĂ€dchen entfernt worden seien.
âBetroffenenschutzâ durch Hausverbot?
Obwohl solchen hochgradig kontroversen Organisationen beim Kongress eine BĂŒhne geboten wird, wurde die Absage fĂŒr die Teilnahme am Kongress und ein Hausverbot, die einem Mitglied von FundiWatch erteilt wurden mit dem Betroffenenschutz begrĂŒndet.
In der betreffenden Absage-Mail nebst durch die Kongressleitung ausgesprochenen Hausverbot heiĂt es:
„Die AufklĂ€rung und den Schutz vor geistlichem Missbrauch sehen wir uns ebenso verpflichtet wie dem Schutz vor sexueller Gewalt. Betroffenen aller Gewaltformen wollen wir einen geschĂŒtzten Rahmen bieten. Dies gilt ausdrĂŒcklich auch fĂŒr Betroffene von ritueller und organisierter Gewalt. Gerade diese Menschen erleben immer wieder, dass ihre Erfahrungen infrage gestellt oder relativiert werden. Umso wichtiger ist es uns, auch ihnen einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich sicher fĂŒhlen und offen sprechen können.
Diesem besonderen Schutzauftrag fĂŒhlen wir uns bei dieser Veranstaltung in besonderer Weise verpflichtet.“
Betroffenenschutz wird so instrumentalisiert, um VerschwörungserzĂ€hlungen zu legitimieren und um so manche Organisation zu schĂŒtzen, die ihre Klient*innen nachweislich gefĂ€hrdet.
Der Kongress bietet radikalen und fundamentalistischen KrÀften einen Anschein der SeriositÀt und einen Zugang zu Politik und zivilgesellschaftlichen Institutionen. Wenn man vor Ort ist verfliegt dieser Anschein schnell.
Teil 3: Der Kongress 2024 und was seither geschah
In unserem dritten Teil zum Freiheit-Kongress gehen wir nÀher auf den letzten Kongress im Jahr 2024 ein und welche KontinuitÀten wir beobachten.
Damals gab es FundiWatch noch nicht. Ein heutiges GrĂŒndungsmitglied war jedoch vor Ort und schildert in Teil 3 (erscheint in KĂŒrze!) seine damaligen EindrĂŒcke und KontinuitĂ€ten zum diesjĂ€hrigen Freiheit-Kongress. Dabei wird es auch um die UnterstĂŒtzung des Kongresses durch mehrere Politiker*innen gehen.
Edit (18.07.2026): Vor Teil 3 waren wir ĂŒbrigens in „Teil 2 1/2“ noch mit beim Podcast âQueerocracy Now!â, in dem wir mit eine*r unsere*r Beobachter*innen vor Ort ĂŒber den Kongress berichten. Mehr dazu hier!
Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen GÀstezentrum Schönblick statt.
Beten, Reinsteigern und Kampagne In Gottes Namen
Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen GÀstezentrum Schönblick statt.
In einer Beitragsreihe berichten wir ĂŒber den Kongress christlich-fundamentalistisch und ultra-konservativ ausgerichteter Organisationen – bei dem bemerkenswerte BĂŒndnisse geschmiedet werden.
Der Freiheit-Kongress in SchwĂ€bisch-GmĂŒnd
Bei dem Kongress handelt es sich um eine groĂ angelegte Netzwerkveranstaltung christlich-fundamentalistisch, ultra-konservativ und esoterisch-traumatologisch ausgerichteter Organisationen. Bemerkenswert ist, wie bei den Themen Sexarbeit, Pornografie, Rituelle Gewalt BĂŒndnisse zwischen KrĂ€ften möglich werden, die bei anderen Themen rundheraus unmöglich sind.
Dieses Jahr nahmen rund 400 Menschen am Freiheit-Kongress teil. Unsere Beobachtenden vor Ort erlebten ein Wechselbad aus GefĂŒhlen, Furor und ⊠Entschlossenheit. Kritische Medienvertreter*innen vor Ort fehlten, dafĂŒr war der freikirchliche Sender ERF und das evangelikale Medium IDEA Partner*innen der Veranstaltung.
Zur Erinnerung: Der Tagungsort Schönblick machte bereits im Mai 2025 als Tagungsort des Anti-Abtreibungs-KongressLeben.WĂŒrde unter der Schirmherrschaft von Jana Hochhalter (aka Jana Highholder) und Bischof Stefan Oster von sich reden. RegelmĂ€Ăig finden dort Veranstaltungen aus dem charismatischen und evangelikalen Spektrum statt. Mehr dazu in Teil 2 dieser Reihe.
Unter dem Motto âGemeinsam gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutungâ tauschte sich vier Tage lang ein erstaunlich heterogenes Potpourri aus Prediger*innen, Beter*innen und âExpert*innenâ zu Themen wie âProstitutionâ, Ritueller Gewalt und Pornografie aus. Aufwallende Emotionen gehören dazu, begleitet von geistlicher Musik, Predigten, VortrĂ€gen und Paneldiskussionen.
Beachtlich: die teilweise hochaufgeladene Stimmung schreckt Politiker*innen nicht von der Teilnahme ab – wie bereits beim vorherigen Kongress 2024 (Teil 3 – folgt bald!) suchten einige auch 2026 wieder die NĂ€he hochreligiöser Netzwerke, die bei ihren Rettungsversuchen auch vor dubiosen und teilweise obskuren Methoden nicht zurĂŒckschrecken.
Auf der orange (steht weltweit fĂŒr Engagement gegen Gewalt an Frauen) gehaltenen Homepage wird informiert, dass der Freiheit-Kongress von einer âVeranstalter- und Kooperationsgemeinschaftâ ausgerichtet wird. 40 NGOâs seien daran beteiligt, davon werden prominent mit Logo gelistet:
Doch auf dem Freiheit-Kongress spielt dieser Vorfall keine Rolle. Genau genommen spielt nichts eine Rolle, was die zunehmend fanatisch vorgetragene Einigkeit stören könnte. Soweit uns berichtet wurde, erwĂ€hnte niemand öffentlich die Inobhutnahme der Kinder. Vielleicht ist jenen, die sich auf der ârichtigen Seiteâ in einer höchst emotionalisierten Debatte wĂ€hnen, Transparenz und Widerspruch einfach fremd?
Sind sie vielleicht gewohnt, dass es sich am âLagerfeuer der AnstĂ€ndigenâ warm und trocken sitzt und kritische Fragen anderen gestellt werden?
Quelle: „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ von Ruby Rebelde (2025)
Auf dem Freiheit-Kongress geht es nicht um ein vollstĂ€ndiges Bild der komplexen Themen Sexarbeit & Menschenhandel, auch nicht um differenzierte Analyse und schon gar nicht um durchdachte LösungsvorschlĂ€ge. Das Event steht fĂŒr (schein-)heilige Selbstbespiegelung, emotionale Radikalisierung und scharfe Kritik an Andersdenkenden.
Tag 1 â AufwĂ€rmen & SeriositĂ€t mimen
Vier Tage Gebet, Seminare, Reden und Musik liegen am Sonntag in SchwĂ€bisch-GmĂŒnd vor den Teilnehmenden.
Um 14:30 Uhr startet der Einlass. Nach ĂŒberschwĂ€nglichen GruĂworten â der BĂŒrgermeister von SchwĂ€bisch-GmĂŒnd ist Schönblick-Fan, allem Anschein nach auch von den tollen (Anti-Abtreibungs-, Anti-Sexwork,- Anti-Vielfalts-) Events dort – startet der Kongress mit einem Vortrag von Dr. Jakob Drobnik.
Quelle: https://freiheit-kongress.de/programm
Dr. Drobnik (oder âJayâ, Instagram), tritt im geschniegelten Chic der neuen Rechten auf, Einstecktuch im Anzugjacket, Krawatte, akkurat frisiert.
Einschub: Wer sich wundert, wieso ich in diesem Artikel gleich zwei Mal ĂŒber Kleidungsstile (von Huschke Mau und Jakob Drobnik) spreche: Mit einem bestimmten Auftreten und Aussehen verbinden sich auch Aspekte, wie Habitus, Milieu und Zielgruppe. Bei den entsprechenden Einordnungen in diesem Text geht es also nicht um Abwertung oder persönlichen Diss, sondern eher um die Frage der AnschlussfĂ€higkeit und Akzeptanz fĂŒr die spezielle Zielgruppe auf dem Schönblick. Einschub Ende
Der 40-jĂ€hrige arbeitete unter der Professorin Elke Mack an deren Lehrstuhl fĂŒr Christliche Sozialwissenschaft und Sozialethik an der Uni Erfurt und seit einigen Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Posen. Er promovierte zu Fundamentaltheologie.
Drobnik ist auch im Vorstand vom pseudowissenschaftlichen Institut DIAKA(Deutsches Institut fĂŒr Angewandte KriminalitĂ€tsanalyse), unter deren Dach seit Jahren Stimmung gegen das aktuell in Deutschland gĂŒltige Prostituiertenschutzgesetz und fĂŒr die EinfĂŒhrung der Kriminalisierung der Nachfrage nach schwedischem Vorbild erzeugt wird. Pseudowissenschaftlich, denn der Begriff âInstitutâ ist in Deutschland nicht geschĂŒtzt und somit kein QualitĂ€tssiegel. Wir von FundiWatch könnten ein „Institut fĂŒr Angewandte Fundianalyse“ grĂŒnden. Der Begriff Institut an sich trifft keine Aussage, ĂŒber das, was sich dahinter verbirgt.
Das DIAKA beauftragte die bereits erwĂ€hnte Professorin Mack und Ullrich Rommelfanger mit dem Buch âSexkaufâ, an dem auch Drobnik mitschrieb â sonst finden sich auf der DIAKA-Homepage eher skandalisierende und empörte Blogartikel. Â
Doch Drobniks Name ist noch mit einem anderen Vorfall verbunden: Er verfasste als Habilitationsschrift einen Text ĂŒber die Kriminalisierung der Nachfrage unter dem Titel „Nordisches Modell und Menschenhandel“ (Edit: 18.07.2026: mehr zur Kritik an der „Studie“ hier), die er im Juni 2025 auf einem Termin, der wie eine offizielle Pressekonferenz inszeniert war, feierlich-zeremoniell der zustĂ€ndigen Ministerin Karin Prien ĂŒberreichte. Dies geschah -zufĂ€llig?- an dem Tag, als die von der Ampelregierung beauftragte wissenschaftliche Evaluation des Prostituiertenschutzgesetz veröffentlicht wurde. Ministerin Prien nahm im Grunde also eine alternative Arbeit, statt des immerhin durch die VorgĂ€ngerregierung beauftragten Evaluationsbericht des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) entgegen. Jeder Person steht frei, sich ihren Teil zu diesem Verhalten des BMBFSFJ denken.
Drobniks akademische TĂ€tigkeit an sowohl juristischen als auch theologischen FakultĂ€ten macht ihn zu einem perfekten Scharnier innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung. Dort sammeln sich, bildlich gesprochen: am Lagerfeuer der AnstĂ€ndigen, konservative, ultra-religiöse und frauen â RECHTS â bewegte Strömungen.
Auch die extreme Rechte beansprucht zunehmend, in dieser Debatte mitzusprechen. Vor Kurzem luden eine AfD- und eine FPĂ-Abgeordnete zu dem Event âKĂ€ufliche Liebe ins Rechte Licht (sic) gerĂŒcktâ ins EuropĂ€ische Parlament. Der lagerĂŒbergreifende Tenor lautet: Strengere Gesetze zu Sexarbeit, Selbstbestimmung und Leihmutterschaft mĂŒssen her. Ihre Strategie: Moralpaniken angesichts einer, ihrem Empfinden nach, verheerenden Ist-Situation zu schĂŒren.
In solchen Moralpaniken erfolgen stigmatisierende und diskriminierende Zuschreibungen, oft adressiert an ohnehin marginalisierte Menschen: Gender-Wahn als Bedrohung fĂŒr die weiĂe, bĂŒrgerliche christliche Frau, die Beschwörung eines gefĂ€hrlichen âStadtbildsâ, der Fingerzeig auf Migrant*innen und nicht-weiĂe TĂ€terkreise. Emotionale, hochpersönliche Reizthemen, wie Leihmutterschaft, Sexarbeit und Pornografie eignen sich dabei besonders, um sich als moralisch erhaben, rechtschaffen und selbstverharmlosend zu inszenieren.
Ein weiterer Stargast des diesjĂ€hrigen Freiheit-Kongress ist Huschke Mau. Ihr Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events. Sie ist sowas wie eine SĂ€ulenheilige der Gruppe von Ăberlebenden des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung. Mau teilt gern und happig gegen Sexarbeitende aus.
Nicht ihre persönliche Meinung zur Prostitutionspolitik ist das Problem, sondern ihr Anspruch, sie allein und ihre Gefolgsleute kannten die einzige âWahrheitâ, die sie aus ihren eigenen Erlebnissen verbindlich fĂŒr alle anderen ableitet. Wie viele in dieser âprostitutionskritischenâ Strömung teilt sie auch âgenderkritischeâ Einstellungen. Weil sich anekdotische Evidenz so schwer belegen lĂ€sst, sind in Maus Buch âEntmenschlichtâ auch keine kontextualisierenden FuĂnoten enthalten, und das – trotz oder wegen? – ihrer teils steilen Thesen.
Feminist*innen unter sich?
Mau’s Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events â teils auch direkt neben Gaby Wentland, der Vorsitzenden von Mission Freedom, fĂŒr die HomosexualitĂ€t fĂŒr Gott ein âGreuelâ ist und Abtreibung eine âBlutschuldâ.
Mau wird auf dem Schönblick im GesprĂ€ch mit Personen von Samaritans Purse beobachtet. Samaritans Purse ist in Deutschland besser als die âbarmherzigen Samariterâ oder durch ihre (oft kritisierte) Aktion âWeihnachten im Schuhkartonâ bekannt. Hinter ihrer sorgfĂ€ltig kuratierten Fassade aus NĂ€chstenliebe verbirgt sich eine (weitere) umstrittene Freikirche.
Samaritans Purse wird vom umstrittenen Franklin Graham geleitet, der in der Kritik fĂŒr islam- und queerfeindliche ĂuĂerungen steht. Graham brachte erst kĂŒrzlich erneut seine unbedingte UnterstĂŒtzung fĂŒr Trump zum Ausdruck. Das geschah, als dieser es sich gerade mit Teilen der Maga-Bewegung durch das KI-Bildchen, das ihn als heilenden Jesus-Arzt zeigte, verscherzt hatte.
Mau wird von Beobachtenden auf dem Kongress im GesprĂ€ch mit Markus Habicht, und einer weiteren Person im T-Shirt der Samariter-Kampagne âMĂ€nner gegen Menschenhandelâ gesehen. Ganz klar, hier unterhalten sich Feminist*innen unter sich…
Samaritans Purse und deren Projekt Alabaster Jar kooperieren eng mit der Anlaufstelle Neustart e.V. aus Berlin (ebenfalls Mitgliedsorganisationen von Gemeinsam gegen Menschenhandel).
Mau ist GrĂŒnderin des Netzwerks Ella. Sie und andere aus dieser Gruppe trifft man seit ĂŒber zehn Jahren immer dort, wo sich Stimmung gegen Sexarbeit machen lĂ€sst. Nun, so hört man, hat Mau ein neues Buch geplant, die nĂ€chste sexarbeitsfeindliche Welle muss schlieĂlich geritten werden.
Menschenhandel = âProstitutionâ
Die absolute Gleichsetzung von brutaler Gewalt und konsensueller IntimitĂ€t zwischen erwachsenen Menschen gegen VergĂŒtung ist das Muster. Und das durchzieht Titel, SelbstverstĂ€ndnis sowie Merch auf dem Freiheit-Kongress.
Und das nicht nur auf dem Schönblick, nicht nur an diesen vier Tagen: Ăberall allem prangt das Wort Menschenhandel. Doch die Aktionen und Events dieser Vereine und Organisationen richten sich in erster Linie gegen Sexarbeitende und marginalisierte Menschen. Die Akteure des Freiheit-Kongress protestieren in der Regel nicht auf Demos gegen Migrationsunrecht, gegen Abschiebungen oder den Rechtsruck. Sie treffen sich lieber in einem evangelikalen Tagungshaus bei Gebet und geistlicher Musik. Eine Beobachterin des Events sagt dazu:
âWĂ€hrend des gesamten Kongresses wurde kein Wort ĂŒber Alternativen zur Sexarbeit verloren. Flucht wurde ebenso wenig thematisiert, wie wirtschaftlicher Zwang. All diejenigen, die es wagen eine andere Position einzunehmen, als das âNordische Modellâ zu fordern, werden pauschal als Lobbyistinnen oder Profiteurinnen dargestellt. Gegenstimmen sind auf dem Kongress nicht zu hören, offensichtlich ist eine echte Debatte nicht erwĂŒnscht.â
Beobachterin, anonymisiert
Einbindung von Politik ins Fundi-Happening
Der Freiheit-Kongress ist trotz alledem kein Gottesdienst. Es geht hier nicht ausschlieĂlich um Religion, sondern darum, politisch wirksam zu werden. Das wird besonders deutlich am ersten Tag des Events.
âJayâ Drobnik ist vieles, aber ein spannender Redner ist er wohl nicht. Wer nach seiner Keynote nicht eingeschlafen ist, erlebt im Anschluss eine Podiumsdiskussion, die keine Zweifel offenlĂ€sst, dass hier kein harmloses Glaubens-Retreat stattfindet.
Huschke Mau moderiert eine Podiumsdiskussion, an der neben Keynotespeaker Drobnik auch Politiker*innen aus CDU, LINKEN, SPD und GrĂŒnen teilnehmen.
Wer nun sagt, âach, das ist ja nur die Landespolitikâ, hat die Rolle von Baden-WĂŒrttemberg innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung, aber auch mit Blick auf das rasche Vordringen erzkonservativer christlicher KrĂ€fte nicht verstanden.
Huschke Mau auf dem Schönblick sieht nicht aus, wie die Huschke Mau, die ich von Bildern von vergangenen Events mit ihr kenne. Dort war ihr Markenzeichen eine Bluse im Leomuster, sehr rote Lippen â ich habe mich schon oft ĂŒber ihre Anspielungen an jene ĂuĂerlichkeiten, die Sexarbeitenden zugeschrieben werden, geĂ€rgert. Ist ihr Schönblick-Outfit – hochgeschlossen, in blickdichter Strumpfhose und BlĂŒmchenrock ein ZugestĂ€ndnis an den evangelikalen Vibe des Kongress?
Mau befragt die Politik-Runde zum âblinden Fleckâ ihrer jeweiligen Parteien.
Auch eine Vertreterin der LINKEN hat auf dem Podium Platz genommen. FĂŒhrt man sich vor Augen, an welchem Ort getagt wird und mit was fĂŒr christlich-fundamentalistischen Vereinen und Organisationen der Freiheit-Kongress aufwartet, entspricht das wohl eher nicht einem emanzipatorischen SelbstverstĂ€ndnis.
Uta Beyer ist eine der Sprecherinnen der BAG Lisa, die schon öfter eine problematische NĂ€he zum Kreis um Katharina Sass und Liane Bissinger bewiesen hat. Diese lose Gruppe âborgtâ sich das Logo der Partei und nennt sich âLinke fĂŒr eine Welt ohne Prostitutionâ. Ansonsten ist Uta Beyer eher ein unbeschriebenes politisches Blatt.
Christian âchrist.gehringâ Gehring ist schon eine wirkmĂ€chtigere Figur (sorry, Uta): Er war in der letzten Legislatur kirchenpolitischer Sprecher der CDU in Baden-WĂŒrttemberg. Als Kriminalkomissar a.D. ist sein Profil gefragt in der Anti-Sexarbeits-Bewegung, die gern mit einer starken Betonung der Ordnungspolitik und der Exekutive aufwartet (so auch beim bereits erwĂ€hnten Institut DIAKA). Strafrechtsfeminist*innen lieben scheinbar markige Cops, und lauschen dann andĂ€chtig deren Copaganda-Anekdoten, ohne kritische Nachfragen.
Gehrings CDU Baden-WĂŒrttemberg lud 2025 die Evangelische Allianz Stuttgart (Gemeinsam fĂŒr Stuttgart) in den Landtag ein. Bei dieser Gelegenheit entstand ein Bild, das sich auf dem Instagram-Auftritt des evangelikalen Vereins Kainos(ebenfalls Mitgliedsorganisation von Gemeinsam gegen Menschenhandel) finden lĂ€sst. Gehring hĂ€lt ein Exemplar des Buches seines schwedischen Kollegen Simon HĂ€ggström in die Kamera.
Gehring steht stellvertretend fĂŒr einen Kurs, der Politik und Gesellschaft stĂ€rker an sehr konservativen Glaubensvorstellungen ausrichten will. 2025 kandidierte er fĂŒr die Evangelische Landessynode und galt zunĂ€chst als nicht gewĂ€hlt. Angetreten war er fĂŒr die konservative Lebendige Gemeinde (ChristusBewegung). SpĂ€ter wurde das Ergebnis korrigiert und Gehring zog doch noch in die Synode ein. Mit verheerenden Folgen: Auf diese Weise zog die Lebendige Gemeinte mit der Stimmanzahl der Offenen Kirche gleich. Die Lebendige Gemeinde lehnt zum Beispiel die rechtliche und liturgische Gleichstellung von queeren Paaren ab.
An diesem Beispiel wird klar, dass es solchen KrĂ€ften nie ânurâ um Sexarbeit und Menschenhandel geht. Auf Treffen wie dem Freiheit-Kongress verbinden sich ultra-konservative Ăberzeugungen mit dem politischen KalkĂŒl, Einfluss in allen gesellschaftlichen SphĂ€ren zu gewinnen (wie beim Seven Mountains Mandat).
Auch die GRĂNE Ursula Mayr hat auf dem Podium Platz genommen. Sie ist OrtschaftsrĂ€tin von Hohenwettersbach bei Karlsruhe. Mayr ist Psychologische Psychotherapeutin mit Sitz in Karlsruhe-Durlach. Damit sitzen, zusammen mit der SPD-Frau Brigitte Schmidt-Hagenmeyer, zwei mit Trauma-Therapie befasste Personen auf diesem Podium. Auch das ist, mit Blick auf die Anti-Sexarbeits-Bewegung nicht ĂŒberraschend. Ăber die Vereinnahmung von Leid und Trauma sollten all jene nachdenken, denen die Themen Sexarbeit und Menschenhandel als sehr nischig oder identitĂ€tspolitisch erscheinen. Denn in der Viktimisierung und Pathologisierung Andersdenkender liegt eine autoritĂ€re Versuchung, die auch bei anderen Themen verfangen kann.
Wie die LINKE Uta Beyer, ist Ursula Mayr ein prĂ€gnantes Beispiel dafĂŒr, wie die Slogans der Anti-Sexarbeits-Bewegung in bestimmten Schichten besondere Resonanz auslösen. Politiker*innen wittern hier eine Gelegenheit, sich selbst als entschlossen und auf der richtigen Seite positioniert ins GesprĂ€ch zu bringen. Vielleicht ist das der Grund, aus dem sich Mayr und Beyer auf den Fundi-Kongress verirrt haben?
Dass Events wie diese aber keine BĂŒhne nur fĂŒr die zweite, dritte und vierte Reihe in der Politik sind, damit beschĂ€ftigt sich der dritte Teil dieser Reihe, der auf den Kongress 2024 zurĂŒckblickt. Mayr jedenfalls fiel bislang weder durch Wortmeldungen noch politische Initiativen zum Thema auf.
Quelle: Archiv RR
Das ist bei Brigitte Schmidt-Hagenmeyer (BSH) anders. Auch sie ist, wie Drobnik, im Vorstand von DIAKA. Exemplarisch können wir an einer Figur, wie BSH typische Verflechtungen in unterschiedliche Themenfelder ablesen.
Jemand wie BSH erfĂŒllt oft mehr als eine Funktion in den Allianzen und versucht in unterschiedliche Netzwerke zu wirken. Die FĂ€den ihrer AktivitĂ€ten fĂŒhren in die SPD Baden-WĂŒrttemberg, in lokale Kampagnen wie den Appell âKarlsruhe gegen Sexkaufâ, zum âTrauma & Prostitutionâ-Netzwerk um Dr. Ingeborg Kraus, in die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Trauma und Dissoziation (DGTD) aber auch zu Kommentierungen des Evaluationsberichts zum Prostituiertenschutzgesetz oder zu einer Handreichung, die Medienschaffende bei einer diskriminierungssensibleren Berichterstattung ĂŒber Sexarbeit unterstĂŒtzen will. Letztere war in den letzten Wochen bereits mehrfach durch den Kakao rechter Medien gezogen worden.
Vor Kurzem trat BSH bei einer Online-Veranstaltung der Linken fĂŒr eine Welt ohne Prostitution auf, zusammen mit Liane Bissinger (LINKE Oberland): Genussvoll wurden dort emotionalisierende Schilderungen körperlicher und psychischer Verletzungen von Opfern des Menschenhandels ausgebreitet, einhellig und ohne Gegenstimme. Â
Die Botschaft: Prostitution ist Gewalt. Verbote, so finden diese Menschen, die sich in allen Parteien finden, sind ganz gewiss die Lösung fĂŒr soziale Ungerechtigkeit, Patriarchat und sexualisierte Gewalt. Darin ist man sich einig und entledigt sich somit seiner Verantwortung fĂŒr konkrete Antworten auf strukturelle Gewalt, Ausschluss und nachhaltige VerĂ€nderung. Noch ein bisschen Musik, Gebet und Geld â und die nĂ€chste sexarbeitsfeindliche Kampagne rollt durchâs Land.
Auf diesem Podium schlieĂt sich ein Kreis. Events, wie der Freiheit-Kongress sind per se nicht (ergebnis-) offen. Deep, deep into the rabbithole kreisen die Gedanken in den Köpfen der Verantwortlichen in einer Dauerschleife.
Um gewĂŒnschte und geforderte UnterstĂŒtzung, Rechte und verbesserte Lebensbedingungen fĂŒr Sexarbeiter*innen in Anerkennung ihrer Selbstbestimmung geht es auf dem Freiheit-Kongress offensichtlich nicht.
Freiheit im Denken ist auf dem Freiheit-Kongress: unerwĂŒnscht.
In den kommenden Tagen fĂŒhren wir diese Reihe zum Freiheit-Kongress fort:
Teil 3: RĂŒckblick auf 2024 und weitere HintergrĂŒnde (in KĂŒrze!)
[1] Etwas kaschiert durch den Umweg ĂŒber die 100% Tochter âHimmelsstĂŒrmer gGmbHâ von Mission Freedom, die als Betreiber des Haus SeeNest in Erscheinung tritt.