Talk der Evangelischen Akademie Frankfurt zur „Prostitutions-Anstalt“

Eine Bühne (auch) für christlichen Fundamentalismus?

Regelmäßig veranstaltet die Evangelische Akademie Frankfurt die Reihe „Humor ist…“ zu den aktuellen Folgen der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt„. Am 06.05. ging es nun um die sog. „Prostitutions-Anstalt“ vom 28.04.2026, die bereits kontroverse Reaktionen ausgelöst hat (Livestream weiterhin hier abrufbar).

Sexarbeiter*innen selbst waren auf dem Podium zur Diskussionsrunde nicht vertreten. Als Diskutant*innen trafen dort Dr. Nathalie Eleyth von der Universität Zürich und Kerstin Neuhaus, vorgestellt als Referentin beim Bundesverband Nordisches Modell e.V., aufeinander.

Doch Kerstin Neuhaus ist „mehr“ als das – und weitreichend in der christlich-fundamentalistischen „Anti-Sexarbeit-Bewegung“ vernetzt. Überraschenderweise blieb das jedoch unerwähnt. Und das, obwohl sich offenbar auch die Redaktion der „Anstalt“ einseitig auf (vorsichtig formuliert) „fragliche“ Quellen bezog.

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Anekdotische Evidenz voller Widersprüche trifft auf komplexe Wissenschaft

Die gegenläufigen Einschätzungen der beiden Podiumsgäst*innen zur „Anstalt“ wurden schnell deutlich:

Kerstin Neuhaus zeigte sich von der Folge der “Anstalt” begeistert. Und nutzte – wenig überraschend – die Gelegenheit, für die Umsetzung des sog. „Nordischen Modells“ in Deutschland zu werben. Und zwar v.a. mit anekdotischer Evidenz.

Matthias Blöser (Zentrum Bildung und Gesellschaft der EKHN), Kerstin Neuhaus, Dr. Nathalie Eleyth (v.l.n.r.); Quelle: Youtube, Evangelische Akademie Frankfurt

Mit dem Begriff „Nordisches Modell“ ist eine Kriminalisierung der Nachfrage von Sexarbeit gefragt. Zunächst in Schweden eingeführt, streben schwedische Anhänger*innen seit mehr als einem Vierteljahrhundert danach, dieses zutiefst sexarbeitsfeindliche Regime auch in anderen Ländern zu etablieren. Vertreter*innen dieses Prostitutionsregimes behaupten, dass Sexarbeiter*innen durch das Vergütungsverbot ihrer Tätigkeit „entkriminalisiert“ würden. Doch Selbstvertretungen, Fachverbände und Menschenrechtsorganisationen berichten stattdessen eine Zunahme von Stigma und Diskriminierung und erteilen dieser Politik seit Langem eine kategorische Absage. Das erwähnte auch die „Anstalt“ am Rande – ohne sich jedoch mit den Grundlagen dieser Position auseinanderzusetzen. Im Faktencheck zur Sendung finden sich diese breit in der wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung vorhandenen Einwände jedenfalls nicht wieder.

Weil Neuhaus mal in Schweden war, und sich dort mit anderen Befürworter*innen des „Nordischen Modells“ getroffen hat, weiß sie, dass ein sog. Sexkaufverbot gut ist… Auf dieser Ebene schiebt Neuhaus Kritik an der Kriminalisierung der Nachfrage beiseite – mit Verweis auf ihre persönlichen Eindrücke. Außerdem sollten sexuelle Handlungen laut Neuhaus nur dann stattfinden, wenn beide Seite dies tatsächlich wollen. Ist Geld im Spiel, sei für sie Einvernehmlichkeit ausgeschlossen, so Neuhaus.

Eleyth hingegen kritisierte die Sendung und die Forderung nach einem sog. Sexkaufverbot unter Bezugnahme auf wissenschaftliche Studien deutlich.

Gegenüber FundiWatch resümmiert Eleyth die Veranstaltung:

„Die Diskussion hat für mich noch einmal bestätigt, dass die sog. Antiprostitutionsbewegung häufig nicht von den Rechten und Stimmen von Sexarbeiter*innen ausgeht, sondern von einer bestimmten Sexualmoral, die mithilfe des Strafrechts durchgesetzt werden soll.

Dabei wird moralische Ablehnung mit rechtspolitischer Notwendigkeit verwechselt. Empirische Befunde zu den Folgen von Kriminalisierung, Verdrängung und Stigmatisierung werden kaum ernst genommen, während Sexarbeit, sexualisierte Gewalt und Menschenhandel rhetorisch so ineinandegeschoben werden, als handele es sich um dasselbe.

Das ist nicht nur wissenschaftlich unsauber, sondern auch ethisch problematisch: Schutz entsteht nicht durch Entmündigung, sondern durch Rechte, Sicherheit, Beratung und Respekt vor der Selbstdeutung von Menschen in der Sexarbeit.“

Wer ist Kerstin Neuhaus?

Völlig unerwähnt bleibt in der Diskussion, dass Kerstin Neuhaus keine unabhängige Expertin ist sondern in diversen Netzwerken vorrangig aus dem christlich-fundamentalistischen Spektrum aktiv ist.

Da lohnt es sich – gerade auch im Hinblick auf aktuelle Vorkommnisse – genauer hinzusehen. Wieso in der Evangelischen Akademie Frankfurt genau dieser Hinweis ausblieb, müssen die Veranstaltenden beantworten.

AugsburgerInnen gegen Menschenhandel e.V. & Freikirche „Projekt X“

Denn neben ihrer Tätigkeit beim Bundesverband Nordisches Modell ist Neuhaus Geschäftsführerin des Vereins AugsburgerInnen gegen Menschenhandel. Vorsitzender des Vereins ist der evangelikale Pastor Klaus Engelmohr, der zugleich die Augsburger Freikirche Projekt X Augsburg leitet.

Quelle: auxgegenmh.de/verein
Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V. (ggmh)

AugsburgerInnen gegen Menschenhandel ist Mitglied im evangelikal ausgerichteten Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh), über den wir bereits mehrfach berichteten und zu dem rund 40 Mitgliedsorganisationen gehören.

Engelmohr ist Mitglied im Vorstand von ggmh, zu dessen weiteren Mitgliedern neben dem ehemaligen Vorsitzenden der Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) und ehemaligen Bundestagsabgeordneten (CDU) Frank Heinrich, seinerseits lange aktiv bei der Heilsarmee, auch die Vorsitzende des umstrittenen Vereins Mission Freedom, Gaby Wentland, gehört.

Aus der vollstationären Einrichtung für minderjährige Betroffene von sexueller Gewalt „Haus SeeNest“ von Mission Freedom wurden gerade erst alle Kinder vom Jugendamt Oberallgäu wegen mutmaßlich kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden in Obhut genommen. Nun ermittelt auch die Staatsanwaltschaft gegen die Heimleitung wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener. Mittlerweile hat Mission Freedom mitgeteilt, den Betrieb des Haus SeeNest eingestellt zu haben und keine rechtlichen Schritte mehr zu verfolgen. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen laufen weiter. Mehr dazu hier.

Gegenüber dem evangelikalen Medienmagazin Idea teilte ggmh mit, Gaby Wentland lasse ihre Vorstandstätigkeit dort bis zur Klärung der Vorwürfe vorläufig ruhen.

Neustart e.V. und Samaritan’s Purse

Ihr Anerkennungspraktikum absolvierte Neuhaus beim Berliner Verein Neustart – christliche Lebenshilfe e.V. unter Leitung von Gerhard Schönborn. Der Verein betreibt ein Café am Straßenstrich in der Berliner Kurfürstenstraße.

Hervorgegangen ist Neustart aus einem zuvor am gleichen Ort betriebenen „Drogenhilfeprojekt“ der US-amerikanischen umstrittenen Organisation Teen Challenge, der unter anderem das Angebot sog. Konversionsbehandlungen nachgesagt wird. Im Archiv des Schwulen Museum Berlin befindet sich eine Broschüre mit dem Titel „Homosexuelle Lesbische Onanie“. Neustart e.V. gibt selbst auf seiner Homepage an, aus Teen Challenge hervorgegangen zu sein.

Quelle: Schwules Museum Berlin, Instagram

Heute teilt sich Neustart seine Räumlichkeiten an der Kurfürstenstraße mit Alabastar Jar, einem Projekt der aus den USA stammenden evangelikalen Organisation Samaritan’s Purse. Samaritan’s Purse ist in Deutschland vor allem auf Grund ihrer umstrittenen Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ bekannt ist. Geleitet wird Samaritan’s Purse vom US-Evangelikalen Franklin Graham – den auch Trumps Jesus-Vergleiche nicht von seiner Unterstützung für den US-Präsidenten abhielten.

Neustart und Samaritans Purse sind ebenfalls Mitglied bei ggmh, Schönborn ist Mitglied im Vorstand.

Zitate-Kartell für die „Welt ohne Prostitution“

An Neuhaus sieht man, wie eng die Anti-Sexarbeitsbewegung kooperiert.

Die Bewegung zitiert sich selbst und macht dabei auch vor wissenschaftlich fragwürdigen Daten keinen Halt, die auf diesem Wege oft erhebliche Reichweite und – trotz gegenläufiger wissenschaftlicher Erkenntnisse – nicht selten eine „Schein-Seriosität“ erreichen.

Dazu kann man durchaus auch das Buch des schwedischen Kripobeamten Simon Häggström „Im Namen der Frauen“ zählen. Im letzten Jahr organisierte die Bewegung für den schwedischen Polizeibeamten eine Lese-Reise. Häggström ist in der Prostitution-Unit in Stockholm tätig. Community-Berichte von Sexarbeitenden enthalten scharfe Kritik an dieser Einheit.

Häggström ist aktuell einer der großen „Stars“ der Anti-Sexarbeitsbewegung, der auch in Deutschland durch die Lande zieht und u.a. beim Magazin Emma publiziert. Und auch Neuhaus ist ein großer „Häggström-Fan“…

Links: Buch „Auf der Seite der Frauen“ von Simon Häggström; rechts: Simon Häggström mit Kerstin Neuhaus (Quelle: Instagram, Kerstin Neuhaus)

Die deutsche Fassung von Häggströms Buch wurde von Kerstin Neuhaus redigiert. Der Einleitungstext wurde von Neuhaus, Klaus Engelmohr und Gerhard Schönborn verfasst. Das „Schweden-verklärende“ Vorwort stammt von Huschke Mau.

Und auch die “Anstalt” hatte es offensichtlich nicht nötig, diese Polizeiverliebtheit des karzeralen Feminismus kritisch zu hinterfragen.

Der Freiheit-Kongress im Schönblick

Kerstin Neuhaus nahm auch regelmäßig auf dem u.a. von ggmh, der Evangelischen Allianz Deutschland und Mission Freedom veranstalteten Freiheit-Kongress im christlichen Kongresszentrum Schönblick (Aktion Hoffnungsland) teil. Gerade berichtet FundiWatch hier in einer Beitragsreihe über das großaufgezogene Event.

Neben Angeboten zu „Heilenden Ölen“ von DoTerra, ominösen „Befreiungsgebeten“ wie Bethel SOZO (auf dem Kongress 2024), „Bekehrungsgeschichten“ und Lobpreis lassen sich dort zunehmend auch Politiker*innen verschiedener Parteien von Anekdoten christlich-fundamentalistischer Akteur*innen radikalisieren.

Komplexität wird auf solchen Events reduziert, abweichende Stimmen nicht eingeladen und Kritiker*innen lässt man lieber vor Ort nicht zu.

Kritischer Umgang mit christlich-fundamentalistischer Gruppen in der Sozialen Arbeit? Fehlanzeige.

Zurück zum Talk in der Evangelischen Akademie Frankfurt: Dass christlich-fundamentalistische „Rettungs-“ und Missionierungsphantasien nichts mit professioneller Sozialer Arbeit zu tun haben (sollten!) blieb eine Leerstelle der Veranstaltung. Und das, obwohl mit Kerstin Neuhaus eine Multiplikatorin dieser Bewegung auf dem Podium saß.

Vielen Fürsprecher*innen des Sexkaufverbots scheint es völlig egal zu sein, mit welchen Gruppen sie sich bei den Themen Sexarbeit und Menschenhandel einlassen. Dass diese Gruppen ein erhebliches Risiko für Schutzsuchende bedeuten können, sollten die Vorgänge im Haus Seenest eigentlich vor Augen führen. Doch bislang wird diese Gefahr als “Kollateralschaden” für die Durchsetzung der eigenen Ziele billigend in Kauf genommen.

Umso bedauerlicher, dass genau das nun bei einer Veranstaltung eines christlichen Veranstalters völlig ausgeblendet wurde.

Max Uthoff als Lobbyist christlicher Fundamentalist*innen?

In einer Szene der „Prostitutions-Anstalt“ klagt Uthof auf der Couch eines „Psychologen“, man kritisiere in der Sendung die „Liberalisierung des Sexkaufs“ und befinde sich damit in Gesellschaft „von sehr zwielichtigen Typen„.

Uthoff bezieht sich auf die Forderung der CDU/CSU nach einem Vergütungsverbot für Sexarbeit. Uthoff wisse ja, dass das Modell nicht „der Weiseheit letzter Schluss sei“ aber im Grunde fände er das im Vergleich „mit dem was wir haben richtig. Leider.

Ja, Herr Uthoff, leider! Denn die konkreten negativen Konsequenzen des „Nordische Modells“, das ja in unterschiedlichen Varianten in einigen Ländern in Kraft ist, sind – wenn man es wissen will – nachlesbar. Doch gerade diese wissenschaftlichen Studien und Erhebungen blendet die „Prostitutions-Anstalt“ selbstgefällig aus. Stattdessen keilte man gegen die heterogene Sexarbeitsbewegung, die seit Jahrzehnten um Nicht-Diskriminierung und Arbeitsrechte kämpft.

Vielleicht überdenken Sie, lieber Herr Uthoff und liebe Maike Kühl noch einmal, bei welchen Quellen Ihre Redaktion recherchiert und ob diese Informationen seriös sind.

Das christliche Medienmagazin Pro zeigt sich in einem Artikel von Anna Lutz unter der Übersschrift „(Auch) Christen bewegen was beim Thema Prostitutionsverbot“ jedenfalls begeistert von der Sendung:

„So deutlich wurde in einer deutschen TV-Sendung selten für ein Prostitutionsverbot geworben! Und dann auch noch in einer Satiresendung…“

Ein Kommentar von Pro auf Facebook zu dem Artikel macht es noch deutlicher. Dort heißt es:

„Dass Uthoff und Co. hier so deutlich werden, liegt nicht nur an der eindeutigen Faktenlage. Sie waren im Vorfeld der Sendung auch im Gespräch mit Christen. Genauer: Mit der Organisation „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ und anderen Teilnehmern eines Kongresses zum Thema, der ab dem 26. April im christlichen Gästezentrum „Schönblick“ stattfand (PRO berichtete). Sicher nicht die einzige Quelle, aus denen sich die Informationen der Comedians speisten. Aber offenbar eine überzeugende.“

Inwieweit „eindeutige Faktenlage“ und Stimmen von „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ miteinander in Einklang zu bringen sind, möge jede*r für sich selbst beurteilen. Hier jedenfalls sollte die Redaktion der Anstalt noch einmal überprüfen, vor wessen Karren sie sich spannen lässt.

Dazu würde gehören, den eigenen Bestätigungsfehler zu reflektieren und die Forschungslage zur Kenntnis zu nehmen. Denn noch einmal: Wer es wissen will, kann leicht in Erfahrung bringen, welche Ziele die Mitgliedsorganisationen von ggmh verfolgen. Ob deren Arbeit Betroffenen von schwerer Gewalt wirklich hilft, muss u.a. angesichts des Fall Haus SeeNest in Frage gestellt werden.

Die Veranstaltenden des Freiheit-Kongress sind jedenfalls derart von der „Anstalt“ begeistert, dass sie sich wenige Tage nach dem Kongress noch einmal an alle Teilnehmenden wenden. In der entsprechenden Mail heißt es:

„Gerne können Sie sich die Sendung in der Mediathek anschauen und im Anschluss an das ZDF, einen Dank für die faktenreiche Sendung und dass zum Thema weitere Sendungen erfolgen sollten schreiben.“

Es folgt ein Link zur ZDF-Mediathek und zum Kontaktformular des ZDF. Für viele Besuchende des Freiheit-Kongress dürfte es das erste Mal sein, dass sie dem sonst so verhassten „bösen ÖRR“ ein Lob aussprechen.

Stimmen zur Veranstaltung

Wie bereits erwähnt, beteiligte die Evangelische Akademie Frankfurt keine Sexarbeiter*innen am Talk.

Gerade deshalb beenden wir diese Einordnung mit einem Zitat der Sexarbeiterin Athene Pallas:

„Wenn alle über unsere Lebensrealität sprechen, aber Sexarbeitende selbst nicht als Expert*innen anerkannt werden, wird uns die Deutung über unser eigenes Leben entzogen. Wir werden zum Objekt einer Debatte, statt als politisch denkende und handelnde Menschen ernst genommen zu werden.

Dazu kommt: Sexarbeitende, die widersprechen, werden gezielt diffamiert – als Einzelfälle, als privilegiert, verblendet oder Teil der „Lobby“. So wird uns nicht nur widersprochen, sondern die Legitimität abgesprochen, überhaupt mitzureden.

Das ist nicht nur verletzend. Das ist Entmündigung – und ganz klar eine Form von Gewalt.“

Kongress der Unfreiheit (Teil 1)

Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt.

Beten, Reinsteigern und Kampagne
In Gottes Namen

Bereits zum dritten Mal fand vom 26.4. bis 29.4.2026 der sog. Freiheit-Kongress im christlichen Gästezentrum Schönblick statt.

In einer Beitragsreihe berichten wir über den Kongress christlich-fundamentalistisch und ultra-konservativ ausgerichteter Organisationen – bei dem bemerkenswerte Bündnisse geschmiedet werden.

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Der Freiheit-Kongress in Schwäbisch-Gmünd

Bei dem Kongress handelt es sich um eine groß angelegte Netzwerkveranstaltung christlich-fundamentalistisch, ultra-konservativ und esoterisch-traumatologisch ausgerichteter Organisationen. Bemerkenswert ist, wie bei den Themen Sexarbeit, Pornografie, Rituelle Gewalt Bündnisse zwischen Kräften möglich werden, die bei anderen Themen rundheraus unmöglich sind.

Dieses Jahr nahmen rund 400 Menschen am Freiheit-Kongress teil. Unsere Beobachtenden vor Ort erlebten ein Wechselbad aus Gefühlen, Furor und … Entschlossenheit. Kritische Medienvertreter*innen vor Ort fehlten, dafür war der freikirchliche Sender ERF und das evangelikale Medium IDEA Partner*innen der Veranstaltung.

Zur Erinnerung: Der Tagungsort Schönblick machte bereits im Mai 2025 als Tagungsort des Anti-Abtreibungs-Kongress Leben.Würde unter der Schirmherrschaft von Jana Hochhalter (aka Jana Highholder) und Bischof Stefan Oster von sich reden. Regelmäßig finden dort Veranstaltungen aus dem charismatischen und evangelikalen Spektrum statt. Mehr dazu in Teil 2 dieser Reihe.


Unter dem Motto „Gemeinsam gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ tauschte sich vier Tage lang ein erstaunlich heterogenes Potpourri aus Prediger*innen, Beter*innen und „Expert*innen“ zu Themen wie „Prostitution“, Ritueller Gewalt und Pornografie aus. Aufwallende Emotionen gehören dazu, begleitet von geistlicher Musik, Predigten, Vorträgen und Paneldiskussionen.

Beachtlich: die teilweise hochaufgeladene Stimmung schreckt Politiker*innen nicht von der Teilnahme ab – wie bereits beim vorherigen Kongress 2024 (Teil 3 – folgt bald!) suchten einige auch 2026 wieder die Nähe hochreligiöser Netzwerke, die bei ihren Rettungsversuchen auch vor dubiosen und teilweise obskuren Methoden nicht zurückschrecken.

„Wer veranstaltet diesen Kongress?“[i]

Quelle: www.freiheit-kongress.de

Auf der orange (steht weltweit für Engagement gegen Gewalt an Frauen) gehaltenen Homepage wird informiert, dass der Freiheit-Kongress von einer „Veranstalter- und Kooperationsgemeinschaft“ ausgerichtet wird. 40 NGO’s seien daran beteiligt, davon werden prominent mit Logo gelistet:

  • Evangelische Allianz Deutschland (EAD)
  • Gemeinsam Gegen Menschenhandel (GGMH)
  • Aktion Hoffnungsland (AH), Träger des Hoffnungshaus in Stuttgart
  • return, einer selbsternannten Fachstelle zu „Mensch sein in digitalen Zeiten“
  • christliches Gästezentrum Schönblick
  • Mission Freedom (MF)

Besonders der letztgenannte Verein, Mission Freedom, machte am Freitag vor Beginn des Kongress – mal wieder – Schlagzeilen, als Medienberichte erschienen, denen zufolge sechs Kinder aus der vom Verein[1] betriebenen Einrichtung „Haus SeeNest“ in Schwaben durch das Jugendamt Oberallgäu in Obhut genommen worden waren. Gegen die pädagogische Leitung des SeeNest wurde eine „Tätigkeitsuntersagung erlassen“, wie die Allgäuer Zeitung bereits am 24.4.2026 und nun auch die Süddeutsche Zeitung berichten.

Doch auf dem Freiheit-Kongress spielt dieser Vorfall keine Rolle. Genau genommen spielt nichts eine Rolle, was die zunehmend fanatisch vorgetragene Einigkeit stören könnte. Soweit uns berichtet wurde, erwähnte niemand öffentlich die Inobhutnahme der Kinder. Vielleicht ist jenen, die sich auf der „richtigen Seite“ in einer höchst emotionalisierten Debatte wähnen, Transparenz und Widerspruch einfach fremd?

Sind sie vielleicht gewohnt, dass es sich am „Lagerfeuer der Anständigen“ warm und trocken sitzt und kritische Fragen anderen gestellt werden?

Quelle: „Warum sie uns hassen – Sexarbeitsfeindlichkeit“ von Ruby Rebelde (2025)

Auf dem Freiheit-Kongress geht es nicht um ein vollständiges Bild der komplexen Themen Sexarbeit & Menschenhandel, auch nicht um differenzierte Analyse und schon gar nicht um durchdachte Lösungsvorschläge. Das Event steht für (schein-)heilige Selbstbespiegelung, emotionale Radikalisierung und scharfe Kritik an Andersdenkenden.

Tag 1 – Aufwärmen & Seriosität mimen

Vier Tage Gebet, Seminare, Reden und Musik liegen am Sonntag in Schwäbisch-Gmünd vor den Teilnehmenden.

Um 14:30 Uhr startet der Einlass. Nach überschwänglichen Grußworten – der Bürgermeister von Schwäbisch-Gmünd ist Schönblick-Fan, allem Anschein nach auch von den tollen (Anti-Abtreibungs-, Anti-Sexwork,- Anti-Vielfalts-) Events dort – startet der Kongress mit einem Vortrag von Dr. Jakob Drobnik.

Quelle: https://freiheit-kongress.de/programm

Dr. Drobnik (oder „Jay“, Instagram), tritt im geschniegelten Chic der neuen Rechten auf, Einstecktuch im Anzugjacket, Krawatte, akkurat frisiert.


Einschub: Wer sich wundert, wieso ich in diesem Artikel gleich zwei Mal über Kleidungsstile (von Huschke Mau und Jakob Drobnik) spreche: Mit einem bestimmten Auftreten und Aussehen verbinden sich auch Aspekte, wie Habitus, Milieu und Zielgruppe. Bei den entsprechenden Einordnungen in diesem Text geht es also nicht um Abwertung oder persönlichen Diss, sondern eher um die Frage der Anschlussfähigkeit und Akzeptanz für die spezielle Zielgruppe auf dem Schönblick. Einschub Ende


Der 40-jährige arbeitete unter der Professorin Elke Mack an deren Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaft und Sozialethik an der Uni Erfurt und seit einigen Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Posen. Er promovierte zu Fundamentaltheologie.

Drobnik ist auch im Vorstand vom pseudowissenschaftlichen Institut DIAKA (Deutsches Institut für Angewandte Kriminalitätsanalyse), unter deren Dach seit Jahren Stimmung gegen das aktuell in Deutschland gültige Prostituiertenschutzgesetz und für die Einführung der Kriminalisierung der Nachfrage nach schwedischem Vorbild erzeugt wird. Pseudowissenschaftlich, denn der Begriff „Institut“ ist in Deutschland nicht geschützt und somit kein Qualitätssiegel. Wir von FundiWatch könnten ein „Institut für Angewandte Fundianalyse“ gründen. Der Begriff Institut an sich trifft keine Aussage, über das, was sich dahinter verbirgt.

Das DIAKA beauftragte die bereits erwähnte Professorin Mack und Ullrich Rommelfanger mit dem Buch „Sexkauf“, an dem auch Drobnik mitschrieb – sonst finden sich auf der DIAKA-Homepage eher skandalisierende und empörte Blogartikel.  

Doch Drobniks Name ist noch mit einem anderen Vorfall verbunden: Er verfasste einen Text über die Kriminalisierung der Nachfrage, den er im Juni 2025 auf einem Termin, der wie eine offizielle Pressekonferenz inszeniert war, feierlich-zeremoniell der zuständigen Ministerin Karin Prien überreichte. Dies geschah -zufällig?- an dem Tag, als die von der Ampelregierung beauftragte wissenschaftliche Evaluation des Prostituiertenschutzgesetz veröffentlicht wurde. Ministerin Prien nahm im Grunde also eine alternative Arbeit, statt des immerhin durch die Vorgängerregierung beauftragten Evaluationsbericht des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) entgegen. Jeder Person steht frei, sich ihren Teil zu diesem Verhalten des BMBFSFJ denken.

Drobniks akademische Tätigkeit an sowohl juristischen als auch theologischen Fakultäten macht ihn zu einem perfekten Scharnier innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung. Dort sammeln sich, bildlich gesprochen: am Lagerfeuer der Anständigen, konservative, ultra-religiöse und frauen – RECHTS – bewegte Strömungen.

Auch die extreme Rechte beansprucht zunehmend, in dieser Debatte mitzusprechen. Vor Kurzem luden eine AfD- und eine FPÖ-Abgeordnete zu dem Event „Käufliche Liebe ins Rechte Licht (sic) gerückt“ ins Europäische Parlament. Der lagerübergreifende Tenor lautet: Strengere Gesetze zu Sexarbeit, Selbstbestimmung und Leihmutterschaft müssen her. Ihre Strategie: Moralpaniken angesichts einer, ihrem Empfinden nach, verheerenden Ist-Situation zu schüren.

In solchen Moralpaniken erfolgen stigmatisierende und diskriminierende Zuschreibungen, oft adressiert an ohnehin marginalisierte Menschen: Gender-Wahn als Bedrohung für die weiße, bürgerliche christliche Frau, die Beschwörung eines gefährlichen „Stadtbilds“, der Fingerzeig auf Migrant*innen und nicht-weiße Täterkreise. Emotionale, hochpersönliche Reizthemen, wie Leihmutterschaft, Sexarbeit und Pornografie eignen sich dabei besonders, um sich als moralisch erhaben, rechtschaffen und selbstverharmlosend zu inszenieren.

Ein weiterer Stargast des diesjährigen Freiheit-Kongress ist Huschke Mau. Ihr Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events. Sie ist sowas wie eine Säulenheilige der Gruppe von Überlebenden des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung. Mau teilt gern und happig gegen Sexarbeitende aus.

Nicht ihre persönliche Meinung zur Prostitutionspolitik ist das Problem, sondern ihr Anspruch, sie allein und ihre Gefolgsleute kannten die einzige „Wahrheit“, die sie aus ihren eigenen Erlebnissen verbindlich für alle anderen ableitet. Wie viele in dieser „prostitutionskritischen“ Strömung teilt sie auch „genderkritische“ Einstellungen. Weil sich anekdotische Evidenz so schwer belegen lässt, sind in Maus Buch „Entmenschlicht“ auch keine kontextualisierenden Fußnoten enthalten, und das – trotz oder wegen? – ihrer teils steilen Thesen.

Feminist*innen unter sich?

Mau’s Bild prangt auf SharePics und Homepage des Events – teils auch direkt neben Gaby Wentland, der Vorsitzenden von Mission Freedom, für die Homosexualität für Gott ein „Greuel“ ist und Abtreibung eine „Blutschuld“.

Mau wird auf dem Schönblick im Gespräch mit Personen von Samaritans Purse beobachtet. Samaritans Purse ist in Deutschland besser als die „barmherzigen Samariter“ oder durch ihre (oft kritisierte) Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ bekannt. Hinter ihrer sorgfältig kuratierten Fassade aus Nächstenliebe verbirgt sich eine (weitere) umstrittene Freikirche.

Samaritans Purse wird vom umstrittenen Franklin Graham geleitet, der in der Kritik für islam- und queerfeindliche Äußerungen steht. Graham brachte erst kürzlich erneut seine unbedingte Unterstützung für Trump zum Ausdruck. Das geschah, als dieser es sich gerade mit Teilen der Maga-Bewegung durch das KI-Bildchen, das ihn als heilenden Jesus-Arzt zeigte, verscherzt hatte.

Mau wird von Beobachtenden auf dem Kongress im Gespräch mit Markus Habicht, und einer weiteren Person im T-Shirt der Samariter-Kampagne „Männer gegen Menschenhandel“ gesehen. Ganz klar, hier unterhalten sich Feminist*innen unter sich…

Samaritans Purse und deren Projekt Alabaster Jar kooperieren eng mit der Anlaufstelle Neustart e.V. aus Berlin (ebenfalls Mitgliedsorganisationen von Gemeinsam gegen Menschenhandel).

Mau ist Gründerin des Netzwerks Ella. Sie und andere aus dieser Gruppe trifft man seit über zehn Jahren immer dort, wo sich Stimmung gegen Sexarbeit machen lässt. Nun, so hört man, hat Mau ein neues Buch geplant, die nächste sexarbeitsfeindliche Welle muss schließlich geritten werden.

Menschenhandel = „Prostitution“

Die absolute Gleichsetzung von brutaler Gewalt und konsensueller Intimität zwischen erwachsenen Menschen gegen Vergütung ist das Muster. Und das durchzieht Titel, Selbstverständnis sowie Merch auf dem Freiheit-Kongress.

Und das nicht nur auf dem Schönblick, nicht nur an diesen vier Tagen: Überall allem prangt das Wort Menschenhandel. Doch die Aktionen und Events dieser Vereine und Organisationen richten sich in erster Linie gegen Sexarbeitende und marginalisierte Menschen. Die Akteure des Freiheit-Kongress protestieren in der Regel nicht auf Demos gegen Migrationsunrecht, gegen Abschiebungen oder den Rechtsruck. Sie treffen sich lieber in einem evangelikalen Tagungshaus bei Gebet und geistlicher Musik. Eine Beobachterin des Events sagt dazu:

„Während des gesamten Kongresses wurde kein Wort über Alternativen zur Sexarbeit verloren. Flucht wurde ebenso wenig thematisiert, wie wirtschaftlicher Zwang. All diejenigen, die es wagen eine andere Position einzunehmen, als das „Nordische Modell“ zu fordern, werden pauschal als Lobbyistinnen oder Profiteurinnen dargestellt. Gegenstimmen sind auf dem Kongress nicht zu hören, offensichtlich ist eine echte Debatte nicht erwünscht.“

Beobachterin, anonymisiert


Einbindung von Politik ins Fundi-Happening

Der Freiheit-Kongress ist trotz alledem kein Gottesdienst. Es geht hier nicht ausschließlich um Religion, sondern darum, politisch wirksam zu werden. Das wird besonders deutlich am ersten Tag des Events.

„Jay“ Drobnik ist vieles, aber ein spannender Redner ist er wohl nicht. Wer nach seiner Keynote nicht eingeschlafen ist, erlebt im Anschluss eine Podiumsdiskussion, die keine Zweifel offenlässt, dass hier kein harmloses Glaubens-Retreat stattfindet.

Huschke Mau moderiert eine Podiumsdiskussion, an der neben Keynotespeaker Drobnik auch Politiker*innen aus CDU, LINKEN, SPD und Grünen teilnehmen.

Wer nun sagt, „ach, das ist ja nur die Landespolitik“, hat die Rolle von Baden-Württemberg innerhalb der Anti-Sexarbeits-Bewegung, aber auch mit Blick auf das rasche Vordringen erzkonservativer christlicher Kräfte nicht verstanden.

Huschke Mau auf dem Schönblick sieht nicht aus, wie die Huschke Mau, die ich von Bildern von vergangenen Events mit ihr kenne. Dort war ihr Markenzeichen eine Bluse im Leomuster, sehr rote Lippen – ich habe mich schon oft über ihre Anspielungen an jene Äußerlichkeiten, die Sexarbeitenden zugeschrieben werden, geärgert. Ist ihr Schönblick-Outfit – hochgeschlossen, in blickdichter Strumpfhose und Blümchenrock ein Zugeständnis an den evangelikalen Vibe des Kongress?

Quelle: https://www.idea.de/artikel/politiker-und-mediziner-fordern-nordisches-modell-in-deutschland

Mau befragt die Politik-Runde zum „blinden Fleck“ ihrer jeweiligen Parteien.

Auch eine Vertreterin der LINKEN hat auf dem Podium Platz genommen. Führt man sich vor Augen, an welchem Ort getagt wird und mit was für christlich-fundamentalistischen Vereinen und Organisationen der Freiheit-Kongress aufwartet, entspricht das wohl eher nicht einem emanzipatorischen Selbstverständnis.

Uta Beyer ist eine der Sprecherinnen der BAG Lisa, die schon öfter eine problematische Nähe zum Kreis um Katharina Sass und Liane Bissinger bewiesen hat. Diese lose Gruppe „borgt“ sich das Logo der Partei und nennt sich „Linke für eine Welt ohne Prostitution“. Ansonsten ist Uta Beyer eher ein unbeschriebenes politisches Blatt.

Christian „christ.gehring“ Gehring ist schon eine wirkmächtigere Figur (sorry, Uta): Er war in der letzten Legislatur kirchenpolitischer Sprecher der CDU in Baden-Württemberg. Als Kriminalkomissar a.D. ist sein Profil gefragt in der Anti-Sexarbeits-Bewegung, die gern mit einer starken Betonung der Ordnungspolitik und der Exekutive aufwartet (so auch beim bereits erwähnten Institut DIAKA). Strafrechtsfeminist*innen lieben scheinbar markige Cops, und lauschen dann andächtig deren Copaganda-Anekdoten, ohne kritische Nachfragen.

Gehrings CDU Baden-Württemberg lud 2025 die Evangelische Allianz Stuttgart (Gemeinsam für Stuttgart) in den Landtag ein. Bei dieser Gelegenheit entstand ein Bild, das sich auf dem Instagram-Auftritt des evangelikalen Vereins Kainos (ebenfalls Mitgliedsorganisation von Gemeinsam gegen Menschenhandel) finden lässt. Gehring hält ein Exemplar des Buches seines schwedischen Kollegen Simon Häggström in die Kamera.

Gehring steht stellvertretend für einen Kurs, der Politik und Gesellschaft stärker an sehr konservativen Glaubensvorstellungen ausrichten will. 2025 kandidierte er für die Evangelische Landessynode und galt zunächst als nicht gewählt. Angetreten war er für die konservative Lebendige Gemeinde (ChristusBewegung). Später wurde das Ergebnis korrigiert und Gehring zog doch noch in die Synode ein. Mit verheerenden Folgen: Auf diese Weise zog die Lebendige Gemeinte mit der Stimmanzahl der Offenen Kirche gleich. Die Lebendige Gemeinde lehnt zum Beispiel die rechtliche und liturgische Gleichstellung von queeren Paaren ab.

An diesem Beispiel wird klar, dass es solchen Kräften nie „nur“ um Sexarbeit und Menschenhandel geht. Auf Treffen wie dem Freiheit-Kongress verbinden sich ultra-konservative Überzeugungen mit dem politischen Kalkül, Einfluss in allen gesellschaftlichen Sphären zu gewinnen (wie beim Seven Mountains Mandat).

Auch die GRÜNE Ursula Mayr hat auf dem Podium Platz genommen. Sie ist Ortschaftsrätin von Hohenwettersbach bei Karlsruhe. Mayr ist Psychologische Psychotherapeutin mit Sitz in Karlsruhe-Durlach. Damit sitzen, zusammen mit der SPD-Frau Brigitte Schmidt-Hagenmeyer, zwei mit Trauma-Therapie befasste Personen auf diesem Podium. Auch das ist, mit Blick auf die Anti-Sexarbeits-Bewegung nicht überraschend. Über die Vereinnahmung von Leid und Trauma sollten all jene nachdenken, denen die Themen Sexarbeit und Menschenhandel als sehr nischig oder identitätspolitisch erscheinen. Denn in der Viktimisierung und Pathologisierung Andersdenkender liegt eine autoritäre Versuchung, die auch bei anderen Themen verfangen kann.

Wie die LINKE Uta Beyer, ist Ursula Mayr ein prägnantes Beispiel dafür, wie die Slogans der Anti-Sexarbeits-Bewegung in bestimmten Schichten besondere Resonanz auslösen. Politiker*innen wittern hier eine Gelegenheit, sich selbst als entschlossen und auf der richtigen Seite positioniert ins Gespräch zu bringen. Vielleicht ist das der Grund, aus dem sich Mayr und Beyer auf den Fundi-Kongress verirrt haben?

Dass Events wie diese aber keine Bühne nur für die zweite, dritte und vierte Reihe in der Politik sind, damit beschäftigt sich der dritte Teil dieser Reihe, der auf den Kongress 2024 zurückblickt. Mayr jedenfalls fiel bislang weder durch Wortmeldungen noch politische Initiativen zum Thema auf.

Quelle: Archiv RR

Das ist bei Brigitte Schmidt-Hagenmeyer (BSH) anders. Auch sie ist, wie Drobnik, im Vorstand von DIAKA. Exemplarisch können wir an einer Figur, wie BSH typische Verflechtungen in unterschiedliche Themenfelder ablesen.

Jemand wie BSH erfüllt oft mehr als eine Funktion in den Allianzen und versucht in unterschiedliche Netzwerke zu wirken. Die Fäden ihrer Aktivitäten führen in die SPD Baden-Württemberg, in lokale Kampagnen wie den Appell „Karlsruhe gegen Sexkauf“, zum „Trauma & Prostitution“-Netzwerk um Dr. Ingeborg Kraus, in die Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation (DGTD) aber auch zu Kommentierungen des Evaluationsberichts zum Prostituiertenschutzgesetz oder zu einer Handreichung, die Medienschaffende bei einer diskriminierungssensibleren Berichterstattung über Sexarbeit unterstützen will. Letztere war in den letzten Wochen bereits mehrfach durch den Kakao rechter Medien gezogen worden.

Vor Kurzem trat BSH bei einer Online-Veranstaltung der Linken für eine Welt ohne Prostitution auf, zusammen mit Liane Bissinger (LINKE Oberland): Genussvoll wurden dort emotionalisierende Schilderungen körperlicher und psychischer Verletzungen von Opfern des Menschenhandels ausgebreitet, einhellig und ohne Gegenstimme.  

Die Botschaft: Prostitution ist Gewalt. Verbote, so finden diese Menschen, die sich in allen Parteien finden, sind ganz gewiss die Lösung für soziale Ungerechtigkeit, Patriarchat und sexualisierte Gewalt. Darin ist man sich einig und entledigt sich somit seiner Verantwortung für konkrete Antworten auf strukturelle Gewalt, Ausschluss und nachhaltige Veränderung. Noch ein bisschen Musik, Gebet und Geld – und die nächste sexarbeitsfeindliche Kampagne rollt durch’s Land.

Auf diesem Podium schließt sich ein Kreis. Events, wie der Freiheit-Kongress sind per se nicht (ergebnis-) offen. Deep, deep into the rabbithole kreisen die Gedanken in den Köpfen der Verantwortlichen in einer Dauerschleife.

Um gewünschte und geforderte Unterstützung, Rechte und verbesserte Lebensbedingungen für Sexarbeiter*innen in Anerkennung ihrer Selbstbestimmung geht es auf dem Freiheit-Kongress offensichtlich nicht.

Freiheit im Denken ist auf dem Freiheit-Kongress: unerwünscht.

In den kommenden Tagen führen wir diese Reihe zum Freiheit-Kongress fort:

Teil 2: „Heftig zu erleben, was in so Fundikreisen abgeht, wenn die schon tagelang aufgewärmt sind und sich gut gegenseitig reinsteigern“


Teil 3: Rückblick auf 2024 und weitere Hintergründe (in Kürze!)


[1] Etwas kaschiert durch den Umweg über die 100% Tochter „Himmelsstürmer gGmbH“ von Mission Freedom, die als Betreiber des Haus SeeNest in Erscheinung tritt.


[i] https://freiheit-kongress.de/ (abgerufen am 28.4.2026)

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