Interview zur ZDF-Doku: Der Teufel in mir – Exorzismus heute

Co-Autorin Emely Sporrer im Interview mit Zoe Luginsland von FundiWatch

Exorzismus boomt. Auch heute wird den Menschen noch der Teufel ausgetrieben.

In der an Pfingsten erschienenen ZDF-Dokumentation „Der Teufel in mir – Exorzismus heute“ begleiten die Autoren Max Damm und Emely Sporrer Exorzisten, Betroffene sowie Kritiker*innen und beleuchten eine Praxis zwischen Glauben und Gefahr.

Zoe von FundiWatch hat sich zu einem Interview mit Emely Sporrer getroffen, bei dem es unter anderem darum geht, wie Medien und die Gesellschaft insgesamt mit diesem Thema umgehen und wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Menschen aussehen könnte, die meinen, vom Teufel besessen zu sein.

Zoe Luginsland: Hallo, Emely Sporrer. Ihr habt gerade eine superspannende Doku über Exorzismen in Deutschland gemacht. Wie seid ihr zu dem Thema erst mal gekommen?

Emely Sporrer: Ich bin zunächst 2015 auf das Thema gestoßen, da wurde ein Exorzismus an einer koreanischen Frau in einem Frankfurter Hotel durchgeführt. Und dieser Fall ging durch die Medien. Ich habe das gelesen und war sehr überrascht, dass sowas in Deutschland noch immer stattfindet.

Und danach folgten immer mal wieder Medienberichte zum Thema: Auch in Berlin ist eine muslimische Frau nach einer Salzwasserkur gestorben, die durch einen Hodscha „verschrieben“ wurde, weil sie keine Kinder bekommen konnte. Und zuletzt gab es 2023 einen längeren Podcast in der Süddeutschen zu dem Internet-Exorzisten Nature23.

„Für mich gab es da noch offene Fragen: Gibt es das Ganze denn im großen Stil? Gibt es Exorzismus noch in der katholischen Kirche? Wie wird das auch in freikirchlichen Gemeinden heute gelebt, vielleicht auch in anderen Religionen?“

Im Internet tummeln sich selbsternannte Exorzisten. Sie arbeiten bei der Teufelsaustreibung auch mit Fixierung und Schmerzen. (c) ZDF / Mathias Fieme

Und dann wurde mir klar, dass ich mich dem Thema genauer annehmen möchte, denn es ploppen auch heute noch immer wieder Fälle auf, in denen Menschen bei einem Exorzismus auch zu Tode kommen. Für mich gab es da noch offene Fragen: Gibt es das Ganze denn im großen Stil? Gibt es Exorzismus noch in der katholischen Kirche? Wie wird das auch in freikirchlichen Gemeinden heute gelebt, vielleicht auch in anderen Religionen? Und so wollten wir uns dem Thema annähern und schauen, was wir rausfinden.

Zoe Luginsland: Ja, und das ist ja auch ganz gut gelungen. Also ihr habt eine ganze Menge Leute da getroffen aus ganz verschiedenen Richtungen. Einen katholischen Exorzisten, ein Team mit einer eher charismatisch-freikirchlichen Ausrichtung. Dann einen Betroffenen, der ein Exorzismus erfahren hat, der sehr negativ für ihn war und glaub ich auch in einer Freikirche stattgefunden hat.

Wie seid ihr erst mal an diese ganzen Leute gekommen? Ich stelle es mir jetzt nicht ganz einfach vor. Ihr habt auch am Anfang der Doku gesagt, dass es einige Monate gedauert hat, bis ihr wirklich in die Lage gekommen seid zu drehen. Ich stelle es mir auch nicht so einfach vor. Wie kann man sich das vorstellen, wie läuft so was ab?

Emely Sporrer: Als allererstes haben wir geschaut, was es bisher für öffentliche Berichte zu diesem Thema gibt und wer schon als Protagonist aufgetreten ist. So sind wir auf Dr. Jörg Müller, unseren katholischen Pater im Befreiungsdienst, gestoßen. Und dann geht es natürlich ans Kontaktieren, man führt Gespräche, um Erfahrungen auszutauschen und um Vertrauen aufzubauen.

Und durch eine Social-Media-Recherche habe ich erfahren, dass tatsächlich auch dort Exorzismus präsenter ausgelebt wird, als man es zunächst vermutet. Wenn man Befreiungsdienst oder Exorzismus in die Suche auf TikTok eingibt, dann kommen auch die Menschen zum Vorschein, die diese Dienste ausüben. Und so bin ich auf Rose de Jesus und das LOROSA Gebets-Team gestoßen. Nature23 ist auch auf YouTube aktiv und war vorher bereits in Medienberichten präsent. Ihn haben wir ebenfalls kontaktiert und er hat einem Hintergrundgespräch zugestimmt. Auf diesem Weg führte sich die Recherche dann fort.

Zoe Luginsland: Es stellen sich da ja auch eine Menge ethische Fragen: Wie man mit so einem Thema umgeht, aber auch wie man einen guten Film macht. Wenn man einen guten Film machen will, möchte man ja immer eigentlich, dass es sehr differenziert ist, dass die Menschen einfach von sich erzählen, dass sie sehr offen sind, dass sie einen auch so ein bisschen mitnehmen.

Und gleichzeitig stellen sich dann ja so Fragen wie: Wirbt man jetzt für deren Angebot? Gibt es einen Punkt, wo man vielleicht intervenieren hätte müssen? Wo irgendwas passiert, was wirklich zu weit geht? Oder man etwas sehr stark kritisch kommentieren sollte? Wie seid ihr damit umgegangen?

„Unser Anspruch war es, ergebnisoffen und unvoreingenommen an die Sache ranzugehen.“

Emely Sporrer: Unser Anspruch war es, ergebnisoffen und unvoreingenommen an die Sache ranzugehen. Max Damm und ich, wir haben die Doku gemeinsam gemacht, haben versucht uns von allen vorangegangenen Gedanken zum Thema Exorzismus freizumachen, um dem ohne Vorurteile begegnen zu können. Uns war es wichtig, einen multiperspektivischen Film zu erstellen, indem sowohl positive als auch kritische Stimmen zu Wort kommen und allen Protagonisten mit dem gleichen Respekt zu begegnen. Wir wollten auch nicht die Glaubensrealität von Menschen in Frage stellen, sondern uns ihnen zuwenden und zuhören.

Wie du aber auch sagst, gibt es natürlich Situationen oder Personen, bei denen man abwägen muss, ob man sie darstellt oder nicht. Zum Beispiel ob man die Betroffene, die eine Befreiung bei Nature23 in Anspruch nimmt und bereits diagnostizierte psychische Erkrankungen besitzt, ohne Unkenntlichmachung zeigt. Oder ob man auch einen Nature23 abbildet, der selbst schildert, dass gegen ihn immer wieder Anzeigen wegen Gewaltdarstellung im Internet oder Körperverletzung gestellt werden. Damit haben wir uns länger beschäftigt und uns die Frage gestellt, wie wir damit umgehen. Daher haben wir die Anzeigen auch offen in der Doku adressiert. Letztendlich fällt, laut eigener Aussage, alles, was Nature23 macht, aber unter die Religionsfreiheit und solange er beim Befreiungsdienst nicht gegen Gesetze verstößt, sind seine Rituale auch legal durchführbar. 

Wir waren beim Dreh vor Ort, haben uns allerdings dagegen entschieden, explizite Bilder aus dem Exorzismus zu zeigen, da wir auch nicht sensationalisieren wollten. Natürlich gibt es Videos davon auf YouTube, wenn man danach sucht, das wollten wir in der Doku aber so nicht reproduzieren. Unser Anspruch war es, Nature23 abzubilden und ihn als Protagonist zu zeigen, da er einfach Teil von dieser Exorzismus-Bubble ist.

Ein Internetexorzist fixiert eine vermeintlich Besessene, bevor das Ritual beginnt. (c) ZDF / Mathias Fiene

Zoe Luginsland: Was ihr häufig so ein bisschen fragt im Film ist: „Warum wählt ihr jetzt dieses Angebot und nicht eine Therapie?“. Unser Eindruck in der Recherche ist häufig, dass auch therapeutische Ansätze teilweise sehr stark religiös geprägt sein können und auch durchaus Vorstellungen über dämonische Kräfte oder sowas teilen. Zum Beispiel war es bei dem katholischen Exorzisten ja auch so, dass er auch eine therapeutische Ausbildung oder Praxis oder sowas hat. Inwieweit ist das auch ein fließender Übergang? Also kann man immer so scharf trennen zwischen Therapie und Exorzismus?

„Der allgemeine Tenor in der bisherigen Recherche und auch in den Hintergrundgesprächen war meist, dass Betroffene, die aus einem religiösen Umfeld stammen und Hilfe bei einem nicht gläubigen Therapeuten suchen, sich oft nicht ernstgenommen fühlen.“

Emely Sporrer: Ich denke schon, dass der Glaubenshintergrund von Pater Müller auch Auswirkungen auf seine Arbeit als Psychotherapeut und sein Leben hat. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass auch Menschen, die nicht religiös sind, zu ihm kommen können und er ihnen genauso weiterhelfen kann.

Der katholische Pater Dr. Jörg Müller erlöst auch Kühe vom Bösen. Die Besitzerin vermutet einen Fluch auf ihren erkrankten Tieren. (c) ZDF / Benjamin Hotz

Der allgemeine Tenor in der bisherigen Recherche und auch in den Hintergrundgesprächen war meist, dass Betroffene, die aus einem religiösen Umfeld stammen und Hilfe bei einem nicht gläubigen Therapeuten suchen, sich oft nicht ernstgenommen fühlen. Dieser würde nicht richtig verstehen und nachvollziehen können, von welchem Standpunkt die Betroffenen kommen und ihre Probleme rühren und daher wollten sie auch nicht mehr zur Therapie gehen. Wir nehmen aus der Recherche das Gefühl mit, dass eine religionssensible oder religionsintegrierte Therapie gerade bei Personen, die ihre Symptome dämonischen Ursprungs sehen, eher hilfreich wäre.

Zoe Luginsland: Also eine religionssensible Therapie wäre dann der Ansatz? Wo man dann das Religiöse auch einfach diskutieren kann innerhalb einer Therapie.

Emely Sporrer: Also es ist natürlich auch wichtig, wenn Personen davon sprechen sich beispielsweise dämonisch belastet zu fühlen, das nicht zu unterfüttern, sondern es einfach zu akzeptieren und als Realität des Menschen wahrzunehmen. Sich nicht zu fragen: ‚Ist das jetzt wahr oder nicht‘, darum geht es nicht, sondern einfach den Menschen so zu akzeptieren, wie er ist und woran er glaubt und ab diesem Standpunkt die Therapie zu starten.

Zoe Luginsland: Es gibt ja auch Fälle, wo Exorzismen jetzt eindeutig schief gegangen sind. Im Film wird der Fall Anneliese Michel zitiert, der schon etwas länger her ist.

Ein anderer Fall, zu dem wir teilweise recherchiert hatten, ist auch schon über zehn Jahre her. Da war eine Person mit einer Schizophrenie-Diagnose in einer Freien evangelischen Gemeinde* und hat dort sehr viel Zungenreden praktiziert und dann irgendwann angefangen auch Stimmen zu hören und hatte auch so eine Art ‚dämonische Belastung/Poltergeist‘ in der Wohnung, die dann von einer Exorzistin ausgetrieben werden sollte. Dann gab es auch den Ratschlag: ‚Wenn du Stimmen hörst, dann hörst du die Stimme von Gott, vom Teufel oder von dir selbst. Wenn Gott es sagt, solltest du es tun. Wenn der Teufel es sagt, solltest du es nicht tun. Wenn es deine eigene Stimme ist, dann musst du darüber nachdenken.

*Edit (13.6.26): Auf Wunsch des Pressesprechers des Bundes freier evangelischer Gemeinden (FeG) Deutschland, Artur Wiebe, stellen wir klar, dass die gemeinte Gemeinde Christliches Zentrum Herborn Mitglied im Bund freikirchlicher Pfingsgemeinden (BfP) und nicht im FeG ist. Ergänzend weisen wir darauf hin, dass FeG und BfP heute beide zu den mit der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) „intensiv verbundenen Werken gehören. Zudem gehört die örtliche FeG Herborn heute ebenso wie das Christliche Zentrum Herborn zu den in der Ortsallianz der EAD, der Evangelischen Allianz Herborn, verbundenen Allianzgemeinden. Die Evangeliche Allianz Herborn tritt unter dem Motto „gemEINSam [sic!] glauben, beten und handeln“ auf. Das Christliche Zentrum Herborn bietet auch heute noch den „Befreiungsdienst“ SOZO an, um den es im Folgenden noch gehen wird.

Und das wirkt natürlich erstmal so ein bisschen pragmatisch und auch wie ein Ratschlag, der erstmal total plausibel wirken kann, wenn man jetzt diese religiöse Realität annimmt. Gleichzeitig wurde dann in der Gemeinde auch empfohlen, dass er die Medikamente absetzen könnte, weil man auch durch Gebet mit der Schizophrenie umgehen könnte und letztendlich hat er irgendwann die Stimme Gottes gehört und sie hat ihn aufgefordert, jemanden zu ermorden und er hat das dann tatsächlich getan. Es gab dann einen Gerichtsprozess darum und deswegen ist das Ganze auch dokumentiert. Und dort ist dann dieser Punkt, wo man gesagt hat, wir nehmen die Religiöse an und versuchen damit pragmatisch umzugehen, total nach hinten losgegangen, natürlich auch in Kombination mit dem Absetzten der Medikamente.

Inwieweit kann das auch gefährlich werden religiöse Realitäten anzunehmen?

Exorzismus und Befreiungsrituale können auch gefährlich sein. Es sollte sich nicht nur auf eine religiöse Behandlung verlassen werden, sondern eine ganzheitliche Betrachtung passieren.

Emely Sporrer: Exorzismus und Befreiungsrituale können auch gefährlich sein, auf alle Fälle. Es gibt wie bei Allem positive wie auch negative Effekte, aber es ist ganz wichtig, dass eben auch medizinische und therapeutische Hilfe in Anspruch genommen wird. Pater Müller hat darauf hingewiesen: Man kann zusätzlich noch beten, vielleicht auch Handauflegen, das kann zumindest nicht schaden, sagt er. Aber das Problem muss auf jeden Fall auch noch interdisziplinär abgeklärt sein. Es sollte sich nicht nur auf eine religiöse Behandlung verlassen werden, sondern eine ganzheitliche Betrachtung passieren.

Vermeintliche Dämonen verlassen den Körper bei einem Exorzismus durch Husten und Spucken. (c) ZDF / Benjamin Hotz

Zoe Luginsland: Das ganze Feld ist ja im Moment relativ verdeckt, so ein bisschen ein Tabuthema und den meisten Leuten nicht bekannt. Was ist damit verbunden? Also ich würde mir vorstellen, dass das zum Beispiel dazu führt, dass es relativ unreguliert ist und man nicht so genau weiß, als eine Person, die so ein Angebot sucht, wo man dann landet. Habt ihr da eine Idee, was da ein besserer Weg wäre?

Es ist ein großes Problem, dass Personen, die sich betroffen fühlen, keine Anlaufstellen finden.

Emely Sporrer: Genau, das ist ein großes Problem, dass Personen, die sich betroffen fühlen, beziehungsweise, die sich in ihrer Welt als dämonisch belastet empfinden, keine Anlaufstellen finden. Wie zum Beispiel im katholischen Kontext: Dort weiß ich erstmal gar nicht, an wen ich mich wenden kann. Man findet bei den verschiedenen Bistümern keine Namen zu öffentlich agierenden Exorzisten, die man um Hilfe bitten könnte. Und dann sucht man als Betroffener eben im Internet, zum Beispiel über TikTok oder Instagram, und stößt dort auf diverse Angebote. Hier besteht allerdings die Gefahr, dass die dort angebotenen Befreiungsrituale in keinem festen kontrollierten Rahmen stattfinden, Anbieter sich ihr Vorgehen zur Dämonenaustreibung selbst angeeignet haben und diese Prozedur letztendlich auch total schiefgehen kann.

Unser Wunsch wäre es, dass offener mit dem Thema Exorzismus und vermeintlich dämonischer Belastung umgegangen wird. Dass Menschen, die davon berichten, nicht stigmatisiert und nicht vorverurteilt werden, sondern ein offener Diskurs stattfindet. Deshalb haben wir auch diesen Film gemacht, um das Thema aus dem Untergrund zu holen, auf diese Thematik aufmerksam zu machen und vielleicht führt das ja dazu, dass es in Zukunft mehr auffindbare, geeignete Ansprechpartner für Hilfesuchende gibt.

Zoe Luginsland: Und wie würdest du Antworten, wenn jemand sagt: ‚Dass es überhaupt dieses Angebot gibt, sorgt schon dafür, dass die Leute bestärkt werden in so einem Dämonen-Glaube. Wenn man jetzt sagen würde, das wäre alles komplett verboten, dann würden die Menschen vielleicht auch diesen Glauben hintersichlassen.‘ Wie denkst du über so eine Idee?

Emely Sporrer: Das ist schwierig einzuschätzen. Ich gehe nicht davon aus, dass nur, weil das Angebot nicht mehr existiert, dann auch keine Nachfrage mehr herrschen würde. Das kann ich mir nicht vorstellen, denn der Glaube an Gut und Böse, an Gott und den Teufel, der ist seit Jahrhunderten in den Menschen verankert. Und auch den Glauben an Besessenheit gibt es schon lange.

Wir leben zwar gerade so rational wie nie, doch trotzdem halten einige Menschen an einem dichotomen Weltbild fest.

Wir leben zwar gerade so rational wie nie, doch trotzdem halten einige Menschen an einem dichotomen Weltbild fest. Deshalb gehe ich davon aus, auch wenn man Exorzismus offiziell verbieten würde, dass es dann noch immer Menschen gäbe, die sich dämonisch beeinflusst oder besessen fühle, ein Befreiungsritual in Anspruch nehmen möchten und vielleicht als Konsequenz ins Ausland für solche Angebote fahren würden.

Zoe Luginsland: Ja, oder jemand wie Nature23 würde sowas sicherlich auch im Untergrund machen. Also ich könnte mir vorstellen, dass man solche Angebote dadurch eigentlich auch eher stärkt als schwächt. Mit solchen Ansätzen trifft man häufig, glaube ich, die moderateren Varianten.

Emely Sporrer: Genau, ich bin auch der Meinung, dass dieses Thema nicht tabuisiert werden sollte. Dadurch könnte man auch Untergrundangeboten den Wind aus den Segeln nehmen. Vor allem: Der Exorzismus ist noch Teil der katholischen Lehre und klar darin verankert. Einerseits gibt es also die Lehre, andererseits wird seitens der katholischen Kirche in Deutschland kaum bis gar nicht über Exorzismus gesprochen und Betroffene fühlen sich mit ihren geistlichen Nöten alleine gelassen.

Zoe Luginsland: Vielleicht noch eine Frage. Es gibt ja so Exorzismen, die teilweise so einen Übergang auch darstellen zu Konversionsbehandlung. Also zum Beispiel im Befreiungsgebet Sozo, das von der Bethel-Church entwickelt wurde und in Deutschland von dem Verein Bethel-Sozo vertreten wird.

Da stellt man sich dann immer vor, man habe so vier Türen im Kopf und eine Tür führt jeweils zu einer Sünde, eine zu Okkultismus und eine zum Beispiel auch zu den sexuellen Sünden. Und teilweise wird dann dort auch so was wie Pornografie, Homosexualität und so weiter als sexuelle Sünde behandelt. In Deutschland schreiben sie das natürlich nicht auf die Website, weil das dann unter das Werbeverbot für Konversionsbehandlungen fallen würde. Inwieweit kann man da auch einen Schutz von Menschen gewährleisten, vor solchen Ansätzen, die wirklich problematisch sind?

Emely Sporrer: Das kann ich schlecht beantworten, damit habe ich mich zu wenig befasst. Wir haben uns in der Recherche zu unserer Doku hauptsächliche auf Befreiungsdienste und auf diese Thematiken spezialisiert und haben jetzt nicht grundsätzlich über Glaubensüberstülpungen o.Ä. recherchiert. Also ich bin da zu wenig informiert, als dass ich mich dazu äußern könnte.

Es ist von außen immer einfach zu sagen: ‚Das gibt es alles nicht und das ist alles Schwachsinn‚, aber viel spannender ist doch: Warum glauben Menschen heutzutage noch daran, dass sie von Dämonen beeinflusst werden können?

Zoe Luginsland: Magst du noch irgendwas Abschließendes loswerden?

Emely Sporrer: Es freut mich sehr, dass euch der Film so gut gefallen hat. Uns war es wichtig, jedem Protagonisten mit Respekt zu begegnen, jedem zuzuhören und das ganze Thema multiperspektivisch darzustellen. Es ist von außen immer einfach zu sagen: „Das gibt es alles nicht und das ist alles Schwachsinn“, aber viel spannender ist doch: Warum glauben Menschen heutzutage noch daran, dass sie von Dämonen beeinflusst werden können? Warum gibt es heute noch Exorzismen? Haben Teufelsaustreibungen eine Daseinsberechtigung oder nicht? Und der Film sollte eine beobachtende Einordnung geben, die Thematik rund um Exorzismen aufzeigen und sowohl mit positiven als auch mit kritischen Stimmen beleuchten.

Zoe Luginsland: Das ist finde ich auch ganz gut gelungen. Also das Spektrum ist ganz gut sichtbar geworden.

Emely Sporrer: Das freut mich sehr.

Das „Macher Festival“ der „Real Life Guys“

Missionierung christlicher Fundamentalist*innen zwischen Bohrmaschinen und Monster-Cars?

Vom 07. bis 10.08.2025 fand nördlich von Leipzig zum zweiten Mal das sogenannte Do-It-Yourself & Handwerker-Macher Festival des Projekts The Real Life Guys in Kooperation mit zahlreichen Unternehmen aus dem Bau- und Heimwerkergewerbe statt. Das Ferropolis-Gelände wurde dazu in einen riesigen Abenteuerspielplatz verwandelt.

Wer die Geschichte der Real Life Guys und ihr Engagement in der christlich-fundamentalistischen Szene kennt, wird eine dementsprechende „christliche“ Ausrichtung des Festivals zunächst trotzdem allenfalls am Rande finden. Bei genauerer Betrachtung, scheint das Festival aber durchaus auch als „Missionsfeld“ dienen zu sollen…

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Nach 2024 veranstalteten die Youtuber The Real Life Guys nun zum zweiten Mal das DIY & Handwerker-Macher-Festival in Gräfenhainichen auf der Halbinsel des Ferropolis-Gelände. Mit zahlreichen Partnerunternehmen wie Abus, Bosch, Hailo, Hornbach u.v.m. versprach das Macher Festival ein actionreiches Wochenende bei besten Sommertemperaturen, dessen Fokus auf Spaß, Erlebnis und Abenteuer liegt.

Strategische Partnerschaft zur Förderung des Branchennachwuchses?

Das Ganze soll allerdings offenbar auch einen wirtschaftpolitischem Zweck dienen: Erst letzten Monat gingen der Zentralverband Deutsches Baugewerbe und die Real Life Guys eine strategische Partnerschaft in den Bereichen Fachkräfte und Branchennachwuchs ein.

Laut einer hierzu veröffentlichten Pressemitteilung soll die Partnerschaft dazu dienen, die vielfältigen Möglichkeiten einer Ausbildung im Bauhandwerk sichtbar zu machen. Die Real Life Guys seien durch spektakuläre Eigenbau-Projekte wie U-Boote aus Badewannen oder selbstkonstruierte Fluggeräte bekannt, erreichten allein auf YouTube fast zwei Millionen Abonnenten und sprächen mit ihrem DIY-Ansatz gezielt eine junge Zielgruppe an.

Doch beim Projekt der Real Life Guys geht es um mehr…

Die Glaubensgeschichte der Real Life Guys

Tatsächlich ist die Erfolgsgeschichte der Real Life Guys und ihr großer Erfolg bemerkenswert. Wer sich mit dieser aber etwas näher befasst, wird schnell feststellen, dass es dabei um deutlich mehr als actionreiche Youtube-Videos und waghalsige DIY-Aktionen geht. Denn Johannes Mickenbecker, der das Projekt The Real Life Guys zunächst mit seinem Zwillingsbruder Philipp und seiner Schwester Elli startete, ist die Vermittlung seines tiefen christlichen Glaubens sehr wichtig.

Zwar wuchsen die Mickenbeckers bereits in einer streng christlichen Familie auf. Die Eltern unterrichteten ihre Kinder in der Grundschulzeit selbst, da es ihnen wichtig war, dass alle Dinge in Verbindung mit dem Glauben geschehen. Den Weg zum persönlichen Glauben fand Johannes nach eigenen Angaben aber erst nach dem plötzlichen Tod seiner Schwester und während der Krebserkrankung seines Zwillingsbruders Philipp.

Philipp war sich nach seiner Erkrankung zunächst sicher, dass Gott ihn heilen wird. Mit seiner Zuversicht, die er in seinem Glauben fand, war er gefragter Gast in zahlreichen Talkshows und auf christlichen Events, insbesondere in der freikirchlichen Szene. Die letzten Monate seiner Krankheit – bis hin zu seinem Verbluten auf dem Krankenbett – wurden in der Dokumentation „Philipp Mickenbecker: Real Life“ festgehalten (und kein noch so intimer Moment ausgelassen). Kurz nach dem in der Doku festgehaltenem Moment des Sterbens von Philipp verkündet einer der anwesenden (letzten nicht christlichen) Freunde: „Ich lass mich taufen“.

Bereits Anfang 2024 berichtete die taz über die zunehmend (subtil) missionarischere Ausrichtung der Real Life Guys und das schließlich 2020 mit Christopher Schacht, damals in Ausbildung zum Pastor und Missionar am theologischen Seminar des Bundes freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP), gegründete Projekt Life Lion.

Wer sich auf der Webseite von Life Lion umschaut, erkennt schnell das klar evangelikal christlich-fundamentalistische Profil: Im Podcast finden sich Gespräche mit der eng mit dem rechten Influencer „Ketzer der Neuzeit“ verbundenen Jasmin Friesen (damals noch Neubauer) ebenso wie mit dem Prediger Henok Worku von der Vive Church, der auf einer Holy Spirit Night von neuen Bücherverbrennungen träumte. Auch der Youtube-Kanal von Life Lion mit 300.000 Abonent*innen bedient die geradezu „klassischen“ Themenfelder der Szene, wie „rituelle Gewalt“, Satanismus, Abtreibung, „Zwangsprostitution“, Wunder uvm.

Wo versteckt sich „Gott“ beim Macher Festival?

Von all dem bemerkt man bei der Bewerbung und auf der Homepage des Macher-Festivals zunächst nichts. Lediglich für den Sonntagmorgen wird ein Gottesdienst („Sunday Church“) angeboten.

Blickt man auf die Rezensionen des Events im vergangenen Jahr zurück, findet man auch einige kritische Kommentare:

Ansich ein tolles Festival. Schade, dass es so christlich gehalten ist, auch das Bühnenprogramm. War auf der Webseite nicht zu lesen. Werde nicht mehr hin gehen.

Ein weiterer Kommentar sieht dies offenbar weniger tragisch:

Klasse Sache. Etwas sehr christlich angehaucht aber alles im Rahmen des erträglichen. Freut euch schon auf nächstes Jahr.

Bei den auftretenden Bands ist „Gott“ omnipräsent…

Schaut man allerdings auf die auftretenden Bands, so wird die christlich-fundamentalistische Ausrichtung doch sehr deutlich:

Wenig überraschend finden sich darunter die O’Bros, die mit den Mickenbeckers befreundet sind, und über die in den letzten Wochen bereits ausführlich kritisch berichtet wurde (übrigens ohne, dass sich Alexander Oberschelp bisher dazu positioniert hätte, warum er dieses Jahr zum zweiten Mal an der rechtslibertären Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship (ARC) teilnahm…).

Des Weiteren die ebenfalls sehr erfolgreiche christliche Lobpreisband Good Weather Forecast, die gemeinsam mit Elijah Thomas Appel auftrat. Appel gehört, ebenso wie Pala Friesen – Ehemann der bereits erwähnten Jasmin Friesen – und Mia Friesen, zur Outbreakband, die ebenfalls der christlich-fundamentalistischen Lobpreis-Band-Szene zuzurechnen ist.

Subtile Missionierung funktioniert eben immer noch am besten über auf den ersten Blick modern wirkende Musik (wer achtet schon auf die Texte?)… Wer an den Bands Gefallen findet, findet sich dann bei einem nächsten Konzert vielleicht schon bei deutlich radikaler ausgerichteten Veranstaltungen wie der UNUM24, der Holy Spirit Night oder einem Gottesdienst des katholischen Theologen Johannes Hartl wieder…

Über Umwege: „Bock auf missionieren?“

Abgesehen davon, scheint den verantstaltenden Real Life Guys bzw. genauer genommen der eigens hierfür gegründeten Macher Festival GmbH aber sehr daran gelegen, den Eindruck eines christlich ausgerichteten Festivals in der Außendarstellung vermeiden zu wollen.

Stattdessen verfolgt man das Anliegen, den „christlichen Glauben“ bei dieser Gelegenheit zu verbreiten, offenbar über Umwege:

So berichtete eine Gruppe der christlich-fundamentalistischen Organisation Campus für Christus (ursprünglich gegründet unter dem Namen „Campus Crusade for Christ“ und u.a. kritisiert für ihre Position zu Konversionsbehandlungen) bereits zum letztjährigen Macher Festival, dass sie von den Real Life Guys eingeladen wurden. Und zwar, so heißt es bei der Gruppe „The Four“ auf ihrer Webseite, „um mit Menschen über Gott und den Glauben zu sprechen – das, was wir am liebsten machen – wie cool ist das denn bitteschön?“.

The Four zeigte sich schon im letzten Jahr begeistert:

Da konnten wir hervorragend mit den wartenden Leuten ins Gespräch über die vier Symbole kommen – sie hingen uns richtig an den Lippen und man konnte mit Jesus “relaten”, als er von einem Boot aus zu den Menschen predigte. […]

Wir brachten auch den Living Bus mit einer Zehnstündigen Fahrt als evangelistischer Begegnungsort mit und bauten kurzerhand einen Kirchen-Aussichtsturm dazu – die Festival-Chappel war perfekt im Herzen des Campings platziert. […]

Also ging es weiter, wir hielten mehrere Evangelistische Inputs mit konkreten Aufrufen, Jesus kompromisslos nachzufolgen. Viele Menschen beteten ein Hingabegebet mit und einige entschieden sich für ein Leben mit Jesus. Irgendwann tauchten die O’Bros und Real Life Guys als Special-Acts auf und wollten den letzten Abend so richtig Party machen mit den Leuten. Doch nach fünf Minuten verabschiedeten sie sich wieder und meinten: „Macht ihr weiter, das passt irgendwie grad nicht in die Atmosphäre hinein.“ Und so wurde aus einer halben Stunde drei (!) Stunden Lobpreis und für viele fühlte es sich an wie Himmel auf Erden! Der Techniker meinte begeistert, dass 1000 Leute da waren. […]

Die Nächte waren kurz, der Schlaf wenig, die Reise lange und die Materialschlacht gross! Aber es hat sich mehr als gelohnt! Crazy, was Gott uns hier ermöglicht hat. Wir sind bereits wieder angefragt für nächstes Jahr.

Und tatsächlich, auch dieses Jahr ist The Four wieder beim Macher Festival vor Ort. Auf seiner Webseite sucht The Four nach Unterstützer*innen für den Missionseinsatz:

Hast du Bock, an dieser wilden Location Jesus gross zu machen? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie du deine Gaben und Fähigkeiten voll im ganzen Team einsetzen kannst. Wir brauchen jeden und sind sehr gespannt, was Gott dieses Jahr grosses vorbereitet hat. […]

Du kannst dich hier für den Aufbau, das Outreach Camp oder beides anmelden. Erlebe eine unvergessliche Zeit mit Gemeinschaft, Worship, gemeinsamer Gebetszeit und vieles mehr…

Während des diesjährigen Festivals ist The Four offenbar mit einem sogenannten „Living Bus“ aktiv und verteilt „Gewinn des Lebens“-Karten am Glücksrad. Verteilmaterial wie Bibeln und sonstige Traktate wurden offenbar rege verteilt.

Und so findet sich dann neben Monstertrucks und viel Feuerwerk dann doch noch ein Kirchturm mit der Aufschrift „Sprich mit Gott“ auf dem Gelände…

Bilder von der Instagram-Seite des Macherfestivals: Bühne mit Feuerwerk, Monstertrucks, ein aufgebauter Kirchturm

Ein anderer Teil der Gruppe von The Four ist währenddessen zeitgleich beim Missionseinsatz der Organisation ReachMallorca am Ballermann – mit „Heilungsgebeten“ und „Dämonenaustreibungen“ der Christfluencerin Rose de Jesus

Auch eine weitere Missionsorganisation hat sich auf den Weg zum Macher Festival gemacht: Das „Evangelisationsteamsuchte auf seiner Webseite ebenfalls nach jungen Leuten als willige Missionare:

Wen suchen wir?

Junge Leute zwischen 18 und 28 Jahren & offen, extrovertiert & herzlich

Bock auf Gespräche mit Eltern, während ihre Kinder bauen

Geschickt – denn vermutlich werden die meisten Eltern beim Aufpassen auf ihre Kinder also nicht weglaufen können. Obwohl es dazu sicher Anlass gäbe, wenn man sich die Inhalte auf der Seite des Evangeliumsdienst ansieht:

In einem auf der Webseite veröffentlichten Rundbrief wird z.B. vom letzten Bibelseminar und den dortigen Predigten des Bremer Pastors Olaf Latzel aus der Bremer Gemeinde St. Martini berichtet. So müssten Christen laut Latzel „in einem Land, das zunehmend Gottes Ordnungen ablehnt, aufstehen und für diese einstehen„. Unter „Gottes Ordnung“, so führt der Bericht weiter aus, sei „die staatliche Ordnung, die Ehe und die biblische Vorstellung von zwei Geschlechtern“ zu verstehen. Erst vor Kurzem wurde ein wegen Volksverhetzung geführtes Verfahren gegen Olaf Latzel gegen Auflagen eingestellt, seine Bezüge von der Landeskirche gekürzt.

Der perfekte Einstieg in die hippe Rückschrittlichkeit des Evangelikalismus…

Und so bleibt zum Ende dieses Artikels, der mit einem scheinbar harmlosen DIY & Handwerker Event begann und damit endet, wie dieses Event offenbar subtil und manipulativ zur Werbung für christlich-fundamentalistische Ideologien genutzt wird, das gleiche Resümee, wie es die taz in oben bereits erwähnten Artikel bereits vergangenes Jahr formuliert hat:

[D]ie „Real Life Guys“ machen die Szene, die sonst oft in ihrer eigenen christlichen Blase stecken bleibt, zugänglich. Weil sie bei Reizthemen wie dem biblizistischen Weltbild, Purity-Culture und Homosexualität vage bleiben, bilden sie den perfekten Einstieg in die hippe Rückschrittlichkeit des Evangelikalismus.

Doch vage bleiben im öffentlichen Auftritt heißt offenbar nicht, dass entsprechende Positionen nicht radikal vertreten und durchzusetzen versucht werden.

Was sagen eigentlich der Zentralverband Deutsches Baugewerbe und die unterstützenden Unternehmen dazu, dass sie diesen „Einstieg in die hippe Rückschrittlichkeit des Evangelikalismus“ fördern?

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