Glaube & Gebet sind nicht das Thema – christlich-fundamentalistische Einflussnahme aber durchaus

Zur Diskussion über die Gebete bei der Fußball-WM

(Quelle Titelbild: eigene Aufnahme: Die Kicker Bibel, 9. Auflage, Bible for the Nations e.V.). Hier hatten wir bereits berichtet, wie geradezu „beseelt“ viele Medien aktuell ohne jede Einordnung über den Gebetskreis von Felix Nmecha und weiteren Fußballern bei der aktuell stattfindenden Weltmeisterschaft berichten.

Dass die Gebetsinitiative vor allem eine von den evangelikalen Plattformen Ballers in God und Fußball mit Vision e.V. unterstützte Aktion ist, die Profifußballer quasi als „Markenbotschafter“ zur Verbreitung ihrer christlich-fundamentalistischen Idologien nutzen, blieb weithin unerwähnt.

Selbst Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt meinte nun offenbar, sich hierzu völlig unkritisch und undifferenziert äußern zu müssen. Göring-Eckardt schreibt pauschal von „hässlichen Kommentaren“, die „einfach nur billig oder blöd“ seien.

Queerfeindliche und rassistische Kommentare

Zahlreiche Kommentator*innen haben in – teils in der Tat hitzigen – Social Media-Debatten u.a. auf die queerfeindlichen Vorwürfe gegen Nmecha und den genannten Vereinen hingewiesen. Andere Kommentator*innen wiederum verteidigten in den Kommentarspalten queerfeindliche und rassistische Stereotypen.

queer.de hat nun verchiedene Vorfälle noch einmal in einem Artikel zusammengefasst. Und vergisst dabei auch nicht den Nürnberger Jugendtrainer Enrico Valentini, der erst letztes Jahr unter Berufung auf seinen „christlichen“ Glauben Homosexuelle mit Rassisten gleichsetzte. In einem Podcast hatte er laut queer.de erklärt, Homosexualität aufgrund seines Glaubens für falsch zu halten. In dem Gespräch sagte Valentini: „Wenn der [Homo­sexuelle] sich jetzt beleidigt fühlt dafür, dass ich das nicht für gut heiße, was er tut, das ist genauso, wenn ich einem Rassisten sage: ‚Hey, das, was du machst, ist falsch.‘ Das ist genau dieselbe Geschichte.“ Auch Valentini gehört zum „Team“ von Fußball mit Vision.

Worum es wirklich geht – und worum nicht

Die beiden Journalist*innen Dina Falken und Felix Michaelis beschreiben nun bei belltower in erfreulicher Klarheit noch einmal, wobei es in der Debatte eigentlich geht. Nämlich weder um das Gebet noch um den christlichen Glauben an sich:

„Religiöse Gesten gehören seit Jahrzehnten zum Fußball. Die Frage ist deshalb nicht, ob Fußballerinnen ihren Glauben öffentlich zeigen dürfen, sondern, warum organisierte Missionskampagnen im Umfeld der weltweit größten Sportveranstaltung kaum als solche erkannt werden. […] Dabei zeigen die Verbindungen von „Ballers in God“, „Fußball mit Vision e.V.“ und ähnlichen Initiativen, dass es nicht nur um persönliche Glaubensbekundungen einzelner Spieler handelt, sondern um eine zunehmend professionelle Form religiöser Einflussnahme im Profisport.“

Um diese Einflussnahme geht es. Und um die dahinter stehenden christlich-fundamentalistischen und anti-pluralistischen Ideologien, die durch diese Netzwerke verbreitet werden sollen.

Sportler*innen als Markenbotschafter für christlich-fundamentalistische Ideologien – mit der „Kicker-Bibel“ unterm Arm in die Schule

Ballers in God, Fußball mit Vision und zahlreiche weitere Akteur*innen aus dem christlich-fundamentalistischen Umfeld nutzen gezielt das große Identifikationspotential erfolgreicher Sportler*innen. Zunächst ganz niederschwellig. Die Radikalisierung findet dann nicht selten auch online statt.

Zum Einsatz kommt dabei auch die sogenannte „Kickerbibel“ – heraugegeben von Athletes in Action, Fußball mit Vision, Sportler ruft Sportler (SRS) und Bible for the Nations mit Bibeltexten der recht freien und evangelikal geprägten Bibelübersetzung „Neues Leben Bibel„. Die Bibel als Fan-Editon für Fußballfreunde… Und übrigens mal wieder ein anschauliches Beispiel, wie US-evangelikale und deutsche evangelikale Organisationen längst bestens miteinander vernetzt sind und zusammenarbeiten.

Hier einige eigene Fotoaufnahmen der Bibel, die diese Tage von einer christlich-fundamentalistischen Gemeinde in München kostenlos verteilt wird.

Bildquellen: eigene Aufnahmen: Die Kicker Bibel, 9. Auflage, Bible for the Nations e.V.

Gerade bei jungen Menschen kann das ziehen. Und so wundert es nicht, dass Fußball mit Vision regelmäßig auch an Schulen auftritt. Nicht immer wird einladenden Schulen und Lehrer*innen bewusst sein, welche Netzwerke und Ideologien dahinter stehen.

Und gerade hier könnten Medien einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung leisten.


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City of Light – Hat dieses Event Berlin noch gefehlt?

Gastbeitrag zum „City of Light“-Festival von GODsPOWER mit Lukas Repert

(Bildquelle: cityoflight.de) An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Gastbeitrag von Robin Eschenbach. Robin hat die Missionsveranstaltung “City of Light” vom 21. bis 24.05.2026 in Berlin beobachtet. Veranstalter des Events war die Organisation “GODsPOWER” unter Leitung von Lukas Repert. Auch zahlreiche weitere Personen und Gruppen, die uns bei FundiWatch immer wieder begegnen, waren mit dabei. Selbst für die Kleinsten war im Bereich des “KidsFestival” “gesorgt”. Vielen Eltern dürfte zunächst nicht mal aufgefallen sein, um was für eine Veranstaltung es sich dort handelte…

Das City of Light-Festival findet regelmäßig an verschiedenen Orten in Deutschland statt. Bereits dieses Wochenende findet vom 19. bis 21.06.2026 das City of Light in Nürnberg statt.

Vielen Dank an Robin für den Bericht!


Techno oder Jesus? Diesmal: Jesus.

Gastbeitrag von Robin Eschenbach

Der Platz vor dem Brandenburger Tor zeigt sich an diesem Nachmittag in seinem üblichen Charme: jemand macht Riesenseifenblasen, Teenager spielen halbherzig Fußball, und ich werde auf dem Weg über den Pariser Platz innerhalb von fünf Minuten von drei Menschen – einem von diekreative, einem von Saddleback und einem von einer Gruppe, die er lieber nicht nennen wollte – zu einem Konzert eingeladen, das „gleich beginnt“. In Berlin bedeutet das entweder Techno oder Jesus. Diesmal: Jesus.

Quelle: https://www.cityoflight.de/

Schon der Auftakt macht klar, wie schwer der Job des modernen Evangelisten im Lausanner sehr gefürchteten “säkularen Gürtel Mitteleuropas” ist. Dieser ist spirituell betrachtet ungefähr das, was Brandenburg für mediterrane Weinbauern ist. Während frühere Missionare noch auf Menschen trafen, die Angst vor Hölle und Ernteausfällen hatten, steht man heute vor Berliner*innen mit Noise-Cancelling-Kopfhörern und einem tief verinnerlichten „Lass mich einfach in Ruhe“. Aus Sicht der Lausanner Bewegung gilt Europa inzwischen als eines der strategisch schwierigsten Missionsfelder überhaupt. Weil viele Menschen das Christentum nicht mehr als gute Nachricht, sondern als moralisch fragwürdig, intellektuell naiv und emotional irrelevant wahrnehmen (vgl. Lausanne Movement. Europe).

Gemeinsam “Seelen retten” – aber psssst…!

Die Bühne gehört „City of Light“, einem evangelistischen Straßenfestival von GODsPOWER rund um Lukas Repert. Dahinter steht ein Netzwerk freikirchlicher Organisationen, das in Berlin gut miteinander verbunden ist.

GODsPOWER veranstaltet neben „City of Light“ auch das „KidsFestival“ im Stadtpark Lichtenberg sowie die „Healing & Power Conference“- am 09.05.2026 erst als „Blessed to be a Blessing“ im ICF Berlin. Mitbeworben und unterstützt werden die Events von GODsPOWER neben ICF Berlin auch von Real Life Berlin, diekreative, Every Nation Berlin, “Neues Leben” u.v.a.

Ganz überraschend kommt das nicht: Seit Wochen wurde auf Plakaten und auf Spotify-Werbung „das Event, das Berlin noch fehlt“ angekündigt – mit „authentischen Geschichten“ und „mitreißender Musik“.

Der evangelikale Hintergrund blieb bei der Spotify-Werbung auffallend diskret. Als wolle man erst beim dritten Song erwähnen, dass es eigentlich um die Rettung unsterblicher Seelen geht.

Quelle: Instagram / City of Light

KidsFestival für die Jüngsten – Überraschungsgast Jesus?

Auf dem KidsFestival begegnet einem dieselbe Strategie von Intransparenz.

Man sieht Kinder in Zorb-Bällen über die Wiese rollen, auf Hüpfburgen, beim Kinderschminkstand oder einander mit Rasierschaum und Popcorn bewerfen. Bratwurst, Zuckerwatte und Getränke gibt es für lau. Kurz gesagt: Es wirkt wie jedes andere Berliner Familienfest – nur mit besserem Catering.

Was man dagegen nicht sieht, ist irgendein Hinweis darauf, dass es sich um eine “christliche” Veranstaltung handelt. Kein Banner, keine offensichtliche Einladung zum Glauben, kein Hinweis auf die Veranstalter. Erst im Bühnenprogramm wird zwischen Spielen und Animation plötzlich gebetet, gesungen und dazu eingeladen, Jesus in das Herz aufzunehmen. Man gewinnt den Eindruck, dass die Veranstalter das Konzept der Überraschungsparty konsequent zu Ende gedacht haben. Nur dass am Ende nicht der Clown aus der Torte springt, sondern die Evangelisation. Zu spät, um seine negative Religionsfreiheit bzw. die von Kindern – manche gerade einmal vier Jahre – ansatzweise zu schützen.

Die Anzahl der evangelisierten Kinder wird am nächsten Tag durchaus stolz in einer der Berliner Gemeinden als Erfolgskennzahl vor sich hergetragen. Man fragt sich, warum – bei aller Versammlungsfreiheit – die Berliner Versammlungsbehörde nicht zumindest auf eine klare Beschilderung gedrängt hat.

“Rettung” von Drogensucht, Spielsucht und “Perversion” im Dringlichkeitsmodus

Zurück vor dem Brandenburger Tor: bereits das Tanzteam erklärt dem spärlichen Publikum, dass Drogensucht, Spielsucht und Perversion (= Homosexualität, vgl. Sommer-Special 2024 von diekreative) Ausdruck desselben geistlichen Elends seien, aus dem man durch ein Leben mit Jesus gerettet werden könne.

Die Worship-Musik hallt über den Platz wider am Hotel Adlon, an der US-Botschaft und an der Akademie der Künste. Dort läuft zeitgleich eine Installation über verbotene Wörter unter der Trump-Administration – inklusive Aufrufen zu Meinungsfreiheit und dem Satz: „Wo Sprache zensiert wird, ist Demokratie in Gefahr.“ Man kann sich schwer des Eindrucks erwehren, dass hier versehentlich das perfekte Gegenprogramm entstanden ist: drüben die Warnung vor ideologischer Kontrolle, hier die Einladung zur totalen Hingabe. Berlin inszeniert seine Ironie zuverlässig selbst.

Dann übernimmt Lukas Repert selbst, der Initiator des Festivals. Der Platz füllt sich langsam, bis irgendwann vielleicht 200 oder 300 Menschen erreicht sind – die meisten davon mit „Follow-Up“-Schildern um den Hals oder im „City of Light“-Shirt.

Es folgt eine Dramaturgie, die weniger auf Diskussion als auf emotionale Überwältigung setzt: anschwellende Musik, immer gleiche Einladung, sich „ins Licht“ retten zu lassen und dazu Reperts Dringlichkeitsrufe wie „Yes, yes, yes!“ oder „Now, now, now!“. Einzelne Personen werden auf die Bühne gezogen, während jede*r den Nachbarn fragen soll, ob er „eigentlich jetzt dort oben stehen sollte“. Evangelisation wirkt hier weniger wie Glaubenssuche als wie spirituelles Gruppencoaching im permanenten Dringlichkeitsmodus.

Einige bekannte Gesichter aus der (ganz) rechten Ecke sind auch dabei…

In den Tagen des Festivals wird auch der rechtsextreme Christfluencer Leonard Jäger aka Ketzer der Neuzeit das Festival besuchen. Auf seinem Instagram-Kanal postet er über das Festival: “Ein großes Evangelisations-Event mitten in Berlin: Das waren gesegnete und und abenteuerliche Tage!”. Und: “And if our God is for us, then who could ever stop us”.

Quelle: Instagram / ketzerderneuzeit

Und auch von einem weiteren bekannten AfD-Unterstützer wird das Festival unterstützt: Der Prediger Markus Rapp, Leiter der Berliner Freikirche Neues Leben in Hohenschönhausen.

Rapp teilte auf seinem Youtube-Kanal (mit immerhin über 77.000 Abonennt*innen) – auf dem auch bereits mehrfach Lukas Repert zu Gast war – den Life-Stream der Abschlussveranstaltung zum City of Light. Rapp ist offener Unterstützer der AfD (zu Rapp vgl. Frontal v.24.6.2o25 ab Minute 6:10), deren Gruppe Christen in der AfD nach ihrer Abschlussveranstaltung in seiner Gemeinde zu Gast war.

Mit seinem Verein Christus für Europa betreibt Rapp den deutschen Ableger der Online-Bibelschule “International School of Ministry” (ISOM bzw. ISDD), in deren Programm auch Kurse zum sog. Seven Mountain Mandate angeboten werden. Nach dem “Seven Mountain Mandate” sollen Christ*innen auf die verschiedenen Gesellschaftsbereiche Einfluss nehmen, diese transformieren, um sie schließlich wieder mit “christlichen” Vorstellungen und Werten zu dominieren.

Mission Europa: Bootcamp für die Seelenrettung

Lukas Repert taucht als Gastredner bei Gemeinden wie ICF, Every Nation, diekreative oder der Gemeinde auf dem Weg auf. Vor einigen Jahren organisierte er sogar ein Evangelisations-Bootcamp in Tansania für Christ for all Nations – jene Missionsorganisation von Reinhard Bonnke, die jahrzehntelang Massenevangelisation perfektionierte.

Und tatsächlich endet just gleichzeitig mit City of Lights die sechswöchige School of Evangelism von Christ for all Nations in Berlin, für die Lukas Repert neben Gaby Wentland von Mission Freedom, Jean-Luc Trachsel und Ben Fitzgerald (der wiederum eine eigene Mission School, die School of Ministry der Awakening Church hat und sich von der US-Evangelikalen Trump-nahen Bethel Church aus mit seiner Organisation Awakening Europe aufgemacht, Europa zu erretten) als “Instructor” engagiert war.

Rund 30 angehende Berliner Missionar*innen wurden dort für schlappe 3.999 Euro Teilnahmegebühr darin geschult, Hemmungen zu überwinden, Fremde anzusprechen und aktiv Menschen für Jesus zu gewinnen. Seit Wochen wird entsprechend der Alexanderplatz bespielt: mal von amerikanischen Rappern, mal von Chris Schuller (Follow his Call Ministries / Encounter Nights) persönlich – der bereits am Tag 1 der City of Light aufgetreten ist – mal von jungen Missionar*innen in Ausbildung, die noch nicht gelernt haben, dass Berliner Gespräche üblicherweise nach drei ungefragten Sätzen enden.

In den USA, Brasilien oder Nigeria hätte Lukas Repert womöglich ganze Arenen gefüllt. Stattdessen wurde ihm ausgerechnet das Berliner Publikum auf das Herz gelegt: Menschen, die entweder gar kein Deutsch sprechen oder seit Jahren genug davon haben, ungefragt erklärt zu bekommen, wie sie zu leben haben. So zieht die durchschnittliche Berlinerin mit jener stoischen Gleichgültigkeit vorbei, die normalerweise nur Menschen entwickeln, die seit Jahren gleichzeitig mit Straßenmusiker*innen, Zeugen-Jehovas-Ständen, Junggesell*innen-Abschieden und BVG-Ersatzverkehr leben. Man schaut kurz hin, denkt „Aha, heute also Evangelikale“, und geht weiter zur U-Bahn.

Berlin bekehrt sich nicht? Dann eben nächste Woche wieder

Das entmutigt die Missionsbewegung allerdings kaum. Bereits am 13. Juli beginnt der zweiwöchige „Million Month“ der Awakening Church in Berlin. Frisch gestärkt vom „Empowerment Weekend“ werden erneut junge Missionar*innen mit beneidenswert schlechter Kenntnis der Berliner Mentalität auf den Alexanderplatz ausschwärmen, um Berlin zur „city of renewal, influence and hope for Germany and beyond“ zu machen.

Quelle: awakeningberlin.de

Der säkulare Gürtel Mitteleuropas gilt schließlich nicht deshalb als gefürchtet, weil man dort aufgibt, sondern weil man dort immer wieder glaubt, dass es diesmal bestimmt klappt.

Wachsam bleiben – Aufklärung tut Not!

Und dennoch: Auch wenn viele Berliner*innen schulterzuckend an diesem Event vorbeilaufen, sollten wir den Einfluss christlich-fundamentalistischer Organisationen in Deutschland nicht unterschätzen.

Auch in Berlin existiert mittlerweile ein breites Netzwerk entsprechender Gemeinden und Freikirchen mit lautstarker Social Media Präsenz. Dort geht es häufig nicht nur um einen selbstverständlich von der Religionsfreiheit geschützten persönlichen Glauben, sondern um Verbreitung anti-pluralistischer und radikal-konservativer Weltbilder. Gerade vor dem Hintergrund einer zunächst bunten und modern erscheinenden Außenfassade, ist dies für Außenstehende bzw. neu hinzutretende Personen oft kaum erkennbar. Treten dann erste Konflikte auf, ist der Ausstieg für viele alles andere als einfach.

Es heißt also: Wachsam bleiben und über diese Ideologien aufklären. Denn nicht überall, wo Hüpfburgen, Popcorn und Lobpreismusik draufstehen, ist am Ende nur ein harmloser Sonntagsausflug drin.


Mehr zum Thema:

Offener Brief zur geplanten Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe

(Bildquellen: ICF Movement; Stadt Karlsruhe). Wie bereits berichtet, beabsichtigt der Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe bereits am 19.06.2026 über die Anerkennung des International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. (ICF Karlsruhe) als Träger der freien Jugendhilfe zu entscheiden.

Die Stadtverwaltung empfiehlt eine Anerkennung des Vereins. In einem heute veröffentlichten Offenen Brief fordern wir, die Entscheidung zunächst zurückzustellen. Unseres Erachtens bleiben wesentliche Fragen zu den gesetzlichen Anerkennungsvoraussetzungen, zur weltanschaulichen Ausrichtung des Vereins sowie zum Schutz der Rechte junger Menschen bislang ungeklärt.

Im Folgenden veröffentlichen wir den vollständigen Offenen Brief. Dieser kann auch hier heruntergeladen werden. Eine Pressemitteilung vom heutigen Tage findet sich hier.

UPDATE [kurz nach Veröffentlichung]: Kurz nach Versand des Offenen Briefs erfuhren wir, dass der morgige Tagesordnungspunkt für die Beschlussfassung wohl abgesetzt wurde. Im öffentlich einsehbaren Situngskalender ist der TOP hingegen weiterhin aufgeführt.

Offener Brief
an die Stadtverwaltung der Stadt Karlsruhe
und die Mitglieder*innen des Jugendhilfeausschusses

Geplante Anerkennung des International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. als Träger der freien Jugendhilfe

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Mentrup,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Melchien,
sehr geehrte Mitglieder des Jugendhilfeausschusses,

mit Sorge verfolgen wir die geplante Anerkennung des International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. (ICF Karlsruhe) als Träger der freien Jugendhilfe gemäß § 75 SGB VIII.

Die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe ist mehr als ein formaler Verwaltungsakt. Sie ist gleichbedeutend mit einem Vertrauensvorschuss des Staates und setzt voraus, dass ein Träger dauerhaft Gewähr dafür bietet, die gesetzlichen Anforderungen der Kinder- und Jugendhilfe zu erfüllen. Dies gilt insbesondere für die Achtung der Rechte junger Menschen, für fachliche Standards, für Schutz- und Beschwerdestrukturen sowie für eine Arbeit, die den Zielen des Grundgesetzes förderlich ist.

Vor diesem Hintergrund halten wir die geplante Anerkennung des International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. (ICF Karlsruhe) gemäß § 75 SGB VIII für hoch problematisch und fordern den Jugendhilfeausschuss auf, die Beschlussfassung zurückzustellen, bis die Anerkennungsvoraussetzungen sorgfältig, öffentlich nachvollziehbar und unter Einbeziehung unabhängiger fachlicher Expertise geprüft wurden.

Das ehrenamtliche und unabhängige Recherchekollektiv FundiWatch beobachtet und dokumentiert Entwicklungen im Bereich des christlichen Fundamentalismus und dessen Auswirkungen auf Gesellschaft, Bildung, Soziale Arbeit und Menschenrechte. Ziel unserer Arbeit ist eine sachliche, quellenbasierte Aufklärung über christlich-fundamentalistische Strömungen und ihre gesellschaftliche Bedeutung.

Dabei geht es ausdrücklich nicht um die Frage, ob religiöse oder christliche Organisationen grundsätzlich Träger der freien Jugendhilfe sein können. Dies ist selbstverständlich möglich und in Deutschland vielfach gelebte Praxis. Unsere Sorge richtet sich vielmehr auf die konkrete Frage, ob die ideologische Ausrichtung, das Selbstverständnis und die tatsächliche Tätigkeit des ICF Karlsruhe mit den Voraussetzungen einer Anerkennung vereinbar sind und ob die Verwaltung diese Fragen ausreichend geprüft hat.

An einer solchen Prüfung bestehen nach derzeitiger Sachlage erhebliche Zweifel. Der äußerst knapp gehaltenen Sitzungsvorlage ist nicht zu entnehmen, ob die einzelnen gesetzlichen Anforderungen unter Beachtung der vom KVJS für Baden-Württemberg bereitgestellten fachlichen Orientierung, insbesondere die „Grundsätze für die Anerkennung von Trägern der freien Jugendhilfe nach § 75 SGB VIII“ der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugendbehörden (AGOLJB) vom 07.09.2016 sowie der später hinzugekommenen Anforderungen des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes (KJSG) hinreichend geprüft wurden.

Überraschend ist dies insbesondere vor dem Hintergrund erheblicher öffentlicher und langjähriger Kritik an der ideologischen Ausrichtung der ICF-Bewegung, die in der Vorlage nicht erkennbar berücksichtigt wird. Im Folgenden möchten wir unsere Sorgen näher begründen und damit eine rechtmäßige, sachliche und dem Schutzauftrag der Kinder- und Jugendhilfe entsprechende Entscheidung des Jugendhilfeausschusses unterstützen.

Wer ist das ICF Karlsruhe?

Das ICF Karlsruhe ist nicht nur eine lokale Freikirche, sondern Teil einer überregionalen, internationalen Bewegung mit gemeinsamer theologischer (Grund-)Ausrichtung und gemeinsamen geistlichen Konzepten.

Als ICF-Standort ist das ICF Karlsruhe Teil der internationalen evangelikal-charismatischen Kirchenbewegung ICF Movement mit Ursprung in Zürich. Die ICF-Bewegung umfasst zahlreiche Standorte im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus. Die einzelnen Gemeinden verstehen sich nicht als voneinander unabhängige Organisationen, sondern als Teil einer gemeinsamen Bewegung („Movement“) mit gemeinsamen theologischen Grundlagen, Leitungsstrukturen, Schulungsangeboten, Konferenzen und einem regelmäßigen Austausch von Prediger*innen. Darüber hinaus ist ICF Karlsruhe selbst Träger weiterer Standorte. So werden auch die Standorte ICF Kraichgau, Rhein-Neckar und Südpfalz rechtlich über den Verein ICF Karlsruhe e.V. geführt.

Zu den prägenden Persönlichkeiten der Bewegung gehören insbesondere der ICF-Gründer Leo Bigger (ICF Zürich) sowie weitere einflussreiche Leiter wie Tobias Teichen (ICF München), die ebenfalls wiederholt das ICF Karlsruhe aufsuchten. Darüber hinaus treten weitere führende Vertreter der Bewegung regelmäßig standortübergreifend auf und prägen so die theologische Ausrichtung der einzelnen Gemeinden.

Das ICF Karlsruhe ist eng in diese Strukturen eingebunden. Das zeigt sich bereits auf der Webseite, die zahlreiche Verlinkungen auf die Seite des ICF-Movement enthält. Solche Vernetzungen zeigen sich auch auf gemeinsamen Events, für die auch das ICF Karlsruhe wirbt, wie beispielsweise der für Mai 2027 in Zürich geplanten „ICF Conference“. Auf dieser sind neben den bereits erwähnten ICF-Pastoren weitere umstrittene Akteur*innen der evangelikalen Bewegung als Speaker angekündigt, wie beispielsweise der teils rechtspopulistisch auftretende Leiter des Augsburger Gebetshauses Johannes Hartl oder auch Dr. Stefan Vatter, auf dessen Konferenzen mit seinem „Apostolischen Konvent“ auch die rechtskatholische und im österreichischen Rechtsextremismusbericht des DÖW erwähnte österreichische Politikerin Gudrun Kugler auftritt.

Geleitet wird das ICF Karlsruhe durch das Ehepaar Steffen und Sybille Beck. Steffen Beck ist zugleich Co-Vorsitzender der Evangelischen Allianz Karlsruhe, der Ortsallianz des evangelikalen Netzwerks Evangelische Allianz Deutschland (EAD). Sybille Beck leitet den Verein Kinder und Jugend Arche Karlsruhe e.V., der ebenfalls eng mit dem ICF Karlsruhe verbunden ist und seinen Sitz an derselben Adresse hat. Aus diversen Predigten zum Thema Sexualität ergibt sich deutlich eine radikal konservative und heteronormative Sexualethik. Sybille Beck vertritt öffentlich die Auffassung, Scheidung in der Ehe solle grundsätzlich „keine Option“ sein und berichtet davon, wie Gott sie von „dämonischen Belastungen“ geheilt habe.

Das ICF Karlsruhe versteht sich ausdrücklich als Kirche und missionarische Glaubensgemeinschaft. Laut Verwaltungsvorlage gehören gemäß Satzung unter anderem die Verbreitung der biblischen Botschaft, missionarische Veranstaltungen, christliche Seelsorge und Schulungen zum christlichen Leben zu den Vereinszwecken. Die Kinder- und Jugendarbeit wird auf der Webseite des ICF Karlsruhe ausdrücklich mit dem Ziel verbunden, Kinder und Jugendliche an den christlichen Glauben heranzuführen und sie in ihrer Beziehung zu Jesus Christus zu fördern. „ICF Kids“ richtet sich an Kinder von 0 bis 15 Jahren; Ziel ist ausdrücklich, dass Kinder „Jesus Christus als ihren besten Freund kennenlernen“. Auch Kleinkinder sollen einen „Schöpfergott“ und „Vater im Himmel“ kennenlernen. Zudem ist auf der Seite eine Broschüre zum Thema „Mit Kindern über Sexualität reden“ des Vereins Weißes Kreuz verlinkt – eines evangelikalen Beratungswerks, das homosexuelle Beziehungen theologisch nicht als gleichwertig zur Ehe zwischen Mann und Frau anerkennt und eine konservative Sexualethik vertritt. „ICF Youth“ richtet sich an 13- bis 19-Jährige; Ziel ist, „Jesus ähnlicher“ zu werden, Gott zu erleben, das eigene Umfeld positiv zu beeinflussen und Bibel/Inputs/Worship zu haben.

Für Personen ab 14 Jahren bietet ICF Karlsruhe das Seminar „Gottes Stimme hören“ mit Prophetie, hörendem Gebet und praktischen Übungen an. Paarangebote beschreibt ICF Karlsruhe ausdrücklich als Suche nach dem „Platz als Mann und Frau“ und formuliert: „Gott hat die Ehe zwischen Mann und Frau … geschaffen“.

Vor diesem Hintergrund stellt sich unseres Erachtens die Frage, ob die Kinder- und Jugendarbeit des ICF Karlsruhe überhaupt einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit bildet oder ob sie überwiegend Bestandteil der kirchlichen und missionarischen Arbeit der Gemeinde ist. Gerade diese Abgrenzung ist für eine Anerkennung nach § 75 SGB VIII wesentlich.

Ergänzend sei auf die Veröffentlichungen des Bayerischen Landesjugendamts zu Gefährdungen des Kindeswohls in konfliktträchtigen religiösen / weltanschaulichen Gruppen hingewiesen, die sich teils auch ausdrücklich mit (christlich-)fundamentalistischen Ideologien befassen. Solche Hinweise machen eine vertiefte Prüfung nicht entbehrlich, sondern umso notwendiger – wofür im Übrigen die erst kürzlich erfolgte behördliche Schließung eines Kinder- und Jugendheims einer christlich-fundamentalistischen Organisation im Allgäu aufgrund des Verdachts kindeswohlgefährdender Erziehungsmethoden ein mahnendes Beispiel sein dürfte.

Kritik an der ICF-Bewegung und Stellungnahmen von Fachstellen

Die ICF-Bewegung ist seit vielen Jahren Gegenstand religionswissenschaftlicher Beobachtung sowie der Auseinandersetzung durch Fach- und Beratungsstellen zu religiösen Gemeinschaften. Wiederholt wurden Kritikpunkte ehemaliger Mitglieder und externer Fachleute dokumentiert. Diese betreffen unter anderem Fragen des Umgangs mit Autorität und Macht, Gruppenbindung, religiösem Anpassungsdruck, Geschlechterrollen sowie den Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt.

Auch die Schweizer Fachstelle InfoSekta hat sich wiederholt mit der ICF-Bewegung befasst. In Veröffentlichungen der Fachstelle sowie in öffentlichen Stellungnahmen werden unter anderem ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken sowie Berichte ehemaliger Mitglieder über sozialen und religiösen Anpassungsdruck und eine strikte „Purity Culture“ (Keuschheitskultur) thematisiert. Zusammenfassend hält InfoSekta in einer Stellungnahme fest:

„Bei näherer Betrachtung der ICF zeigt sich, dass hinter der glitzernden und gewinnenden Oberfläche eine problematische Gruppe steht, die mittels einer dualistisch angelegten Lehre und subtilen Druckmitteln die Gläubigen an sich bindet.“

Das ICF Karlsruhe versteht sich primär als Kirche

Das ICF Karlsruhe beschreibt sich selbst als evangelische Freikirche und Teil der internationalen ICF-Kirchenbewegung.

Laut Verwaltungsvorlage umfassen die Satzungszwecke unter anderem:

  • die Verbreitung der biblischen Botschaft,
  • missionarische Veranstaltungen,
  • christliche Seelsorge,
  • Schulungen zum christlichen Leben.

Auch die Kinder- und Jugendarbeit wird ausdrücklich mit dem Ziel verbunden, Kinder und Jugendliche an den christlichen Glauben und dessen Weiterverbreitung heranzuführen.

Damit geht es nicht lediglich um eine wertgebundene pädagogische Arbeit, sondern um die Frage, ob Jugendhilfe hier eigenständiger Vereinszweck oder Bestandteil kirchlicher Missions- und Gemeindearbeit ist. Nach Ziffer 2.1.5 der bereits erwähnten AGOLJB-Grundsätze können Vereinigungen, „die überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dienen“, nicht als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt werden. Diese Grundsätze sind keine Rechtsnorm, werden jedoch vom KVJS als fachliche Orientierung für Anerkennungsverfahren in Baden-Württemberg bereitgestellt. Gerade bei einem Verein, der sich selbst in erster Linie als Kirche versteht und auch seine Jugendarbeit in erster Linie religiös-missionarisch ausrichtet, hätte diese Frage unseres Erachtens einer besonders sorgfältigen und nachvollziehbaren Prüfung bedurft.

Konservative Sexualethik und Umgang mit Vielfalt

ICF Karlsruhe vertritt öffentlich ein Eheverständnis, wonach die Ehe von Gott als Verbindung zwischen Mann und Frau geschaffen wurde.

Zugleich ist die Gemeinde in internationale evangelikal-charismatische Netzwerke eingebunden, in denen vielfach konservative Positionen zu Geschlechterrollen, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Vielfalt vertreten werden.

Zu den bei ICF Karlsruhe aufgetretenen Referent*innen gehören unter anderem umstrittene Evangelikale wie beispielsweise:

  • Leo Bigger (ICF Zürich),
  • Tobias Teichen (ICF München),
  • Jana Hochhalter aka „Jana Highholder“ (u.a. liebezurbibel),
  • Johannes Hartl (u.a. Gebetshaus Augsburg),
  • Maria Prean (österreichische Missionarin)
  • u.v.m.

Darüber hinaus bestehen weitere Zusammenarbeiten und Verbindungen auch mit Akteur*innen aus dem US-Evangelikalen Umfeld. So trat 2019 das „Ministry Team“ der kalifornischen Trump-nahen Bethel Church in der ICF Karlsruhe auf. Ein Auftritt des Leiters Bill Johnson der Bethel Church 2024 auf der UNUM24 in München sorgte für erhebliche Kritik (weitere Infos zur UNUM24, die auch vom ICF München unterstützt wurde, auch hier).

Mehrere dieser Personen haben sich öffentlich ablehnend gegenüber queeren Lebensweisen, modernen Genderkonzepten oder gleichgeschlechtlichen Beziehungen geäußert oder stehen für Milieus, in denen entsprechende Positionen verbreitet sind. Dies begründet keine automatische Gleichsetzung mit sämtlichen Positionen des ICF Karlsruhe. Es verdeutlicht jedoch, in welchem theologischen und weltanschaulichen Umfeld sich die Gemeinde bewegt.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage angebracht, wie ICF Karlsruhe die Rechte und Bedürfnisse queerer Jugendlicher berücksichtigt und welche konkreten Konzepte bestehen, um Vielfalt, Diskriminierungsfreiheit, sexuelle Selbstbestimmung und den Schutz vulnerabler junger Menschen zu gewährleisten.

Problematische Beratungs- und Seelsorgeangebote

Das ICF Karlsruhe bietet neben klassischer Gemeindearbeit auch spirituelle Beratungs- und Seelsorgeangebote an, darunter:

  • SOZO,
  • Healing Rooms,
  • hörendes Gebet,
  • prophetische Praxis.

Diese Angebote beruhen auf der Vorstellung übernatürlicher, auch dämonischer Mächte und werden von verschiedenen Fachstellen und kirchlichen Beratungsstellen kritisch diskutiert, da sie sich außerhalb professioneller psychologischer, sozialpädagogischer und seelsorgerlicher Standards bewegen.

Der „SOZO“-Befreiungsdienst stammt aus der bereits erwähnten Bethel Church und wird von international als innerer Heilungs- und Befreiungsdienst verbreitet. Der Dienst bewegt sich außerhalb professioneller psychologischer, sozialpädagogischer und seelsorgerlicher Standards und wird auch innerkirchlich, wie beispielsweise durch die EZW, kritisiert. In Deutschland wird der Dienst über den Bethel SOZO Deutschland e.V. bundesweit vertrieben. Internationale Leiterin ist die zur Bethel Church gehörende Dawna de Silva.

Aus der internationalen Webseite von De Silva geht hervor, dass der „Befreiungsdienst“ im Modell der „Vier Türen“ auch zur „Befreiung von der Sünde der Homosexualität“, also eine Veränderung bzw. Unterdrückung der sexuellen Orientierung angewendet wird. Die verschiedenen „Türen“ stehen demnach für verschiedene Sündenbereiche, wobei zu den sexuellen Sünden neben beispielsweise Ehebruch und Vergewaltigung auch Homosexualität gehören soll. In Deutschland sind auf die Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung gerichtete Praktiken bei Minderjährigen sowie die Bewerbung entsprechender Angebote nach dem Konversionsbehandlungsschutzgesetz verboten. So wundert es nicht, dass die explizite Erwähnung dieses „Einsatzgebietes“ auf deutschen Webseiten nicht erwähnt wird, das sogenannte „Modell der vier Türen“ aber durchaus.

Vorkommnisse von Konversionsbehandlungen in der ICF sind in der PULS-Doku „Inside Freikirche ICF“ in der ICF Augsburg dokumentiert: An einem Journalisten, der sich dort als homosexuell empfindend ausgab, wurde eine Art „Exorzismus“ durchgeführt, um ihn von Dämonen zu befreien.

Für ein Anerkennungsverfahren nach § 75 SGB VIII stellt sich daher die Frage, ob die Verwaltung geprüft hat, welche Rolle solche Angebote im Umfeld der Kinder- und Jugendarbeit spielen und wie junge Menschen auch vor geistlichem Druck, Grenzüberschreitungen, einer Vermischung von Seelsorge und Beratung und verbotenen Konversionsbehandlungen geschützt werden.

Dualistisches und antipluralistisches Weltbild

Im Hinblick auf die Anerkennungsvoraussetzung des § 75 Abs. 1 Nr. 4 SGB VIII ist zudem die gesellschaftspolitische Ausrichtung des ICF Movement relevant. Danach muss ein Träger Gewähr für eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit bieten. Vor diesem Hintergrund ist zu prüfen, ob im Umfeld des ICF verbreitete theologische und gesellschaftspolitische Konzepte mit Pluralismus, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und den Rechten junger Menschen vereinbar sind.

Besondere Bedeutung hat insoweit eine u.a. in Bezug genommenen Vision eines sogenannten „Seven Mountain Mandate“. Demnach seien Christ*innen berufen, die zentralen Gesellschaftsbereiche Regierung, Medien, Wirtschaft, Bildung, Kunst & Unterhaltung, Familie und Religion zu transformieren um auf diese Weise das „Reich Gottes“ auf der Erde auszubreiten. Leo Bigger predigte Ende 2025 in der ICF Zürich über genau diese Ideologie.

Die Theologin Dr. Maria Hinsenkamp bezeichnet diese stark von einem dualistischen Weltbild geprägte religiöse Bewegung in ihrer Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ als „Kingdom-minded Network Christianity“ (kurz: KiNC, vgl. dazu auch hier). Die ICF sieht Hinsenkamp als einen der zentralen Akteure der KiNC im deutschsprachigen Raum. Solche Analysen machen deutlich, dass die Verwaltung prüfen und offenlegen müsste, ob und inwiefern entsprechende weltanschauliche Konzepte in der Kinder- und Jugendarbeit des ICF Karlsruhe eine Rolle spielen.

Unzureichende Auseinandersetzung mit den Anerkennungsvoraussetzungen durch die Verwaltung der Stadt Karlsruhe

Vor diesem Hintergrund ist für uns nicht erkennbar, dass sich die Verwaltungsvorlage mit den aufgeworfenen Fragen in der erforderlichen Tiefe auseinandergesetzt hat. Sie beschränkt sich im Wesentlichen auf eine formale Darstellung der Vereinsstruktur und der angebotenen Tätigkeiten. Eine vertiefte Würdigung des kirchlich-missionarischen Selbstverständnisses, der ideologischen Einbindung des ICF Karlsruhe in das ICF Movement, der konservativen Sexualethik, der spirituellen Beratungsangebote sowie der möglichen Konflikte mit den Zielen der Kinder- und Jugendhilfe erfolgt nicht.

Ebenso wenig ist aus der Vorlage ersichtlich, ob die Verwaltung geprüft hat, ob die Kinder- und Jugendarbeit tatsächlich einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit bildet oder ob sie überwiegend Bestandteil der Lehre und Verbreitung einer Religionsgemeinschaft ist. Gerade dieser Punkt liegt angesichts der Satzungszwecke und der Selbstdarstellung des ICF Karlsruhe besonders nahe.

Nicht erkennbar gewürdigt werden insbesondere folgende Fragen:

  • ob die Jugendhilfe tatsächlich einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit darstellt,
  • ob die tatsächliche Arbeit den Zielen des Grundgesetzes förderlich ist,
  • wie Kinder- und Jugendrechte sichergestellt werden,
  • welche Bedeutung religiöse Einflussnahme in der Arbeit mit jungen Menschen besitzt,
  • wie der Schutz queerer Jugendlicher gewährleistet wird,
  • wie spirituelle Seelsorge-, Heilungs- und Befreiungsangebote von professioneller Beratung und pädagogischer Arbeit getrennt werden.

Unsere Forderungen an Verwaltung und Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe

Vor diesem Hintergrund fordern wir Verwaltung und Jugendhilfeausschuss der Stadt Karlsruhe auf, die bereits für kommenden Freitag, den 19.06.2026 vorgesehene Beschlussfassung über die Anerkennung des ICF Karlsruhe als Träger der freien Jugendhilfe zurückzustellen.

Vor einer Beschlussfassung sollte zunächst eine sorgfältige und öffentlich nachvollziehbare Prüfung des Bestehens der gesetzlichen Anerkennungsvoraussetzungen unter Einbeziehung der Expertise u.a. von queerpolitischen Verbänden und weltanschauungsbeauftragten Stellen erfolgen.

Schließlich bitten wir die Verwaltung der Stadt Karlsruhe um die Beantwortung folgender Fragen:

  1. Wie wurde geprüft, ob ICF Karlsruhe nicht unter die in den AGOLJB-Grundsätzen beschriebene Fallgruppe fällt, wonach Vereinigungen, die überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religionsgemeinschaft dienen, nicht als Träger der freien Jugendhilfe anzuerkennen sind?
  2. Welche konkreten Tatsachen haben die Verwaltung zu der Einschätzung veranlasst, dass Jugendhilfe einen eigenständigen Schwerpunkt der Vereinstätigkeit bildet?
  3. Welche Konzepte bestehen zum Umgang mit queeren Jugendlichen sowie Jugendlichen mit unterschiedlichen geschlechtlichen Identitäten?
  4. Welche Maßnahmen gewährleisten die Achtung der Persönlichkeitsrechte und der sexuellen Selbstbestimmung junger Menschen?
  5. Welche Rolle spielen missionarische Aktivitäten innerhalb der Kinder- und Jugendarbeit des ICF Karlsruhe?
  6. Welche Schutzkonzepte, Beschwerdewege und unabhängigen Ansprechstellen bestehen für Kinder und Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit der ICF Karlsruhe?
  7. Wie wird sichergestellt, dass religiöse Seelsorgeangebote bis hin zu fraglichen „Heilungs-“ und „Befreiungs-“Angeboten nicht mit professioneller Beratung oder pädagogischer Arbeit vermischt werden?
  8. Welche Prüfung hat die Verwaltung im Hinblick auf die Voraussetzung vorgenommen, dass der Träger Gewähr für eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit bietet (§ 75 Abs. 1 Nr. 4 SGB VIII)?
  9. Wurde im Anerkennungsverfahren die Stellungnahme einer Weltanschauungsbeauftragten Stelle / Sekteninformation o.ä. eingeholt?
  10. Wurde die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Karlsruhe bei der Erstellung der Beschlussempfehlung einbezogen?

Schlussbemerkung

Die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe ist keine bloße Formalie, sondern ein besonderer Vertrauensbeweis des Staates gegenüber einem freien Träger. Deshalb halten wir es für geboten, dass die seit Jahren dokumentierten Kritikpunkte zum ICF Movement, die kirchlich-missionarische Ausrichtung des ICF Karlsruhe sowie die konkreten Beratungs- und Jugendangebote im Rahmen der Prüfung einer Anerkennung berücksichtigt und transparent bewertet werden.

Abschließend möchten wir betonen, dass es für die zu treffende Entscheidung nicht darauf ankommt, ob die von ICF vertretenen religiösen Positionen unter den Schutz der Religionsfreiheit fallen. Selbst soweit dies der Fall ist – was im Übrigen Kritik daran nicht ausschließt –  ist für die Anerkennungsentscheidung allein maßgeblich, ob die Voraussetzungen zur Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe gemäß § 75 SGB VIII tatsächlich vorliegen.

Für Rückfragen sowie falls gewünscht für einen persönlichen Austausch stehen wir gerne zur Verfügung.

FundiWatch

Anerkennung der christlich-fundamentalistischen evangelikalen Freikirche ICF als freier Träger der Jugendhilfe?

Verwaltung empfiehlt Anerkennung – in der Politik regt sich Widerspruch

Die umstrittene evangelikale internationale Freikirche ICF (International Christian Fellowship) in Karlsruhe hat die Anerkennung als freier Träger der Jugendhilfe beantragt. Bereits kommenden Freitag soll der Jugendhilfeausschuss darüber Beschluss fassen.

Die von der Stadtverwaltung vorgelegte Beschlussvorlage ist erschreckend knapp. Äußerst nüchtern und ohne inhaltliche Auseinandersetzung mit der ideologischen Ausrichtung der ICF wird seitens der Stadtverwaltung die Anerkennung empfohlen. Eine Auseinandersetzung mit der langjährigen und massiven Kritik an der ideologischen Ausrichtung der ICF findet ebenso wenig statt, wie eine ausführliche Prüfung der gesetzlichen Voraussetzungen einer Anerkennung nach § 75 SGB VIII. Dabei bestehen erhebliche Zweifel, ob eine Jugendarbeit des ICF den Zielen des Grundgesetzes förderlich ist und ob eine Anerkennung nicht bereits deshalb ausgeschlossen ist, weil die ICF Karlsruhe als Teil des internationalen ICF Movement überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dient.

Ungeachtet dessen besteht gegenüber der ICF langjährige Kritik aufgrund deren Positionen zu Geschlechterrollen, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Vielfalt sowie ihrem grundsätzlichem Verhältnis zu einer pluralistischen Gesellschaft. In einer Reportage wurden an einem undercover recherchierenden Journalisten, der sich als homosexuell empfindend ausgab, in der ICF Augsburg eine Konversionsbehandlung bzw. ein „Exorzismus“ vorgenommen. In der ICF Zürich predigte Leo Bigger zur Ideologie des „Seven Mountain Mandate„, dass auf eine christliche Dominanz über zentrale Gesellschaftsbereiche abzielt.

Zudem bietet ICF Karlsruhe den potentiell gesundheitsgefährdenden und auch zur „Befreiung von der Sünde der Homosexualität“ eingesetzten Befreiungsdienst SOZO an.

Quelle: https://dawnadesilva.com/closing-the-four-doors/ Dawna de Silva ist die aus der US-Evangelikalen Trump-nahen Bethel Church stammende internationale Leiterin des Befreiungsdiestes „Bethel SOZO“, der mittlerweile auch verbreitet in Deutschland angeboten wird (vgl. bethelsozo.de).

Die Fraktion Die LINKE hat sich nun in einem Offenen Brief an die Stadtverwaltung und die Mitglieder des Ausschusses gewendet und verlangt eine vorläufige Absetzung des Tagesordnungspunktes. Die Fraktion fordert eine „tiefgehende Prüfung seitens der Verwaltung sowie eine interne Beratung unter Miteinbeziehung des Büros der Gleichstellungsbeauftragten und der queeren Einrichtungen der Stadt Karlsruhe„.

Der Vorgang scheint erneut zu zeigen, wie sehr es an einer hinreichenden Sensibilität und Kenntnis zu den Gefahren christlich-fundamentalistischer Ideologien gerade auch im Bereich der Sozialen Arbeit fehlt. In einem Fall in Allgäu scheint dies aktuell dramatische Folgen für mehrere Minderjährige gehabt zu haben. Möge es in Karlsruhe noch eine andere Wendung nehmen.

Mehr dazu in Kürze!

Mehr zum Thema:

Update Haus SeeNest von Mission Freedom: Insolvenz & Rausschmiss aller Orten sowie staatsanwaltschaftliche Ermittlungen

(Bildquelle: Newsletter Mission Freedom) Die Ereignisse rund um die Misshandlungsvorwürfe entwickeln sich weiter. Im Einzelnen sind diese auch in unserer Chronologie und Medienspiegel zu dem Fall nachvollziehbar.

Insolvenz und Verlust der Betriebserlaubnis

Mittlerweile wurde bekannt, dass die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, Träger des Haus SeeNest und hundertprozentige Tochtergesellschaft von Mission Freedom, Insolvenz beantragt hat.

Zudem ist die Betriebserlaubnis für die Einrichtung mittlerweile erloschen, da die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg den Mietvertrag für das Haus SeeNest fristlos gekündigt hat (wir berichteten). Die Regierung von Schwaben teilte gegenüber FundiWatch mit, am 03.06.2026 einen Feststellungsbescheid über das Erlöschen der Betriebserlaubnis gegenüber der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH erlassen zu haben.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern an – neue Anzeigen

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kempten wegen des Anfangsverdachts der Misshandlung Schutzbefohlener laufen indes weiter. Bisher werden die Ermittlungen weiterhin ausschließlich gegen die (ehemalige) pädagogische Heimleitung geführt. Auf Grund der bereits vorliegenden Ermittlungsergebnisse, Angaben von Zeugen und unter Berücksichtigung, dass die Heimleitung zum Zeitpunkt der Inobhutnahmen bereits nicht mehr in der Einrichtung tätig war, werde geprüft, ob die Ermittlungen gegen weitere Personen wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen von Amts wegen ausgeweitet werden müssen.

Zudem teilte die Staatsanwaltschaft gegenüber FundiWatch mit, auf Grund einer Anzeigeerstattung zu prüfen, „ob gegen angezeigte Personen ein Anfangsverdacht strafbaren Handelns besteht und ob Ermittlungen einzuleiten sind„.

Die Staatsanwaltschaft selbst erfuhr offenbar aus der Presse über die Vorfälle im Haus SeeNest. Eine Nachfrage von FundiWatch, ob sich die Staatsanwaltschaft gewünscht habe, direkt von den Behörden über die Vorfälle informiert zu werden, wollte man nicht kommentieren.

Unterstützer ziehen sich zurück – reichlich spät? – Dem Rausschmiss aus der Diakonie Hamburg kommt Mission Freedom zuvor

Auch diverse Organisationen, die bisher Mission Freedom bzw. die Himmelsstürmer unterstützt oder als Mitgliedsorganisation geführt haben, distanzieren sich nun – reichlich spät – deutlich:

Die Diakonie Hamburg, die nach Kritik an Mission Freedom bereits 2013 – allerdings ohne sichtbare Konsequenzen – angekündigt hatte, die Ausrichtung von Mission Freedom näher überprüfen zu wollen, teilte gegenüber FundiWatch nun mit, dass man ein Verfahren zum Ausschluss des Vereins eingeleitet habe. Allerdings sei Mission Freedom einem Ausschluss zuvor gekommen und habe selbst um Beendigung der Mitgliedschaft gebeten, die nun zum 01.07. in Kraft treten soll. Auf Fragen von FundiWatch zu etwaigen Konsequenzen seitens der Diakonie Hamburg insbesondere im Hinblick auf die Voraussetzunge der Mitgliedschaft liegt bisher noch keine Rückmeldung der Diakonie vor.

Die Aktion Mensch, die die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH finanziell unterstützt hatte, teilte auf Anfrage von FundiWatch mit, dass nicht ausgezahlte Mittel derzeit nicht weiter ausgezahlt werden. Der Träger sei gesperrt worden, und etwaige weitere Schritte – einschließlich möglicher Rückforderungen – würden aktuell rechtlich geprüft. Bereits nach Kritik zur Erteilung der Betriebserlaubnis 2024 hatte Aktion Mensch eine Vor-Ort-Besichtigung der Einrichtung durchgeführt. Dabei seien „einzelne Aspekte vertieft betrachtet und im weiteren Verlauf aufmerksam begleitet“ worden. Zum damaligen Zeitpunkt hätten jedoch keine belastbaren Erkenntnisse vorgelegen, „die eine Beendigung der Förderung auf rechtlich tragfähiger Grundlage gerechtfertigt hätten„. Gleichwohl hatte sich Aktion Mensch im Anschluss mit der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH darauf verständigt, dass Fördersiegel der Aktion Mensch von der Homepage der Himmelsstürmer zu entfernen. Die Förderung selbst wurde jedoch fortgeführt.

Die beiden Verbände Fachverband Traumapädagogik e.V. und die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexualisierter Gewalt e.V. (DGfPI) teilten auf FundiWatch-Anfrage mit, dass die Mitgliedschaft der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH vor dem Hintergrund der Vorkommnisse beendet wurde. Zu den Hintergründen, wie es zu einer Mitgliedschaft kam und welche Konsequenzen insoweit aus den Vorkommnissen resultieren, gingen die Verbände bislang nicht näher ein.

RTL sucht Gaby Wentland & „Gott“ leitet Mission Freedom – und nimmt einige Veränderungen vor…

Mission Freedom selbst scheint derweil intensiv bemüht, möglichst schnell jegliche Aufmerksamkeit zu den Vorkommnissen abebben zu lassen.

Offiziell äußert sich der Verein mit Ausnahme einer Stellungnahme auf seiner Homepage weiterhin nicht und ließ auch mehrere Anfragen von FundiWatch unbeantwortet.

Ihre Vorstandstätigkeit beim Netzwerkverein Gemeinsam gegen Menschenhandel (ggmh) hat Gaby Wentland laut Informationen des Hamburger Abendblatts (Paywall) mittlerweile niedergelegt. Mission Freedom selbst wird hingegen weiterhin als Mitgliedsorganisation von ggmh geführt. RTL hatte sich bemüht, Gaby Wentland persönlich mit den Vorwürfen zu konfrontieren und versucht, sie an ihrer Gemeinde in Hamburg Neugraben aufzusuchen. Dort hieß es, sie befände sich auf einer längeren Reise.

In einem aktuellen Newsletter teilt Mission Freedom nüchtern und ohne erkennbare Selbstkritik mit, man habe einige „Veränderungen vorgenommen“. Gaby Wentland haben im Januar 2026 Rückmeldungen ehemaliger Mitarbeitender zur pädagogischen Leitung im Haus SeeNest erreicht. Diese seien „verantwortungsvoll an die Regierung von Schwaben weitergegeben“ worden. Anschließend seien verschiedene behördliche Schritte eingeleitet worden. Trotz des eigenen „Einsatzes“ und eines eingelegten Widerspruchs seien die Entscheidungen der Regierung von Schwaben bestehen geblieben. Schließlich seien die Inobhutnahmen erfolgt und kurz darauf die Genehmigung zum Betrieb der Einrichtung „entzogen“ worden. Die Entwicklung bewege Mission Freedom sehr. Gleichzeitig blicke man „dankbar auf alles, was im Haus SeeNest mit Herz, Einsatz und Hingabe aufgebaut wurde“.

Schließlich wird in dem Newsletter mitgeteilt, dass Inga Gerckens, die Geschäftsführerin der Himmelsstürmer Deutschland gGmbH und langjährige Leiterin der „Schutzhäuser“ von Mission Freedom, sich Ende Juli „neuen beruflichen Wegen widmen“ werde. Mission Freedom wünsche Gerckens, deren Arbeit Mission Freedomnachhaltig geprägt“ habe, „alles Gute und viel Segen für Ihre Zukunft„. Mit Mission Freedom erlebe man seit 15 Jahren, wie „Gott Mission Freedom leitet„. Man vertraue darauf, „dass Gottes Wirken weitergeht„. Gaby Wentland wolle künftig „besonders in die Ausbildung neuer Mitarbeiterinnen investieren, damit noch mehr betroffene Frauen kompetent, liebevoll und hoffnungsvoll begleitet werden können„. Es ist zu erwarten (und/oder zu befürchten…), dass Gerckens sich nun noch intensiver ihren Aktivitäten in der Christusgemeinde Barmbek Süd und ihrer „Arbeit unter Prostitutierten“ widmen wird…

Nicht nur, dass die Betriebserlaubnis von der Behörde nicht entzogen wurde (wie von Mission Freedom in dem Newsletter behauptet), sondern – erst nach Versand des Newsletters – festgestellt wurde, dass die Erlaubnis augrund des gekündigten Mietvertrags erloschen ist: Die Aussage, Gaby Wentland selbst sei im Januar von ehemaligen Mitarbeitenden auf Vorfälle hingewiesen worden und habe die Behörden informiert, widerspricht den bisherigen Äußerungen der Regierung von Schwaben und der eigenen Stellungnahme von Mission Freedom. In der Stellungnahme [Edit (16.06.2026): Mittlerweile hat Mission Freedom die Stellungnahme von der Homepage entfernt – wir haben hier nun die archivierte Seite verlinkt] von Mission Freedom auf dessen Webseite heißt es: „Anfang Februar meldeten ehemalige Mitarbeitende angebliche Missstände direkt an die Aufsichtsbehörde, ohne zuvor das Gespräch mit der Einrichtungsleitung zu suchen.“

Aber mit der „Wahrheit“ haben Gaby Wentland bzw. Mission Freedom es entgegen eigenem Bekunden ja noch nie so streng genommen

Zum aktuellen Stand der Entwicklungen siehe auch unsere Chronologie zu dem Fall, die immer wieder aktualisiert wird:

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